Make your own free website on Tripod.com
FREIE UNIVERSITÄT BERLIN 1948-1973 - Hochschule im Umbruch Teil VI: Die ungeliebte Reform (1969-1973) Ausgewählt und dokumentiert von Peter Jahn, Annemarie Kleinert und Jochen Staadt Herausgegeben von Manfred Görtemaker und Klaus Schroeder Vorwort Diese Phase der Geschichte der Freien Universität war eine Periode der Krisen und Konflikte. Die rasche quantitative Expansion, die die FU - erst jetzt - zu einer Massenuniversität werden ließ und die Auseinandersetzungen um die Durchführung und Ausgestaltung der Berliner Hochschulreform von 1969 erzeugten Spannungen, die sich sowohl innerhalb der Universität als auch im Verhältnis zwischen Universität und Gesellschaft entluden und noch heute eine distanzierte, gelassene Betrachtung der damaligen Entwicklung erschweren. Dabei war die Freie Universität ursprünglich, 1948, einmal als Reformuniversität gegründet worden: als Alternative und Kontrapunkt zu einer politisch gelenkten und kontrollierten Universität, wie sie im Nationalsozialismus bestanden hatte und gerade wieder im anderen Teil der Stadt, an der Ostberliner Humboldt-Universität, unter dem Einfluß von sowjetischer Militäradministration und SED etabliert wurde. Die Freie Universität sollte demgegenüber frei sein und durch die gesetzliche Verankerung von Mitbestimmungs- und Mitwirkungsrechten, die weit über das in jener Zeit übliche Maß hinausgingen, allen Gruppen der Universität einen Anspruch auf kooperative Arbeits- und Entscheidungsstrukturen verschaffen. Die gewährte Finanzhoheit und das Recht auf eigenständige Personalentscheidungen hatten dieses universitäre Reformmodell schließlich vervollständigt. Allerdings hatte der hochschulpolitische Alltag den Buchstaben des Gesetzes nicht lange entsprochen. Die Mitwirkungsrechte der Studenten waren bald wieder eingeschränkt worden - recht schnell bei den Rechtswissenschaften, dann auch in anderen Fakultäten -, und die Freie Universität hatte sich zu einer für die deutsche Hochschullandschaft typischen Ordinarien-universität entwickelt, die der Druck der Studentenbewegung und der Zwang zur Anpassung der Massenuniversität an die Bedürfnisse des ökonomisch-technischen Wandels zu einem Hochschulgesetz und damit zu einem zweiten Versuch führte, Modernisierung und Demokratisierung zu verbinden. Das Gesetz von 1969 brachte eine radikale Veränderung der inneren Struktur der Hochschulen. An die Stelle der Fakultäten traten Fachbereiche, die Lehrstühle der Ordinarien wurden in Arbeitsgebiete überführt, Studenten, Assistenten und anderen Dienstkräften wurden Mitbestimmungs- und Mitwirkungsrechte garantiert, und die Universitätsverwaltung wurde zu einem Instrument modernen Wissenschaftsmanagements ausgebaut. Doch auch diese Erneuerung mißlang. Was blieb, war eine "ungeliebte" Reform, die innerhalb und außerhalb der Universität keine mehrheitsfähigen Träger fand. Von der Mehrzahl der politisch aktiven, zumeist linksradikalen Studenten, wurde das Gesetz nicht ernst genommen; sie gingen mit den Mitwirkungsmöglichkeiten allenfalls taktisch um, setzten auf eine revolutionäre Veränderung der Gesellschaft und betrachteten die Universität hauptsächlich als Ausbildungsstätte für revolutionäre Kader. Versuche, in einigen Fächern "marxistische Studiengänge" oder ein "sozialistisches Studium" zu organisieren, stehen für diese Intention, die am Beginn der 70er Jahre zu ständigen Konflikten zwischen den beteiligten Studenten, der Universitätsleitung und der Senatsverwaltung führte. Gegner der radikalen Studenten fühlten sich dadurch sogar an die düsteren Erfahrungen an der Humboldt-Universität erinnert. Das Gesetz von 1969 wurde aber nicht nur von radikalen Studenten, sondern auch von einer Mehrheit der Hochschullehrer abgelehnt. Zu jenen Professoren, die die Reform von Anfang an bekämpft hatten, weil sie ihre bisherigen Rechte einschränkte und ein Mehr an Bürokratie bedeutete, stießen sehr rasch andere, die den hochschulpolitischen Wandel zunächst unterstützt hatten und nun, von der Radikalität vieler Studenten abgeschreckt und zum Teil von traumatischen Erlebnissen mit ihnen geprägt, grundsätzlich gegen eine Demokratisierung der Universität Stellung bezogen. Die Überleitung einer großen Zahl habilitierter und nichthabilitierter wissenschaftlicher Angestellter und akademischer Räte in den Professorenstatus, die nicht zuletzt zu dem Zweck erfolgt war, die politische Konstellation der Professorenschaft zu unterminieren, hat an diesen Mehrheitsverhältnissen nichts wesentliches geändert, sondern nur das politische und wissenschaftliche Mittelmaß gefördert. Polarisierend und konfliktverschärfend wirkte unter den konservativen Professoren insbesondere die "Notgemeinschaft für eine freie Universität", die in der Öffentlichkeit das Bild einer kommunistisch unterwanderten "roten Kaderschmiede" zeichnete. Angetreten in der Absicht, die Universität zu entideologisieren, erreichte sie mit ihren Aktionen und Publikationen letztlich das Gegenteil. Als Träger der Reform blieben somit nur die wissenschaftlichen Assistenten sowie vor allem die Universitätsverwaltung. Die Vorstellungen der Assistenten waren im Reformgesetz großen Teils berücksichtigt worden, wobei insbesondere die Wahl des Assistenten Rolf Kreibich zum FU-Präsidenten ein Signal zu ihren Gunsten zu setzen schien. Doch das Spannungsverhältnis zwischen linksradikalen Studenten, konservativen Professoren und einer zunehmend zum restriktiven Staatseingriff entschlossenen Senatsbürokratie zwang sie bald immer häufiger dazu, sich in der Polarisierung der Auseinandersetzungen für eine Seite zu entscheiden, so daß bald nur noch die Universitätsverwaltung uneingeschränkt hinter dem Reformgesetz stand. Sie war nach der Wahl Kreibichs neu strukturiert und zügig ausgebaut worden und fühlte sich dadurch imstande, den Veränderungsprozeß zu lenken. Tatsächlich war auch sie jedoch nicht in der Lage, Impulse für die inhaltliche Ausgestaltung der Reform oder gar für die wissenschaftliche Orientierung der Universität zu geben. So verkümmerte die Reform in der Zangenbewegung von linksradikalen Studenten und konservativen Professoren zur bürokratischen Ausgestaltung der Massenuniversität. Staatseingriffe und Vorbereitungen für eine Novellierung des Hochschulgesetzes sorgten schon bald dafür, daß der 1969 eingeleitete Reformprozeß schrittweise rückgängig gemacht wurde. Zugleich dienten in der öffentlichen Darstellung Exzesse einzelner radikaler Gruppen häufig zur Diffamierung des Reformprozesses insgesamt und die in vielen Bereichen vorhandene Normalität des wissenschaftlichen Lehr- und Lernbetriebes entging zumeist der Wahrnehmung. In Wirklichkeit blieben Berufungen marxistischer Professoren und radikaler Assistenten eher die Ausnahme, und unter den Studenten war ebenfalls nur eine Minderheit als linksradikal einzuschätzen, auch wenn diese über Jahre hinweg die Mehrheit der politisch Aktiven stellte. Aus heutiger Sicht ist daher zu fragen, ob die staatlichen und professoralen Reaktionen auf die Studentenrevolte in manchen Fällen nicht übertrieben waren und ob mehr Toleranz und Souveränität in den Auseinandersetzungen - bei allen Beteiligten! - die Polarisierung nicht hätte begrenzen können. Das Scheitern der Reform von 1969 hat jedenfalls dazu geführt, daß die damals angestrebte Modernisierung und Demokratisierung mißlang. Mehrere Novellierungen des Hochschulgesetzes - nicht zuletzt unter dem Einfluß des Bundesverfassungsgerichtsurteils zur Mitbestimmung an den Hochschulen - ließen kaum noch Elemente des Reformwerkes übrig. In dem schließlich verabschiedeten Hochschulgesetz von 1976 erhielten die Professoren ihr früheres, nahezu alleiniges Entscheidungsrecht zurück, allerdings unter Preisgabe universitärer Autonomie. Die Assistenten wurden den Hochschullehrern wieder persönlich zugeordnet. Die Mitwirkungsmöglichkeiten der Studenten konzentrierten sich wieder auf ihre Selbstverwaltungsorgane. Und der Staatseinfluß wurde größer denn je - bishin zur Entstehung einer staatlich verwalteten Ordinarienuniversität. Geblieben ist nach allem die Erkenntnis, daß eine bloße Demokratisierung von Entscheidungsgremien noch keine Verbesserung universitärer Lehre und Forschung bedeutet, und daß eine Modernisierung, die nur auf die gesellschaftlich-ökonomische Ausrichtung der Universität abzielt und den selbstreflexiven Gehalt der Wissenschaft vernachlässigt, noch keinen "Fortschritt" garantiert. Ebenso wenig erscheint eine dauerhafte Begrenzung demokratischer Mitwirkung auf die Professorenschaft oder gar die Gängelung der Universität durch staatliche Instanzen geeignet, die Qualität der Hochschulen zu steigern. Um selbst Impulse geben zu können, benötigt die Universität eine motivationsstiftende Identifikation bei ihren Mitgliedern, die nur dann zu erwarten ist, wenn ein größtmögliches Maß an wissenschaftlichem Freiraum besteht, Lehre und Forschung weiterentwickelt werden und die Hochschulen nicht von Politik und Gesellschaft abgekoppelt sind, sondern Gelegenheit bieten, auch abweichende Meinungen und Grundsatzkritik offen zu äußern. Künftige Veränderungen der Universität werden diese Vorstellungen berücksichtigen müssen und dabei nicht umhin kommen, aus den Fehlern zu lernen, die im Umgang mit der ungeliebten Reform gemacht worden sind. Der vorliegende Band wurde im wesentlichen von drei wissenschaftlichen Mitarbeitern erstellt. Dr. Jochen Staadt bearbeitete dabei den Zeitraum vom 31. 10. 1969 bis zum 29. 12. 1970, Dr. Annemarie Kleinert behandelte die Phase vom 1. 1. 1971 bis zum 30. 12. 1971 und Dr. Peter Jahn untersuchte und dokumentierte die Periode vom 1. 1. 1972 bis zum 3. 7. 1973. Unterschiede in Temperament, politischer Einstellung und Sprachgebrauch zwischen den drei Mitarbeitern wurden von den Herausgebern weitgehend toleriert und finden somit in den einzelnen Abschnitten der Dokumentation ihren Niederschlag. Dies gilt ebenfalls für das Kapitel zur Strukturentwicklung der Freien Universität 1969 - 1973, in dem der erste Teil "Gesellschaftliche und bildungspolitische Voraussetzungen der Hochschulreform" von Dr. Peter Jahn formuliert wurde, der zweite Teil über die "Institutionalisierung der Hochschulreform an der FU" von Dr. Jochen Staadt und der dritte Teil über "Forschungsschwerpunkte und wissenschaftliche Leistung an der FU" von Dr. Annemarie Kleinert. Die Herausgeber verbinden diesen Hinweis mit ihrem besonderen Dank an die drei Mitarbeiter, ohne die diese Dokumentation nicht erschienen wäre. Außerdem danken die Herausgeber zahlreichen Angehörigen der Freien Universität für ihre Hilfe und Unterstützung. Dies gilt insbesondere für Dr. Siegward Lönnendonker vom Archivbereich "APO und soziale Bewegung" des Zentralinstituts für sozialwissenschaftliche Forschung, der den Zugang zu bisher nicht veröffentlichten Dokumenten ermöglichte. Herr Eberhard Zahn hat in dankenswerter Weise Dokumente aus seinem Privatarchiv zur Verfügung gestellt. Der Leiter des Präsidialamtes, Dr. Kurt Zegenhagen, hat die Arbeit jederzeit tatkräftig unterstützt. Thomas Hofmann und Peter Kotowski haben zusätzlich Fachbereichsdokumente durchgesehen und damit die wissenschaftlichen Mitarbeiter entlastet. Unser Dank gilt schließlich auch Dr. Kuno Böse und Dr. Werner Süß, die die Herausgeber in der ersten Phase bei der Betreuung der Dokumentation unterstützten, sowie vor allem auch Frau Gertrud Deutz und Frau Cornelia Wassmann für die redaktionelle Bearbeitung und technische Gestaltung. Berlin, im August 1989 Dr. Manfred Görtemaker Dr. Klaus Schroeder I. Strukturteil 1. Grundlinien der quantitativen Entwicklung (Peter Jahn) Hochschulpolitik der siebziger Jahre, gleichgültig, ob sie auf weitestgehende Erhaltung überlieferter Strukturen oder auf radikale Neubestimmung der Bildungsziele und der universitären Kräfteverteilung zielte, war mit einer elementaren Entwicklung konfrontiert, die hochschulpolitische Entscheidungen wesentlich geprägt hat: Die Zahl der Studierenden erhöhte sich mit einer Geschwindigkeit, die alle Prognosen und Zielbestimmungen, oft schon im Moment ihrer Veröffentlichung, zu Makulatur werden ließ. Strukturelle Veränderungen, durchgehende Konfliktlinien wie auch einzelne Ereignisse sind jeweils im Kontext dieser Entwicklung zu interpretieren, einer Entwicklung, die die Hochschulsituation bis in die zweite Hälfte der achtziger Jahre geprägt hat. Diese allgemeine Entwicklung der Hochschulen in der Bundesrepublik findet sich noch einmal zugespitzt an der Freien Universität Berlin. Nachdem die Zahl der Studierenden seit 1964 annähernd gleich geblieben war, stieg sie innerhalb von vier Jahren, zwischen dem Sommersemester 1969 und dem Sommersemester 1973 um 60 %, von 15.000 auf 24.000. Rahmenbedingungen und Vorgeschichte einer derart sprunghaften quantitativen Entwicklung können hier nur knapp umrissen werden. Die allgemeine Ausgangssituation war durch eine noch immer anhaltende Wirtschaftskonjunktur mit hohen Wachstumsraten charakterisiert. Ausgangspunkt aller Planungen und Prognosen war die Erwartung kontinuierlichen ökonomischen Wachstums. Der Kriseneinbruch in der Mitte der 60er Jahre wurde daher nur als kurzfristige Folge einer Fehlsteuerung interpretiert, der mit der Anwendung der richtigen Konjunktursteuerung wieder unter staatliche Kontrolle zu bringen war. Modernisierung und akademische Bildung Ökonomisches Wachstum und Modernisierung stießen jedoch im Laufe der 60er Jahre in verschiedenen Bereichen auf soziale und politische Strukturen, die dieser Entwicklung nicht angemessen oder direkt hinderlich geworden waren. Insbesondere der Bildungsbereich - im Kaiserreich und der Weimarer Republik noch aufgrund seiner Qualität als Vorreiter der Modernisierung gelobt - wurde im Bewußtsein einer breiten Öffentlichkeit anschauliches Beispiel für Rückständigkeit innerhalb einer hochentwickelten Industriegesellschaft. Der Begriff des "Bildungsnotstands" war um die Mitte der 60er Jahre Gemeingut der Öffentlichkeit und wurde an der Zahl der Kindergartenplätze, an Klassenfrequenzen in der Grundschule, an gymnasialen Lehrplänen wie auch insbesondere an der Zahl und der sozialen Herkunft der Studierenden exemplifiziert. Der häufige Verweis auf den geringen Anteil von Studierenden innerhalb eines Jahrgangs der BRD-Bevölkerung im Vergleich zu anderen Industriestaaten (BRD: 5,5%, Frankreich: 11%, Schweden: 14%) deutet auf den ökonomischen Aspekt der Kritik: Produktionsbereich wie auch Dienstleistungsbereich - und hier gerade auch der Bildungssektor - fanden in diesen Jahren auf dem akademischen Arbeitsmarkt nur ein knappes Angebot an Arbeitskräften vor. Verstärkt hatte sich diese Tendenz seit 1961 dadurch, daß mit dem Abschneiden des Zustroms von Arbeitskräften aus der DDR sich auf akademischer Ebene kein Ersatz fand, der dem Zustrom von weniger qualifizierten Arbeitskräften aus den Mittelmeerländern entsprochen hätte. Da die Bedarfsprognosen von staatlicher wie von industrieller Seite einen weiterhin steigenden Bedarf an Hochschulabsolventen anzeigten, war die grundsätzliche Notwendigkeit der Ausweitung akademischer Ausbildungskapazitäten gegen Ende der 60er Jahre unumstritten. Umstritten waren Ausmaß, Strukturen und Lehrinhalte der zu reformierenden Hochschulen. Der in vielen Untersuchungen herausgearbeitete Tatbestand, daß der Zugang zu den wenigen Studienplätzen sehr ungleich nach der Herkunft der Studierenden verteilt war, weist auf die soziale Seite der Kritik an der Hochschule. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand dabei die extrem niedrige Zahl der Studierenden aus Arbeiterfamilien, Mitte der 60er Jahre waren es ca. 5,5%. Ein anderer wesentlicher Kritikpunkt war der gleichfalls geringe Anteil an Frauen mit Hochschulabschluß. Im Hinblick auf zusätzliche konfessionelle und regionale Bildungsbarrieren verkörperte sich der Idealtyp der angestrebten Bildungsförderung im Hochschulabschluß einer Arbeitertochter aus ländlich-katholischem Umfeld. In der Forderung nach Demokratisierung der akademischen Bildung, der Öffnung der Hochschulen für unterprivilegierte soziale Gruppen, konnten liberale Reformer wie etwa Ralf Dahrendorf und sozialistische Gesellschaftskritiker, wie sie sich etwa in den Denkschriften des SDS zur Hochschulreform artikulierten, ein weites Stück zusammengehen - trotz gleichzeitig weit auseinanderklaffender politischer Zielsetzungen. Als 1969 eine Koalition aus SPD und FDP die zwanzigjährige Regierungsgewalt der CDU beendete, bezog sich das "Mehr Demokratie Wagen" in der Regierungserklärung des Bundeskanzlers Brandt zu einem wesentlichen Teil auf den Bildungsbereich und insbesondere auf den seit mehreren Jahren revoltierenden Hochschulbereich. Erreicht werden sollte damit natürlich auch die Beruhigung der Hochschulen als Ausgangspunkten der 68er Protestbewegung, denn nicht allein Halbherzigkeit in der Abkehr von der faschistischen Vergangenheit, Notstandsgesetze und Vietnamkrieg waren Triebkräfte für die außerparlamentarische Opposition gewesen; auch der täglich erfahrene Hochschulbetrieb mit seiner mangelhaften personellen und materiellen Ausstattung, der traditionellen Ordinarienautokratie, der Vorlesungsrezensionen bereits als Majestätsbeleidigung erschienen, und der damit verbundenen Verkrustung zahlreicher Wissenschaftsfelder war der Protestbewegung anschaulicher Ausgangspunkt einer grundsätzlicheren Gesellschaftskritik. Die Expansion der Hochschulen Auch wenn die Prognosen für die 70er Jahre, wie sie etwa von Arbeitsämtern, Bildungsforschern oder dem Hochschul-Informations-System (HIS) erstellt wurden, übereinstimmend einen steigenden Bedarf an Hochschulabsolventen anzeigten und deren Chancen auf einen, ihren Qualifikationen entsprechenden Arbeitsplatz positiv einschätzten, wurden die darauf basierenden Ausbauprogramme durch ein lang aufgestautes gesellschaftliches Bedürfnis nach wissenschaftlicher Qualifikation weitgehend überrollt. Mehr als 90% der Abiturienten wollten in diesen Jahren ihre Schulausbildung mit einem Studium fortsetzen. Der allgemeine Studentendruck auf die Hochschulen wurde im Fall der Freien Universität noch durch ihre große Anziehungskraft für westdeutsche Studienanfänger verstärkt, die von den Lebensmöglichkeiten der Metropole angezogen wurden, insbesondere aber von dem Image, das die Freie Universität als Ausgangspunkt der Studentenrevolte erhalten hatte. Nur etwa die Hälfte der Studierenden stammte aus Berlin (im Sommersemester 1973 52,7%), gut 13% kamen aus Nordrhein-Westfalen, 9,5% aus Niedersachsen und 7,3% aus Baden-Württemberg. So wurden an der FU die Studentenzahlen, die nach den Prognosen des Wissenschaftsrates als Richtschnur für die Ausbaupläne der Universität für 1976 zu erwarten waren, bereits 1972 erreicht. Für die damals in Aussicht genommene Gesamthochschule, deren Kern die FU bilden sollte, ergänzt durch die Fachhochschulen für Wirtschaft und für Sozialarbeit sowie Teile der PH, wurde eine Höchstzahl von 30.000 Studierenden gesetzt. Größere Studentenzahlen hätten nach Berechnung der Planer die Effizienz der Verwaltung gemindert und die Studiensituation in nicht vertretbarem Maße verschlechtert. Im Rückblick wäre angesichts einer inzwischen erreichten Studentenzahl von 60.000 an der FU zu überlegen, wieweit die damals angelegten Kriterien für die Zahlenbegrenzung von der Realität widerlegt wurden oder wieweit sich die Maßstäbe derart verschoben haben, daß das damals Unzumutbare inzwischen zumutbar erscheint. Der Ansturm auf die Hochschulen war zweifellos durch einen starken sozialen Aufstiegswillen motiviert, der in den Bildungswerbungskampagnen der 60er Jahre verstärkt bzw. freigesetzt worden war und jetzt daran ging, die gebotenen Chancen zur Qualifikation zu nutzen. Die Daten über die soziale Herkunft der Studierenden geben dafür deutliche Hinweise. Hier zeigt sich eine merkliche soziale Öffnung, wenn man die Daten mit Untersuchungen der 50er und 60er Jahre vergleicht. Dabei wird allerdings auch deutlich, daß zwar eine Verschiebung, aber keine Umwälzung stattgefunden hat. So zeigt sich bei Arbeiterkindern, die in den Plädoyers der 60er Jahre für verbesserte Bildungschancen als wichtigste Zielgruppe genannt worden waren, zwar eine deutliche Steigerung ihres Anteils an den Studierenden - 1973 stammten ca. 10% der Studierenden aus Arbeiterfamilien gegenüber ca. 6% Mitte der 60er Jahre -, gemessen am Bevölkerungsanteil blieben Arbeiterkinder (und das waren in der großen Mehrzahl Kinder von Facharbeitern) an der Universität weiterhin deutlich unterrepräsentiert. Stärker ist die Hinwendung zur akademischen Ausbildung in der Gruppe der Angestellten zu finden. Unter den Studierenden aus Angestelltenfamilien, die mit einem Drittel die größte Gruppe vor Selbständigen (27,2%) und Beamten (23,1%) bilden, findet sich eine starke Mehrheit, deren Väter nur einen Volks- oder Realschulabschluß vorweisen konnten, und nur eine Minderheit der Eltern aus dieser Gruppe von weniger als 20% hatte eine Hochschulausbildung abgeschlossen (s. Tab.). Das kontrastiert deutlich zu den Studierenden, deren Eltern als Selbständige einzustufen waren und mehr noch zu den Kindern von Beamten; hier findet sich der größte Anteil an akademischer Selbstrekrutierung, die Beamtenväter hatten in der Mehrzahl ihre Berufsausbildung mit einem Hochschulexamen abgeschlossen (insgesamt stammten 28% aller Studierenden der FU aus Akademikerfamilien). Die starke Zunahme der Studentenzahlen in diesen Jahren wird sich jedoch nicht allein auf sozialen Aufstiegswillen, auf die Hoffnung auf Einkommens- und Prestigezuwachs reduzieren lassen. Denn ein differenzierender Blick auf die studentischen Zuwachszahlen in den einzelnen Fächern und Studienrichtungen zeigt ein sehr unterschiedliches Wachstum. Zu einem geringeren Teil sind niedrige Zuwachsraten dabei auf staatliche Zulassungsbeschränkungen in den Numerus-Clausus-Fächern zurückzuführen, hier wären ohne derartige Beschränkungen insbesondere in der Humanmedizin weitaus höhere Zuwachszahlen zu verzeichnen gewesen. Auffällig aber ist, daß Fächer mit einem eher konservativen Image wie Rechtswissenschaft und Geschichte einen deutlich unterdurchschnittlichen Zuwachs an Studierenden zwischen 1970 und 1973 aufwiesen (35% bzw. 36%), wogegen Studienrichtungen mit linkem Image, wie sie in den Fachbereichen Philosophie und Sozialwissenschaften sowie Erziehungswissenschaften zusammengefaßt waren, weit überdurchschnittlichen Zulauf erhielten (104% bzw. 268%). Schaut man noch genauer darauf, welche Fächer innerhalb dieser Fachbereiche den stärksten Zuwachs aufwiesen, nämlich Erwachsenenpädagogik im Fachbereich Erziehungswissenschaften und Soziologie sowie Publizistik im Fachbereich Philosophie und Sozialwissenschaften, so werden wesentliche Motivationsstränge zahlreicher Studienanfänger für diese Zeit deutlich: Umfassende Analyse der Strukturen gesellschaftlicher Herrschaft und deren grundlegende Veränderung über gezielte Aufklärung der Betroffenen bildeten für viele die Zielsetzungen, mit denen sie an die Freie Universität kamen. Soziologie stellte dabei nach einem verbreiteten Verständnis die neue Integrationswissenschaft dar, die an die Stelle der Philosophie getreten war und die kritische Analyse gesellschaftlicher Totalität zu leisten hatte. Auch in philologisch-literaturwissenschaftlichen Studiengängen wie Germanistik, Anglistik und Romanistik sollte nach der Erwartung vieler künftiger Lehrer Literatur als - oft wenig vermittelter - Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse dargeboten werden. Die künftigen Analytiker und Planer, Lehrer und Erwachsenenbildner wollten Wissen erwerben, um Gesellschaftskritik leisten und weitervermitteln zu können und schließlich gesellschaftliche Veränderung - für die meisten als radikale Reform, für etliche als Revolution vorgestellt - durchzusetzen. So kamen viele Studierende einerseits mit hoher Motivation, andererseits mit engem inhaltlichem Horizont in die Seminare der Freien Universität. Der Ausbau der FU Es ist für die Spitze der FU wie auch für die politische Führung im Berliner Senat bemerkenswert, daß dem Ansturm der Studenten trotz aller organisatorischer und finanzieller Schwierigkeiten nicht durch Eindämmungsmaßnahmen, sondern durch verstärkten Ausbau begegnet wurde. Der Zulauf zur Universität wurde trotz aller Belastungen als Erfolg der eigenen Politik bejaht, die das Grundrecht auf Bildung seit langem propagiert hatte. Daß das Grundrecht auf Bildung in der konkreten Rechtfertigung gegen Kritiker oft auf ein Recht auf qualifizierte Berufsausbildung zusammenschrumpfte, indem primär die berufsbezogene Effizienz der Ausbaumaßnahmen betont wurde, erscheint verständlich in Abgrenzung gegen eine Vorstellung von Universität, die in Betonung der Persönlichkeitsbildung sich lange Zeit um den Praxisbezug gedrückt hatte. Indem sich die Bildungsdiskussion immer stärker auf Berufsbezogenheit und ökonomischen Bedarf reduzierte, verlor allerdings die Forderung nach Ausbau des Bildungssektors mit dem Kriseneinbruch Ende der siebziger Jahre einen Teil ihrer Legitimation. Die Klagen über den Betrieb einer "Massenuniversität", die in den 60er Jahren Allgemeingut waren, mögen im Rückblick komisch erscheinen, wenn man die 15.000 Studierenden an der FU dieser Jahre mit 60.000 gegenwärtig Studierenden vergleicht. Mit einem derartigen Vergleich wird jedoch verdeckt, daß im universitären Lehrbetrieb dieser Jahre Dozenten mit denselben Problemen überfüllter Lehrveranstaltungen konfrontiert waren wie in der Gegenwart. Seminare mit mehreren hundert Teilnehmern waren zwar noch nicht die Regel, aber durchaus keine Seltenheit. Der allmählich steigenden Studentenzahl bis zur Mitte der 60er Jahre war erst einmal keine adäquate Aufstockung von Lehrkörper und Dienstkräften gefolgt, zwischen einzelnen Fächern bestanden in der Personalausstattung große Disparitäten, die auch dann nicht gezielt beseitigt wurden, als in der zweiten Hälfte der 60er Jahre der Lehrkörper allmählich verstärkt wurde. Dabei ist vom Medizinbereich erst einmal abzusehen, da hier eine spezifische Entwicklung zu finden ist. Die Jahre 1969 bis 1971 brachten in der Personalausstattung deutliche Einschnitte, zum einen durch eine beträchtliche Erweiterung des akademischen Mittelbaus, im wesentlichen jedoch durch die Überleitungsbestimmungen auf Hochschullehrerstellen, die durch das neue Hochschulgesetz für eine begrenzte Frist Mitgliedern des Mittelbaus angeboten wurden. Damit wurde kurzfristig eine merklich höhere Kapazität des Lehrangebots erreicht, die Schere zwischen expandierenden Studentenzahlen und stagnierenden Dozentenzahlen verkleinerte sich für eine kurze Zeit. Andererseits waren durch die zahlreichen Überleitungen, die in vielen Fachbereichen extensiv nach Anciennitäts- und Loyalitätskriterien durchgeführt wurden, für die folgenden Generationen des Mittelbaus Hochschullehrerstellen langfristig verschlossen. Das Problem langfristig besetzter Hochschullehrerstellen wurde bereits 1973 deutlich, als durch Zeitungsinserate auf die Situation von ca. 500 Berliner Assistenzprofessoren (heute Hochschulassistenten) hingewiesen wurde, deren Verträge nach der bis dahin geltenden Regelung Anfang 1974 auslaufen sollten und von denen nur 20% eine Hochschullehrerstelle erwarten konnten. Während sich die Relation zwischen Studentenzahlen und Planstellen für wissenschaftliches Personal bis 1971 spürbar verbesserte, begann die Schere seit 1972 wieder stärker auseinanderzuklaffen, zum einen, weil die Zahl der Studierenden sprunghaft anwuchs, so daß auch bei noch gleichmäßig zunehmender Dozentenzahl diese Nachfrage nicht zu befriedigen war; zum anderen wurde für 1973 aufgrund der Haushaltslage ein allgemeiner Stellenstop für die Hochschulen angeordnet, so daß sich bei stark ansteigenden Studentenzahlen die Zahl des Lehrpersonals aufgrund von auslaufenden Assistenzverträgen sogar verringerte. Zwar wurden in den folgenden Jahren nach Überwindung des Haushaltsengpasses wieder Stellen besetzt und auch merklich zögerlicher erweitert, eine Verbesserung der Zahlenrelation zwischen Studierenden und Lehrenden ist danach aber nicht mehr erreicht worden. Gleichzeitig war - als Vorgeschmack für die 80er Jahre - vorgeführt worden, daß die Universität, unabhängig von ihren konkreten Forschungs- und Ausbildungsbedürfnissen, sehr wohl als Manövriermasse im staatlichen Haushaltspoker zur Disposition stand. Wenn die Ausbildungssituation an der FU nach 1970 trotz der sich wieder öffnenden Schere zwischen Studenten und Dozenten einigermaßen erträglich blieb, so hat der Ausbau des studentischen Tutorenwesens erheblich dazu beigetragen. Die Idee, nach englischem Vorbild begrenzte Aufgaben der Lehre an ältere Studenten zu übertragen und damit die starren Schranken zwischen Lehrenden und Lernenden zu lockern, war an der FU in einigen Fächern, speziell in Geschichte und Mathematik, als Reformidee bereits in den 60er Jahren praktiziert worden. Seit Ende der 60er Jahre wurde dieses System in vielen Fächern mit großen Studentenzahlen eingeführt und trug wesentlich zur Entlastung der Lehre von Hochschullehrern und Mittelbau bei. Der Ausbau des Tutorenwesens war zu dieser Zeit allerdings inhaltlich stark umstritten, da von Seiten der "Notgemeinschaft für eine freie Universität" kritisiert wurde, daß die Tutoren in den Massenfächern die Ideologisierung der Wissenschaft betrieben und nur marxistische Indoktrination verbreiteten. Wenn der Vorschlag der Notgemeinschaft zur Auflösung des Tutorenwesens trotzdem keine Resonanz bei Politikern fand, so lag das nicht an der völligen Irrealität ihrer Vorwürfe. Die Tutoren waren überwiegend eine Domäne der "Linken"(im weitesten Spektrum des Begriffs), aber die Schreckbilder ihres Wirkens zielten weit an der Realität vorbei, und auch Politiker, die mit marxistischen Ideen keineswegs sympathisierten, sahen die Tutoren stärker als Repräsentanten allgemeiner studentischer Vorstellungen denn als deren Rädelsführer. Und schließlich war wohl wesentlich, daß deren Anteil an der Lehre nicht nur motivierend und effektvoll war, sondern auch billig. Um der Situation an der FU gerecht zu werden, sind allgemeine Zahlenrelationen, also für 1973 ca. 2800 Stellen für wissenschaftliches Personal bei 24.000 Studenten, kaum aussagekräftig, weil in ihnen die starken Unterschiede zwischen einzelnen Fachbereichen nicht deutlich werden. So finden sich etwa bei den Soziologen auf ca. 1.000 Studenten nur sieben Hochschullehrer, d.h., daß der Großteil der Lehre von Assistenten (bzw. wissenschaftlichen Mitarbeitern) und Tutoren getragen werden mußte. Diese Situation war nicht allein durch den extremen Ansturm von Studienanfängern gerade auf dieses Fach erzwungen worden, es war auch eine politsche Entscheidung, nicht durch eine Numerus-clausus-Regelung den Zugang zum Studium zu verschließen und die Lehre trotz fragwürdiger Berufsaussichten im wesentlichen auf den "Mittelbau" zu legen. Im Gegensatz dazu wurde beispielsweise bei den Historikern, die keinem studentischen Massenansturm ausgesetzt waren, der Professorenanteil im Vergleich zum Anteil des Mittelbaus relativ hoch gehalten, um den Assistenten noch universitäre Berufsaussichten zu erhalten. Die Lehre durch Tutoren war dort im Gefolge politischer Konflikte Ende der 60er Jahre erst einmal abgeschafft worden, auch hier mischten sich unter anderen Vorzeichen also fachliche und politische Erwägungen. Eine besondere Situation wiesen die medizinischen Fachbereiche auf, deren Personalbestand stärker noch im nichtwissenschaftlichen als im wissenschaftlichen Bereich expandierte. Hier war seit dem Ende der 60er Jahre der Großbau des Steglitzer Klinikums zu nutzen, insofern zog eine zurückliegende politische Entscheidung für den Großbau, die weit über die Dimension der Universität hinausgegangen war, jetzt personelle Konsequenzen nach sich. Um alle vorgesehenen Abteilungen ausfüllen zu können, wurde mehrere Jahre lang Personal geworben. Mit der personellen Ergänzung und der räumlichen Ausstattung konnte die Ausbildungskapazität maßvoll erweitert werden. Da der Druck auf den Zugang zu Studienplätze im Fach Humanmedizin weiterhin zunahm, fiel schließlich auch die Entscheidung für den Ausbau des zweiten Klinikums in Westend, und mit der Übernahme von dort arbeitenden Kliniken erhöhte sich entsprechend der Personalbestand im medizinischen Bereich. Die Entscheidung für das zweite Klinikum in Westend hatte nicht allein personelle Konsequenzen, sondern forderte auch beträchtliche Mittel für den Ausbau der bestehenden Gebäude sowie für Neubauten. Gleichzeitig forderte das Steglitzer Klinikum noch erhebliche Summen für Baumaßnahmen, obwohl es bereits Ende der 60er Jahre fertiggestellt worden war. Hier mußten Planungsfehler am Großprojekt nachträglich durch aufwendige Umbauten beseitigt werden. Der Finanzaufwand für derartige Projekte war zum größten Teil nur über Sonderanforderungen zu bewältigen, die vom Abgeordnetenhaus zu genehmigen waren. Wenn auch in anderen Bereichen das Bauvolumen beträchtlich zunahm und die Raumausstattung sich trotz des enormen Studentenzuwachses und der Personalausweitung aufs Ganze gesehen verbesserte, so war das zum einen darin begründet, daß ältere Großprojekte wie die ersten Baustufe auf dem Obstbaugelände (vulgo: Rostlaube) Anfang der 70er Jahre fertiggestellt waren. Zum anderen hatten Bauvorhaben im Hochschulbereich für die staatliche Planung hohe Priorität, da hier die langfristige Planung zum Hochschulausbau mit kurzfristigen Programmen zur Konjunkturankurbelung zusammentraf und mit Sonderprogrammen der Bundesregierung zur Hochschulbauförderung die Länderetats unterstützt wurde. So wurden im Bereich der FU zahlreiche Neubauten in der ersten Hälfte der 70er Jahre fertiggestellt, insbesondere für die naturwissenschaftlichen Fachbereiche, was in der Regel auch einen beträchtlichen Ausstattungsbedarf nach sich zog. Auch in diesen Fällen reichten häufig die normalen Etatmittel nicht aus und wurden durch Sondermittel ergänzt. Auch für die Raumausstattung der FU gilt, daß allgemeine Aussagen wenig über die großen Unterschiede in der Situation der einzelnen Fachbereiche zu erkennen geben. So finden sich neben Fachbereichen, die nach dem Bezug großzügig geplanter Neubauten in diesen Jahren als saturiert gelten können, wie etwa Historiker und Romanisten in der "Rostlaube", Fachbereiche, die durch Schnellbauprogramme kurzfristig aus großer Raumnot befreit wurden (Mathematik). Gleichzeitig entstanden in Fächern, die nach Planungen aus den 50er Jahren erst in den 60er Jahren befriedigende Neubauten erhalten hatten, durch den Studentenansturm neue Raumprobleme, so bei den Juristen, Wirtschaftswissenschaftlern und Politikwissenschaftlern. Am extremsten wirkte sich diese Situation am Otto-Suhr-Institut aus, da hier dem großen Andrang der Studenten eine nur wenig verhüllte Unlust des Abgeordnetenhauses gegenüberstand, dem von Konflikten und Spaltungsdrohungen erschütterten Fachbereich besondere Finanzmittel für Baumaßnahmen zur Verfügung zu stellen. So wurde in vielen Fachbereichen trotz umfangreicher Baumaßnahmen die Arbeit in den kleinen Dahlemvillen fortgesetzt, zu einem beträchtlichen Teil wurden sogar weitere Gebäude in Dahlem und auch im weiteren Stadtgebiet unter hohen Kosten angemietet. Beim Anmieten von derartigen zusätzlichen Räumen unterlief der Universitätsverwaltung mit dem Scherk-Haus auch eine Fehlentscheidung mit beträchtlichen Folgekosten. Im allgemeinen bewährte sich aber gerade auf dem Gebiet der Bau- und Raumplanung die neu aufgebaute Planungsbürokratie der FU. So konnte etwa für die "Rostlaube" die ältere Planung, die noch zahlreiche Hörsäle vorsah, nach einer Bedarfsprüfung kurzfristig dahingehend verändert werden, daß an deren Stelle mehr Seminarräume gebaut wurden. Allerdings waren derartige kurzfristige Entscheidungen im Baubereich nicht die Regel, bestimmend war eher die langfristige Planung, für die Weichen gestellt werden sollten, etwa durch Grunderwerb, auch wenn ein Bautermin erst in den 80er Jahren projektiert war. Ein großes Projekt dieser Planung, das zentrale Verwaltungsgebäude an der Takustraße, ist nach langem Tauziehen später aufgegeben worden. Ein anderes wesentliches Projekt, die zentrale Sportanlage in Dahlem blieb im Streit zwischen den Ausbildungsinteressen der Studenten und dem Anspruch der Dahlemer Bewohner auf eine herausgehobene Wohnqualität bis zum heutigen Tage stecken. Die Expansion auf dem Personalsektor wie auch im Baubereich erforderte eine enorme Ausweitung des Universitätsetats. Zwischen 1969 und 1973 wurde er (nominell) annähernd verdoppelt, was nur durch eine hohen Bundesdanteil an der Finanzierung zu schaffen war.Konkret wuchs der ordentliche FU-Haushalt zwischen 1970 und 1972 von 270 auf 430 Mio.DM, annähernd die Hälfte dieses Etats wurde dabei von den Medizinbereichen verbraucht - und damit zu einem guten Teil als Krankenversorgung an die Gesellschaft zurückgegeben. Der kurzfristige Konjunktureinbruch, der für den Haushalt von 1973 eine starken Einschnitt bedeutete, konnte zwar bald überwunden werden, aber in den folgenden Jahren verlief das finanzielle Wachstum der Freien Universität in merklich kleineren Raten. Noch waren die mageren Jahre nicht angebrochen, aber die gar nicht so fetten Jahre gingen zu Ende. Einzuüben war die Verwaltung des Mangels. 2. Die Institutionalisierung der Hochschulreform an der FU (Jochen Staadt) Die seit Anfang der 60er Jahre diskutierte und allseits für notwendig befundene Hochschulreform wurde Ende der 60er Jahre unter denkbar ungünstigen Rahmenbedingungen eingeleitet. Der Zeitpunkt für eine aufgabenbezogene Anpassung der Universitäten an die veränderten gesellschaftlichen Anforderungen war weit überschritten. Die Hochschulen waren in einem Ausmaß zur Arena gesellschaftspolitischer Kontroversen geworden, daß Versuche zu rationaler Diskussion des Reformprozesses selten möglich und auch dann mit nur mäßigem Erfolg beschieden waren. Professoren der juristischen, politikwissenschaftlichen und sogar historischen Zünfte schienen angesichts der Situation an der FU Analogismen zu 1933/34 und zur Bolschewisierung der Humboldt-Universität Ende der 40er Jahre geboten, während für die meisten Aktivisten der Linken Revolution und nicht mehr Reform auf der Tagesordnung stand. Für viele der Studentinnen und Studenten, die die Diskussionen um die Universitätsreform an der FU vor 1967/68 geführt hatten, war das Studium abgeschlossen. Aktivistische Jungsemester strömten aus westdeutschen Kleinstädten nach Dahlem in das Mekka der Revolte. Ihnen fehlte jegliches Problembewußtsein für den Veränderungsprozeß, an dem sie nach der Idee des Universitätsgesetz als tragende Kraft teilnehmen sollten. Aber auch die Hochschulreformer glaubten durch beispielhaftes Wirken an der FU gesellschaftliche Veränderung inspirieren zu können. Rolf Kreibich und seine Mitarbeiter sahen als Ziel der 1969 angestrebten "emanzipatorische Hochschulreform" die "Humanisierung unseres Daseins, hier speziell des Tätigseins im Bereich von Bildung und Wissenschaft an der Hochschule". In zehn Punkten wurde präzisiert, was damit gemeint war: - Gesellschaftsbezogenheit von Bildung und Wissenschaft - Wechselverhältnis von Wissenschaft und gesellschaftlicher Praxis - Wissenschaftsfreiheit und Selbstverwaltung - Demokratisierung der Universität - Transparenz der Diskussions- und Entscheidungsprozesse - Leistungsfähigkeit der Universität - Repressionsfreiheit der Lehr-, Lern- und Forschungstätigkeiten - Wissenschaftspluralismus und Toleranz - Planung des Wissenschaftsbetriebs - Wandlung und Kontinuität der neuen Universität. Das neue Universitätsgesetz vom 16. 7. 1969 löste den Dualismus von akademischer und Wirtschaftsverwaltung zugunsten einer einheitlichen zentralen Universitätsverwaltung auf. Anstelle von Rektor und Kurator sollte der Universitätspräsident die Verantwortung für beide Verwaltungsbereiche übernehmen. Ihm übertrug das Universitätsgesetz weitreichende Funktionen: - Vertretung der Universität, - Organisation und Leitung der gesamten Verwaltung, - Hausrecht, - Rechtsaufsicht im Bereich der akademischen Selbstverwaltung, - Gewährleistung des geordneten Gangs der akademischen Angelegenheiten, - Ausführendes Organ der Beschlüsse der zentralen Selbstverwaltungsgremien. Die reformierte Universitätsverwaltung sollte nach dem Selbstverständnis ihrer Mitarbeiter im neuen Präsidialamt der FU aktiver als ihre Vorgängerin die Entwicklung der Universität prägen. Ihre Aufgabe lag nicht mehr in erster Linie im Verwaltungsvollzug, sondern in der Vorbereitung von hochschulpolitischen Entscheidungen und Planungsmaßnahmen. Eine enge Kooperation mit den Fachbereichsverwaltungen wurde etabliert. Neben den üblichen Abteilungen und Referaten gliederte sich die innere Organisation des Präsidialamtes entlang der Aufgabenbereiche, die Vizepräsidentin und Vizepräsidenten sowie zunächst Stäben zugeordnet wurden. Diese Aufgabenbereiche waren: 1) Hochschulpolitik, 2) Hochschulrecht und allgemeine Rechtsfragen, 3) Öffentlichkeitsarbeiten, 4) Hochschulplanung und Hochschulorganisation, 5) Außenbeziehungen, 6) Studien- und Prüfungsreform, studentische Angelegenheiten, Erwachsenenbildung und Fort- und Weiterbildungsprogramme, 7) Reform im Bereich der Medizin. Die Aufgaben der Stäbe wurden 1972 den Abteilungen des Präsidialamtes und dem Zentralen Planungsstab zugeordnet (siehe Schaubild "Zentrale Verwaltung der Freien Universität Berlin"). Die Selbstverwaltungsgremien Mit der Reform wurde auch die Selbstverwaltung der Universität neu geregelt. Das Konzil erhielt neben dem Kuratorium als das Kontrollorgan der gesamten Universität weitreichende Kompetenzen. Das erste Konzil der FU (Präkonzil) hatte 114 Mitglieder, die noch in den alten Fakultäten gewählt wurden. 99 davon wurden drittelparitätisch von Hochschullehrern, wissenschaftlichen Mitarbeitern und Studenten besetzt, 15 Sitze erhielten die anderen Dienstkräfte. Das Präkonzil wählte den Präsidenten (Rolf Kreibich), eine Vizepräsidentin (Dr. Margeritha von Brentano) und zwei Vizepräsidenten (Prof. Dr. Herbert Lax und Prof. Dr. Uwe Wesel), den ersten neuen Akademischen Senat (vor Bildung der Fachbereiche) und vier Vertreter der Universität im Kuratorium (drei weitere wurden vom Akademischen Senat bestimmt). Außerdem hatte das Konzil die Aufgabe, die Satzung der FU zu verabschieden und jährlich den Rechenschaftsbericht des Präsidenten zu billigen. Das erste ordentliche Konzil wurde vom 8. -10. 2. 1971 für eine Amtszeit von drei Jahren gewählt. Der Akademische Senat, der als einziges Organ der reformierten universitären Selbstverwaltung seinen Namen behielt, büßte einen Teil seiner hochschulpolitischen Bedeutung ein und sollte das zentrale Arbeitsgremium der Universität werden. Ihm gehörten elf Hochschullehrer, sechs wissenschaftliche Mitarbeiter, fünf Studenten und zwei andere Dienstkräfte an, die von den Mitgliedern der Fachbereiche gewählt wurden, wobei die Zusammensetzung des ersten Akademischen Senats nach den Übergangsbestimmungen des Universitätsgesetzes vom Präkonzil bestimmt wurde. Für den neuen Akademischen Senat sah das Gesetz folgende Aufgaben vor: 1) Aufstellung von Entwicklungsplänen für die Universität, 2) Erlaß von Rechtsvorschriften, 3) Mitwirkung bei der Errichtung, Veränderung und Aufhebung von Fachbereichen, 4) Koordinierung der Tätigkeit der Fachbereiche und anderer Organe der Selbstverwaltung, 5) Vorlage des Entwurfes für eine Universitätssatzung, 6) Stellungnahme zum Haushaltsentwurf des Präsidenten vor der Zuleitung zum Kuratorium, 7) Weitere Angelegenheiten die Gesetz oder Satzung festlegen (insbesondere die Einrichtung von Ständigen Kommissionen für Entwicklungsplanung [EPK], Forschung und wissenschaftlichem Nachwuchs [FNK], Lehre und Studium [LSK], Bibliothekswesen [BIK]). Anstelle der Fakultäten wurden Fachbereiche eingerichtet. Ihre Leitung übernahmen Fachbereichsräte. Die Fakultätsvertretungen an der FU waren Ende der 60er Jahre auf meist über 30 Mitglieder angewachsen, da alle ordentlichen Professoren vertreten waren - in der Philosophischen Fakultätsvertretung der FU standen 1969 den 83 Ordinarien 2 Akademische Räte, 2 Assistenten und ein Studentenvertreter gegenüber. Ein Fachbereichsrat umfaßte 15 Mitglieder: sieben Hochschullehrer, vier wissenschaftliche Mitarbeiter, drei Studenten und eine andere Dienstkraft. Die Fachbereichsräte sollten im Unterschied zu den alten Fakultäten öffentlich über Lehre, Studium und Forschung nach demokratischen Maßstäben unter Beteiligung aller funktionalen Gruppen beraten und entscheiden. Im Unterschied zu den Fakultäten erhielten die Fachbereiche auch Entscheidungsrecht hinsichtlich der Verwaltung ihrer Haushaltsmittel. Zum Wintersemester 1970/71 wurde den Fachbereichsverwaltungen als personelle Grundausstattung ein Verwaltungsleiter, ein Mitarbeiter und eine Schreibkraft zugewiesen. In der täglichen Arbeit der Fachbereiche waren insbesondere die Verwaltungsleiter unentbehrliche, häufig allerdings weit über ihre Kompetenz hinaus agierende "Graue Eminenzen", die in der Entwicklung der Fachbereiche auch in den "chaotischen" Phasen für die Kontinuität der Verwaltungsabläufe sorgten. Die Fachbereiche galten als die wichtigsten Organe für die Umgestaltung der Universität. Insbesondere auf dem Gebiet der Entwicklung neuer Studien- und Prüfungsordnungen sollten sie die Hochschulreform inhaltlich vorantreiben. Dem Elan, mit dem diese Aufgabe in Angriff genommen wurde, folgte rasche Ernüchterung. Berge von Studienreformvorschlägen wurden durch die restriktive Politik der Staatsseite zu Makulatur. Die Fachbereichsvertreter mußten bald erkennen, daß die Studiengänge auch weiterhin überwiegend durch staatliche Regelungen festgelegt wurden. Die Idee einer Neustrukturierung der Universität nach interdisziplinären Gesichtspunkten wurde 1972 sogar von der Universitätsleitung selbst als illusorisch und realitätsfern bezeichnet. Eine verfaßte Studentenschaft war in dem neuen Hochschulgesetz nicht mehr vorgesehen. Im Gegensatz zur Hoffnung des Gesetzgebers (vgl. Interview mit Prof. Stein), daß auf diesem Weg die Politisierung universitärer Konflikte verringert werden könnte, wurde vielmehr die Neigung radikaler Studentengruppen noch verstärkt, ihren Aktivismus in die neuen Fachbereiche zu verlagern. Sachentscheidungen erhielten dadurch häufig den Charakter von Grundsatzentscheidungen, um die mit äußerster Erbitterung gerungen wurde. Die Veränderung der Personalstruktur Mit dem Universitätsgesetz von 1969 wurde auch die "Ordinarienherrschaft" beseitigt. Lehrstühle wurden als Verwaltungseinheiten abgeschafft, die abhängige Stellung des Mittelbaus aufgehoben. Daß der Gesetzgeber diese Abhängigkeit als besonderes Problem begriff, zeigt § 47 des Gesetzes, der Professoren eigens verpflichtet, bei Veröffentlichungen von Forschungsergebnissen die eigenständigen Beiträge von Mitarbeitern durch Nennung ihrer Mitautorenschaft kenntlich zu machen. Den wissenschaftlichen Assistenten wurde ein Drittel ihrer Arbeitszeit für eigenverantwortliche Forschung zugestanden und sie erhielten die Berechtigung zu eigenverantwortlicher Lehre. Damit wurde die Tatsache anerkannt, daß ein nicht unerheblicher Teil der Forschung und Lehre vom wissenschaftlichen Mittelbau getragen wurde. Als weitere Maßnahme zur Veränderung der Personalstruktur wurden Assistenzprofessuren eingeführt. Nach Vorstellung des Berliner Senats sollten dies Qualifikationsstellen für zukünftige Hochschullehrer sein. Demzufolge hätten nur so viele Assistenzprofessoren neu eingestellt werden dürfen, wie zur Besetzung frei werdender Hochschullehrerstellen notwendig waren. In der universitären Diskussion setzte sich jedoch die von Mittelbaugruppen favorisierte und vom Präsidialamt unterstützte Lösung durch, die Assistenzprofessur als eine zweite Qualifikationsstufe nach der Assistentenzeit zu betrachten. Bis zum Haushaltsjahr 1972 wurden dafür 500 Stellen geschaffen. Bei den Hochschullehrern behielt das Universitätsgesetz die Differenzierung nach Besoldungsgruppen bei, weitete aber durch eine Übergangsregelung die Zahl der Hochschullehrer aus. Habilitierte und langfristig im Mittelbau tätige Wissenschaftler konnten ohne Ausschreibung zu Professoren ernannt werden. Diese Möglichkeit nutzten 143 FU-Angehörige. Durch das Fachhochschulgesetz, das die Lehrkräfte der Fachhochschulen grundsätzlich den Hochschullehrern an den Universitäten gleichstellte, erhielten auch die Akademischen Räte und Oberräte, die sich in vergleichbarer Stellung wie die Fachhochschulprofessoren befanden, die Möglichkeit, ohne Habilitation in die Gruppe der Hochschullehrer zu wechseln. Davon machten 77 Mitglieder des Lehrkörpers der FU Gebrauch, was ihnen in der akademischen Öffentlichkeit die spöttische Bezeichnung "Discount-Professor" eintrug. Aufgrund dieser Besetzung von etwa 220 Hochschullehrerstellen ohne Ausschreibung kam es nicht nur zu "unorganischen Entwicklungen" in der Personalentwicklung, wie es verschämt im ersten Jahresbericht des Präsidialamts hieß, sondern es wurde auch weiteres Konfliktpotential angelegt, das beispielsweise in der Herabsetzung der Reputation von FU-Wissenschaftlern und Absolventen und im Konflikt um die Ablehnung von Hausberufungen durch den Senator für Wissenschaft und Kunst seinen Ausdruck fand. Einen starken Ausbau erfuhr das Tutorenprogramm. Die Zahl der Tutoren wurde von rund 190 im Wintersemester 1969/70 auf fast 350 im Wintersemester 1970/71 erhöht (hinzu kamen noch ca. 60 von der Stiftung Volkswagenwerk finanzierte Tutorenstellen). Von dem Tutorenprogramm wurden ebenfalls Impulse für die Hochschulreform erwartet. In Kleingruppen sollte die "Erprobung und Entwicklung neuer Strukturen, Organisationsformen, Lehrmodelle und Ausbildungsgänge in Kooperation aller am Lernprozeß Beteiligten" erfolgen. Dafür waren 1972 immerhin über fünf Millionen DM vorgesehen. Gegen den Experimentalcharakter dieses Programms, das als institutionelle Verwirklichung der "kritischen Universität" (vgl. FU-Dokumentation Bd. 5) beargwöhnt wurde, bestand erhebliches Mißtrauen bei konservativen Professoren und auf Seiten des Staates. Dies erhielt durch als "Sozialistisches Studium" angekündigte Tutorien, die Kampagne "Marx an die Uni" und die propagandistischen Antworten der "Notgemeinschaft für eine freie Universität" in ihren Dokumentationen "Freie Universität unter Hammer und Sichel" ständig weitere Nahrung. Im Referentenentwurf zur Novellierung des Universitätsgesetzes wurde dann 1973 für den Einsatz von Tutoren eine entsprechend restriktive Regelung vorgesehen. Politischer Senat und Freie Universität Für das Land Berlin übte der Senator für Wissenschaft und Kunst die Staatsaufsicht über die FU aus. Laut Gesetz sollten die von der Universität erlassenen Rechtsvorschriften bzw. deren Änderungen durch den Senat bestätigt werden. Auf dem Wege der Rechtsaufsicht versuchte der Senator mehrfach, Entwicklungen an FU und TU zu unterbinden, die den Intentionen der Staatsseite widersprachen. Dabei kam es immer wieder zu Konfrontationen zwischen Teilen der Universität und dem politischen Senat, die aus einem unterschiedlichen Reformverständnis resultierten. Diese Konflikte wurden nicht zuletzt im Kuratorium ausgetragen, dem je sieben Vertreter der Staatsseite und der Universität angehörten. Auf der Seite des Staates waren dies der Regierende Bürgermeister sowie die für Hochschulen und für Finanzen zuständigen Senatoren, der Präsident des Abgeordnetenhauses und drei vom Abgeordnetenhaus gewählte Vertreter der Parteien. Auf Seiten der Universität wurden vom Konzil der FU für jede funktionale Gruppe ein Vertreter gewählt, die anderen drei Kuratoren wurden vom Akademischen Senat nominiert. Dem Kuratorium oblagen grundsätzliche und bedeutsame Fragen der Wirtschaftsverwaltung und als oberste Dienstbehörde die Personalangelegenheiten. In den drei Jahresberichten der FU, die über den in dieser Dokumentation behandelten Zeitraum Rechenschaft ablegen, wird jeweils angemerkt, daß das Kuratorium aufgrund zeitlicher Schwierigkeiten der Mitglieder des Berliner Senats nicht genügend Sitzungen abhalten konnte. Dennoch zog das Kuratorium immer mehr Einzelentscheidungen an sich, für die eigentlich Selbstverwaltungsgremien der Universität zuständig gewesen wären. Bei diesen Entscheidungen war zunächst ein vorsichtiges, dann aber immer deutlicheres Abrücken der Staatsseite von den Reformen zu beobachten. Auf Novellierungsforderungen reagierte der politische Senat mit restriktiver Auslegung des Gesetzes, um den Nachweis seiner ordnungspolitischen Funktionsfähigkeit anzutreten. Dies beraubte die Universitätsreformer ihrer entscheidenden Handlungsgrundlage. Der Dahlemer Campus wurde zunehmend zu einer Arena parteipolitischer Kämpfe, bei denen universitätsinterne Auseinandersetzungen zu Variablen im Streit um divergierende gesellschaftspolitische Vorhaben wurden. In universitären Gremienmarathons, öffentlichen und verwaltungsinternen Dauerquerelen wurden die Gruppen, die die Reform trugen, aufgerieben. Der Handlungsspielraum der Universitätsspitze war in kürzester Zeit auf Management und Reformakklamation geschrumpft. 3. Forschungsschwerpunkte und wissenschaftliche Leistung an der FU (Annemarie Kleinert) Während sich die Öffentlichkeit hauptsächlich für die hochschulpolitischen Entwicklungen zu interessieren schien, wurde im Wissenschaftsbereich der FU oft in aller Stille das geleistet, was einen wesentlichen Teil einer Universität ausmacht: Forschung, die von internationalen Fachkreisen anerkannt wird. Diese Forschung wurde z.T. in Studierstuben auf wenig spektakuläre Weise durchgeführt, aber es gab auch große Projekte in der Medizin, den Sozial- und Geisteswissenschaften sowie den Naturwissenschaften, die als Schwerpunkte deklariert und mit Fremdmitteln gefördert wurden. Vielfach unbeachtet von der Öffentlichkeit vollzogen sich auch hervorragende Examensleistungen (Promotionen und Habilitationen) und selbst der Austausch der FU mit ausländischen Universitäten und der kostspielige Ausbau der Universitätsbibliothek fanden wegen der spektakulären Hochschulpolitik oft nicht die gebührende Beachtung in den Medien. Der medizinischen Bereich Im klinischen Bereich sind von den im Untersuchungszeitraum entstandenen Projekten vor allem vier zu nennen: - Das im Klinikum Westend durchgeführte Projekt "Berlintransplant", bei dem es sich um die praktische Durchführung von Organtransplantationen und die wissenschaftliche Erforschung der damit verbundenen Probleme einschließlich der Immunologie handelte. - Das am Institut für Gerichtliche und Soziale Medizin entstandene "Rehabilitationsmodell für Drogenabhängige". - Die an der Frauenklinik Charlottenburg durchgeführte Sterilitätsforschung. - Die an der Frauenklinik Neukölln vorgenommen Studien zur Behandlung des "Foetus als Patienten". Unter "Berlintransplant" muß man ein in Berlin lokalisiertes Referenzzentrum als Kontaktpartner für die überregionale Organisation "Eurotransplant" verstehen. Anfangs ging es dort hauptsächlich um Nierentransplantationen und die Gewinnung von Testseren, die im europäischen Rahmen ausgetauscht wurden, später dann auch um Leber-, Lungen-, Herz- und Knochentransplantationen. - Das "Rehabilita-tionsmodell für Drogenabhängige" versuchte, Rauschmittelkonsumenten eine "emanzipatorische" Möglichkeit zu bieten, dem Drogenkonsum zu entkommen, indem es rigide Verhaltensmuster aufzulockern lehrte und sowohl bei den Konsumenten als auch bei den Sozialarbeitern Aufklärungsarbeit durchführte. - Bei der Sterilitätsforschung ging es darum, durch Spezialsprechstunden mit Patienten unerwünschte Kinderlosigkeit zu beseitigen, was auch bei einem Drittel durch Aufdeckung physischer und psychischer Ursachen gelang. - Und schließlich wurde durch den Versuch der Eingliederung der Arbeitsgruppe für Perinatologie, die den Menschen vor seiner Geburt als Patienten ernstnimmt, ein Gebiet dem Klinikum Steglitz einzugliedern angestrebt, das vorher im Neuköllner Klinikum untergebracht war. Darüber hinaus sind noch mehrere medizinische Sonderforschungsbereiche sowie Forschungsgebiets- und Forschungsprojektschwerpunkte zu nennen, die von 1969 bis 1973 durchgeführt wurden: einer über die Ursachen und die Prophylaxe von Karies sowie über Zahnfüllungen; einer über die nervalen Grundlagen bei der Beeinflussung innerer Organsysteme; einer über Biokybernetik und Informationsverarbeitung in den Sinnesorganen und im Zentralnervensystem; einer über die Ursachen der Schilddrüsenüberfunktion; einer über die Pathologie von Hochleistungstieren und einer über die Mikroflora und -fauna von Versuchstieren sowie über die Genetik von Versuchtieren. Als interdisziplinäre Arbeitsgruppe ist noch die über klinische und experimentelle Plasmaproteinforschung zu nennen, bei der es um Grundlagenforschung über Proteine in Körperflüssigkeiten ging. Mehr als die Hälfte aller Promotionen an der FU wurden in den medizinischen Fachbereichen durchgeführt, etwa 280 pro Jahr. Die Zahl der Habilitationen stieg mit dem neuen Universitätsgesetz gewaltig. Statt wie in den zehn Jahren vorher etwa ein Dutzend pro Jahr, habilitierten nun ca. 50 Mediziner in jedem Jahr. Besondere Auszeichnungen wie Ehrendoktorwürden oder Ehrenmitgliedschaften an der Universität gab es kaum im Untersuchungszeitraum, da dies als Relikt der alten Ordinarienuniversität abgelehnt wurde. Sozial- und Geisteswissenschaften Bei den Sozial- und Geisteswissenschaften, zu denen die meisten Fachbereiche und Zentralinstitute der FU gehören, existierten zwei Sonderforschungsbereiche, zwei Forschungsgebietsschwerpunkte und dreizehn Forschungsprojektschwerpunkte. Gebiete, die von der Öffentlichkeit stark beachtet wurden, waren die des Otto-Suhr-Instituts zur Friedens- und Konfliktforschung, die des Friedrich-Meinecke-Instituts zur Ordensgeschichtsschreibung der Zisterzienser, die der klassischen Philologie mit ihren Arbeiten zu den Aristoteles-Handschriften und die des Instituts für Neuere Fremdsprachliche Philologien zu Literaturformen, bei denen die Literaten an der Produktion der von ihnen beschriebenen Wirklichkeit beteiligt sind. Dazu einige Details: Bei der Friedensforschung ging es um drei Schwerpunkte, nämlich Möglichkeiten der gewaltfreien Konfliktaustragung, der internationalen Kooperation und der vergleichenden Systemanalyse in Krisen. Für die europäische Sicherheitskonferenz wurden Programmvorschläge erarbeitet. - Bei der Zisterzienserforschung beschäftigte man sich mit der Wirtschaftspolitik der Zisterzienser, mit der sozialen Struktur der Klöster und mit der Position der Zisterzienser innerhalb der Kirche. - Die Aristoteles-Forscher haben eine Sammlung aller Handschriften des Aristoteles-Textes zusammengestellt, was eine Rekonstruktion der authentischen Originaltexte sowie eine Erarbeitung der Überlieferungsgeschichte ermöglichte. - Und schließlich studierten die Neuphilologen Fälle in der Literatur, wo Autoren über die Teilnahme an der Produktion von Presseschriften Einfluß auf sozioökonomische Entwicklungen bekommen haben. Dadurch wurden Grundlagen für eine erweiterte Literaturgeschichtsschreibung gelegt. Bei den bei der Ständigen Kommission für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs eingereichten größeren Projekten handelte es sich außerdem um folgende Themen: im Fachbereich Wirtschaftswissenschaft um Dynamische Lagerhaltungs-Produktionsmodelle, die Optimierungsprobleme bei der Lagerhaltung von Waren und Prognoseprobleme für die Nachfrage untersuchten, außerdem um ein Projekt zu betriebwirtschaftlichen Steuerbelastungsvergleichen im deutschen und internationalen Rahmen als Instrumente zur Beurteilung geltenden und künftigen Steuerrechts. Im Fachbereich Erziehungswissenschaften ging es um Produktives Denken und Problemlösen, d.h. man studierte die Integration von Intelligenz-, Kreativitäts-, Persönlichkeits- und Motivationsforschung. Auch gab es eine Untersuchung zur Vorschulerziehung. Im Fachbereich Geschichtswissenschaften wurden Studien zur Entwicklung der bürgerlich-liberalen Gesellschaft in Mitteleuropa vom späten 18. bis späten 19. Jahrhundert durchgeführt. Bei den Altertumswissenschaftlern wurden mittels elektronischer Datenverarbeitung Konkordanzen und Indizes zu spätantiken Autoren erstellt. Bei den Indogermanisten wurde Sprachmaterial aus Vorderasien auf Tontafeln in Keilschrift archiviert, es wurde unerschlossene Originalliteratur einer jüdischen Sekte, der Samaritaner, dokumentiert und ausgewertet und es wurden Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Frühzeit des alten Orients durchgeführt. In den Politischen Wissenschaften ging es um Bestimmungsfaktoren der Außenpolitik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie um Widersprüche und Veränderungsmöglichkeiten in der Ökonomie und in der Politik der Bundesrepublik. Bei den Theaterwissenschaftlern hieß ein Projekt "Sozialisation von Unterschichtskindern durch darstellendes Rollenspiel". Im Osteuropa-Institut wurde über die Sowjetunion und ihren Einflußbereich seit 1917 geforscht. Und schließlich befaßte man sich im Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung mit der Entwicklung der Parteien und des Parteiensystems in der Bundesrepublik seit 1945, außerdem mit Studien über die Zeit des Übergangs von der traditionellen Agrargesellschaft zur modernen Industriegesellschaft im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts. Auffällig ist bei der Durchsicht des ersten Forschungsberichtes der Freien Universität, daß Fachbereiche oder Zentralinstitute, die hochschulpolitisch wenig Aufsehen in dieser Zeit erregten, wie zum Beispiel der Fachbereich Altertumswissenschaften, oft unvergleichlich produktiver waren als andere Fachbereiche oder Zentralinstitute, die mit politischen Aktionen das Präsidialamt voll beschäftigten, wie das Lateinamerika-Institut. Allein in der ersten Wissenschaftlichen Einrichtung der Altertumswissenschaften, dem Institut für Griechische und Lateinische Philologie, wurden sechsundvierzig verschiedene Gebiete erforscht, und es gibt drei Wissenschaftliche Einrichtungen an diesem Institut, während am Lateinamerika-Institut nur wenige Themen behandelt und wenige Publikationen veröffentlicht wurden. In den Sozial- und Geisteswissenschaften wurden etwa 150 Dissertationen pro Jahr geschrieben und etwa fünfzig mal wurde die venia legendi verliehen. Besondere Auszeichnungen für hervorragende Examina, wie beispielsweise die Verleihung des Tiburtiuspreises in den 80er Jahren, hat die Universität damals nicht vergeben. Naturwissenschaften Von der Forschung im naturwissenschaftlichen Bereich fanden, trotz teilweise schwieriger populärwissenschaftlicher Darstellungsmöglichkeiten der Projekte, vier Gebiete ein großes Echo in der Öffentlichkeit: so ein von den Geologen durchgeführtes Programm zur Erforschung der Entstehung eines neuen Faltengebirges im Mittelmeerraum, ein von den Meteorologen und Geowissenschaftlern entwickeltes Modell, das eine Berechnung der Luftqualität erlaubt, ein von den Physikern viele Einzelgebiete betreffendes Projekt zur Erforschung von Wechselwirkungen innerhalb des Atoms und die von den Biologen untersuchte Frage nach den Mechanismen der Differenzierung von Organismen und ihrer Regulation. Dazu ebenfalls einige Erklärungen: Bei der Erforschung geologischer Formationen des Mittelmeerraums führte man erstmals Beobachtungen über Kontinentalverschiebungen in einem Gebiet durch, das nicht fossil, sondern relativ jung ist. Ziel war die Voraussagbarkeit von Massenbewegungen an Hängen und mögliche Aufdeckung von unbekannten mineralischen Lagerstätten. - Das mathematische Modell der Meteorologen und Geowissenschaftler erlaubt eine Berechnung von Luftverschmutzung, so daß es im Falle von Inversionslagen für Warndienste geeignet ist. Außerdem hilft es bei der Planung umweltgünstiger Ansiedlungen neuer Industrieanlagen. - Bei dem Projekt der Physiker, das den Titel "Hyperfeinwechselwirkung" trug, handelte es sich um Grundlagenforschung. Ziel war es, die Wechselwirkung zwischen dem magnetischen Moment des Atomkerns und dem der Umlaufbahnen der Elektronen zu untersuchen. - Die Biologen schließlich stellten sich die Aufgabe herauszufinden, weshalb ein Lebewesen (hier eine Grünalge) sich so und nicht anders entwickelt, wenn Wachstums- und Umweltbedingungen gleich bleiben, d.h. wie die Vorgänge in der Kommandozentrale eines Lebewesens geschaltet werden, um Änderungen der Bedingungen zu registrieren und wie diese Änderungen reversibel gemacht werden können. Einzelergebnisse dieser Projekte führten zur Verleihung von Preisen an die Wissenschaftler (siehe Chronik). Neben diesen mehr spektakulären Projekten hatten die naturwissenschaftlichen Fachbereiche auch zahlreiche Forschungsgebiets- bzw. Projektsschwerpunkte deklariert: in der Mathematik einen über die Strukturen reeller und komplexer Banachräume, in der Physik einen über die Theorie der Elementarteilchen und Quantenfeldtheorie, in der Chemie einen über Röntgenstrukturanalyse, d.h. den thermischen Abbau von Adduktverbindungen und Phasenumwandlungen, und fünf weitere über a) trägergebundene Enzyme, b) organische und polymere Halbleiter, c) theoretisch-organische Chemie, d) Elektrodenprozesse und e) Geochemie und Mineralchemie von Modellsystemen des hochmetaphoren und magnetischen Bereichs. In der Pharmazie gab es einen Schwerpunkt über intramolekulare Nachbargruppeneffekte bei Pharmaka-Modellen, einen über Organaffinität von Metallocenen und einen über chemische Analysen von Arzneidrogen sowie Arbeiten über Arzneimittelkontrolle, in den Geowissenschaften einen über die Nutzung fließender Gewässer als Ver- und Entsorgungadern. Ein Sonderforschungsbereich der Meteorologen hieß "Synoptische Meteorologie" und beschäftigte sich z.B. mit dem Problem der Objektivierung der Wetteranalysen und den Auswertungen von Satellitenbeobachtungen. Ein interdisziplinäres Projekt im Fachbereich Pharmazie beschäftigte sich mit der Chemie und der Pharmakologie von Inhaltsstoffen aus Lactuca virosa. Im naturwissenschaftlichen Bereich sind nur etwa 90 Promotionen pro Jahr registriert. Bei den Habilitationen gab es im Universitätsjahr 1969/70 die ungewöhnlich hohe Zahl von 46 Habilitationen (im Vorjahr nur 18). Danach jedoch scheinen sich die Verhältnisse wieder "normalisiert" zu haben. Die Erweiterung der Universitätsbibliothek Die Universitätsbibliothek hat im Zeitraum von 1969 bis 1973 ihren Bestand von ca. 470.000 Bänden, 220.000 Dissertationen und 5 000 Zeitschriftentiteln um ca. 200.000 Bände, 50 000 Dissertationen und 650 laufende Zeitschriften erweitert. Sie hat einerseits ihr Sammelgebiet "Deutsche Sozialistica" ausbauen und restaurieren können (das Sammelgebiet war im Jahre 1951 durch den Erwerb der 7 500 Bücher umfassenden Bibliothek des Fabrikanten Max Stein im Jahre 1951 zustande gekommen), andererseits hat sie zahlreiche Fachzeitschriftensammlungen als Ganzes oder ergänzend aufkaufen und auch in der Abteilung "Rara" einige hervorragende Werke erwerben können, z.B. eine vierbändige Ausgabe der "Opera Omnia" des Melanchton aus dem 16. Jahrhundert in zeitgenössischem Renaissanceeinband. Auch gelang es ihr, zwei weitere Gelehrtenbibliotheken aufzukaufen: im Jahre 1970 die von Ludwig Lewin, dem Begründer der Lessing-Hochschule für Erwachsenenbildung, mit 700 Bände zu den Themen Literatur, Psychologie und Psychoanalyse, und im Jahre 1971 die von Hans Knudsen mit 2 500 Bänden zum Thema Theaterwissenschaften. Erwähnenswert, obwohl bereits früher angelegt, sind auch die Sammlungen historischer Flugschriften sowie eine Sammlung von Märchenliteratur und eine von alten Almanachen. Als Dauerleihgaben verfügt die Bibliothek über 650 alte numismatische Zeitschriften, die ihr die Gesellschaft für Numismatik zu Berlin zur Verfügung gestellt hat, sowie über 1 500 Bände zur Homöopathie, die eine Leihgabe des Vereins homöopathischer Ärzte sind. Die Bibliothek erhält aufgrund von Abkommen auch Exemplare aller Druckschriften, die von den Vereinten Nationen, von der Europäischen Gemeinschaft, vom Europarat und von der Carnegie Commission on Higher Education publiziert werden. Jedes in Berlin gedruckte Buch muß in der UB als Pflichtexemplar hinterlegt werden sowie ein Teil der Amtsdrucksachen des US Governments. Erwähnenswert sind auch die vielen Nachdrucke alter Werke, die in den Jahren 1969-73 zum Teil von alternativen Verlagen produziert und von der Bibliothek angeschafft wurden. Im Untersuchungszeitraum wurden auch die Grundlagen für eine Zeitschriftendatenbank gelegt, die gemeinsam mit Stuttgart und Saarbrücken initiiert wurde und der sich später viele andere Bibliotheken anschlossen. Auf das praktische EDV-System stellte sich auch die Lehrbuchsammlung um, so daß für Studenten seitdem das Ausleihen nur mit geringem Aufwand verbunden ist. Der wissenschaftliche Austausch mit anderen Universitäten Die internationalen Beziehungen der FU wurden in den Jahren 1969 bis 1973 weiter ausgebaut. Die Zahl der eingeladenen Wissenschaftler konnte verdoppelt werden (auf etwa 400 pro Semester), die Partnerschaftsverhältnisse zu ausländischen Universitäten verstärkt werden. Ein Austausch von wissenschaftlichen Mitarbeitern und Hochschullehrern bestand zu den Universitäten London, Leningrad, La Paz, Istanbul und Ankara, außerdem zu zahlreichen amerikanischen Universitäten, mit denen seit Gründung der FU wissenschaftliche Kontakte gepflegt wurden. Allein mit elf Universitäten in den USA und in Kanada gab es ein Abkommen über einen regen Studentenaustausch, in Europa bestand dieses zu fünf Universitäten. Pro Semester wurden etwa 50 Forschungs- und Studienreisen von FU-Angehörigen in andere Länder mit finanzieller Unterstützung der FU durchgeführt. Zahlreiche Schüler- und Studentengruppen aus der Bundesrepublik und dem Ausland besuchten die FU. Die Zahl der Gäste an der FU, die in leitenden Positionen an ausländischen Universitäten (z.B. Rektoren oder Dekane) oder im Rundfunk- und Pressewesen des Auslandes beschäftigt waren, belief sich auf etwa 200 pro Jahr.

II. Zeittafel 31. Oktober 1969 Mehrheit für Fortsetzung des Reformmodells am OSI Die Urabstimmung im Otto-Suhr-Institut über die Fortsetzung der dort praktizierten Reformsatzung, die nach dem Vorschaltgesetz zu Beginn jedes Semesters vorgeschrieben ist, ergibt bei allen funktionalen Gruppen eine Mehrheit für die Fortsetzung des Reformmodells. Die Auszählung ergibt bei den Hochschullehrern 12 (66,6%) für und 3 Stimmen gegen die Fortsetzung der Reformsatzung, in der Gruppe der wissenschaftlichen Mitarbeiter werden 51 Stimmen (75,1%) für und 1 Stimme gegen die Fortsetzung des Reformmodells abgegeben, von den 979 Studenten sprechen sich 580 (59,2%) für und 15 gegen das Reformmodell aus, und 53 der 72 Dienstkräfte (73,6%) votieren ebenfalls für die Weiterführung der OSI-Reform. (Vgl. 10. Okt. 1968 und Dok. 916 in Bd. V) Erste Kandidaten für das Amt des FU-Präsidenten werden benannt Mehrere Professoren der Philosophischen Fakultät der FU benennen als ihre Kandidaten für das Amt des Präsidenten und des Vizepräsidenten der FU den Frankfurter Ordinarius für Bürgerliches Recht, Handels- und Wirtschaftsrecht, Rudolf Wiethölter, und den Professor für Iranistik und Religionsgeschichte an der FU, Karsten Colpe. 3. November 1969 Beginn der Wahlen zum Übergangskonzil der FU Für die 114 Sitze des Übergangskonzils der FU bewerben sich 303 Kandidaten. 4. November 1969 FU-Mediziner fordern mehr Stellen In Briefen an den Senator für Wissenschaft und Kunst, Professor Dr. Werner Stein, den Kanzler der FU, Fritz von Bergmann, und den Dekan der Medizinischen Fakultät, Prof. Dr. Herbert Lax, fordern Hochschullehrer, Dozenten und Assistenten des Physiologischen und Biochemischen Instituts der FU einen Ausbau des Stellenplans, der sich an den Zulassungszahlen von zur Zeit rund 200 Studenten pro Semester orientieren soll. Sie kritisieren die Kuratoriumsvorlage für den 7. November, die dieser Forderung nicht entspreche. Auf einer von 400 Studentinnen und Studenten besuchten Vollversammlung der Medizinischen Fakultät wird mit großer Mehrheit die Teilnahme an der für den 7. November einberufenen Sitzung des Kuratoriums der FU beschlossen. In einem Brief an den Vorsitzenden des Kuratoriums, den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz, fordern die Medizinstudenten die Verlegung der Kuratoriumssitzung in einen Raum, der die Teilnahme möglichst vieler Studenten ermöglicht. Andernfalls wird ein Go-in angekündigt. Der Direktor des Biochemischen Instituts, Prof. Dr. Tiedemann, fordert auf der Versammlung im Namen der Hochschullehrer die Schaffung von sechs neuen Assistentenstellen und acht Assistenzprofessuren. Auf einer Versammlung von 50 wissenschaftlichen Mitarbeitern der Zahnklinik der FU wird die prinzipielle Zustimmung zum Streik der Zahnmedizinstudenten beschlossen. In einer Resolution wird erklärt, daß die Ausbildung der Studenten "im augenblick-lichen Zustand nicht mehr ausreichend gewährleistet" sei. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter unterstützen die Forderung nach einer Kapazitätserweiterung und fordern die sofortige Bewilligung weiterer Planstellen für wissenschaftliche Mitarbeiter, eine vorzeitige Fertigstellung des geplanten Erweiterungsbaus der Klinik und die beschleunigte Besetzung des Lehrstuhls für Prothetik. 5. November 1969 Zahnmedizinstudenten streiken für bessere Studien-bedingungen 350 Zahnmedizinstudenten präzisieren auf einer "Streikvollversammlung" ihren Forderungskatalog zur Verbesserung der Studienbedingungen. Zusätzlich zu der verlangten Einrichtung von 20 neuen Arbeits-plätzen fordert die Vollversammlung mit großer Mehrheit die Schaffung von sechs zusätzlichen Assistenten- und vier Schwesternstellen sowie eine Erwei-terung um mindestens 25 neue Behandlungsstühle. Mit dem geplanten Erweiterungsbau soll spätestens 1971 begonnen werden. In Folge des Streiks ist die zahnärztliche Versorgung stark beeinträchtigt. Die rund 550 Patienten, die von Studenten der klinischen Semester pro Woche versorgt werden, können nicht behandelt werden. Lediglich ein Notdienst für akute Fälle wird aufrechterhalten. Übergangskonzil der FU gewählt An den Wahlen zum Übergangskonzil der FU beteiligten sich die Hochschullehrer mit 66,6%, die wissenschaftlichen Mitarbeiter mit 73,8%, die Dienstkräfte mit 60% und die Studenten mit 28,6% der Wahlberechtigten. Im Übergangskonzil sind die Hochschullehrer, Assistenten und Studenten mit jeweils 33 Sitzen, die Dienstkräfte mit 15 Sitzen vertreten. 6. November 1969 Professor Lieber kandidiert für das Präsidentenamt der FU "Der Abend" berichtet unter der Überschrift "Lieber hat jetzt die besten Chancen" über den Ausgang der Wahlen zum Übergangskonzil der FU. 50 der 114 Konzilsmitglieder seien als Befürworter einer Kandidatur des ehemaligen Rektors der FU, Prof. Dr. Hans-Joachim Lieber, für das Amt des Präsidenten der FU einzuschätzen. 7. November 1969 Psychologen fordern institutionelle Zusammenarbeit mit Erziehungswissenschaften In einem Schreiben an den Dekan der Philosophischen Fakultät fordern Professor Jäger und 15 Mitarbeiter des Psychologischen Instituts der FU, daß bei der Fachbereichsbildung Psychologie und Erziehungswissenschaft nicht institutionell voneinander getrennt werden sollen, da beide Fächer auf zahlreichen Gebieten gemeinsame Lehr- und Forschungsaufgaben haben. (Vgl. 13. Febr. 1970, 17., 23., 24. und 26. März 1970) 8. November 1969 FU-Kuratorium beschließt 2. Nachtragshaushalt für 1969 Auf seiner 144. Sitzung verabschiedet das FU-Kuratorium gemäß Vorlage des Kanzlers Dr. von Bergmann den 2. Nachtragshaushalt der FU für 1969. Die Summe der Senatszuschüsse für die FU erhöht sich von 176.150.650 DM auf 184.150.650 DM. Das Kuratorium beschließt den schwerpunktmäßigen Ausbau der Studienfächer Medizin und Zahnmedizin. Der Universitätspräsident wird beauftragt, bis zum 1. Februar 1970 einen Gesamtplan für die medizinische Ausbildung vorzulegen. In diesem Plan sollen die Bereiche Vorklinik und Klinik aufeinander abgestimmt werden sowie eine Überprüfung der baulichen Voraussetzungen für die Erweiterung erfolgen. Im Vorgriff auf den beabsichtigten Ausbau der Medizinischen Fakultät bewilligt das Kuratorium entsprechend einer Vorlage des Kanzlers der FU 22 neue Personalstellen und zusätzliche Sachmittel in Höhe von 1,5 Millionen DM für Investitions- und Baumaßnahmen der Institute für Physiologie und Physiologische Chemie. Der aufgrund dieses Beschlusses entstehende Mehrbedarf von 2.236.950 DM soll durch eine Erhöhung des Landeszuschusses für die Freie Universität gedeckt werden. Die auf der Kuratoriumssitzung anwesenden Vertreter der Medizinischen- und der Zahnmedizinischen Fakultät erklären ihr "außerordentliches Bedauern" über diesen Beschluß des Kuratoriums, da er nur zu 20% ihren Forderungen entspreche. Sie begrüßen ausdrücklich den Beschluß zum schwerpunktmäßigen Ausbau der Medizinischen Fakultät. 9. November 1969 Professor Wiethölter zieht Kandidatur für FU-Präsidentschaft zurück "Der Tagesspiegel" meldet, daß der Frankfurter Professor Dr. Rudolf Wiethölter nicht mehr als Kandidat für das Amt des Präsidenten der Freien Universität Berlin zur Verfügung stehe. Am 10. November zitiert "Die Welt" ein Schreiben von Rudolf Wiethölter, in dem dieser die Absage seiner Kandidatur für das Amt des Universitätspräsidenten der Freien Universität Berlin begründet. In der "gegebenen gesellschaftlichen und verfassungspolitischen Wirklichkeit" könne ein Universitätspräsident "seine Funktion heute nur als politische Aufgabe" begreifen. Für die "profilierte reformerische Arbeit" benötige er "formale und inhaltliche Bedingungen", die er in dem Berliner Universitätsgesetz nicht gegeben sehe.(Vgl. 31. Okt. und 2. Nov. 1969) In der "Berliner Morgenpost" erscheint ein Artikel von Prof. Dr. Hans-Joachim Lieber mit dem Titel: "Die Aufgabe eines FU-Präsidenten". Dok. 997 10. November 1969 Konstituierende Sitzung des Konzils der FU gestört Die konstituierende Sitzung des Übergangskonzils der Freien Universität Berlin kann nicht wie vorgesehen im Auditorium Maximum stattfinden, da ca. 500 Studenten den Raum besetzt halten. Der Zentrale Wahlvorstand der FU beschließt daraufhin, die Sitzung in das John-F.-Kennedy-Institut zu verlegen, und fordert Polizeischutz für dieses Gebäude an. Vor dem John-F.-Kennedy-Institut kommt es zu Zusammenstößen zwischen etwa 500 Studenten, meist Mitglieder der "Roten Zellen", die zur "Sprengung des Übergangskonzils" aufgerufen haben, und der Polizei. Konzilsmitglieder fordern Einstellung der Ordnungsverfahren 20 linke und liberale Vertreter der Wissenschaftlichen Mitarbeiter und der Studenten im Übergangskonzil machen in einer Erklärung die Universitätsverwaltung für die Auseinandersetzungen anläßlich der konstituierenden Sitzung des Konzils verantwortlich. Durch die Einleitung neuer Ordnungsverfahren einen Tag vor Inkrafttreten des Universitätsgesetzes sei Unruhe unter den Studenten gesät worden. Sie fordern die sofortige Einstellung aller Ordnungsverfahren. 11. November 1969 Medizinstudenten beenden ihren Streik An den Instituten für Physiologie, Physiologische Chemie und an der Universitätszahnklinik wird nach zehntägigem Streik der Lehrbetrieb wieder voll aufgenommen. WiSo Vorlesung nach Störung abgebrochen Mitglieder der "Roten Zelle Ökonomie" unterbrechen die Betriebswirtschaftsvorlesung von Prof. Dr. Bernhard Bellinger und versuchen, eine Diskussion über die Einrichtung eines Tutoriums zur Einführung in die marxistische Ökonomie herbeizuführen. Professor Bellinger bricht daraufhin seine Lehrveranstaltung ab und verlegt sie in das FU-Klubhaus. Bereits am 4. November war im gleichen Zusammenhang die Vorlesung von Prof. Bellinger unterbrochen worden. "Rote Zelle Germanistik" droht mit Störungen Am Germanischen Seminar der Freien Universität werden Flugblätter verteilt, in denen die Rote Zelle Germanistik exemplarische Aktionen gegen Lehrveranstaltungen ankündigt, deren Leiter sich auf der für den 12. November einberufenen Sitzung des Institutsrates gegen die Erteilung von Lehraufträgen für das "Fünfer-Projekt" aussprechen. Dieses Projekt sieht eine Selbstbestimmung der Studenten sowohl hinsichtlich des Arbeitsgegenstandes als auch der wissenschaftlichen Methode vor. 12. November 1969 Akademischer Senat benennt keinen Präsidentschaftskandidaten Der amtierende Präsident der FU, Prof. Drs. Harndt, verliest ein Schreiben des Wissenschaftssenators zum Vorschlag des Akademischen Senats vom 15. Oktober 1969, den Wahltermin für dieses Gremium zu verschieben. Senator Stein teilt mit, daß er eine Verlegung der bereits angekündigten Wahlen nicht für vertretbar halte. Der Akademische Senat beschließt einstimmig, von seinem Recht auf Nominierung eines Präsidentschaftskandidaten keinen Gebrauch zu machen. Dem Ende des Jahres in den Ruhestand tretenden Kanzler der FU, Dr.Dr.h.c. Fritz von Bergmann, soll auf einstimmigen Beschluß des Akademischen Senat, die Würde eines Ehrenmitgliedes der FU verliehen werden. Der amtierende Präsident, Prof. Dr. Ewaldt Harndt, teilt mit, daß er gemäß § 42 des Universitätsgesetzes den Ersten Oberstaatsanwalt a.D. Blaesing, den Amtsgerichtsdirektor a.D. Dr. Kluger und Rechtsanwalt Hackelberg zu Mitgliedern des Ordnungsauschusses der FU benannt habe. Aus dem letzten Semester seien noch 6 Ordnungsverfahren anhängig. Professor Klug lehnt Kandidatur für die Präsidentschaft an der FU ab Auf einer Sitzung der linken und liberalen Konzilsabgeordneten der FU wird bekanntgegeben, daß der Kölner Professor Klug nicht zu einer Kandidatur für das Amt des Präsidenten der FU bereit sei. Prof. Klug ziehe seine juristische Tätigkeit in Köln und seine politische Arbeit in der FDP dem Amt des FU-Präsidenten vor. Urteile in Prozessen gegen FU-Studenten Der ehemalige AStA-Vorsitzende der FU, Johann Wolfgang Landsberg, wird von dem Vorwurf der Aufforderung zu strafbaren Handlungen im Zusammenhang der "Osterunruhen" vom April 1968 und einer Institutsbesetzung an der FU freigesprochen. Zwei Studenten der FU werden wegen ihrer Teilnahme an den gewaltsamen Auseinandersetzungen während der Demonstration am Tegeler Weg zu einer Gefängnisstrafe von elf bzw sechs Monaten verurteilt. (Vgl. 4. Nov. 1968) 13. November 1969 FU-Präsidentschaft: Kandidatenkarussell dreht sich weiter Die Versammlung linker und liberaler Konzilsmitglieder spricht sich mit 25 gegen 13 Stimmen für eine Kandidatur des Akademischen Oberrates am Otto-Suhr-Institut, Dr. Hans-Hermann Hartwich, aus. Dr. Hartwich lehnt jedoch eine Kandidatur ab, da er die Geschlossenheit der linken und liberalen Gruppierungen im Konzil für nicht ausreichend hält, die Durchsetzung der angestrebten inhaltlichen Reformen zu garantieren. 14. November 1969 Internationales Vietnam-Moratorium Über 6000 Personen beteiligen sich in West-Berlin an einer Demonstration im Zusammenhang des internationalen "Vietnam-Moratoriums". An den Demonstrationen in Westeuropa und den USA beteiligen sich über zwei Millionen Menschen. 16. November 1969 Rolf Kreibich kandidiert für das Amt des FU-Präsidenten Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, daß die linken und liberalen Mitglieder des Konzils als ihren Kandidaten für das Amt des Präsidenten der Freien Universität Berlin nunmehr den Diplomphysiker und Diplomsoziologen Rolf Kreibich, Assistent am Soziologischen Institut der FU, benannt haben. Rolf Kreibich wurde 1937 geboren. 1960 verließ er die DDR, weil dort, wie er erklärt, "ein Sozialismus praktiziert wird, der nach meiner Ansicht eine Umkehr des wirklichen Sozialismus ist". Nach dem Mauerbau beteiligte sich Kreibich an Fluchthilfeunternehmen (laut Welt vom 1. Dez.). Nach Abschluß seines Physikstudiums befaßte er sich mit Soziologie und Politischer Wissenschaft. Seit 1967 war er Assistent am Soziologischen Institut der FU und wurde 1969 dessen Institutsratsvorsitzender. Kreibich gehört der SPD an und rechnet sich zum linken Flügel dieser Partei. Er bezeichnet sich als Vertreter des demokratischen Sozialismus und kritisiert die Entwicklung nach dem "Godesberger Programm" als "vulgär-pragmatisch". 17. November 1969 FU-Übergangskonzil nominiert Präsidentschaftskandidaten Das Übergangskonzil der Freien Universität tagt in der von Polizeikräften vollständig abgeriegelten Landesbildstelle in Moabit. Als Kandidaten für das Amt des Präsidenten der FU werden der 46jährige Professor für Philosophie an der FU und ehemalige Rektor Hans-Joachim Lieber und der 31jährige Vorsitzende des Institutsrates am Soziologischen Institut der FU, Rolf Kreibich, nominiert. Prof.Dr. Hans-Joachim Lieber erhält 40 Unterschriften für seine Kandidatur, Rolf Kreibich 55. Dok. 998 18. November 1969 Kommune I am Ende Unter der Überschrift "Das ist das Erbe der Kommune" berichtet die BZ vom Ende der "Kommune I" in der Stephanstraße 60. Dok. 999 19. November 1969 Rolf Kreibich erläutert seine hochschulpolitischen Vorstellungen Der Kandidat der linken und liberalen Mitglieder des Übergangskonzils Rolf Kreibich stellt sich auf einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vor. Kreibich betont, daß er die Experimentierklausel des neuen Universitätsgesetzes "stets extensiv" auslegen werde, und spricht sich für eine starke Beteiligung der Studenten und der Anderen Dienstkräfte an den demokratischen Entscheidungsprozessen innerhalb der Universität aus. Kreibich erklärt: "Die herkömmliche Universität ist zum Zerrbild ihres geistigen Anspruchs geworden". Sie genüge nicht einmal den Leistungskriterien der hochindustrialisierten Gesellschaft, "geschweige denn dem emanzipatorischen Auftrag der Wissenschaft". Dok. 1000 20. November 1969 FU vor der Zerreißprobe ? "Der Abend" berichtet unter der Überschrift "Vor der Zerreißprobe" über die Vorbereitungen zur Wahl des Präsidenten der FU. Die "jetzige Präsidentschafts-Alternative" müsse "die FU in eine äußerst gefährliche, wenn nicht sogar tödliche Zerreißprobe" führen. Dok. 1001 Presseberichte über Vorlesungsstörungen an der FU "Die Welt" berichtet, daß an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU seit Semesterbeginn auf Grund von Vorlesungsstörungen der "Roten Zelle Ökonomie" (Rotzök) bereits acht Lehrveranstaltungen abgebrochen werden mußten. Die Vorlesung von Prof. Dr. Bernhard Bellinger habe außerhalb der Universität unter Polizeischutz stattgefunden. Diese Kampagne der Rotzök werde nicht für studentische Belange geführt, sondern ziele darauf, die bürgerliche Wissenschaft in ihrem "Schwachsinn" zu entlarven und zu verhindern. Die Rotzök stelle die Forderung nach Etablierung marxistischer Lehrinhalte. 21. November 1969 FU-Kuratorium für Vertagung der Präsidentenwahl Auf seiner kurzfristig einberufenen 145. Sitzung appelliert das Kuratorium der FU auf Vorschlag von Wissenschaftssenator Stein mit 5:1:2 Stimmen an das Überganskonzil der FU, die Wahl des Präsidenten der FU zu vertagen. Nachdem in der Universität zwischen den die beiden Präsidentschaftskandidaten stützenden Lagern eine "unheilvolle Polarisierung" entstanden sei, "glaubt das Kuratorium, daß ein Präsident, der ohne eine überzeugende Mehrheit" gewählt werde, vor eine "besonders schwierigen Situation" stehe. "Der Grundgedanke der strukturellen Hochschulreform in Berlin, der Gedanke der sachlichen Kooperation aller Mitglieder der Hochschule, erscheint damit gefährdet." Der Vizepräsident des Abgeordnetenhauses, Peter Lorenz (CDU), und der amtierende FU-Präsident, Prof. Dr. Harndt, sprechen sich gegen den Antrag von Senator Stein aus. Lorenz befürchtet, daß ein Appell des Kuratoriums die Position des Kandidaten Professor Lieber verschlechtern werde, der seiner Auffassung nach noch immer Aussicht habe, gewählt zu werden. Rotzeg warnt vor Kreibich Die Rote Zelle Germanistik warnt in einem Flugblatt davor, Hoffnungen in den Assistentenkandidaten Kreibich zu setzen. Kreibich sei gegenüber dem "Hinterwäldler des Kapitalismus, Lieber," als Technokrat "objektiv die letzte Hoffnung der Herrschenden". Dok. 1002 24. November 1969 Rolf Kreibich wird Präsident der FU Das Übergangskonzil wählt den Diplomphysiker und Soziologen Rolf Kreibich mit 61 Stimmen zum 1. Präsidenten der Freien Universität Berlin. Sein Gegenkandidat Prof. Dr. Hans-Joachim Lieber erhält 49 Stimmen. Zwei Mitglieder des Konzils enthalten sich der Stimme; zwei Wahlscheine sind ungültig. Die Wahl findet unter starkem Polizeischutz in der Landesbildstelle in Moabit statt, da einige Rote Zellen auf Flugblättern eine Sprengung der zunächst im Auditorium maximum der FU einberufenen Wahlversammlung angekündigt hatten. Heinrich Lummer bezeichnet Wahl Kreibichs als legal Der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Heinrich Lummer, bezeichnet in einer Stellungnahme die Wahl von Rolf Kreibich zum Präsidenten der FU als legale Entscheidung eines demokratisch gewählten Organs. Vorlesungsstörungen an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät Mehrere Lehrveranstaltungen werden an der WiSo-Fakultät durch Gruppen von 25 bis 60 Studenten unterbrochen, um Diskussionen über die Forderung nach Tutorien mit marxistischer Themenstellung herbeizuführen. In den meisten Fällen brechen die Professoren daraufhin ihre Veranstaltungen ab. (Vgl. 11. Nov., 1. und 8. Dez. 1969) 25. November 1969 Pressestimmen zur Wahl von Rolf Kreibich Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet unter der Überschrift "Durch Straßensperren ins Spannungsdreieck" von der Wahl Rolf Kreibichs zum Präsidenten der FU. Gegenüber der "Frankfurter Rundschau" äußert der neugewählte Präsident der FU, Kreibich, eines seiner langfristigen Ziele sei die Umwandlung der Universitätsverwaltung zu einem Instrument modernen Managements. Kreibich kündigt an, er werde für Transparenz der Entscheidungsprozesse innerhalb der Universität sorgen. Dok. 1003 Senat bestätigt die Wahl des FU-Präsidenten Der West-Berliner Senat bestätigt gemäß §6 des Universitätsgesetzes die Wahl von Rolf Kreibich zum 1. Präsidenten der Freien Universität Berlin. Präsident Kreibich will Ordnungsrecht abschaffen Auf einer studentischen Vollversammlung der Philosophischen Fakultät erklärt Rolf Kreibich, daß er sich für die Abschaffung des Ordnungsrechtes einsetzen werde. Professor Maßhoff wird Direktor des FU-Klinikums Neuer Direktor des Klinikums der FU wird Prof. Dr. Wilhelm Maßhoff, Ordinarius für Allgemeine Pathologie und Pathologische Anatomie. Professor Maßhoff tritt die Nachfolge von Professor Heinz Goerke an, der zum 1. November 1969 einen Ruf der Universität München angenommen hat. 26. November 1969 Staatlicher Zuschuß für FU wird erhöht Der Hauptausschuß des Abgeordnetenhauses von Berlin beschließt in seiner 149. Sitzung eine vorsorgliche Erhöhung des Zuschusses an die Freie Universität von 204 auf 208 Millionen DM, um damit einen Ausgleich für die Auswirkungen des Universitätsgesetzes zu schaffen. 27. November 1969 Drahtseilakt über dem Campus In der "Welt" berichtet Bernd Nellessen über die Präsidentschaftswahl an der FU. Dem neugewählten Präsidenten Rolf Kreibich räumt Nellessen nur eine geringe Chance ein, seine siebenjährige Amtszeit durchzustehen. Dok. 1004 Kuratorium bewilligt Mittel für Großrechenanlage Zu Beginn der 146. Sitzung begrüßt der Vorsitzende des FU-Kuratoriums, der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz, den neugewählten Präsidenten der FU, Rolf Kreibich, und gibt bekannt, daß der bisherige amtierende Präsident, Professor Harndt, und sein Vizepräsident, Professor Lieber, auf eigenen Wunsch vorzeitig aus dem Kuratorium ausscheiden. Das Kuratorium bewilligt 1,3 Millionen DM Personal- und Sachausgaben für Ankauf oder Miete einer Großrechenanlage und beschließt einen Ausbau der medizinischen Fachgebiete Neurochirurgie und Zahnärztliche Prothetik, die Errichtung einer selbständigen Abteilung Neurologie am Klinikum Westend und eine Erweiterung der Poliklinik und Klinik für Zahn-, Mund, und Kieferkrankheiten. Der Haushaltsplan der FU für 1970 erhöht sich um ca. 3,7 Millionen DM auf 256.990.610 DM. Eine entsprechende Erhöhung des öffentlichen Zuschusses soll beim Senator für Wissenschaft und Kunst erwirkt werden. Das Kuratorium übernimmt alle noch bestehenden Verbindlichkeiten des aufgelösten FU-AStAs. (Vgl. 1. Dez. 1970) 29. November 1969 Interpretation der Wahl Kreibichs als Votum für die Universitätsreform In der "Berliner Stimme" kommentiert Nils Diderichs (SPD) die Wahl von Rolf Kreibich zum Präsidenten der FU. Der Gesetzgeber habe "den Universitäten eine Chance für die demokratische Reform eingeräumt". Alle Mitglieder der Universität seien "aufgefordert und verpflichtet, daran mitzuwirken." Die Mehrheit für Kreibich sei "kein Votum für vermeintlich erkannte Qualitäten in der Person, sondern ein Votum für die Universitätsreform". Durch "Ablehnungen der Kandidatur und ablaufende Nominierungsfristen" seien die wissenschaftlichen Mitarbeiter schließlich gezwungen gewesen, einen Kandidaten aus ihren Reihen zu suchen. Nachdem eine Mehrheit der linken Fraktion für Kreibich votiert habe, "hätte jede Stimmenthaltung bei der endgültigen Abstimmung am 24. November im Ergebnis eine Option für Lieber bedeutet". 30. November 1969 FU-Präsident trifft sowjetischen Gastprofessor Der Präsident der Freien Universität, Rolf Kreibich, trifft im Gästehaus der FU mit dem Direktor des Instituts für Politik und Ökonomie an der Universität Leningrad, Sergej Iwanowitsch Tulpanow, zusammen. Professor Tulpanow hält sich gegenwärtig im Rahmen eines Austauschprogramms zwischen der Freien Universität Berlin und der Universität Leningrad zu Gastvorlesungen in Berlin auf. In der Unterredung wird ein Ausbau des wissenschaftlichen Austauschprogramms der beiden Universitäten diskutiert und die Ausarbeitung eines langfristigen Konzeptes für dieses Vorhaben vereinbart. (Vgl. 4. Dez. 1969) Wissenschaftsenator Stein nicht zufrieden mit der Wahl Kreibichs Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, erklärt in einem Interview, bei der Wahl des neuen Präsidenten der FU habe sich gezeigt, daß im Übergangskonzil der FU Konstellationen vorhanden seien, die sich der Gesetzgeber bei der Ausarbeitung des Universitätsgesetzes nicht vorgestellt habe. 1. Dezember 1969 "Wird aus der FU eine 'marxistische Kaderschmiede'"? Unter dieser Überschrift berichtet Hans-Erich Bilges in der "Welt" über die Situation an der FU zum Zeitpunkt des Amtsantritts des neuen Präsidenten Rolf Kreibich. In der gleichen Ausgabe veröffentlicht "Die Welt" eine Erklärung des Ordinarius für Staats- und Verwaltungsrecht an der Juristischen Fakultät der FU, Prof. Dr. Karl-August Bettermann. Professor Bettermann kritisiert die Bestätigung von Rolf Kreibich in seinem Amt als Präsident der FU durch den Senat von Berlin. Die Erklärung trägt als Überschrift: "Vorbildung, Alter und bisherige Tätigkeit reichen zur Ausübung des Präsidenten-Amtes nicht aus". Dok. 1005 Vorlesungsabbruch an der WiSo-Fakultät der FU An der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU bricht Prof. Dr. Bernhard Bellinger seine Vorlesung ab, nachdem sich die Mehrheit der in der Veranstaltung anwesenden Studenten für eine Diskussion anstelle des Lehrbetriebes entscheidet. Professor Bellinger erklärt, daß die Veranstaltung durch vorlesungsfremde Studenten majorisiert worden sei. Auch andere Veranstaltungen an der WiSo-Fakultät werden durch Studenten unterbrochen. (Vgl. 11. und 24. Nov., 4. und 8. Dez. 1969) Wissenschaftssenator Stein trifft den neuen FU-Präsidenten Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, trifft den neugewählten Präsidenten der FU, Rolf Kreibich, zu einem ersten offiziellen Gespräch. Professor Stein und Rolf Kreibich betonen ihre Bereitschaft zur konstruktiven Zusammenarbeit im Rahmen des Universitätsgesetzes. 2. Dezember 1969 Professoren wollen Reformen unterstützen 28 Professoren der FU fordern in einer Erklärung dazu auf, dem neugewählten Präsidenten der FU, Rolf Kreibich, "Gelegenheit zu geben, sich in sein Amt einzuarbeiten". Sie wenden sich "gegen Untergangspropheten und meinen, daß die neuen Möglichkeiten zur Reform der Universität in fairer Zusammenarbeit genutzt werden" sollten. Weitere elf Professoren schließen sich dieser Erklärung am 13. Dezember an. 3. Dezember 1969 Mittel für Herzzentrum werden bewilligt Der Hauptausschuß des Berliner Abgeordnetenhauses bewilligt in seiner 151. Sitzung 3,9 Millionen DM für Um- und Erweiterungsbauten im Rahmen des Dringlichkeitsprogramms der FU: In der Chirurgischen Universitätsklinik im Westend-Krankenhaus der FU soll mit dem Bau eines Herzzentrums für Organtransplantationen und den künstlichen Ersatz von Organen begonnen werden. Des weiteren sind im Rahmen des Dringlichkeitsprogramms Baumaßnahmen für das Pharmakologische Institut vorgesehen. Dort soll auf Empfehlung des Wissenschaftsrates das Fachgebiet Embryonal-Pharmakologie erweitert werden. Für die Neubauten, die im Januar 1970 beginnen sollen, werden rd. fünf Millionen DM bereitgestellt. FU-Präsident vermittelt am Romanischen Seminar Nach Vermittlung durch den Präsidenten der FU, Rolf Kreibich, kann der Abbruch der Vorlesung von Prof.Dr. Walter Pabst am Romanischen Seminar abgewendet werden. Mehrere Studenten haben bei einem "Go-in" gefordert, daß Professor Pabst sich zu Publikationen während der Zeit des Nationalsozialismus äußern solle. Sie werfen ihm vor, in diesen Publikationen faschistische Ideen vertreten zu haben. Der Vorschlag von Präsident Kreibich, am 8. Dezember auf einer gesonderten Veranstaltung eine rationale Diskussion der Vorwürfe durchzuführen, wird von allen Beteiligten akzeptiert. Sozialistische Assistentenzelle am OSI gegründet Am Otto-Suhr-Institut gründen 16 Angehörige des wissenschaftlichen Mittelbaus eine "Sozialistische Assistentenzelle" (SAZ). In einem "Arbeits- und Projektbericht" - verfaßt für die Arbeitskonferenz der "Roten Presse Korrespondenz" (RPK) am 6./7. Dezember 1969 - bezeichnen die Gründer der SAZ die Überwindung "der bürgerlichen Form unserer Arbeit" als ihre gemeinsame Perspektive. Dazu erachten sie u.a. als notwendig, - "die durch unsere berufliche Stellung möglichen Konflikte mit den Studenten bewußt zu machen und in solidarischer Zusammenarbeit mit ihnen organisiert zu bewältigen; - die Hochschulpolitik in ihrer relativen Funktion zu erkennen und unsere Hauptarbeit den Kämpfen außerhalb der Universität zu widmen;". Die SAZ kündigt zur Unterstützung politischer Projekte die Einrichtung eines durch ihre Mitglieder finanzierten Fonds an. Senat antwortet auf Anfrage über Ulrike Meinhof Der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz und der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, antworten auf eine kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Ursula Besser (CDU) vom 17. November 1969. Frau Dr. Besser will unter anderem wissen, ob dem Senat bekannt sei, daß Frau Ulrike Meinhof in ihrer Lehrveranstaltung "Funklabor, Möglichkeiten von Agitation und Aufklärung im Hörfunk, Feature" geäußert habe, "die Lehrveranstaltung diene nicht der Ausbildung von Journalisten, die politisch gegen die Linke arbeiteten; die Ergebnisse dieser Lehrveranstaltung hätten der Agitationsarbeit zu dienen; die Teilnehmer der Lehrveranstaltung hätten Verbindung zur Roten Garde und zum Roten Spartakusbund aufzunehmen". Frau Dr. Besser fragt, was "seitens des Rektorats der FU bisher" in dieser Sache unternommen worden sei und ob der Senat billige, "daß Lehrveranstaltungen an der FU in dieser Weise umfunktioniert werden" In der Antwort wird darauf verwiesen, daß beim Präsidenten der FU auf Grund einer Protokollnotiz über diese Äußerungen ein Gespräch mit dem Direktor des Instituts für Publizistik, Professor Pross, stattgefunden habe, in dem dieser um Überprüfung der Angelegenheit gebeten worden sei. Ein Ergebnis sei dem Präsidenten der FU bisher noch nicht vorgelegt worden. Im übrigen billige der Senat die genannten Äußerungen von Frau Meinhof nicht. 4. Dezember 1969 Erster öffentlicher Habilitationsvortrag an der FU Erstmals wird gemäß den Bestimmungen des neuen Universitätsgesetzes ein Habilitationsvortrag an der Freien Universität Berlin öffentlich gehalten. Dr. Ekkehart Krippendorff spricht vor Vertretern der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät und ca. 300 Studenten über das Thema "Zur Geschichte und zur inhaltlichen Neubestimmung des Begriffs Imperialismus". Wahlen zum Institutsrat des OSI An den Wahlen zum drittelparitätisch besetzten Institutsrat des Otto-Suhr-Instituts der FU beteiligen sich nach Boykottaufruf des "Sozialistischen Arbeitskollektivs am OSI" (SAKO) nur 23,7% der Studenten. Mittelbau und Hochschullehrer nehmen zu 70-80% an der Wahl teil. Der Institutsrat bestätigt auf seiner konstituierenden Sitzung den bisherigen Vorsitzenden, Dr. Hartwich, in seinem Amt. WiSo-Fakultät fordert Eingreifen des FU-Präsidenten Unter Hinweis auf die erneute Störung der Vorlesung von Prof. Dr. Bernhard Bellinger fordert die Fakultät der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften den Präsidenten der FU auf, "geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um den geordneten Gang der akademischen Angelegenheiten wiederherzustellen". (Vgl. 11. und 24. Nov., 1. und 8. Dez. 1969) Präsident Kreibich entläßt Ordnungsbeauftragte Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, widerruft die Bestellung der drei Beauftragten für die Ordnungsverfahren an der FU. Vorausgegangen ist ein Gespräch, in dem der Präsident den Beauftragten, Oberstaatsanwalt a.D. Blaesing, Amtsgerichtsdirektor a.D. Kluger und dem Rechtsanwalt Hackenberger, nahelegt hat, von ihren Ämtern zurückzutreten. Dies wurde von den drei Beauftragten abgelehnt. Kreibich erklärt in diesem Zusammenhang, daß er die Funktion des Ordnungsausschusses politisch definiere und ihn nicht weiterhin als "Mittel der politischen Disziplinierung" an der Universität eingesetzt sehen wolle. ZDF-Magazin kritisiert Gastvorlesung von Professor Tulpanow Der Moderator des ZDF-Magazins, Gerhard Löwenthal, geht während seiner Sendung auf die Gastvorlesung des Leningrader Professors Sergej Iwanowitsch Tulpanow an der FU ein und erklärt: "Wenn heute dort der sowjetische Offizier, der der eigentliche Anlaß für die Gründung dieser Universität war, weil er nämlich die geistige Freiheit an der alten Universität Unter den Linden unterdrückte und viele von uns persönlich mit Verfolgung bedrohte, - wenn dieser Mann heute an dieser Freien Universität eine Vorlesung halten kann, dann ist das für mich einfach ein erbärmliches Schauspiel".Löwenthal spricht in diesem Zusammenhang vom Niedergang der Freien Universität, in der "Freiheit tagtäglich systematisch untergraben wird". (Vgl. 30. Nov. 1969) 5. Dezember 1969 Bild-Zeitung befürchtet Professorenflucht aus Berlin Die Berliner Ausgabe der "Bild-Zeitung" veröffentlicht einen Artikel unter der Schlagzeile "Professorenflucht aus Berlin", in dem der Historiker Prof. Dr. Hans Herzfeld zitiert wird: "Die Linksradikalen, die sich hier breitgemacht haben, vertreiben die besten Wissenschaftler. Seit der Wahl des linken Soziologie-Assistenten Kreibich zum Universitäts-Präsidenten ist eine sinnvolle wissenschaftliche Arbeit nicht mehr möglich. Die meisten Dozenten warten - sofern sie nicht schon abgewandert sind - nur darauf, daß sie eine Berufung an eine westdeutsche Universität erhalten". Namentlich werden in diesem Zusammenhang als Weggänge von der FU aufgeführt: "Ewald Harndt, Direktor der Klinik für Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten. Fritz von Bergmann, Kanzler und Chef der Wirtschaftsverwaltung der FU. Pro-Rektor Hans-Joachim Lieber. Professor Hans Hörmann, zweiter Mann im Psychologischen Institut der FU". (Vgl. 6. Dez. 1969) 6. Dezember 1969 "Tagesspiegel" widerspricht "Bild-Zeitung" "Der Tagesspiegel" veröffentlicht eine korrigierende Darstellung zu dem Artikel "Professorenflucht aus Berlin" aus der "Bild-Zeitung" vom 5. Dezember. "Der Tagesspiegel" wirft der Bildzeitung unter Hinweis auf die destruktiven Absichten einiger linksradikaler Kräfte vor, "daß diese Art von Publizistik die Universität auch zerstören kann". "Bayern-Kurier" sieht FU unter dem Diktat der Roten Zellen "Der Bayern-Kurier" berichtet unter der Überschrift "Diktat der Roten Zellen" über die Situation an der Freien Universität und den neugewählten Präsidenten Rolf Kreibich. Dok. 1006 6. und 7. Dezember 1969 APO kann sich nicht mehr einigen Auf der Arbeitskonferenz der Wochenzeitschrift "Roten Presse Korrespondenz der Studenten-, Schüler- und Arbeiterbewegung" (RPK) scheitert der Versuch einer gemeinsamen Strategie- und Organisationsdebatte der verschiedenen Gruppen und Fraktionen der Außerparlamentarischen Opposition West-Berlins. Unterschiedliche Vorstellungen über den Aufbau einer maoistischen Partei polarisieren die Arbeitskonferenz. Unter den zahlreichen Strategiepapieren, die auf der Arbeitskonferenz zur Diskussion stehen befinden sich auch Selbstdarstellungen der an der FU in den letzten Monaten gegründeten Roten Zellen Rotzjur, Rotzmed, Rotzök und Rotzeg. Dok. 1007 8. Dezember 1969 Diskussionsveranstaltung am Romanischen Seminar endet im Dissens Auf einer Diskussionsveranstaltung am Romanischen Seminar der FU verteidigen vor 400 Studenten und 20 Professoren Prof. Dr. Richard Löwenthal und Prof. Dr. Ernst Heinitz ihren Kollegen Prof. Dr. Walter Pabst gegen Vorwürfe der "Roten Zelle Romanistik". Professor Pabst habe als Journalist in der Zeit des Nationalsozialismus nicht ohne Kompromisse leben können. Professor Heinitz, der als Jude nach Italien emigrierte, bescheinigt Professor Pabst, daß dieser als Mitarbeiter des deutschen Konsuls in Florenz mitgeholfen habe, vielen Verfolgten das Leben zu retten. Fast alle anwesenden Professoren verlassen den Saal, als die "Rote Zelle Romanistik" - entgegen vorheriger Absprachen mit Präsident Kreibich - eine Resolution vorlegt, die sich gegen ein weiteres Verbleiben von Professor Pabst am Romanischen Seminar der FU wendet und die Forderung nach zwei, gemäß den Vorschlägen der Studenten zu besetzenden Assistentenstellen erhebt. Die Resolution wird von den Anwesenden nicht angenommen. Präsident Kreibich warnt die Studenten, nicht durch ihr Verhalten den Weg zu Reformen zu verschütten. Eine "emanzipatorische Reform" könne nur ohne psychische und physische Gewalt durch Aufklärung verwirklicht werden. (Vgl. 4. Dez. 1969) Professor Flechtheim tritt aus Zentralem Wahlvorstand zurück Prof. Dr. Ossip K. Flechtheim tritt als Mitglied des Zentralen Wahlvorstandes der FU zurück. Professor Flechtheim hatte gemeinsam mit mehreren Kollegen anläßlich der studentischen Aktionen gegen die Konstituierung des Übergangskonzils am 10.November eine Erklärung veröffentlicht, die die Ordnungsverfahren als Ursache der Auseinandersetzungen bezeichnet und "Untergangspropheten" im Kreis der Professoren kritisiert. Daraufhin hatte der Vertreter der Juristischen Fakultät im Zentralen Wahlvorstand, Professor Blümel, in Schreiben an den Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, und den Regierenden Bürgermeister, Klaus Schütz, gegen Professor Flechtheim den Vorwurf der Neutralitätsverletzung erhoben. FU-Präsident will an der WiSo-Fakultät vermitteln Gespräch zwischen dem Präsidenten der FU, Rolf Kreibich, dem Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Prof. Dr. Wolfram Fischer, und dem Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre, Prof. Dr. Bernhard Bellinger, über einen möglichen Abbruch der Lehrveranstaltung von Professor Bellinger. Präsident Kreibich schlägt vor, die Lehrveranstaltung bis Weihnachten auszusetzen. In dieser Zeit will der Präsident mit der Roten Zelle Ökonomie über eine Beilegung des Konfliktes diskutieren. Dekan Fischer lehnt diesen Vorschlag als unakzeptabel ab und schlägt eine öffentliche Diskussion in der Lehrveranstaltung von Professor Bellinger vor. Unterdessen dauern die Störungen von Lehrveranstaltungen an der WiSo-Fakultät unvermindert an. (Vgl. 11. und 24. Nov., 1., 4. und 16. Dez. 1969, 7. und 8. Jan. 1970) Neue Mitarbeiter im Präsidialamt Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, überträgt die Position des Universitätsdirektors und Leiters der Abteilung 1 der Universitätsverwaltung "interimistisch" dem bisherigen Oberregierungsrat beim Senator für Justiz, Detlev Borrmann. Der Jurist Dr. Klaus Warncke, bisher Regierungsassessor in der Senatsverwaltung für Finanzen, wechselt ebenfalls in diese Abteilung des Präsidialamts. Präsident Kreibich beruft neuen Ordnungsauschuß Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, beruft als Mitglieder des Ordnungsauschusses der FU Rechtsanwalt Lothar Vortisch (SPD), Rechtsanwalt Otto Schily (RC) und den ehemaligen AStA-Vorsitzenden der TU, Rainer Wethekam. In diesem Zusammenhang erklärt Präsident Kreibich, er habe die Abberufung der bisherigen Mitglieder des Ordnungsauschusses verfügt, um das auch vom Gesetzgeber angestrebte Zusammenwirken der Universitätsmitglieder dadurch zu ermöglichen, daß die "inneruniversitären Konflikte ohne die Belastungen aus der Vergangenheit gelöst werden können". Beratergremium für FU-Präsident gebildet Zehn Vertreter der Hochschulgruppen, die Präsident Kreibich gewählt haben, konstituieren sich als Beratergremium des Präsidenten. Zwei Mitglieder des Beratergremiums gehören Roten Zellen an. Dok. 1008 9. Dezember 1969 Presseberichte über FU Unter Überschriften wie "FU-Präsident zwischen den Flügeln" ("Der Tagesspiegel"), "Kreibich stand im Zielkreuz der Roten Zelle Romanistik" ("Die Welt") und "GUF gegen Rotzrom/Der Volksgerichtshof der Studenten tagt" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") berichtet die Presse über die Diskussionsveranstaltung im Romanischen Seminar vom Vortage. Dok. 1009 Die "Bild-Zeitung" veröffentlicht eine Gegendarstellung des Präsidenten der FU zu ihrem Artikel "Professorenflucht aus Berlin". (Vgl. 5. Dez. 1969) Dok. 1010 Präsident Kreibich solidarisiert sich mit griechischen Studenten Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, erklärt sich in einem Schreiben solidarisch mit dem aus Protest gegen das Militärregime in Hungerstreik getretenen Vorsitzenden der "Vereinigung griechischer Studenten und Akademiker in Berlin", Stergios Katsanides. Mit seinem Hungerstreik will Katsanides die Entscheidung des Europarates über einen Ausschluß Griechenlands beeinflussen. 10. Dezember 1969 Senat nimmt zum Mietstreik in Studentenheimen Stellung Auf eine Kleine Anfrage des Abgeordneten Dr. Klaus Riebschläger (SPD) vom 25. November zum Mieter-Streik in den vom Studentenwerk für Berlin verwalteten Studentenwohnheimen antworten Bürgermeister Kurt Neubauer und Wissenschaftssenator Professor Stein, "daß seit dem 1. Juni 1969 fast alle Studenten des Studentenwerks Charlottenburg e.V. in den Wohnheimen Siegmundshof, Eichkamp und Hardenbergstr. 34 ihren vertraglichen Mietzins nur um 30% gekürzt bezahlen, wodurch monatlich ca. 35.000 DM Mindereinnahmen entstanden sind". Der Mietstreik solle der Forderung nach "Wohngeld an alle außerhalb des Haushalts ihrer Eltern wohnenden Studenten" und nach familienunabhängiger Förderung aller Studenten Nachdruck verleihen. Der Senat erklärt, daß er für die Ziele der Studenten "Verständnis habe und sich dafür einsetze, daß er illegale Methoden aber ablehnen müsse". Kontroverse Diskussion an der WiSo-Fakultät mit Präsident Kreibich FU-Präsident Kreibich diskutiert in der Vorlesung von Professor Bellinger mit Hochschullehrern und Studenten der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Präsident Kreibich betont seine Absicht, den Konflikt an der WiSo-Fakultät auf die Ebene rationaler Auseinandersetzung zu heben und zu bereinigen. Er wolle die Studenten der "Roten Zelle Ökonomie" davon überzeugen, daß sie ihre Ziele nur durch vernunftmäßige Mittel, nicht aber durch "exemplarische Aktionen" gegen einzelne Hochschullehrer erreichen könnten. Kreibich drückt seine Überzeugung aus, daß im Lehrkörper der FU auch Marxisten vertreten sein sollten. Die Professoren der Fakultät halten die Besetzung von Stellen mit Marxisten nicht für einen Lösungsweg der aktuellen Konflikte. Präsident Kreibich sichert den Professoren der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät zu, im Falle der Erfolglosigkeit seines Gesprächs mit den Studenten der "Roten Zelle Ökonomie", für den Schutz ihrer Lehrfreiheit Sorge zu tragen. Der Dekan der WiSo-Fakultät, Prof Dr. Wolfram Fischer, wendet sich gegen die von Präsident Kreibich geäußerte Auffassung, der Lehrplan der WiSo-Fakultät sei um das Fach Politische Ökonomie ergänzungsbedürftig. Professor Fischer weist daraufhin, daß die "Rote Zelle Ökonomie" mehrfach in Flugblättern ihre Absicht bekundet habe, die bürgerliche Ökonomie zerstören zu wollen. An der Fakultät würden sich 13 Lehrveranstaltungen mit Politischer Ökonomie befassen, darunter auch seine beiden Lehrveranstaltungen, die Politische Ökonomie unter marxistischen Vorzeichen behandelten. 11. Dezember 1969 Präsident Kreibich erläutert vor FU-Kuratorium seine Vorstellungen zum Ordnungsrecht an der FU 147. Sitzung des Kuratoriums der FU. Das Kuratorium bittet Präsident Kreibich, seine Grundsatzvorstellungen zu Ordnungsverfahren zu erläutern. Kreibich betont, daß der neue Ordnungsausschuß sich strikt an die gesetzlichen Vorstellungen halten werde. Das Kuratorium beschließt, bis zum 30. Juni 1970, bis zu Bildung der im neuen Universitätsgesetz vorgesehenen Fachbereiche, nur 45% der Mittel den alten Universitätseinrichtungen freizugeben. Das Kuratorium ergänzt seinen Beschluß vom 27. November, die Verbindlichkeiten des aufgelösten AStA der FU zu übernehmen. Ausgenommen wird die Rechnung "Firma Wiener Wald GmbH" über DM 967,50. Wissenschaftssenator will Ordnungsauschuß kontrollieren Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, betont vor dem Berliner Abgeordnetenhaus, er werde genau kontrollieren, wie der neue Ordnungsauschuß der FU seine Rechte und Pflichten wahrnehmen wird. 12. Dezember 1969 Wohin soll das Institut für Perinatale Medizin ? Im Landespressedienst erscheint eine Darstellung der mit dem geplanten Institut für Perinatale Medizin zusammenhängenden Probleme. 13. Dezember 1969 Negative Sicht der Situation an der FU in der FAZ Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" bringt in ihrer Beilage eine Darstellung der Situation an der Freien Universität: "Die Berliner Universität ist unregierbar geworden/Kreibich und die Folgen", von Günther Gillessen. "Aktionsgemeinschaft für eine freie Universität" gegründet Im Dekanat des Klinikum Steglitz wird von 14 FU-Angehörigen die "Aktionsgemeinschaft für eine freie Universität" gegründet. Unter § 1 ihrer Satzung setzt sich die Aktionsgemeinschaft als Aufgaben: "1. Die Freiheit von Forschung, Lehre und Lernen zu wahren und zu fördern; 2. Die Öffentlichkeit über die Lage der Hochschulen aufzuklären; und 3. Reformen zu entwickeln und durchzusetzen, die eine freie und leistungsfähige Hochschule gewährleisten". Zu Mitgliedern des vorläufigen Vorstandes bestellt die Aktionsgemeinschaften die Professoren Ernst Büchi (Anthropologie), Jürgen Domes (Politische Wissenschaften), Peter Hanau (Jura), Georg Nicolaus Knauer (Klassische Philologie), Stanislaw Kubicki (Neurologie), Bernd Rüthers (Jura) und Otto von Simson (Kunstgeschichte). (Vgl. 9. Febr. 1970) 14. Dezember 1969 Professor von Simson vergleicht FU- Situation mit 1933 "Die Welt" berichtet, daß der Dekan der Philosophischen Fakultät der FU, Prof. Dr. Otto von Simson, zur Lage an der FU erklärt habe: "Eine vergleichbare Situation hat es in Deutschland nur 1933 gegeben". 15. Dezember 1969 FAZ befürchtet linke Unterwanderung der FU Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" veröffentlicht unter der Überschrift "Die Unterwanderung einer Fakultät/Beobachtungen aus Instituten der Freien Universität Berlin" von Günther Gillessen. Regierender Bürgermeister trifft FU-Dekane Der Regierende Bürgermeister trifft die Dekane und einen Kreis von Professoren verschiedener hochschulpolitischer Richtungen zu einem Gespräch über die Situation an der FU. Präsident Kreibich ist zu diesem Treffen nicht eingeladen. Die Dekane der FU kritisieren Präsident Kreibich Die Dekane der sechs Fakultäten der Freien Universität kritisieren in einem Offenen Brief Präsident Kreibich in seiner bisherigen Amtsführung. Der Präsident habe Professoren, gegen die eine "Denunzianten"-Kampagne der "Roten Zelle" im Gange sei, nicht hinreichend in Schutz genommen, den Ordnungsauschuß der FU "überwiegend mit Personen besetzt, die als der Außerparlamentarischen Opposition" nahestehend anzusehen seien und Störer von Lehrveranstaltungen ermuntert. Die Dekane fragen, ob Kreibich nicht selbst gegen das Gesetz verstoßen habe und seine Befugnisse als Präsident mißbrauche. Präsident Kreibich antwortet Dekanen In einer ersten Stellungnahme bezeichnet Präsident Kreibich den Brief der sechs Dekane als vorläufigen "Höhepunkt einer Kampagne", die vom Dekan der Philosophischen Fakultät, Prof. von Simson, gesteuert sei und mit dem Ziel geführt werde, die Arbeit des Präsidenten unmöglich zu machen. Hinter der Kampagne stünde eine "kleine Gruppe von Professoren", die das Hochschulgesetz ablehne und ihre Ablehnung personalisiere. "Durch diese destruktive Politik soll die Universität in eine schwierige Lage gebracht, der staatliche Eingriff provoziert und damit schließlich das Reformwerk zum Scheitern gebracht werden." Störungen am Germanischen Seminar der FU Am Germanischen Seminar der FU werden mehrere Lehrveranstaltungen von Mitgliedern der "Roten Zelle Germanistik" (Rotzeg) gestört, zwei Veranstaltungen (Prof. Dr. Schröbler und Dr. Mommsen) werden abgebrochen. Die Rotzeg hatte auf Flugblättern eine Kampfwoche angekündigt, um ihre Forderung nach Einstellung von Dr. Rothe und Dr. Kreidt durchzusetzen. Die beiden Wissenschaftler sind Mitarbeiter eines aus der "Kritischen Universität" (KU) hervorgegangenen Projektes, das sich mit materialistischer Literaturwissenschaft beschäftigt. Auf studentischen Vollversammlungen war mehrfach die Einbeziehung dieses "Fünferprojektes" in den offiziellen Lehrbetrieb gefordert worden. Am 11. Februar erteilt das Germanische Seminar der FU Dr. Kreidt und Dr. Rothe Lehraufträge. Medizinstudenten drohen mit Institutsbesetzung Eine von ca. 500 Studentinnen und Studenten besuchten Vollversammlung am Physiologisch-Chemischen Institut der FU fordert, daß zukünftig an Teilnehmer des Biochemischen Praktikums eine automatische Scheinvergabe erfolgen soll. Präsident Kreibich erklärt auf der Versammlung seine Unterstützung dieser Forderung. Die Vollversammlung kündigt für den Fall der Nichterfüllung ihrer Forderung eine Besetzung des Instituts an. Bachmann sagt im Mahler-Prozeß aus In dem Prozeß gegen Rechtsanwalt Horst Mahler im Zusammenhang mit den Ausschreitungen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke sagt als Zeuge der Verteidigung Josef Bachmann aus. Bachmann erklärt, daß er sein Bild über Rudi Dutschke aus der Lektüre der "Bild-Zeitung" und der "Welt" gewonnen habe. Als Zeugen der Verteidigung sollen in den nächsten Wochen der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz, sein Amtsvorgänger Heinrich Albertz und Verleger Axel Springer gehört werden. 16. Dezember 1969 Bildungshilfe durch FU-Studenten Unter der Überschrift "Bildungswerbung braucht ständige Bildungshilfe" berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" über die Schularbeitszirkel, die von Studenten der FU an Grund- und Hauptschulen durchgeführt werden. FU-Dekane antworten Präsident Kreibich Die sechs Dekane beschuldigen den FU-Präsidenten, die Ursache der Verwilderung an der Universität "einer Gruppe von Professoren zuzuschreiben, obwohl jedermann" wisse, daß "diese Verwilderung ein Ergebnis des Terrors der Roten Zellen" sei. (Vgl. 15. Dez. 1969) Professor von Simson weist Vorwürfe Kreibichs zurück Der Dekan der Philosophischen Fakultät der FU, Professor von Simson, weist in einer Erklärung die Vorwürfe von Präsident Kreibich zurück: "Mein Bestreben und meine Pflicht als Dekan, Hochschullehrer und Staatsbürger sind es, Gesetz und Recht im Universitätsbereich zu wahren. Wenn Herr Kreibich darin eine Beeinträchtigung seiner Tätigkeit sieht, so zeugt das von einem gebrochenen Verhältnis zum Recht." Professor von Simson schreibt, er habe niemals eine Kampagne der Dekane gegen den Präsidenten iniziiert. Präsident Kreibich sage die Unwahrheit, wenn er dies behaupte. Präsident Kreibich vermittelt bei FU-Chemikern Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, vermittelt erfolgreich bei einem Konflikt am Institut für Physiologische Chemie. Studenten forderten ultimativ die automatische Scheinvergabe an alle Teilnehmer des physiologisch-chemischen Praktikums. Bisher wurde dieses Praktikum mit einer Klausur abgeschlossen. Alle Beteiligten akzeptieren den Vorschlag des Präsidenten, daß am Ende des Praktikums die Studenten selbst entscheiden, ob sie in einer Abschlußklausur oder in einem Colloquium mit einer Gruppe von Professoren, Assistenten und Studenten ihre Kenntnisse selbst überprüfen. Erneute Störung der Vorlesung von Professor Bellinger An der WiSo-Fakultät dauern die Anfang des Wintersemesters begonnen Störungen von Lehrveranstaltungen an. Auch die Vorlesung von Prof. Dr. Bernhard Bellinger wird erneut gestört, obwohl sich Professor Bellinger bereit erklärt hat, nach einer Stunde Vorlesung eine Diskussion zuzulassen. Vertreter der "Roten Zelle Ökonomie" (Rotzök) fordern die Einrichtung und vollständige Integration von Parallelveranstaltungen zum offiziellen Lehrbetrieb. Ein Sprecher der Rotzök kündigt die Fortsetzung der Störaktionen an, wenn "die Bedürfnisse eines relevanten Teils der Studenten" nicht befriedigt würden. (Vgl. 8. Dez. 1969, 7. und 8. Jan. 1970) FU mietet Großrechenanlage Der Präsident der Freien Universität unterzeichnet in Einvernehmen mit dem Berliner Senat einen Mietvertrag für eine Großrechenanlage. Die FU wird mit dieser Anlage die Übergangszeit bis zum vollständigen Ausbau des "Großrechenzentrums Berlin" überbrücken. 17. Dezember 1969 Präsident Kreibich nimmt erneut zu den Vorwürfen der FU-Dekane Stellung Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, antwortet in einem zweiten ausführlichen Schreiben auf die Vorwürfe der Dekane der FU. Kreibich bedauert, daß die hochschulpolitische Kampagne, die gegen ihn seit Übernahme seiner Amtsgeschäfte geführt werde, auch von den Dekanen "mitgeschürt" worden sei. Er habe sich "ununterbrochen um vermittelnde Gespräche bemüht" und wünsche eine Zusammenarbeit mit den Hochschullehrern, da eine Reform der Universität ohne Mitarbeit der Professoren illusorisch bleiben müsse. Kreibich wiederholt seine Kritik am Dekan der Philosophischen Fakultät, Professor von Simson, der mehrfach versucht habe, eine Situation herbeizuführen, die den Präsidenten der FU vor die Entscheidung zwischen Polizeieinsatz und der Einstellung wichtiger Funktionen des Universitätsbetriebes stellen sollten. Ein Polizeieinsatz sei angesichts seiner "unabsehbaren Folgen nur bei akuter physischer Bedrohung oder Sachbeschädigung" zu rechtfertigen. Präsident Kreibich für Polizeieinsatz bei Sachbeschädigungen und Tätlichkeiten Vor der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät erklärt FU-Präsident Kreibich, daß die Polizei bei Demonstrationen auf dem Campus mit allen angemessenen Mitteln durchgreifen soll, falls Sachbeschädigungen erfolgen oder die Gefahr von tätlichen Angriffen auf Personen besteht. Wenn in solchen Situationen der Präsident nicht erreichbar sein sollte, könnten Dekane bzw. Institutsdirektoren selbst die Polizei anfordern. Philosophische Fakultät stützt ihren Dekan Die Philosophische Fakultät der FU spricht ihrem Dekan, Professor Otto von Simson - noch bevor Präsident Kreibich erscheint, um seine Vorwürfen gegen Professor von Simson zu begründen - mit Mehrheit das Vertrauen aus. Die Angriffe gegen den Dekan werden als "unbegründet" zurückgewiesen. Abgelehnt wird ein Antrag, auch denjenigen das Vertrauen auszusprechen, die die Reform der Universität im Rahmen des Universitätsgesetzes zu verwirklichen suchten. (Vgl. 14. und 20. Febr. 1970) 18. Dezember 1969 Vorlesungsstörungen bei Germanisten und an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät Die Vorlesungsstörungen an der WiSo-Fakultät und am Germanischen Seminar der FU dauern an. (Vgl. 11. und 24. Nov., 1.,8.,10. und 15. Dez. 1969) Professor Wesel wird FU-Vizepräsident Der 36jährige Ordinarius für Rechtsgeschichte und Bürgerliches Recht, Prof. Dr. Uwe Wesel, wird vom Übergangskonzil mit 57 gegen 18 Stimmen zum Vizepräsidenten der FU gewählt. 20 der 31 anwesenden Professoren verlassen während der Abstimmung den Saal, um zu demonstrieren, daß Professor Wesel nicht das Vertrauen der Mehrheit der Hochschullehrer besitzt. Wahlen zum Akademischen Senat und Kuratorium der FU Bei den Wahlen zum Akademischen Senat fallen 13 Sitze an Kandidaten, die eine kritische Position gegenüber Präsident Kreibich beziehen, neun Sitze an Unterstützer des Präsidenten und zwei Sitze an Vertreter einer mittleren Position. Bei den Wahlen zum Kuratorium der FU ergibt sich eine Mehrheit für die Vertreter der Reformkoalition des Präsidenten. Abgeordnetenhaus verabschiedet Wissenschaftsetat Das Abgeordnetenhaus von Berlin verabschiedet gegen die Stimmen der CDU den Etat der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Kunst. Von den vorgesehenen Ausgaben von ca. 585 Millionen DM erhält die FU 208 Millionen DM. Im Verlauf der Debatte erklärt der CDU-Vorsitzende Peter Lorenz, daß sich mit seiner Partei auch viele Berliner Sorgen machten, ob die hohen finanziellen Mittel, die aus Steuermitteln der Freien Universität zugeteilt würden, nicht im steigendem Maße dazu benutzt würden, gegen die Demokratie gerichtete wissenschaftsfremde Tätigkeiten zu finanzieren. Lorenz verweist auf die Tätigkeit der "Roten Zellen", die ihre Aktionen an der FU "in bester nationalsozialistischer und stalinistischer" Tradition durchführten, um Angehörige des Lehrkörpers öffentlich zu demütigen und zur Aufgabe ihrer Lehrtätigkeit bzw. zum Weggang von der FU zu zwingen. In ganzen Fachbereichen der Freien Universität herrsche totalitärer Geist und könnten totalitäre Methoden "praktisch ungehindert" angewendet werden. Die Wahl des Universitätspräsidenten Kreibich und seine bishe rige Tätigkeit seien in keiner Weise geeignet, diese Besorgnis zu vermindern. In seiner Replik stellt sich der Senator für Wissenschaft und Kunst, Professor Stein, vor den Präsidenten der FU, den er wegen seines Engagements lobt. Die Universität sei Gegenstand "ernstester Sorge". Die Ausgangslage habe sich jedoch durch das Hochschulgesetz verbessert. Der SPD-Abgeordnete Heymann erklärt, daß seine Partei im Prinzip zu einer Novellierung des Universitäts-gesetzes bereit sei, zunächst komme es jedoch darauf an, das bestehende Gesetz zu realisieren. 19. Dezember 1969 Presseberichte zur Situation an der FU Im "Handelsblatt" erscheint ein Situationsbericht von Ilse Reutter: "Ein neues Lehrstück aus Berlin/Bewährungsprobe für Kreibich - an der Freien Universität wird jetzt offen gekämpft". Es werden "zum Zerreißen angespannte Nerven und dementsprechend 'unkontrollierte' Reaktionen aller Beteiligten" konstatiert. Präsident Kreibich habe "sich bisher nicht zu voreiligen Handlungen hinreißen lassen" und "Mut und Gelassenheit" gezeigt. In der Zeitschrift "Volkswirt" wird unter der Überschrift "Rote Uni West-Berlin" über "aktuelle Eindrücke und Erfahrungen 'vor Ort'"berichtet. Präsident Kreibich werden in dem Artikel wenig Chancen eingeräumt, die Probleme an der FU zu bewältigen. Im Zentrum der Auseinandersetzung zwischen dem Präsidenten und "reformwilligen Professoren" stehe die Frage, "ob an der Freien Universität der Zukunft in den Geisteswissenschaften auch noch andere als marxistische Gedanken geduldet werden". 21. Dezember 1969 Präsident Kreibich plädiert für starke Autonomie der Fachbereiche Im "Telegraf" erscheint ein Interview mit dem Präsidenten der FU, Rolf Kreibich. Kreibich spricht sich für eine weitgehende Autonomie der geplanten Fachbereiche und wissenschaftlichen Einrichtungen aus. Der Präsident habe "vor allem eine koordinative Aufgabe" und müsse "Hilfestellung bei der Durchführung" von inhaltlichen Reformen in Studien- und Wissenschaftsplanung leisten. Wissenschaftliche Mitarbeiter kritisieren FU-Dekane 217 Wissenschaftliche Mitarbeiter der FU wenden sich gegen die Erklärung der 6 Dekane und unterstützen Präsident Kreibich. Sie kritisieren "mit Schärfe eine Tendenz, wie sie als der leicht durchschaubare Teil einer Politik der Prophezeiung, die sich selbst miterfüllt", in dem Schreiben der Dekane zum Ausdruck komme. Zurückgewiesen wird auch die Behauptung der Dekane, an der FU sei gegenwärtig die Lehr- und Forschungsfreiheit bedroht. Die Schreiben der Dekane müßten den Eindruck erwecken, daß die Mehrheit der Hochschullehrer die Bedingungen nicht wünsche, die allein Lehr- und Forschungsfreiheit aufrechterhalten könnten, nämlich umfassende und durchgreifende Reformen. Die unterzeichnenden Wissenschaftlichen Mitarbeiter erklären außerdem, daß zur Zeit der Lehrbetrieb nachweislich in geringerem Maße behindert sei als in den vergangenen Semestern und daß von der Universitätsspitze erstmals unausgesetzte Anstrengungen unternommen würden, Konflikte abzubauen und die Reformtendenzen durchzusetzen. 24. Dezember 1969 FU als böhmisches Dorf in Berlin "Christ und Welt" veröffentlicht einen Artikel von Prof. Dr. Peter Wapnewski "Ein böhmisches Dorf in Berlin/Was geschah in der FU - Beim Nachdenken über eine Deutsche Universität". 26. Dezember 1969 Drohbrief gegen Berufungskandidat am Romanischen Seminar Die "Deutschen Nachrichten" veröffentlichen einen Brief, der anonym an einen Berufungskandidaten für einen Lehrstuhl am Romanischen Seminar der FU gesandt wurde. In dem Brief wird der Professor aufgefordert, sich vor dem Eintritt in Berufungsverhandlungen einer Diskussion mit Studenten zu stellen. "Die sich anschließende Diskussion wird dann zeigen, ob wir zustimmen können, daß Sie den Lehrstuhl erhalten (...) Sollten Sie nicht zu einer Diskussion mit allen Beteiligten bereit sein, können wir Ihnen nur raten, jeden Gedanken an eine Tätigkeit in Berlin sofort aufzugeben." Der Drohrief ist mit "Roter Traktor Westberlin" unterzeichnet. Erneute Anfrage zur Lehrveranstaltung von Ulrike Meinhof Bürgermeister und Innensenator Kurt Neubauer und der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, antworten für den Senat auf eine erneute Anfrage der Abgeordneten Dr. Ursula Besser (CDU) bezüglich der Lehrveranstaltung von Frau Ulrike Meinhof, daß der Direktor des Instituts für Publizistik, Prof. Dr. Harry Pross, sich nach einem Gespräch mit Frau Meinhof abschließend zu den Vorwürfen geäußert habe. Es lägen keine Anhaltspunkte dafür vor, daß Frau Meinhof die Treue zur Verfassung nicht einhalte. Im übrigen sei es Angelegenheit der Fakultät, darüber zu entscheiden, ob im Sommersemester 1970 erneut ein Lehrauftrag an Frau Meinhof erteilt werde oder nicht. 28. Dezember 1969 Strategiediskussion über Pressepolitik des FU-Präsidalamtes Mitglieder des Beraterkreises von Präsident Kreibich diskutieren die Öffentlichkeitsarbeit des Präsidialamtes. Es wird eine offensive Pressepolitik gegenüber den konservativen Kritikern empfohlen. Eine Fixierung der Selbstdarstellung des Präsidialamtes auf die Person Kreibichs sei zu vermeiden. Der Präsident solle in der Öffentlichkeit als Vertreter der Reformfraktion auftreten. Dok. 1011 31. Dezember 1969 Gegendarstellung aus der Philosophischen Fakultät in der FAZ Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" veröffentlicht eine Gegendarstellung der Geschäftsführenden Direktoren des Germanischen Seminars der FU, Professor Heinrichs, des Philosophischen Seminars der FU, Dr. Krausser, des Psychologischen Instituts der FU, Professor Jäger, und des Publizistischen Instituts der FU, Professor Pross, zu dem Artikel von Günther Gillessen, "Die Unterwanderung einer Fakultät". (Vgl. 15. Dez. 1969) 1. Januar 1970 Presseberichte zur Situation an der FU "Der Sozialdemokrat" bringt unter der Überschrift "Kreibichs Wahl zum Universitätspräsidenten: knallharter Kämpfer" eine Darstellung der Situation an der FU von Jürgen Mensendiek. Die Wahl Von Rolf Kreibich zum Universitätspräsidenten wird als Erfolg der Assistentenschaft und als Anzeichen dafür gewertet, daß "die Stunde der jungen hochschulpolitischen Manager geschlagen" habe. "Das Deutsche Monatsblatt" veröffentlicht die Kleine Anfrage im Berliner Abgeordnetenhaus von Frau Dr. Ursula Besser zur Lehrveranstaltung von Frau Ulrike Meinhof an der FU und die Antwort des Senats. (Vgl. 3. Dez. 1969) Diese Anfrage gebe einen besseren Einblick in die Verhältnisse der Freien Universität als alle Artikel, resümiert die Zeitschrift. 6. Januar 1970 Streik der Assistenten bei Chemikern und Pharmazeuten 36 ehemalige wissenschaftliche Hilfsassistenten der Chemischen Institute der FU treten in einen unbefristeten Streik, dem sich die ehemaligen wissenschaftlichen Hilfsassistenten des Pharmazeutischen Instituts der FU anschließen. Die ehemaligen wissenschaftlichen Hilfsassistenten fordern eine bessere Bezahlung sowie die Möglichkeit, ein Drittel ihrer bezahlten Arbeitszeit für eigene wissenschaftliche Arbeiten verwenden zu können. Mit diesen Forderungen soll eine Angleichung ihrer Position an die der Vollassistenten erreicht werden. Ein Sprecher der wissenschaftlichen Hilfsassistenten gibt bekannt, daß die Verhandlungen mit der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Kunst und der Kuratorialverwaltung bisher erfolglos verlaufen seien. Streik der Professoren an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät nach Vorlesungsstörung An der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU bricht der Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre, Prof. Dr. Bernhard Bellinger, nach Störungen durch Mitglieder der "Roten Zelle Ökonomie" seine Vorlesung ab. Sprecher der Rotzök fordern in der Lehrveranstaltung die Rücknahme der von Professor Bellinger eingeleiteten Strafverfahren und die Einstellung eines Tutors, der über Kenntnisse der marxistischen politischen Ökonomie verfügt. Der Vizepräsident der FU, Prof. Dr. Uwe Wesel, der in der Vorlesung von Professor Bellinger anwesend ist, bezeichnet nach Abbruch der Veranstaltung die Forderungen der Studenten als "berechtigt und logisch". Das Anliegen der Studenten habe in direktem Zusammenhang mit der Vorlesung gestanden. Nach Aussagen von Dekan Fischer sei die Tutorenstelle finanziell gesichert. Die Anstellungsordnung und die personelle Besetzung des Lehrstuhls von Professor Bellinger würden eine Zuordnung des Tutoriums nicht erlauben. 28 von 30 Hochschullehrern der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU kündigen aus Protest gegen die erneute Störung der Vorlesung von Professor Bellinger die Einstellung ihrer Lehrveranstaltung für den Zeitraum einer Woche an. FU-Präsident erläutert Organisation des Präsidialamts Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, erläutert auf einer Pressekonferenz sein Konzept für einen Mitarbeiterstab in der Präsidialverwaltung. Präsident Kreibich plant die Einrichtung von vier Hauptstabsstellen, denen folgende Aufgabengebiete zugeordnet werden: 1. Prognostik, 2. Hochschulorganisation und Planung, 3. Hochschulpolitik und 4. Studentische Angelegenheiten. Das Kuratorium der FU habe bereits zwei Hauptstabsstellen und die Stelle eines Referenten für Pressewesen genehmigt. Die Stabsstelle für Hochschulpolitik sei an Diplomkaufmann Michael Höbich, bisher Assistent des Instituts für Soziologie der FU, die Stelle für Presseangelegenheiten an den früheren studentischen Senatssprecher der FU, Peter Dehn, vergeben worden. Die Position des Universitätsdirektors und Leiters der Abteilung 1 der Universitätsverwaltung wird "interimistisch" dem bisherigen Oberregierungsrat beim Senator für Justiz, Detlef Borrmann, übertragen. Der Jurist Dr. Klaus Warncke, bisher Regierungsassessor in der Senatsverwaltung für Finanzen, wechselt ebenfalls in diese Abteilung des Präsidialamtes. 7. Januar 1970 Konstituierung des Akademischen Senats Unter Vorsitz des Präsidenten der FU, Rolf Kreibich, findet die konstituierende Sitzung des Akademischen Senats der FU statt. Dem Akademischen Senat gehören nach dem neuen Universitätsgesetz elf Hochschullehrer, sechs Wissenschaftliche Mitarbeiter, fünf Studenten und zwei Dienstkräfte an. Mit knapper Stimmenmehrheit von jeweils 13 Stimmen werden Prof. Dr. med. Helmut Coper, Prof. Dr. jur. Bernd Rüthers und Dr. math. nat. Heinz Knoll in das Kuratorium der FU gewählt. FU-Präsident kritisiert WiSo-Professoren Präsident Kreibich weist in einer Presserklärung jegliche Verantwortung für die erneute Zuspitzung der Lage an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät zurück. Dieser in der Erklärung der streikenden Hochschullehrer enthaltene Vorwurf treffe auf jene Professoren zu, "die rational begründete Forderungen offenbar nur deshalb nicht erfüllen, um die Verwirklichung des Reformwerkes zu verhindern". Die Einstellung der Lehrtätigkeit durch 28 Professoren stehe in keinem Verhältnis zu dem Anlaß. Nach ersten Ermittlungen des Präsidialamtes handele es sich bei den Vorgängen in der Vorlesung von Professor Bellinger nicht um eine Störung. Vielmehr seien "von Studenten Fragen zu der Einrichtung eines neuen Tutoriums am Institut für Bank- und Kreditwirtschaft, dessen Direktor Professor Bellinger ist, gestellt" worden. Professor Bellinger habe die Einrichtung dieses Tutoriums verzögert, obwohl die sachlichen und finanziellen Voraussetzungen bereits vorhanden seien. Zwar seien die Fragen an Professor Bellinger "teilweise in unangemessener Form gestellt" worden, der Abbruch der Vorlesung könne jedoch nicht als "adäquate Reaktion bezeichnet werden". 8. Januar 1970 Pressekonferenz des FU-Präsidenten zum WiSo-Konflikt Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, nimmt am Nachmittag vor Pressevertretern erneut zur Situation an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät Stellung. Er mißbilligt die Art der Auseinandersetzung und das Vorgehen der Studenten insbesondere während der Vorlesung von Professor Bellinger am 6. Januar, hält aber die Reaktion der Hochschullehrer für nicht angemessen. Kreibich bekräftigt seine Auffassung, daß die bisher an der FU gelehrte Betriebswirtschaftslehre nicht den Ansprüchen einer modernen Universität genüge und erklärt: "Ich finde es durchaus vertretbar, wenn sich Studenten für einen ihren Bedürfnissen stärker angepassten Lehrbetrieb einsetzen und die Einrichtung eines weiteren Tutoriums fordern". Bürgermeister Schütz bedauert Vorgehen der WiSo-Professoren Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz, bedauert in einer Stellungnahme das Vorgehen der Professoren der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät und weist darauf hin, daß man sich früher in ähnlichen Situationen auch auf eine Aufrechterhaltung des Lehrangebots habe einigen können. 9. Januar 1970 FU-Präsident verhandelt mit streikenden Professoren Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der FU berät auf Wunsch von Präsident Kreibich über die Störung von Lehrveranstaltungen durch die "Rote Zelle Ökonomie" und die einwöchige Einstellung des Lehrbetriebs durch 28 Professoren der Fakultät. An der Fakultätssitzung nehmen Präsident Kreibich und einige seiner Berater teil. Präsident Kreibich appelliert an die Studentenvertreter, einzusehen, daß bestimmte Formen der jüngsten Diskussionen den zumutbaren Umfang einer psychischen Belastung für einen Hochschullehrer überschreiten könnten. Erneut kritisiert der Präsident die Reaktion der Hochschullehrer als überzogen. Der Präsident unterbreitet der Fakultät einen Kompromißvorschlag, der die Schaffung von vier zusätzlichen Tutorenstellen bis zum 19. Januar vorsieht. Die Hochschullehrer sollen am Montag, dem 12. Januar, ihre Lehrveranstaltungen wieder aufnehmen. Präsident Kreibich betont, daß im Falle erneuter Störungen die Anforderung von Polizeischutz für die entsprechenden Lehrveranstaltungen unumgänglich sei und richtet "die dringende Bitte an Dozenten und Studenten, alles zu tun, um zu verhindern, daß an dieser Universität nur noch unter Polizeischutz der Lehrbetrieb aufrechterhalten werden kann". In seiner Entgegnung begründet der Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Prof. Dr. Wolfram Fischer, die Einstellung des Lehrbetriebs durch 28 Hochschullehrer und weist darauf hin, daß nur aus Rücksichtnahme auf die Einarbeitungszeit des Präsidenten nicht schon im Dezember reagiert worden sei. Er selbst habe auf Grund von Gesprächen, die er mit dem Präsidenten geführt habe, erwartet, "daß nach Weihnachten nicht mehr diskutiert wird, sondern Maßnahmen ergriffen werden". Dekan Fischer bietet an, daß, falls die Vorlesung von Professor Bellinger am 13. Januar ungestört verlaufe, die Hochschullehrer am kommenden Tag ihre Lehrveranstaltungen wieder aufnehmen. Er fordert von der "Roten Zelle Ökonomie" eine Garantieerklärung für den ungestörten Ablauf des Lehrbetriebs. Die Wiederaufnahme des Lehrbetriebs bereits am 12. Januar lehnt Dekan Fischer hingegen ab. Zunächst müsse Professor Bellinger und allen Hochschullehrern wieder zumutbar gemacht werden, an dieser Universität zu lehren. Die Mehrheit der Professoren der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät ist mit der Haltung des Präsidenten der FU unzufrieden. Professor Arndt interpretiert die Auseinandersetzung mit der "Roten Zelle Ökonomie" als einen Machtkampf, der von der Rotzök mit dem Ziel geführt werde, die Macht der Ordinarien durch die Macht einer kleinen Studentengruppe zu ersetzen. Mehrere Hochschullehrer fordern in ihren Diskussionsbeiträgen den Präsidenten auf, zukünftig den Schutz vor weiteren Nötigungen und strafbaren Handlungen zu gewährleisten. FDP gegen Professorenstreik Hermann Oxfort bezeichnet im Namen der Berliner FDP den Streik der Professoren an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU als unzulässig und fordert die sofortige Wiederaufnahme der Lehrtätigkeit. Die FDP äußert die Befürchtung, der Streik der 28 Hochschullehrer unterstütze den Versuch gewisser Kreise, insbesondere der CDU, "die Universitätsreform zu Fall zu bringen". Den Extremisten sollte durch die Beseitigung von Mißständen, nicht aber durch Vorlesungsstreiks begegnet werden. Ein "Verband demokratischer Hochschulgruppen" (VdH) wird in Berlin mit dem Ziel gegründet, passive Studenten politisch zu aktivieren und zur Teilnahme am Willensbildungs- und Entscheidungsprozeß in den Universitäten zu mobilisieren. Der VdH setzt sich aus Mitgliedern der "Aktion demokratisches Otto-Suhr-Institut" (ADO), der "demokratischen Alternative" (DA) an der TU, der Juristischen Fachschaft der FU, der Evangelischen Studentengemeinde (ESG) und der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) zusammen. 10. Januar 1970 Professor Baring protestiert gegen Prüfungsverfahren am OSI Professor Arnulf Baring hat aus Protest gegen die Prüfungsverfahren am Otto-Suhr Institut seine Mitwirkung an Hochschulprüfungen eingestellt. Wie "Die Welt" berichtet, halte Professor Baring die gegenwärtigen Prüfungen für "eine Farce". In einem Schreiben an den Geschäftsführenden Direktor des Otto-Suhr-Instituts der FU, Prof. Dr. Gert von Eynern, kritisiert Professor Baring die gegenwärtige Prüfungsordnung des OSI und bezeichnet die zur Zeit praktizierten Prüfungsverfahren als "verhängnisvollen Fehler", die "dem Gedanken jeder Prüfungsgerechtigkeit Hohn sprechen". Nach Ansicht Professor Barings legen die Prüfungskandidaten praktisch die Diplomrahmenthemen selbst fest. Es gebe Anzeichen dafür, daß den Kandidaten die Klausurthemen "offenbar lange vor den Prüfungsterminen bekannt werden". "Darüberhinaus neigen einige Prüfer, vom Unsinn des Prüfens im allgemeinen und dieser Prüfungsordnung im besonderen überzeugt, ohne Ansehen der Person zu guten und sehr guten Zensuren, um auf diese Weise das Prüfungssystem ad absurdum zu führen und zu unterlaufen." Dies habe dazu geführt, daß eine Verschlechterung der Prüfungsleistung bei gleichzeitiger beträchtlicher Verbesserung der Benotung zu verzeichnen sei. In seinem Antwortschreiben wirft von Eynern Professor Baring "erstaunliches Unverständnis" für die Probleme am Otto-Suhr-Institut vor. In einer Zeit, in der "der Wert kollektiven Arbeitens" erkannt worden sei, sei es selbstverständlich, daß auch am OSI hierzu partielle Experimente stattfinden müßten. "Selbstverständlich werden auch die Prüfungsdinge von den revolutionären Studentengruppe mißbraucht". Dies sei aber eine unvermeidliche Begleiterscheinung jeglicher Reform. "Was bisher im OSI vorgesehen ist, hält sich im Rahmen des Sinnvollen und rechtlich Zulässigen." Anstatt innerhalb des OSI zu diskutieren, kleide Professor Baring seine Kritik "ins Gewand juristischer Argumente" und melde sie "nach oben". Dies sei in seinen Augen unverantwortlich. WiSo-Assistenten kritisieren Professoren und Rotzök Der Assistentenrat an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU fordert die Hochschullehrer auf, ihren Proteststreik gegen die Störung von Lehrveranstaltungen abzubrechen. Der Assistentenrat fordert die Bereitstellung weiterer Tutoren- und sonstiger Planstellen besonders für die Betriebswirtschaftslehre, um so eine kritische Analyse des Lehrangebots zu gewährleisten. Der Assistentenrat hält die Einstellung des Lehrbetriebs "bei allem Verständnis" für eine zu scharfe Reaktion. Zugleich kritisiert er das Vorgehen der "Roten Zelle Ökonomie", die "ihre ideologischen Ziele in einer unangemessenen Weise durchzusetzen versucht". CDU-Vorsitzender Lorenz unterstützt WiSo-Professoren Der Landesvorsitzende der Berliner CDU, Peter Lorenz, weist energisch die Äußerung des Landesvorsitzenden der FDP, Hermann Oxfort, vom 9. Januar zurück. Der FDP-Vorsitzende habe die Hintergründe der Auseinandersetzung an der Freien Universität nicht begriffen und erkläre die Opfer zu Schuldigen. Das Ziel der "Roten Zelle Ökonomie" sei nicht nur, durch pseudorevolutionäre Rhetorik in Verbindung mit Gewalt Einfluß auf die Berufungspolitik zu nehmen, sondern eine marxistische Universität zu errichten. Oxfort müsse als Jurist wissen, daß es sich bei diesen Vorgängen um Nötigung und strafbare Handlungen handele. Die Äußerungen Präsident Kreibichs zeigten, daß er diese Entwicklung unter dem Vorwand des Pluralismus stütze. Für die Zustände an der FU seien die SPD und der Universitätspräsident verantwortlich, die sich noch immer weigerten, wirkungsvolle Maßnahmen zur Sicherung und Aufrechterhaltung der Freiheit von Forschung und Lehre zu ergreifen. Wissenschaftssenator unterstützt FU-Präsidenten Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, stellt sich in einer Erklärung hinter den Präsidenten der FU. Er halte es zur Zeit nicht für sinnvoll, der Universität Lösungen aufzudrängen, solange die Hoffnung bestehe, daß die Universität ihre Probleme selbst lösen könne. Polizeischutz für Vorlesungen könne keine Dauereinrichtung sein, die Polizei könne nur die äußere Ordnung herstellen und nicht die Lösung inneruniversitärer Konflikte herbeiführen. Er werde erst dann intervenieren, wenn der Präsident der FU keine geeigneten Maßnahmen ergreife. Senator Stein hält die Forderungen der linken Studenten nach Einrichtung neuer Tutorenstellen für sinnvoll. Die Tutorenstellen müßten nicht einem Professor, sondern könnten dem jeweiligen Fachbereich zugeordnet werden. 12. Januar 1970 Dekane der FU fordern staatliche Rechtsaufsicht Die sechs Dekane der Freien Universität Berlin ersuchen in einem Schreiben an den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz, und den Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, um ein Eingreifen des Senats an der FU. Der Universitätspräsident habe sich durch sein Verhalten bei mehreren schweren Rechtsbrüchen nicht in der Lage gezeigt, die Lehr- und Lernfreiheit aufrechtzuerhalten. In einem weiteren Schreiben wenden sich die sechs Dekane direkt an Präsident Kreibich und kritisieren die Art seiner Intervention am Romanischen Seminar und der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät sowie die Besetzung des Ordnungsauschusses mit Personen, die "als der APO nahestehend gelten". Präsident Kreibich habe rechtswidrige Angriffe auf Professoren nicht zurückgewiesen und "die terroristischen Störer" der Lehrveranstaltung von Professor Bellinger ermuntert. Die Dekane kündigen die Veröffentlichung ihrer beiden Schreiben an. Dok. Senat nimmt zur Raumvergabe an FU und TU Stellung Der Senator für Inneres, Bürgermeister Kurt Neubauer, und der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, antworten auf eine Kleine Anfrage des SPD-Abgeordneten Eberhard Hesse, daß der Präsident der Technischen Universität in Zukunft nur noch Räume an Veranstalter vergeben werde, die die volle Verantwortung für den Ablauf der Veranstaltung übernähmen und garantierten, daß die Veranstaltung ausschließlich der politischen Bildungsarbeit der Studenten diene. Die Veranstalter müßten sich verpflichten, die Veranstaltung sofort aufzulösen, wenn in ihrem Verlauf zu strafbaren Handlungen aufgerufen werden sollte. Bei Verstößen werde der Präsident der TU dem gleichen Veranstalter keine Räume mehr zur Verfügung stellen. Tutorium an der WiSo-Fakultät beschlossen Der Tutorenauschuß der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU beschließt die Einrichtung eines Tutoriums "Ideengeschichte der sozialen Bewegung". Das Tutorium wird keinem Professor zugeordnet. (Vgl. 19. Jan. 1970) 13. Januar 1970 Akademischer Senat entspricht nicht den Vorschlägen von Präsident Kreibich In einer außerordentlichen Sitzung stimmt der Akademische Senat der FU mit 13 zu 11 Stimmen gegen den von Präsident Kreibich vorgeschlagenen Vorsitzenden der Kommission für Entwicklungsplanung Prof. Dr. Hans-Peter Dreitzel. Daraufhin zieht Präsident Kreibich seine Vorschlagsliste für die übrigen Mitglieder der Kommission zurück. Ein ad hoc-Ausschuß soll bis zur nächsten Senatssitzung die sachlichen Prioritäten festlegen und bestimmen, "für welche Aufgaben ein Sachverständiger in der Kommission vertreten sein" müsse. Der Ausschuß soll auf dieser Grundlage Übereinstimmung für eine Vorschlagsliste erzielen. Mitglieder des Ausschusses sind Präsident Kreibich, die Professoren Theis, Lax, Nipperdey, Dreitzel und Schwan sowie die Herren Jannsen, Kremendahl und Havlicek. 14. Januar 1970 Dekan Fischer begründet Streik an der WiSo-Fakultät Der Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Prof. Dr. Wolfram Fischer, begründet in einem Schreiben an den Regierenden Bürgermeister Klaus Schütz den Vorlesungsstreik von 28 Professoren seiner Fakultät. Dekan Fischer erinnert daran, daß Präsident Kreibich den Studenten von Professor Bellinger einen ungestörten Lehrbetrieb von Januar an garantiert und für den Fall erneuter Störung Polizeischutz versprochen habe. Die Störungen seien jedoch nach den Weihnachtsferien fortgesetzt worden, ohne daß der Präsident seine angekündigten Maßnahmen verwirklicht habe. Der Regierende Bürgermeister könne davon ausgehen, daß "unsere Loyalität zu Universitätsgesetz und Reform selbstverständlich ist. Dazu benötigen wir jedoch auch die Loyalität des Präsidenten gegen über den Hochschullehrern". Auf einer Sondersitzung der Fakultätsvertretung habe der Präsident der FU den nötigen Schutz für Lehrveranstaltungen nur vage und für später zugesagt, falls es die politische Klugheit erlaube. Daher hätten sich die Hochschullehrer außerstande gesehen, ihre Lehrveranstaltungen noch vor Ablauf ihres befristeten Streiks wiederaufzunehmen. Vollversammlung an der WiSo-Fakultät Vor 600 Teilnehmern der Vollversammlung an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät nimmt Präsident Kreibich zu den Vorwürfen der 28 Hochschullehrer, die in den Vorlesungsstreik getreten sind, Stellung und bekräftigt erneut, daß er dieses Vorgehen für falsch halte. Zugleich mißbilligt der Präsident die Vorlesungsstörungen durch die "Rote Zelle Ökonomie", lehnt jedoch einen Polizeieinsatz ab, da das Vorgehen der Rotzök nicht den Tatbestand der Beschädigung von Sachgütern bzw. psychischer oder physischer Terrormaßnahmen erfülle. Der Präsident betont, daß es sein Ziel sei, die Diskussion an der Universität in rationale Bahnen zu lenken. Er würde seine Präsidentschaft als gescheitert betrachten, wenn dies nicht gelänge. Der Sprecher der Assistenten der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Dr. Peter Neve, der auch dem Beraterkreis von Präsident Kreibich angehört, hält eine harte Auseinandersetzung mit der "Roten Zelle Ökonomie" für notwendig. Wenn man allerdings der Rotzök gegenübertreten wolle, müsse man wissen, was man gegen ihre Angriffe verteidigen wolle. Die Fakultät sei in ihrem augenblicklichen Zustand nicht verteidigungswürdig. Neve plädiert für ein pluralistisches Wissenschaftsangebot, das den Studenten die verschiedenen Positionen präsentiert. Für die "Rote Zelle Ökonomie" erklärt Rolf Rosenbrock, daß es nicht das Ziel der Gruppe sei, den Lehrbetrieb lahmzulegen, sondern durch marxistische Parallelveranstaltungen die Interessen eines Teils der Studenten an der Fakultät zu verwirklichen. Die Rote Zelle fordere weiterhin vier Tutorien, da ihr Gesamtkonzept nur durch vier Tutorien mit sechs Themenbereichen zu verwirklichen sei. Eine von der Rotzök vorgeschlagene Resolution wird verabschiedet, in der die Offenlegung des Stellenplans der Fakultät, die Autonomie des Tutorenausschusses, die Drittelparität der Berufungskommissionen und die sofortige Besetzung von vier Tutorenstellen für marxistische Ökonomie gefordert werden. 15. Januar 1970 Ende des Streiks an der WiSo-Fakultät An der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU endet der Streik von 28 Hochschullehrern. Der Lehrbetrieb wird in vollem Umfang wiederaufgenommen. Hochschullehrer gründen "Aktionsgruppe" an der FU Mehr als 70 Hochschullehrer der FU gründen eine "Aktionsgruppe", die in einer Stellungnahme alle Hochschullehrer auffordert, die vermittelnden Aktivitäten des Universitätspräsidenten zu unterstützen. Kritisiert wird der Vorlesungstreik der 28 Professoren der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Dieser Streik diene dazu, den Präsidenten der FU in Schwierigkeiten zu bringen und reaktionäre Ziele an der Universität zu fördern. "Wenn sachlich begründete Reformvorschläge zu Nötigungsversuchen mißbraucht worden sind, ist das kein Argument gegen ihre Realisierung", heißt es in Stellungnahme der "Aktionsgruppe". FU-Präsident empfängt Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Präsident Kreibich trifft zu einem Meinungsaustausch mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Berlin, Heinz Galinski, zusammen. Der FU-Präsident betont, daß er fest entschlossen sei, in seinem Zuständigkeitsbereich antisemitischen Tendenzen entgegenzuwirken. 16. Januar 1970 Chemie-Hilfsassistenten setzen Streik aus Die ehemaligen Wissenschaftlichen Hilfsassistenten der Chemischen Institute und des Instituts für Pharmazie der FU setzen ihren am 6. Januar begonnen unbefristeten Streik aus, nachdem der Präsident der FU, Rolf Kreibich, zugesichert hat, die Forderungen der Hilfsassistenten im Kuratorium der FU auf die Tagesordnung zu setzen. Kritik am Ersuchen der FU-Dekane nach Rechtsaufsicht Der "Ring Christlich Demokratischer Studenten" (RCDS) sieht in dem Ersuchen der sechs Dekane der FU nach einem Eingreifen des Senats einen "untauglichen Versuch", die Probleme an der Freien Universität und insbesondere an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät zu lösen. Die Vertreter der Wissenschaftlichen Mitarbeiter (Assistenten) an der FU wenden sich auf ihrer Versammlung gegen die zwei Schreiben der Dekane. Sie werfen den Dekanen der FU vor, "mit ihrer Polemik und der Forderung nach einem Polizeieinsatz lediglich die Verschärfung der Situation" an der FU herbeiführen zu wollen. Die Schreiben der Dekane seien nur "die persönliche Meinung von sechs Hochschullehrern", da von keinem der Dekane die jeweilige Fakultätsvertretung konsultiert oder ein Beschluß dieses Gremiums herbeigeführt worden sei. Die Vertreter der Studenten in der Juristischen Fakultät verweisen in ihrer Stellungnahme darauf, daß "die von den Dekanen beschworene Bedrohung der Lehr- und Lernfreiheit" im Vergleich zu den vergangenen Semestern "in weitaus geringerem Umfang gegeben" sei. Damals sei hingegen der Ruf nach Rechtsaufsicht gegenüber dem Rektor der FU nicht erhoben worden. Es dränge sich deshalb der Verdacht auf, daß die Dekane beabsichtigten, "das unbeliebte Universitätsgesetz und dessen Exponenten, den Universitätspräsidenten, zu treffen und so die Reform an der FU zu hintertreiben". 19. Januar 1970 Professor Szondi kritisiert Dekane Professor Peter Szondi, Direktor des Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der FU, kritisiert in einem Schreiben an den Regierenden Bürgermeister Schütz und an Wissenschaftssenator Stein den Brief der Dekane vom 12. Januar. "Eine Lernfreiheit in der Bedeutung des Wortes, die analog wäre jener, in der üblicherweise von Lehrfreiheit gesprochen wird, hat es vor Beginn der Reformen für die Studenten überhaupt nicht gegeben." Die Studenten hätten gelernt, "was den Hochschullehrer, in vollem Genuß seiner Lehrfreiheit, zu behandeln gutdünkte". Professor Szondi erklärt, daß die Konflikte an der Hochschule nur durch Diskussion gelöst werden können. "Die Reaktion der Dekane auf die Bemühung von Herrn Kreibich, ohne Polizeieinsatz Konflikte" zu lösen, erwecke den fatalen Eindruck, daß sie aus Verärgerung darüber erfolge, daß der Präsident der FU sich die Lösung einer Aufgabe zum Ziel gesetzt habe, zu der die Dekane selbst "weder fähig wären noch bereit sind". Keiner der seit Beginn der Studentenbewegung amtierenden Rektoren sei je in der Lage gewesen, die Lehr- und Lernfreiheit für alle Angehörigen der Universität aufrechtzuerhalten. Professor Szondi kritisiert insbesondere Dekan Professor von Simson, der seiner Fakultät weder den Wortlaut des Briefes mitgeteilt, noch eine Diskussion über die Bitte um Wahrnehmung der Rechtsaufsicht in der Fakultät herbeigeführt habe. Das Schreiben von Professor Szondi wird am 20. Januar im "Tagesspiegel" veröffentlicht. Weiteres Tutorium wird an der WiSo-Fakultät eingerichtet Der Tutorenausschuß der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät beschließt die Einrichtung eines Tutoriums "Wissenschaftsverständnis und Methodenprobleme der Betriebswirtschaftslehre". Die Veranstaltung soll von zwei Tutoren geleitet werden, die "die Voraussetzungen mitbringen, um die folgenden wissenschaftstheoretischen Richtungen zu vertreten: 1. Neopositivismus, 2. Dialektik (insbesondere marxistische Ansätze der Wissenschaftstheorie)". (Vgl. 12. Jan. 1970) 20. Januar 1970 Professoren der Philosophischen Fakultät kritisieren ihren Dekan Mehrere Professoren der Philosophischen Fakultät der FU kritisieren in einem Offenen Brief an den Dekan der Fakultät, Professor von Simson, daß dieser die Fakultät nicht zumindest nachträglich über sein Schreiben an den Regierenden Bürgermeister und den Senator für Wissenschaft und Kunst informiert habe, obwohl nach dem 12. Januar, am 14. Januar, eine Sitzung dieses Gremiums stattfand. Dieses Verhalten dränge den Unterzeichnern die Frage auf, ob Professor von Simson es mit dem Verständnis seiner Pflichten als Dekan, der ein gewählter Repräsentant der Fakultät sei, vereinbaren könne, "in solch schwerwiegender Angelegenheit die Fakultät zu übergehen". Unterzeichner des Offenen Briefes sind die Professoren Colpe, Furck, Gottwald, Heinrich, Landmann, Schwan, Steppat, Taubes und Weischedel. 21. Januar 1970 Regierender Bürgermeister spricht mit Dekanen Zwischen dem Regierenden Bürgermeister Schütz, dem Senator für Wissenschaft und Kunst, dem Präsidenten und den sechs Dekanen der Freien Universität findet eine Unterredung über aktuelle Fragen der Hochschulsituation statt. Die Dekane bekräftigen ihre "grundsätzliche Bereitschaft, auf der Basis des neuen Hochschulgesetzes weiterzuarbeiten". Akademischer Senat berät Fachbereichsbildung Der Akademische Senat der FU berät über die Gliederung der Fachbereiche und die Einrichtung der Zentralinstitute. Die Ergebnisse dieser Beratung werden als Vorschläge dem Kuratorium der FU zugeleitet, das über die Bildung von Fachbereichen und Zentralinstituten zu entscheiden hat. Die Ersetzung der Fakultäten durch Fachbereiche und Zentralinstitute soll noch im laufenden Semester erfolgen. Vorgeschlagen wird, daß das John - F.- Kennedy-Institut für Amerikastudien und das Osteuropa-Institut Zentralinstitute werden, das Otto-Suhr-Institut soll einen Fachbereich bilden. Die Juristische Fakultät soll in einen Fachbereich Rechtswissenschaften umgewandelt werden. Eine Aufgliederung der Naturwissenschaftlichen Fakultät in die Fachbereiche Chemie, Physik, Biologie, Mathematik, Pharmazie, Geographie und Kartographie und Geophysikalische Wissenschaften wird vorgeschlagen. (Vgl. 4. Febr. 1970) Institutsbesetzung bei FU-Mathematikern scheitert Der Versuch von Mitgliedern der Roten Zelle Mathematik, das I. Mathematische Institut zu besetzen, scheitert am Widerstand von Dienstkräften. In den folgenden Wochen kommt es zu zahlreichen Störungen des Lehrbetriebs an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der FU. Durch Diskussionen in Lehrveranstaltungen sollen die von Studenten erhobenen Forderungen nach Wahl der studentischen Hilfskräfte durch halbparitätisch besetzte Kommissionen und Einführung eines "gesellschaftsbezogenen Tutorenprogrammms" durchgesetzt werden. 23. Januar 1970 Unhaltbare Zustände bei FU-Chemikern "Der Tagesspiegel" berichtet unter der Überschrift "Chemie auf dem Flur" über "unhaltbare Zustände" am Institut für Chemie der FU. Weitere Kritik am Schreiben der FU-Dekane Eine Versammlung der Wissenschaftlichen Mitarbeiter der Juristischen Fakultät distanziert sich vom Brief der 6 Dekane der FU. Das Schreiben der Dekane sei ohne Beratung in der Fakultätsvertretung verfaßt und publiziert worden und enthalte keinerlei konstruktive Ansätze. Gegenwärtig sei "die Lehr- und Lernfreiheit an der FU keinesfalls mehr gefährdet als in den vergangenen Semestern". (Vgl. 12. Jan. 1970) 27. Januar 1970 Präsident Keibich kritisiert Rotzeg Auf einer Vollversammlung des Germanischen Seminars der FU wirft Präsident Kreibich der "Roten Zelle Germanistik" (Rotzeg) Ignoranz vor, weil sie ein marxistisch orientiertes Gegenprogramm zur "bürgerlichen Wissenschaft" erkämpfen wolle. Die Wissenschaft habe von bürgerlicher Seite ganz entscheidende Impulse erhalten, daher könne man die "bürgerliche Wissenschaft" nicht generell bekämpfen. Präsident Kreibich spricht sich dagegen für eine fruchtbare Konkurrenz der verschiedenen Wissenschaftstheorien und Methoden an der Universität aus. Bei sinnvollen Argumenten müsse man immer bereit sein, die eigene Position zu verändern. 28. Januar 1970 Kuratorium stellt Haushalt für 1970 fest und plant weitere 250 Assistenzprofessuren Auf seiner 148. Sitzung stellt das Kuratorium den Haushaltsplan der FU für 1970 in Höhe von 255.209.800,-- DM fest. Über die bisher bereits geschaffenen 150 Stellen für Assistenzprofessoren hinaus will das Kuratorium der FU im Rahmen des Nachtragshaushaltes weitere 250 Assistenzprofessuren schaffen. Außerdem werden neue Vertragstypen für die Arbeitsverhältnisse der wissenschaftlichen Assistenten und Tutoren beschlossen, die Teilzeitverträge von 150, 120, 100 und 80 Stunden pro Monat vorsehen. Das Kuratorium stimmt im Rahmen des Dringlichkeitsprogramms für Institutsbauten der Errichtung von Schnellbautens für die Poliklinik und die Klinik für Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten zu. Das Kuratorium wählt den bisherigen Direktor in der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Kunst, Hermann Hildebrandt, zum neuen Kanzler der FU. Hildebrandt ist Volljurist und betreute in der Senatsverwaltung die Referate Technische Universität und Hochschulrecht. 29. Januar 1970 Rotzök erläutert ihre Strategie Die "Rote Presse Korrespondenz" veröffentlicht einen Bericht "zur Institutspolitik der Rotzök", in dem die Rote Zelle zu den jüngsten Auseinandersetzungen an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU Stellung nimmt und ihre Strategie erläutert. Danach sollen an der Universität "erkämpfte Freiräume direkte Zulieferfunktion für außeruniversitäre Projekte" übernehmen. Der aktuellen Phase des Kampfes gegen reaktionäre Professoren müsse "in einer zweiten Phase die Auseinandersetzung mit den Technokraten" folgen. 30. Januar 1970 Professor Löwenthal nimmt zur Sitation an der FU Stellung "Der Tagesspiegel" veröffentlicht unter der Überschrift "Freie Universität auf der schiefen Ebene" ein Interview mit Professor Richard Löwenthal zur Situation an der FU. Auf Professor Löwenthal antworten in der gleichen Zeitung am 5. Februar der SPD-Abgeordnete Löffler ("Die Reform hat erst begonnen") und am 17. Februar die Professoren Alexander Schwan, Eberhard Lämmert und Klaus Ulrich ("Freie Universität wirklich auf der schiefen Ebene?"). Dok. 1012 Ausschreitungen und Vorlesungsstörungen an der FU In der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät stürmen linksradikale Studenten das Dekanat. Sie schlagen eine Glastür ein und durchwühlen zahlreiche Aktenschränke. An die Wand sprühen sie die Drohung: "Fischer bis Dienstag hast du Zeit". Die Aktion steht in Zusammenhang mit der anstehenden Entscheidung über die Besetzung einer Assistentenstelle. Seit 14 Tagen werden am Mathematischen Institut nahezu sämtliche Lehrveranstaltungen gestört. Die "Rote Zelle Mathematik" will damit ihre Forderung nach Einsetzung einer halbparitätischen Tutorenkommission durchsetzen. (Vgl. 21. Jan. 1970) Vertrauensvotum für Präsident Kreibich 91 Hochschullehrer und Wissenschaftliche Mitarbeiter aus den Instituten für Anorganische Chemie, für Physikalische Chemie, für Zoologie, für Mathematik und für Politische Wissenschaften veröffentlichen ein gemeinsames Vertrauensvotum für den Präsidenten der FU, Rolf Kreibich: "In einem Augenblick, wo erstmals von der Universitätsspitze Anstrengungen unternommen werden, Konflikte durch persönliche Initiativen abzubauen und mit einem Minimum an Autoritätseinsatz zu sachlichen Lösungen zu gelangen, ist es erforderlich, den Universitätspräsidenten in seinen Bemühungen, Reformtendenzen zum Durchbruch zu verhelfen, zu unterstützen und ihm das Vertrauen auszusprechen." Warnung vor Abwanderung von Professoren aus Berlin Die Landtagsfraktion der SPD in Rheinland-Pfalz warnt in einer Stellungnahme vor einer Abwanderung von Professoren aus Berlin. Die Landtagsfraktion bezieht sich dabei auf das starke Interesse von Professoren der FU und TU an einer Tätigkeit in der künftigen Universität Trier/Kaiserslautern. Die Massierung von Bewerbern aus Berlin erwecke den Anschein, "als wollten sie ein sinkendes Schiff verlassen". 3. Februar 1970 Umfrage zur Situation an der FU Die "BZ" veröffentlicht eine Umfrage des Allensbach-Institutes, nach der sich über 60% der Studenten an der Freien Universität als linksstehend bezeichnen, davon 20% als weit links. 26% der befragten Professoren, die Mehrzahl davon Geisteswissenschaftler, sind mit der bisherigen Tätigkeit von FU-Präsident Kreibich nicht einverstanden. Positiv äußern sich 5% der Professoren, 29% der Dozenten und über 50% der Assistenten und Studenten. 48% der Professoren seien zum Weggang von der FU bereit, falls sie einen Ruf erhielten. Auch 29% der Dozenten, 31% der Assistenten und 19% der Studenten würden die FU verlassen, wenn sich ihnen eine Möglichkeit dazu böte. 58% der Professoren in den Geisteswissenschaften fühlen sich in ihrer Lehrtätigkeit beeinträchtigt und 62% sehen sich in ihrer Forschungsarbeit behindert. Wissenschaftssenator antwortet auf SPD Rheinland-Pfalz Auf die Bedenken der SPD-Fraktion im Landtag von Rheinland-Pfalz, es würden zu viele Berliner Professoren um eine Berufung an die geplante Hochschule Trier/Kaiserslautern nachsuchen, äußert Wissenschaftssenator Stein in einer Stellungnahme, Berlin sei kein hochschulpolitischer Naturpark. Es sei selbstverständlich, daß sich unter den Bewerbern für die Landeshochschule Trier/Kaiserslautern eine Reihe von Berliner Wissenschaftlern befänden. Die genannte Anzahl von 8 % entspreche kaum dem Berliner Anteil am Wissenschaftspotential der Bundesrepublik Deutschland. Am 7. Februar bekräftigt Senator Stein in der "Berliner Stimme" erneut seine Reformpolitik an den Berliner Universitäten. Die Umfrage des Allensbach-Instituts zur Situation an der FU verdeutliche, daß das Berliner Hochschulgesetz in eine sinnvolle Richtung weise, auch wenn auf diesem Weg noch viele Hindernisse überwunden werden müßten. (Vgl. 30. Jan. 1970) 4. Februar 1970 Akademischer Senat setzt Beratung zur Fachbereichsbildung fort Der Akademische Senat der Freien Universität empfiehlt dem Kuratorium der FU die Bildung von sieben medizinischen Fachbereichen: Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Nervenklinische Medizin, Krankenhaus Westend, die übrigen Kliniken der Fachrichtungen Frauenheilkunde, Geburtshilfe, Orthopädie, Dermatologie, im Fachbereich Vorklinik sollen Anatonomie und Physiologie, unter Einbeziehung des Instituts für Klinische Physiologie und das Klinikum Steglitz soll in die zwei Fachbereiche für Klinische Medizin und Theoretische Medizin aufgeteilt werden. Außerdem empfielt der Akademische Senat die Einrichtung eines Zentralinstituts für Soziale Medizin an der FU. WiSo-Fakultät stellt SDS-Mitglied als Assistenten ein Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät beschließt auf Vorschlag des Soziologischen Institutes die Besetzung einer Assistentenstelle mit Dr. Reinhard Wolff. Dr. Wolff war Mitglied des letzten (kommissarischen) Bundesvorstandes des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), von studentischen Vollversammlungen war in den vergangenen Wochen wiederholt seine Einstellung als Assistent gefordert worden. 5. Februar 1970 Professor Hartwich wird Vorsitzender des OSI-Institutsrats Der Institutsrat des Otto-Suhr-Instituts wählt Prof. Dr. Hans-Hermann Hartwich zu seinem Vorsitzenden. Prof. Hartwich tritt die Nachfolge von Prof. Dr. Gerd von Eynern an, der wegen seiner bevorstehenden Emeritierung von diesem Amt zurücktritt. 7. Februar 1970 Juristische Fakultät will gegen Fachbereichsbildung klagen Die Juristische Fakultät der Freien Universität Berlin beauftragt ihren Dekan, beim Verwaltungsgericht gegen die entsprechend dem Universitätsgesetz vorgesehene Umwandlung der Fakultät in einen Fachbereich Klage zu erheben, falls das Kuratorium der FU diese Umwandlung beschließen sollte. In Hinblick auf den Grundgesetzartikel 5 Abs. 3, in dem die Freiheit von Forschung und Lehre garantiert wird, sieht die Juristische Fakultät in ihrer Mehrheit eine Verfassungswidrigkeit in der Zusammensetzung und Zuständigkeit des Fachbereichsrats. Die Tatsache, daß Nichthabilitierte - wie Studenten, Assistenten und Dienstkräfte -im Falle von Habilitationen und Berufungen stimmberechtigt sind, verstoße ebenso gegen das Grundgesetz wie die Möglichkeit, daß Hochschullehrer in Fragen der Lehre und Forschung Mehrheitsbeschlüssen unterworfen werden. Dieser Beschluß der Juristischen Fakultät wird von den Ordinarien bei einer Gegenstimme gegen die Voten der Privatdozenten, Assistenten, Akademischen Räte und Studenten gefaßt. 9. Februar 1970 "Notgemeinschaft für eine freie Universität" gegründet Im Bezirksverordneten-Sitzungssaal des Rathauses Tiergarten findet die Gründungsversammlung der "Notgemeinschaft für eine freie Universität" statt. Die Versammlung wird von Prof. Dr. Thomas Nipperdey geleitet. In die einstimmig verabschiedete Satzung werden als Ziele § 1 der "Aktionsgemeinschaft für eine freie Universität" übernommen. In den Vorstand der Notgemeinschaft werden die Professoren Ernst Büchi, Jürgen Domes, Peter Hanau, Georg Nicolaus Knauer, Stanislaw Kubicki, Bernd Rüthers und Otto von Simson gewählt, die auch schon im vorläufigen Vorstand der "Aktionsgemeinschaft für eine freie Universität" vertreten waren. Neu hinzu kommen der FU-Professor für Volkswirtschaftslehre, Horst Sanmann, der Professor für Handels- und Wirtschaftsrecht an der TU, Folkmar Koenigs und der Akademische Rat (Klassische Philologie) Dr. Hans Joachim Geisler (CDU). (Vgl. 13. Dez. 1969) 10. Februar 1970 Romanistik-Professoren verlassen Auswahlkommission Am Romanischen Seminar der FU ziehen die beiden Vertreter der Professoren aus der drittelparitätisch besetzten Auswahlkommission für Assistentenstellen aus, weil zwei Lehrveranstaltungen durch Studenten gestört wurden. In den Lehrveranstaltungen war unter anderemn von den studentischen Vertretern in der Auswahlkommission die öffentliche Diskussion der Kriterien bei den vorgesehenen Besetzungen der Assistentenstellen gefordert worden. Die Professoren sehen in dem Verlangen nach öffentlicher Erörterung der vertraulichen Beratungen den Versuch, Druck auf die Kommission auszuüben. Die in der Kommission verbliebenen Vertreter der Assistenten und Studenten benennen zwei Kandidaten für die zu besetzenden Stellen, alternativ dazu kündigen die beiden Professoren an, der Philosophischen Fakultät zwei Kandidaten ihrer Wahl vorzuschlagen. 11. Februar 1970 Pressestimmen zur Situation an der FU Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und "der Tagesspiegel" melden die Gründung der Notgemeinschaft für eine freie Universität. Die Notgemeinschaft habe etwa 100 Mitglieder, die überwiegend Professoren seien. Die "Berliner Morgenpost" veröffentlicht einen Artikel von stud. phil. E. Winterhager unter der Überschrift "FU unter dem Terror der 'Roten Zellen'". Senat antwortet auf weitere Anfrage über Ulrike Meinhof Der "Landespressedienst" veröffentlicht die Antwort des Regierenden Bürgermeisters Schütz und des Senators für Wissenschaft und Kunst, Prof.Dr. Werner Stein, auf eine Anfrage der Abgeordneten Dr. Ursula Besser (CDU) vom 19. Januar 1970 hinsichtlich der Vorlesung von Frau Ulrike Meinhof an der FU. Ein "Beweis für ein verfassungswidriges Verhalten von Frau Meinhof" liege zur Zeit nicht vor. Romanisches Seminar der FU besetzt Das Romanische Seminar der FU wird für ca. 4 Stunden von Studenten besetzt. Mit der Besetzung soll Druck auf die zugleich tagende Philosophische Fakultät ausgeübt werden, die zwei Assistentenstellen am Romanischen Seminar im Sinne des Mehrheitsvotums der Auswahlkommission zu besetzen. (Vgl. 10. Febr. 1970) 12. Februar 1970 Professor Arndt legt Leitung des Instituts für Konzentrationsforschung nieder Professor Arndt legt die Leitung des Instituts für Konzentrationsforschung nieder. Professor Arndt begründet seinen Rücktritt mit der Emotionalisierung der Auseinandersetzung an seinem Institut sowie mit dem neuen Universitätsgesetz, das dem Institutsdirektor Planung und Entscheidung über Forschungsvorhaben zugunsten anderer Gremien entziehe. Dies könne auf einem politisch brisanten Gebiet wie der Erforschung der Zusammenhänge der wirtschaftlichen Konzentration nicht verantwortet werden. (Vgl. 13.Febr. 1970) 13. Februar 1970 Assistenten und Dienstkräfte kritisieren Professor Arndt Sämtliche Assistenten und Dienstkräfte des Instituts für Konzentrationsforschung verwahren sich in einer Erklärung gegen die Vorwürfe ihres zurückgetretenen Direktors Professor Arndt. Von ihrer Seite habe es keine Emotionalisierung der Auseinandersetzung gegeben. Wenn Professor Arndt zu einem Zeitpunkt zurücktrete, an dem über "eine Erweiterung des Forschungsansatzes und eine Demokratisierung der Institutsstruktur" diskutiert werde, könnten seine bisherigen Mitarbeiter darin "nur den Versuch sehen, seine eigene Machtposition und seine Privilegien zu erhalten". Damit stelle er sich gegen die Intention des Universitätsgesetzes, das die Ordinarienuniversität durch eine demokratische Universität zu ersetzen suche. 17 Philosophieprofessoren kritisieren ihren Dekan 17 Hochschullehrer der Philosophischen Fakultät werfen in einer Erklärung ihrem Dekan Professor von Simson eine "bewußte Irreführung der Fakultät" vor. Der Dekan habe die Fakultät auf ihrer Sitzung am 17. Dezember 1969 nicht darüber aufgeklärt, daß er noch vor der Bestätigung des neugewählten FU-Präsidenten Kreibich durch den Berliner Senat sich an einer Unterschriftensammlung gegen Kreibich beteiligt habe. Auf der Fakultätssitzung vom 1. Dezember waren diesbezügliche Vorwürfe des FU-Präsidenten in einem Vertrauensvotum für Dekan von Simson als "unbegründet" zurückgewiesen worden.(Vgl. 20. Febr. 1970) Psychologen fordern ein neues Psychologisches Institut Eine "Initiativgruppe" von zwölf Angehörigen des Mittelbaus am Psychologischen Institut der FU fordert in einem Flugblatt "eine zweite Wissenschaftliche Einrichtung Psychologie und deren Eingliederung in den Fachbereich Erziehungswissenschaften". Die "Initiativgruppe" begründet ihre Forderung mit der unerträglichen politischen und persönlichen Situation am Psychologischen Institut. (Vgl. 7. Nov. 1969, 17., 23., 24. und 26. März 1970) 16. Februar 1970 Ernest Mandel soll Gastprofessur am OSI erhalten Der Institutsrat des Otto-Suhr-Instituts der FU beschließt einstimmig, dem belgischen Marxisten Ernest Mandel eine Gastprofessur für das Wintersemester 1970/71 zu übertragen. Mandel ist Vorsitzender der (trotzkistischen) Kommunistischen Internationale. Mandel will sich in seiner Lehrveranstaltung mit den ökonomischen Beziehungen zwischen Ländern der Dritten Welt und den hochindustrialisierten Staaten sowie mit Fragen der Entwicklungshilfe befassen. 17. Februar 1970 Jura-Professoren drohen Einzelklage gegen Fachbereichsbildung an Die Professoren der Juristischen Fakultät der FU kündigen in einer Presseerklärung an, daß sie im Falle eines positiven Beschlusses des Kuratoriums der FU zur Umwandlung der Fakultät in einen Fachbereich gemäß dem Berliner Universitätsgesetz neben der bereits beschlossenen Klage ihrer Fakultät auch Einzelklage beim Verwaltungsgericht erheben werden. Lediglich ein Professor der Fakultät wird diesen Schritt nicht vollziehen. In der Erklärung heißt es, daß die "willkürliche und unsinnige Festlegung von Paritäten im Hochschulgesetz die FU nicht reformieren, sondern ruinieren" werde, da sie eine "Sowjetisierung der Universität" ermögliche. Studien- und Prüfungsordnungen, Promotionen, Habilitationen und Berufungen könnten im Extremfall von Studenten, Assistenten und Dienstkräften gegen die Stimmen der Professoren beschlossen werden. Das Gesetz sei zwar nicht "total falsch, aber in den endscheidenden Punkten schlecht". Die Professoren der Juristischen Fakultät äußern die "feste Zuversicht", daß das Bundesverfassungsgericht noch in diesem Jahr die Rechtsauffassung der Juristischen Fakultät der FU bestätigen werde. (Vgl. 18. Febr. 1970) 18. Februar 1970 Neun Mathematik-Professoren haben Berlin verlassen Die "Frankfurter Rundschau" berichtet über eine Dokumentation der Berliner "Mathematischen Gesellschaft", in der mitgeteilt wird, daß neun renommierte Mathematik-Professoren mit 13 Assistenten TU und FU verlassen haben. Die neun Professoren seien wegen der schlechten Arbeitsbedingungen, nicht aber aus politischen Gründen Rufen anderer Universitäten gefolgt. Die "Mathematische Gesellschaft" kritisiert Schulsenator Evers und Wissenschaftssenator Stein, die den faktisch seit Jahren vorhandenen Fehlbestand an Gymnasiallehrern für naturwissenschaftliche Fächer zu verschleiern suchten. In der von ihrem Vorsitzenden, Prof. Dr. Udo Simon, vorgelegten Dokumentation der "Mathematischen Gesellschaft" werden für die Jahre 1973 bis 1975 "katastrophale Folgen für den Lehrernachwuchs" vorausgesagt. Rote Zellen fordern Freilassung von Sybille Plogstedt In der gleichen Ausgabe berichtet die "Frankfurter Rundschau" über einen Brief der Berliner "Roten Zellen", in dem vom Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der CSSR die sofortige Freilassung der FU-Studentin Sybille Plogstedt aus der Untersuchungshaft in Prag gefordert wird. Frau Plogstedt, ein früheres SDS-Mitglied, ist unter dem Vorwurf inhaftiert, im Zusammenhang trotzkistischer Verschwörungstätigkeit Verbrechen gegen die CSSR geplant zu haben. (Vgl. 8. März 1971) FU-Präsident antwortet Jura-Professoren Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, nimmt zu den Vorwürfen der Juristischen Fakultät vom Vortage Stellung. Präsident Kreibich wirft den Professoren der Juristischen Fakultät ein gebrochenes Verhältnis zur Demokratie vor. Dafür seien die von den Professoren gebrauchten Ausdrücke wie "Sowjetisierung" und "Demokratisierungsfimmel" symptomatisch. Ihre Kritik an den Mitbestimmungsrechten von Dienstkräften in den Fachbereichsräten zeuge von Überheblichkeit, immerhin handele es sich bei den Universitätsdienstkräften um zum Teil hochqualifizierte Mitarbeiter. Diese Gruppe von über 6000 Beschäftigten sei jeweils nur mit einem Vertreter in den Fachbereichsräten repräsentiert, während die ca. 700 Hochschullehrer 7 Vertreter in diese Gremien entsenden könnten. Von einer Überrepräsentanz der Anderen Dienstkräfte könne demnach überhaupt keine Rede sein. AEG-Betriebsrat lädt FU-Präsidenten ein Der Betriebsrat der AEG-Telefunken / Fabrik Reinickendorf lädt Präsident Kreibich ein, am 20. März auf einer Betriebsversammlung zum Thema "Der Betrieb und seine Umwelt" zu sprechen. In dem Einladungsschreiben heißt es: "Es ist dabei auch unser Wunsch, vorhandene Vorurteile, die das Verhältnis von Arbeitnehmern zu Studenten belasten, abzubauen." Präsident Kreibich wird gebeten, in seinem Vortrag der AEG-Belegschaft die Probleme der Freien Universität darzulegen. 19. Februar 1970 Kuratorium beschließt Nachtragshaushalt In seiner 149. Sitzung beschließt das Kuratorium der FU den Nachtragshaushalt für das Jahr 1970 in Höhe von 8,2 Millionen DM. Mit dem Nachtragshaushalt werden die Kosten für den Einsatz einer Rechenanlage, Sofortmaßnahmen zum Ausbau der Human- und Zahnmedizin, der Mehrbedarf für die Physiologischen und Physiologisch-Chemischen Institute und die Umwandlung der Stellen von Wissenschaftlichen Räten in Professuren gedeckt. Wissenschaftssenator Stein bezeichnet die gesamte Bauplanung der Freien Universität als problematisch und kündigt an, daß eine gründliche Überprüfung der Bauvorhaben erfolgen werde. Angesichts des zu erwartenden Anstiegs der Studentenzahlen könnten nicht einfach die Entwürfe verwirklicht werden, die vor zehn Jahren konzipiert wurden. Es müsse eine "ganz neue Konzeption" gefunden werden. Senator Stein hält es für erforderlich, daß eine Trennung zwischen Bauten, die für die Lehre und solchen, die für die Forschung bestimmt sind, erfolgen müsse. Das Kuratorium der FU beschließt eine Hauptkommission aus je vier Mitgliedern des Akademischen Senats der FU und des verantwortlichen Senatsbereichs für Wissenschaft und Kunst, die gemeinsam mit Vertretern des Bausenats eine erste Sichtung der bestehenden Baupläne vornehmen soll. Das Kuratorium beschließt eine Kommission, die einen Vorschlag zur Fachbereichsgliederung erarbeiten soll. Der Kommission gehören der Kuratoriumsvorsitzende, der Senator für Wissenschaft und Kunst, der Senator für Finanzen, der Abgeordnete Neubaum und für die Universität Professor Lämmert, Dr. Mattakas und die Herren Bruhn und Abt an. Zustimmend nimmt das Kuratorium eine Vorlage zur Kenntnis, die die Erstattung von Sitzungsgeldern für studentische Vertreter in den Selbstverwaltungsgremien der FU vorsieht. Studentenvertreter sollen für jede ordnungsgemäß einberufene Sitzung 20,- DM erhalten. Die Sitzungsgelder sollen eine monatliche Höhe von 250,- DM nicht überschreiten. Wissenschaftssenator erläutert seine Semesterbilanz Senator Stein erläutert vor Pressevertretern seine Billanz des vergangenen Semesters. An der FU bestehe gegenwärtig nicht die Gefahr einer Leistungsminderung infolge des neuen Hochschulgesetzes. Die Situation an der Freien Universität sei nach wie vor als schwierig einzuschätzen, aber er habe nach Verabschiedung des Gesetzes mit größeren Problemen gerechnet. In einer Unterredung mit dem Regierenden Bürgermeister, dem Präsidenten der FU und ihm selbst hätten die sechs Dekane der FU heute in keinem Punkt juristisch zu verfolgende Rechtsverstöße vorgebracht. Unbestreitbar sei allerdings, daß die Universitätsorgane "unter einem bestimmten Druck" stünden, dem Professoren ebenso wie Politiker begegnen müßten. FU-Präsident Kreibich versuche "auf behutsame Art, nach beiden Seiten auszugleichen", was keineswegs im Interesse der Roten Zellen liege. Zu den Verfassungsbedenken der Juristischen Fakultät hinsichtlich der Umwandlung in einen Fachbereich äußert der Senator, die Behauptung, daß Studenten und Andere Dienstkräfte bei Entscheidungen in Fragen von Forschung und Lehre den Ausschlag geben, treffe nur unter der Voraussetzung zu, daß es dabei regelmäßig zu einer Konfrontation zwischen Hochschullehrern und Wissenschaftlichen Mitarbeitern käme. Das aber wolle das Universitätsgesetz überwinden.(...) Es treffe zu, daß Studienpläne und Prüfungordnungen gegen den Willen der Hochschullehrer und Assistenzprofessoren beschlossen werden könnten. Die Studienpläne und Prüfungsordnungen müßten aber vor ihrem Inkrafttreten vom zuständigen Senator bestätigt werden. Nicht zutreffend seien hingegen die Behauptungen, die Verleihung des Doktorgrades könne ohne Zustimmung von Promovierten erfolgen und Berufungs- bzw. Habilitationsangelegenheiten könnten gegen die Mehrheit der Stimmen der Hochschullehrer einschließlich der wissenschaftlichen Mitarbeiter entschieden werden. Senator Stein sieht keine Chance für einen Erfolg der Verfassungsklage der Juristischen Fakultät. Für die Jahre 1972/73 erwartet der Senator ernste Probleme, sofern die Diskrepanz zwischen den über die mittelfristige Finanzplanung zur Verfügung stehenden Mitteln und den baulichen Erfordernissen nicht überwunden werde. 20. Februar 1970 38 Philosophie-Professoren unterstützen ihren Dekan 38 Hochschullehrer der Philosophischen Fakultät der FU wenden sich in einer gemeinsamen Erklärung gegen die Behauptung von 17 Mitgliedern der Fakultät, Dekan Professor von Simson habe den Lehrkörper "bewußt irregeführt": "Die Erklärung der 17 Mitglieder der engeren Fakultät - ihre Zahl stellt noch nicht ein Viertel der Fakultätsvertretung dar - muß als ein Mosaikstein unter vielen in einem systematischen Kesseltreiben gegen den Dekan erscheinen.(...) Bekannt und durch Zeugen jederzeit zu erhärten ist auch, daß ein engerer Mitarbeiter des Herrn Präsidenten nach dem Bekanntwerden des Briefes der sechs Dekane erklärt hat, man müsse sich jetzt auf Herrn von Simson einschießen.(...) Die Unterzeichnenden mißbilligen diese unsachliche und fragwürdige Form der Auseinandersetzung aufs Schärfste." Zu den Unterzeichnern dieser Erklärung gehören die Professoren Ernst Fraenkel, Nikolaus Knauer, Erich Loos und Richard Löwenthal. (Vgl. 13. Febr. 1970) Akademischer Senat setzt seine Beratungen über die Neugliederung der FU fort Der Akademische Senat befaßt sich mit der Bildung der Fachbereiche an der FU und schlägt die Bildung eines Fachbereichs Veterinärmedizin vor. Das interfakultative Institut für Politische Wissenschaft soll in ein Zentralinstitut umgewandelt werden, das nur Forschungsaufgaben wahrnimmt. Der Akademische Senat lehnt einen Vorschlag der Medizinischen Fakultät ab, Zulassungsbeschränkungen auszusprechen. Professor Kisker wird Vorsitzender des Studentenwerks Der Verwaltungsrat des Studentenwerks der FU wählt den Volkswirtschaftler Prof. Dr. Klaus-Peter Kisker zum neuen Vorstandsvorsitzenden. Professor Kisker tritt die Nachfolge des Juristen Prof. Dr. Hermann Bley an. Als weitere Vorstandsmitglieder werden gewählt der Universitätsassessor Dr. Klaus Warnke und die Studenten Hans Gutzmann und Klaus Kittel. 21. Februar 1970 Allgemeine Studentenausschüsse weitgehend in linker Hand Der "Telegraf" veröffentlicht eine dpa-Übersicht, aus der hervorgeht, daß mit Ausnahme der Universitäten Gießen, Würzburg und Freiburg die Allgemeinen Studentenausschüsse an den Universitäten der Bundesrepublik von linken Studentenvereinigungen gebildet werden. 22. Februar 1970 Presseberichte zur Situation an der FU In der "Berliner Morgenpost" wendet sich der Leiter des I. Mathematischen Instituts der FU, Prof. Dr. Alexander Dinghas, unter der Überschrift "Pippi Langstrumpf und die Mathematik-Reform an der FU" gegen "kritikloses Experimentieren". Professor Dinghas kritisiert, daß einige Reformvorstellungen der Masse der Studienanfänger "ein Studium ohne Anstrengung" vortäuschten und sie "am Ende ihres Studiums, falls sie mit der Wirklichkeit konfrontiert werden, mangels Selbständigkeit in eine oft ausweglose Situation hineinzwingen". Dies seien "Pippi-Langstrumpf-Mathematik-Reformen", die den gleichen Nutzeffekt erzielten "wie ein Schwimmunterricht mit einer Dauer-Schwimm-weste". Zu den Weggängen von Wissenschaftlern schreibt Professor Dinghas, es sei ungerecht, "in einer Zeit so vieler Neugründungen von Universitäten zeitbedingte Fluktationserscheinungen dem Senator für Wissenschaft und Kunst zur Last legen zu wollen". In manchen Stellungnahmen werde zudem nicht hinreichend spezifiziert, daß es sich dabei "um einen Ordinarius, drei Wissenschaftliche Räte und Professoren, einen Wissenschaftlichen Oberassistenten und drei Wissenschaftliche Assistenten" gehandelt habe, "die, wie jeder junge Mathematiker, das Recht haben, ihre Position durch Berufung an eine andere Universität zu verbessern". Es sei in der öffentlichen Darstellung auch nicht vermerkt worden, daß durch Neubesetzungen freigewordener Stellen "praktisch der Zustand von 1968 wiederhergestellt wurde". 23. Februar 1970 Erfolgreiche Fürsprache des FU-Präsidenten für türkische Studenten Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, erhält auf seine Intervention bei dem Staatspräsidenten der Türkei die Zusicherung, daß der angedrohte Paßentzug für einige türkische Studenten der FU nicht erfolgen wird. 24. Februar 1970 Dutschke-Attentäter begeht Selbstmord In seiner Zelle wird Josef Bachmann, der wegen seines Attentats auf Rudi Dutschke eine fünfjährige Haftstrafe verbüßt, tot aufgefunden. Bachmann hat sich mittels einer Plastiktüte selbst erstickt. Akademischer Senat schlägt die Bildung weiterer Fachbereiche vor Der Akademische Senat der FU empfiehlt die Bildung der Fachbereiche Altertumswissenschaften, Germanistik und Theaterwissenschaften. Mit knapper Mehrheit wird auf Vorschlag von Professor Nipperdey außerdem die Bildung eines Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften beschlossen, über dessen Teilung nach zwei Jahren erneut beraten werden soll. Studenten- und Assistentenvertreter treten dagegen für die Aufteilung in einen Mathematisch-Sozialwissenschaftlichen, einen Wirtschaftspolitisch-Sozialökonomischen und einen Betriebswirtschaftlich-Unternehmenspoliti-schen Fachbereich ein. Des weiteren wird dem Kuratorium die Bildung eines Zentralinstituts für Wirtschaftsforschung vorgeschlagen. Zahlen zur Drittmittelforschung an FU und TU Auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Dieter Schwäbel (SPD) und Gerd Löffler (SPD) antwortet der Senat, daß an der Technischen Universität Berlin 620 Personen und an der Freien Universität ca. 120 Personen erfaßt seien, die aus "Drittmitteln" (Fremdmitteln) bezahlt werden. Der Senat bestätigt, daß diese Beschäftigten durch Privatverträge mit den jeweiligen Professoren an spezielle Aufgaben gebunden sind und weder an den universitären Wahlen teilnehmen können noch durch die Personalräte der beiden Universitäten vertreten werden. Dies stelle eine Benachteiligung dieser Mitarbeiter dar, die einen nicht unerheblichen Teil der Forschung an den Universitäten gewährleisteten. Der Senat bemühe sich seit geraumer Zeit um eine Verbesserung der Rechtsstellung der aus Drittmitteln bezahlten Beschäftigten an den Berliner Universitäten. 25. Februar 1970 Rektor der Universität Jerusalem besucht FU Der Rektor der Universität Jerusalem, Prof. Dr. Jacob Katz, wird von dem Präsidenten der Freien Universität Berlin, Rolf Kreibich, empfangen und hält vor geladenen Gästen an der FU einen Vortag über "Juden und Freimaurer - Historie eines Schlagwortes", in dem er auch auf die Geschichte der Berliner Freimaurerloge und der Berliner Juden eingeht. 25. und 26. Februar 1970 Akademischer Senat macht Vorschläge zur Aufteilung der Philosophischen Fakultät Der Akademische Senat der Freien Universität berät über die Fachbereichsbildung und empfielt für die Philosophische Fakultät eine Aufteilung in acht Fachbereiche: Politische Wissenschaft, Altertumswissenschaften, Germanistik, Neuere Fremdsprachliche Philologien, Geschichtswissenschaften, Sozialwissenschaften, Kunstwissenschaften und Erziehungswissenschaften. 27. Februar 1970 Stellungnahme zum Wohngeldstreik in Studentenheimen "Der Tagesspiegel" veröffentlicht einen Beitrag des studentischen Mitglieds im Vorstand des Studentenwerks der FU zum Thema "Warum immer noch Wohngeldstreik?". 28. Februar 1970 Symposium zur Gastrokamera-Diagnostik im Klinikum der FU Mit der Gründung der "Europäischen Gesellschaft für Gastrokamera-Diagnostik" wird im Klinikum der FU in Steglitz das zweite europäische Symposium über Fragen der Gastrokamera-Diagnostik beendet. An dem Symposium haben mehr als 500 Gäste aus 11 europäischen und außereuropäischen Ländern teilgenommen. 4. März 1970 Schulsenator Evers tritt zurück Der Senator für Schulwesen, Prof. Dr. Carl-Heinz Evers (SPD), erklärt dem Regierenden Bürgermeister Klaus Schütz schriftlich seinen Rücktritt. Akademischer Senat wählt Entwicklungsplanungs-kommission Der Akademische Senat der FU wählt gemäß § 12, Abs. 2 UniG auf Vorschlag des FU-Präsidenten Rolf Kreibich die Kommission für Entwicklungsplanung. Im ersten Wahlgang werden gewählt: die Hochschullehrer Prof. Dr. Hans Peter Dreitzel, Prof. Dr. Hanns Hippius und Prof. Dr. Eckart Matthias; die Wissenschaftlichen Mitarbeiter Dr. Adelheid Hiesecker, Dr. Wolfgang Schuller, der Student Hans-Utz Foerderreuther und die Andere Dienstkraft Hartmut Zimmermann. Im zweiten Wahlgang erhält auch Prof. Dr. Carl-Ludwig Furck die notwendige einfache Mehrheit. Auf Vorschlag von Professor Schwan erhält der vorgeschlagene Fachbereich VI. den Namen Philosophie und Sozialwissenschaften. 5. März 1970 Präsident Kreibich erläutert seine Politik Im "Vorwärts" erscheint ein Interview mit dem Präsident Kreibich unter der Überschrift: "Die richtigen Mittel wählen". Mitarbeiter des Präsidenten nicht an Einbruch beteiligt Der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz und der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, antworten auf eine Anfrage des Abgeordneten Friedrich von Kekule (CDU), daß der bis zum 31. März mit Werkvertrag als Berater des FU-Präsidenten eingestellte Student der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät Rolf Rosenbrock nicht an einem Einbruch in das Dekanat der WiSo-Fakultät beteiligt war. Es bestünden keine Anhaltspunkte für einen das Vertragsverhältnis belastenden Sachverhalt. Pressemeldungen, die die Beteiligung von Rosenbrock an dem Einbruch in das Dekanat der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät behauptet hätten, seien unzutreffend. Herr Rosenbrock habe mit Erlaubnis einer Sekretärin lediglich ein Telefon benutzt, um die Forderungen der in das Dekanat eingedrungenen Studenten an den Präsidenten weiterzugeben. Der Akademische Senat der FU beschließt weitere Empfehlungen zur Fachbereichsbildung Mit 19:2:1 Stimmen beschließt der Akademische Senat die Zuordnung der Entwicklungssoziologie zum Fachbereich Philosophie und Sozialwissenschaften, wohingegen die Empfehlung, Ethnologie dem Fachbereich Kunstwissenschaften zuzuordnen, mit 12:10:1 sehr knapp ausfällt. Studenten- und Assistentenverteter geben zu Protokoll, daß entgegen dem Votum der Mehrheit der Studenten den Interessen der Ordinarien nachgegeben werde. Dies zeige, "daß die Hochschullehrer die Ordinarienuniversität aufrechterhalten" wollten. Bereits am 3. März war es in dieser Frage zu einer Kontroverse zwischen Studenten- und Assistentenvertretern und Professor Rudolph gekommen, bevor der Akademische Senat mit zwölf gegen neun Stimmen die Zuordnung der beiden Fächer zum geplanten Philosophisch - Sozialwissenschaftlichen Fachbereich wieder aufgehoben hatte. Präsident Kreibich bedauert den Rücktritt von Senator Evers FU-Präsident Rolf Kreibich würdigt den zurückgetretenen Schulsenator Prof. Dr. Carl-Heinz Evers (SPD) als "über die Grenzen Berlins und Deutschlands hinaus anerkannten Bildungspolitiker", dessen Rücktritt "im Bereich der Universität große Besorgnis ausgelöst" habe. Die mittelfristige Finanzplanung des Berliner Senats berücksichtige nicht die von der Bundesregierung empfohlene verstärkte Förderung der Bildungspolitik. Eine Vernachlässigung des Schulsystems müsse "schwerwiegende negative Auswirkungen auch auf die Berliner Universitäten haben". (Vgl. 4. März 1970) 6. März 1970 Präsident Kreibich 100 Tage im Amt "Die Zeit" veröffentlicht unter der Überschrift "100 Tage Kreibich" einen Situationsbericht von Prof. Dr. Alexander Schwan. In der gleichen Ausgabe erscheint auch ein Interview von Nina Grunenberg mit FU-Präsident Kreibich. Dok. 1013 und Dok. 1014 Kein Streikrecht für Studenten "Die Deutschen Nachrichten" melden die Entscheidung des Berliner Verwaltungsgerichtes, daß Studenten nicht das Streikrecht für sich in Anspruch nehmen dürften. Nach Auffassung des Gerichtes ist es nicht zulässig, das auf den wirtschaftlichen und sozialen Bereich zugeschnittene Mittel des Streiks in Hochschulen und Schulen zur Anwendung zu bringen. (Aktenzeichen: VG III 146/257/69) "Notgemeinschaft" befürchtet rote Unterwanderung der FU Die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" veröffentlicht unter dem Titel "Freie Universität unter Hammer und Sichel" eine Dokumentation "zur Lage an der FU", in der gegenüber dem Präsidenten der FU, Kreibich, der Vorwurf erhoben wird, er beabsichtige die FU auf legalem Wege "im sozialistischen Sinne umzugestalten". Die Freie Universität, "die einmal als Antwort auf den Totalitären Marxismus gegründet wurde" wird nach Ansicht der Notgemeinschaft zu einer "Vorbereitungsstätte eines marxistischen Revolutionsversuches". Die Notgemeinschaft ist der Auffassung, daß die Unterwanderung am psychologischen Institut der FU am fortgeschrittensten sei. Dessen Lehrbetrieb stehe bereits weitgehend unter marxistischen Vorzeichen. Dok. 1015 Schülerdemonstration vor Schöneberger Rathaus Im Zusammenhang mit dem Rücktritt von Schulsenator Prof. Dr. Carl Evers demonstrieren etwa 2500 Schüler vor dem Rathaus Schöneberg gegen die Schulpolitik des Senats. Die Schüler führen Spruchbänder mit sich, auf denen "Mehr Geld für die Schulen" gefordert wird. Als Schüler mehrere Fenster des Schöneberger Rathauses mit Schneebällen einwerfen, räumt die Polizei den Rathausvorplatz. 7. März 1970 Protest gegen Festnahme von palästinensischen Studenten Der Vorstand des Studentenwerks der FU protestiert in einer Presseerklärung aufs schärfste gegen die vorübergehende Festnahme von insgesamt acht Arabern in der vergangenen Woche. Die Festgenommenen sind Mitglieder der "Generalunion Palästinensischer Studenten" (GUPS) und wohnen in verschiedenen Studentenheimen. Die Polizei bestätigt lediglich die Festnahme von zwei Jordaniern, die auf dem Wege der Amtshilfe erfolgt sei. Gegen die Festgenommenen, die inzwischen wieder auf freien Fuß gesetzt worden seien, bestehe von Seiten der Bundesanwaltschaft "Verdacht auf Mitwirkung an Flugzeugzwischenfällen". Demonstration für Horst Mahler An einer Solidaritätsdemonstration für Rechtsanwalt Horst Mahler, zu der auch die "Roten Zellen" aufgerufen haben, beteiligen sich ca. 4000 Personen. Während der Schlußkundgebung vor dem Untersuchungsgericht in Moabit kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei, in deren Verlauf Steine und zwei Molotowcocktails gegen das Gerichtsgebäude geschleudert werden. Acht Polizeibeamte und eine unbekannte Zahl von Demonstranten werden verletzt. In der Innenstadt setzen sich die Auseinandersetzungen fort, als etwa 200 Demonstranten versuchen, in ein Kaufhaus einzudringen, und von der Polizei unter Schlagstockeinsatz aus den Einkaufsräumen gedrängt werden. (Vgl. 9. März 1970) 9. März 1970 FAZ berichtet über Arbeit der Nofu In der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtet Karlheinz Renfordt über die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" und deren Bilanz des Wintersemesters. (Vgl. 6. März 1970) Dok. 1016 Streiks an Berliner Schulen An etwa der Hälfte der Berliner Gymnasien fällt der Unterricht in den oberen Klassen nach der 2. bzw. 4. Stunde aus, da die Schüler im Zusammenhang des Rücktritts von Schulsenator Evers in den Streik treten. Nach Auskunft von Landesschulrat Barth finden in den Klassen überwiegend Diskussionen zu Fragen der Schulpolitik statt. Justizsenator Korber, der kommissarisch die Aufgaben des Schulsenators wahrnimmt, verweist auf die Rechtswidrigkeit eines Unterrichtsboykotts und fordert von den Lehrern, in jedem Fall das planmäßige Unterrichtsangebot sicherzustellen. Staatsanwalt fordert Haftstrafe für Rechtsanwalt Mahler Im Prozeß gegen Rechtsanwalt Horst Mahler fordert die Staatsanwaltschaft wegen schweren Landfriedensbruchs und schweren Aufruhrs in zwei Fällen eine Haftstrafe von zwei Jahren. Vor dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft wird Verteidiger Otto Schily das Fragerecht zur weiteren Vernehmung des Zeugen Springer entzogen, da er nach Auffassung des Gerichtes sein prozessuales Fragerecht mißbraucht habe. Der Angeklagte nimmt nicht an der Verhandlung teil. Am 16. März plädiert Rechtsanwalt Schily auf Freispruch. Schily vertritt die Auffassung, es habe sich bei den Osterdemonstrationen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke um spontane Kundgebungen gehandelt, die die Polizei nicht hätte auflösen dürfen. Das Vorgehen der Polizei sei rechtswidrig gewesen und die Demonstranten hätten aus einer Notwehrlage heraus Widerstand gegen die Polizei geleistet. Rechtsanwalt Schily versucht in längeren Ausführungen zu belegen, daß "die Springerpresse eine Pogromhetze gegen Dutschke als Exponenten der kritischen Oppositionsbewegung betrieben" habe. Nach dem Mordanschlag auf Dutschke habe sich Mahler gemeinsam mit anderen Demonstranten zum öffentlichen Ankläger gegen den Verleger Springer und seinen Konzern gemacht. 10. März 1970 Schüler demonstrieren gegen Bildungspolitik Über 10 000 Berliner Schüler nehmen an einer Demonstration gegen die Schulpolitik des Senats teil und erklären auf zahlreichen Transparanten ihre Sympathie für den zurückgetretenen Schulsenator Prof. Dr. Carl Evers. Auf einem Teach-in, das im Anschluß an die Demonstration im Auditorium Maximum der Technischen Universität stattfindet, verabschieden die Schüler eine Resolution, die den Berliner Senat auffordert, die Streichung von 560 Millionen DM im Bildungsetat der mittelfristigen Finanzplanung rückgängig zu machen und die Mittel dafür aus dem Polizeietat freizumachen.Unter den fast 60 Berliner Gymnasien haben nur zwhn geschlossene Unterrichtsteilnahme ihrer Schülerinnen und Schüler registriert. Am 18. März demonstrieren nochmals ca. 3000 Schüler gegen den "Bildungsnotstand an den Berliner Schulen". 11. März 1970 Psychologiestudenten schließen Journalisten aus Die studentische Vollversammlung des Psychologischen Instituts der FU schließt mehrheitlich mehrere Journalisten von der Teilnahme an der Diskussion über die Berufung von Professor Eyferth aus. In Diskussionsbeiträgen wird der "Ausschluß der Springerpresse" als politischer Akt bezeichnet. Für die Anwendung des Beschlusses gegen den Berichterstatter des "Tagesspiegel" wird keine Begründung abgegeben. Die Versammlung beschließt mehrheitlich, Professor Eyferth aufzufordern, seinen Ruf an die FU abzulehnen. (Vgl. 8. Mai 1970) Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, bedauert in einer Erklärung den Ausschluß der Journalisten. Ein derartiges Vorgehen widerspreche seinen Vorstellungen einer demokratischen Universität und der notwendigen Transparenz von Diskussionsprozessen. TU-Präsident erkennt Architekturprüfungen nicht an Der amtierende Präsident der TU, Professor Wever, weigert sich, die Diplomurkunden von 128 Architekturstudenten zu unterzeichnen, da die Diplomprüfungen zum Teil kollektiv abgelegt worden sind. Der TU-Präsident sieht darin einen Verstoß gegen die Diplomprüfungsordnung. Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein kündigt eine Überprüfung jedes einzelnen strittigen Prüfungsvorganges an. 12. März 1970 Auseinandersetzung an Berliner Schulen Die Störungen an Berliner Schulen halten an. Die Polizei geht mehrfach gegen "Streikposten" und Schüler aus benachbarten Schulen vor, die in Gebäude oder Schulhöfe eingedrungen waren. An zahlreichen Schulen fällt der Unterricht in den Oberstufen aus. AEG-Betriebsrat muß Einladung an FU-Präsidenten rückgängig machen Der Betriebsrat der Firma AEG-Telefunken macht auf Intervention der Betriebsleitung seine Einladung an den Präsidenten der FU, Rolf Kreibich, rückgängig, am 20. März zum Thema "Die Situation der Universität und ihre gegenwärtigen Probleme" vor der Belegschaft zu sprechen. Die Geschäftsleitung ist der Auffassung, daß eine Teilnahme Kreibichs an der Betriebsversammlung eine unüberschaubare betriebliche Belastung mit sich bringen könne. (Vgl. 18. Febr. und 20. März 1970) 13. März 1970 Wissenschaftssenator kritisiert "Notgemeinschaft" Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, erklärt im Landespressedienst unter der Überschrift "Anschauungen der Notgemeinschaft nicht konform mit dem Universitätsgesetz", daß die von der "Notgemeinschaft für eine Freie Universität" angeführten Beispiele einer "roten Unterwanderung" der FU von ihm bereits mehrfach zurückgewiesen worden seien. 17. März 1970 Heftige Kontroversen am Psychologischen Institut Der Institutsrat des Psychologischen Instituts diskutiert über die Forderung nach einem zweiten Psychologischen Institut an der FU, die Siegfried Greif von der "Initiativgruppe" begründet. (Vgl. 7. Nov. 1969, 23., 24. und 26. März 1970) 18. März 1970 Presseberichte über das Psychologische Institut der FU. "Die Welt" berichtet unter der Überschrift "Auch Kreibich spricht von einer sehr ernsten Lage" über die Auseinandersetzung um den Berufungsvorgang des Darmstädter Professors Klaus Eyferth und der "Tagesspiegel" unter der Überschrift "Ernste Krise an FU Institut" über die Bestrebung, ein zweites Psychologisches Institut an der FU zu errichten. Dok. 1017 Bundesbildungsminister besucht FU Der Bundesminister für Bildung und Wissenschaft, Hans Leussink, besucht die Freie Universität Berlin. Leussink erklärt nach seinen Gesprächen an der FU, er habe den Eindruck, daß sich die FU nicht auf einer schiefen Ebene befinde. Vielmehr glaube er, daß auf Grund des Berliner Universitätsgesetzes und seiner Anwendung die "echte Chance" bestehe, zu einer modernen Konzeption einer zukünftigen Hochschule zu gelangen. Mit dem neuen Universitätsgesetz sei Berlin zum Modellfall für andere Bundesländer geworden. Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, äußert sich zufrieden über die Resultate des Besuches von Bundesminister Leussink und spricht die Hoffnung aus, daß der Minister einige seiner Thesen neu überdenken werde. Man habe übereingestimmt, daß die Entwicklungsplanung für die Hochschulen auf Bundes-, Länder- und Universitätsebene besser koordiniert werden müsse. Präsident Kreibich gibt bekannt, daß er von Minister Leussink in Hinblick auf die zum Teil sehr schlechte Bausituation an der FU eine Zusage auf finanzielle Unterstützung von Sofortbaumaßnahmen erhalten hat. Dabei handelt es sich um den Neubau der Zahn- und Kieferklinik, die Erweiterung des Instituts für Organischen Chemie, den Neubau für die Physik und ein Gebäude für die Zentralverwaltung der FU. Bundestag beschließt Amnestie für Demonstranten Der Deutsche Bundestag beschließt vorbehaltlich der Zustimmung des Bundesrates eine Amnestie aller Demonstrationsstraftaten, die in der Zeit zwischen 1965 und dem 31. Dezember 1969 verübt wurden und Ermittlungs- und Strafverfahren wegen Aufruhr, Auflauf und Landfriedensbruch zur Folge hatten, sofern das Strafmaß nicht über neun Monate Haft beträgt. Gleichzeitig mit diesem Straffreiheitsgesetz verabschiedet der Bundestag auch das Gesetz zur Reform der Strafbestimmungen zum Schutz des Gemeinschaftsfriedens. Bei den bis zum Jahresanfang 1970 registrierten 2613 Fällen von Demonstrationsdelikten, wobei gegen 3738 Demonstrationsteilnehmer und 353 Polizeibeamte Verfahren eingeleitet worden sind, handelt es sich zum überwiegenden Teil um Tatbestände, die unter die Amnestie fallen. Der Berliner Justizsenator Hans-Günter Hoppe erklärt gegenüber der "Berliner Morgenpost": "Die Befriedungsamnestie will im Zusammenhang mit der Reform der strafrechtlichen Bestimmungen zum Schutz des Gemeinschaftsfriedens im Bereich der Demonstrationstaten einen Schlußstrich ziehen. Der rechtspolitische Beitrag ist das staatliche Angebot zu einem neuen Anfang in einem Zeitpunkt, in dem Recht und Rechtsauffassung wieder in Übereinstimmung gebracht worden sind." Urteil gegen Horst Mahler Rechtsanwalt Horst Mahler wird wegen seiner Teilnahme an den Auseinandersetzungen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke und des Durchbrechens einer Polizeisperre des schweren Aufruhrs und Landfriedensbruches für schuldig befunden und von der 4. Großen Strafkammer des Berliner Landgerichtes zu 10 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Das Gericht sieht eine Rädelsführerschaft von Horst Mahler nicht als gegeben an. Das Ausmaß des entstandenen Schadens könne Mahler nicht angelastet werden. Krawalle nach Demonstration für Horst Mahler In der Berliner Innenstadt kommt es anläßlich einer Solidaritätsdemonstration für Rechtsanwalt Horst Mahler zu schweren Ausschreitungen. Zahlreiche Schaufensterscheiben werden eingeworfen und auf dem Mittelstreifen des Kurfürstendamms geparkte Fahrzeuge beschädigt. Mehrere Zeitungsfilialen werden in Brand gesteckt. Es entsteht ein Sachschaden, der sich nach Schätzungen der Polizei auf über 500.000 DM beläuft. 19. März 1970 FU-Kuratorium beschließt Baumaßnahmen für Mediziner In seiner 150. Sitzung beschließt das Kuratorium der FU die Errichtung von Seminar- und Hörsaalräumen gegenüber dem Gelände des Städtischen Krankenhauses Westend. Die Baukosten dieser Schnellbaumaßnahmen sollen 1,5 Millionen DM nicht überschreiten. Das Kuratorium betont im gleichen Beschluß die Notwendigkeit von Schnellbauten der Klinik und Poliklinik für kleine Haustiere und der Klinik für Pferdekrankheiten, die über den Haushalt des Landes Berlin finanziert werden sollen. Das Kuratorium berät über die Errichtung einer Kindertagesstätte an der FU. Das Kuratorium übernimmt Forderungen an den früheren AStA in Höhe von 1.138,90 DM. Damit erhöhen sich die für den AStA übernommenen Verbindlichkeiten auf 51.124,76 DM. Erstes innerdeutsches Gipfeltreffen in Erfurt Zwischen Bundeskanzler Willi Brandt und Ministerpräsident Willi Stoph findet in Erfurt das erste innerdeutsche Gipfelgespräch statt. 20. März 1970 FU-Präsidialamt verteilt Flugblätter vor AEG Fünf Mitglieder des Präsidialamts der FU verteilen vor dem Reinickendorfer Werk von AEG-Telefunken Flugblätter, in denen auf die "Ausladung" des FU-Präsidenten Kreibich aufmerksam gemacht wird. Das Flugblatt enthält drei Thesen aus der für die Betriebsversammlung vorgesehenen Rede von Präsident Kreibich: 1. Universitäten seien nicht Selbstzweck, sondern müßten an der Lösung gesellschaftlicher Probleme teilhaben. Die Erforschung der Arbeitswelt müsse verstärkt werden. 2. Arbeiter und Angestellte hätten durch das neue Universitätsgesetz erstmals die Möglichkeit, an allen Entscheidungen mitzuwirken. Dieses Mitbestimmungsmodell könne den Demokratisierungsprozeß außerhalb der Universität vorantreiben. 3. Die Hochschulreform verbessere die Bildungschancen von Arbeitern und Angestellten. (Vgl. 18. Febr. und 12. März 1970) Dok. 1018 21. März 1970 Harte Fronten am Psychologischen Institut Die Mittelbauversammlung am Psychologischen Institut mißbilligt mit 14:13:2 Stimmen die "Spaltungsbestrebungen" der "Initiativgruppe für ein 2. Psychologisches Institut". SDS als Bundesverband aufgelöst Der Bundesvorstand des SDS wird in Frankfurt aufgelöst. Eine Versammlung von aus dem Bundesgebiet angereisten SDS-Mitgliedern - es hatten zumeist keine Delegiertenwahlen in den örtlichen Gruppen mehr stattgefunden - stimmt dem Vorschlag des Bundesvorstandes zu, dieses Gremium zu dispensieren. Damit hört der SDS als gemeinsamer Verband auch faktisch auf zu existieren, nachdem die meisten örtlichen Gruppen sich in den letzten Monaten bereits in verschiedene Fraktionen und neugegründete Organisationen der APO aufgelöst hatten. 23. März 1970 Verschärfter Streit am Psychologischen Institut Ebenso wie die Mittelbauversammlung am 21. März "spricht der Institutsrat den Mitgliedern der Initiativgruppe 2. Psychologisches Institut mit 6:3:1 Stimmen seine Mißbilligung aus". Namentlich werden die Mitglieder des Institutsrates Faber, Greif und Zahn "wegen Weitergabe von das gesamte Institut betreffenden, insbesondere ungeprüften und nicht belegten Informationen außerhalb der durch Satzung vorgebenen Institutionen" kritisiert. Demgegenüber bestehen die Mitglieder der Institutsgruppe auf der Möglichkeit, als Minorität Entschlüsse zu fassen und bekanntzugeben. Die Forderung nach einem 2. Psychologischen Institut habe jetzt an die Entscheidungsgremien weitergeleitet werden müssen, "da die Entscheidung über die Bildung der Fachbereiche unmittelbar vor ihrem Abschluß steht". 24. März 1970 Psychologen-Initiativgruppe will nicht mißbraucht werden Die "Initiativgruppe für ein 2. Psychologisches Institut" an der FU wendet sich in einer Erklärung dagegen, für eine Kampagne gegen die Hochschulpolitik von FU-Präsident Kreibich mißbraucht zu werden: "Die Initiativgruppe für ein 2. Psychologisches Institut verurteilt auf das entschiedenste die Intentionen der Notgemeinschaft für eine Freie Universität, die politischen und wissenschaftstheoretischen Auseinandersetzungen am Psychologischen Institut der FU dazu zu benutzen, die Reformansätze, die durch das neue Hochschulgesetz ermöglicht werden, sowie die umsichtige und fortschrittliche Hochschulpolitik des Präsidenten Kreibich zu torpedieren." Mit der gleichen Intention erfolge die tendenziöse Berichterstattung der Zeitungen des Springer Verlages zur Situation an der FU und speziell an deren Psychologischem Institut. Die Initiativgruppe betont, daß sich ihre Kritik allein auf die Situation am Psychologischen Institut der FU beziehe, das einen hinreichenden Schutz der legitimen Reformbestrebungen der Minorität nicht mehr gewährleisten könne. 25. März 1970 Ferienausschuß des Akademischen Senats der FU beschließt Zulassungsbedingungen Der Ferienausschuß des Akademischen Senats beschließt die Zulassungsbedingungen in den Numerus-clausus-Fächern Medizin, Zahnmedizin, Veterenärmedizin, Pharmazie, Psychologie, Chemie und Biologie. 26. März 1970 Zweites Psychologisches Institut beantragt Professor Adolf-Otto Jäger, 13 Wissenschaftliche Mitarbeiter und 57 Hauptfachstudenten beantragen beim Kuratorium der Freien Universität "in Abänderung der Empfehlung des Akademischen Senats eine weitere Wissenschaftliche Einrichtung für Psychologie zu errichten." Dok. 1019 Film über Klinikum Steglitz uraufgeführt Ein einstündiger Dokumentarfilm über den Bau und Betrieb des Klinikums Steglitz der FU, der im Auftrag der "Benjamin-Franklin-Stiftung" von dem Dokumentar- und Lehrfilmproduzenten Peter Cürlis hergestellt wurde, wird in der Berliner Kongreßhalle vor Vertretern der Stiftung, der am Bau beteiligten Berliner Senatsverwaltungen und Firmen, der Freien Universität und Mitarbeitern des Klinikums uraufgeführt. 27. März 1970 Professoren aus USA solidarisch mit ihren FU-Kollegen "Der Tagesspiegel" veröffentlicht Auszüge aus einem Brief, in dem sieben Professoren der Universität Berkeley / USA ihren Kollegen in der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU ihre Unterstützung und Solidarität zusichern. Die Hochschullehrer der WiSo-Fakultät, die die Idee der freien Lehre gegen den von Teilen der Studentenschaft ausgehenden Druck "besonders energisch verteidigt haben", hätten sich "ein hohes Verdienst um das akademische Leben in allen Ländern erworben". Die Wissenschaftler aus Berkley, die zum teil durch persönliche Erfahrungen mit dem deutschen Universitätsleben verbunden sind, erklären, daß sie sich verpflichtet fühlen, "an die Seite der Berliner Kollegen zu treten." Studentendorf der FU in finanziellem Dilemma "Der Tagesspiegel" berichtet, daß dem Studentendorf der FU in Zehlendorf der Konkurs drohe, da die Miete nicht mehr kostendeckend sei und der seit elf Monaten laufende "Mietstreik" eines größeren Teils der Bewohner im vergangenen Jahr bereits einen Zuschuß von 200.000 DM für die laufenden Unterhaltungskosten erforderlich gemacht habe. 28. März 1970 "Bayernkurier" befürchtet rote Herrschaft über FU Im "Bayernkurier" erscheint unter der Überschrift "Rote Herrschaft über die Freie Universität / Gefahr nicht bagatellisieren" ein Artikel von Werner Hardenberg. 2. April 1970 FU und TU für Großrechenzentrum als Interessengemeinschaft In einer gemeinsamen Erklärung nehmen die Freie und die Technische Universität Berlin zu dem geplanten Großrechenzentrum Stellung. Nach Meinung der Universitäten soll das Berliner Großrechenzentrum nicht, wie bisher beabsichtigt, eine nachgeordnete Behörde und damit eine nicht rechtsfähige Verwaltungseinrichtung des Senats sein, sondern als Interessengemeinschaft aller beteiligten wissenschaftlichen Institutionen betrieben werden. FU und TU sind sich darüber einig, daß sie Verhandlungen über die Organisation der elektronischen Datenverarbeitung in Berlin nur noch gemeinsam führen wollen. 3. April 1970 Vorwürfe gegen Schülerladen des Psychologischen Instituts "Die Welt" veröffentlicht unter der Überschrift "Nixon verantwortet alles, er ist der Hauptschuldige / Freie Universität Berlin: Erziehungs-Experiment, sozialistisch eingefärbt" einen Artikel von Hans Erich Bilges, der sich mit dem Projekt "Schülerladen" am Psychologischen Institut der FU beschäftigt. Dieses Projekt des Psychologischen Instituts erprobe seit Juli 1969 "antiautoritäre Kindererziehung". "Die Welt" dokumentiert auf der gleichen Seite Auszüge aus Protokollen der in diesem Schülerladen "Rote Freiheit" mitarbeitenden Studenten und einen Brief des Projektleiters Rüdiger Koch, in dem dieser eine Veröffentlichung der Protokolle des Schülerladens unter Hinweis auf deren subjektiven und vorläufigen Charakter vor Abschluß des Projektes ablehnt. Koch droht der "Welt" im Falle der "Nichtbeachtung" dieser "Forderung" rechtliche Schritte an. "Der Tagesspiegel" setzt sich unter der Überschrift "Versuchskaninchen" ebenfalls mit dem Kreuzberger Kinderladenprojekt des Psychologischen Instituts der FU auseinander. Kommentierend wird angemerkt: "Im Auftrag eines Universitätsinstituts, das diesen Versuch unter Ausschluß der Öffentlichkeit unternommen hat, werden hier Studenten auf Kinder losgelassen, zu denen sie in keinerlei rechtlicher oder verwandtschaftlicher Beziehung stehen. Aus Protokollen, deren Richtigkeit der zuständige Professor nicht bestreitet, geht hervor, daß hier nicht beobachtet, sondern mit unmündigen Menschen experimentiert wird." Auch "Der Tagesspiegel" veröffentlicht Auszüge aus den Protokollen des Kinderladenprojektes. In der gleichen Ausgabe wird unter der Überschrift "Antrag auf Institutsteilung" über "Konsequenzen von FU-Psychologen aus politischen Konflikten" berichtet: "Die Initiativgruppe 2. Psychologisches Institut an der FU hat jetzt offiziell beim Kuratorium beantragt, in Abänderung der diesbezüglichen Empfehlung des Akademischen Senats der FU für die Neugliederung der FU in Fachbereiche eine weitere wissenschaftliche Einrichtung für Psychologie neben dem bisher bestehenden Psychologischen Institut zu errichten. Dieses 2. Psychologische Institut soll dem Antrag zufolge dem Fachbereich Erziehungswissenschaften zugeordnet werden." (Vgl. 26. März 1970) Dok. 1020 FU-Präsidialamt bedauert Veröffentlichung der Kinderladenprotokolle Das Präsidialamt der FU veröffentlicht eine Erklärung, in der "außerordentlich" bedauert wird, daß Berichte, "die noch nicht einmal im Institut wissenschaftlich ausgewertet worden sind", veröffentlicht und "zu politischer Agitation gegen Herrn Professor Holzkamp mißbraucht werden". Hier werde "mit blinder Wut gegen politische Gegner" versucht, "den Ruf eines engagierten Wissenschaftlers und seiner Mitarbeiter zu ruinieren". 4. April 1970 Stellungnahmen zum Schülerladen des Psychologischen Instituts "Der Tagesspiegel" veröffentlicht die Erklärung des Präsidialamtes vom Vortage und berichtet über Stellungnahmen des Dekans der Philosophischen Fakultät, Professor von Simson, sowie des Geschäftsführenden Direktors des Psychologischen Instituts, Prof. Dr. Klaus Holzkamp. Dok. 1021 7. April 1970 Professor Holzkamp verteidigt Schülerladen Projekt Der Geschäftsführende Direktor des Psychologischen Instituts der Freien Universität, Klaus Holzkamp, verteidigt auf einer Pressekonferenz der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU die wissenschaftliche Konzeption des Kinderladenprojekts "Rote Freiheit" in der Kreuzberger Naunynstraße. Professor Holzkamp weist den Vorwurf zurück, dort werde mit Kindern experimentiert. Es handele sich bei der Tätigkeit der Mitarbeiter des Psychologischen Instituts um "kontrollierte Beobachtung". Die Kinder würden im Rahmen des Kinderladenprojektes "durch kritische Urteilsfähigkeit ihre eigene Lage besser verstehen und persönliche Schuldgefühle abbauen" lernen. Bundesjustizminister Jahn nimmt an Vermitlungsgespräch zwischen FU und Wissenschaftszentrum teil Unter Leitung des Präsidenten der Freien Universität Berlin, Rolf Kreibich, trifft eine Verhandlungsgruppe der FU mit Vertretern des geplanten Wissenschaftszentrums Berlin und Bundesjustizminister Jahn zusammen. Für die FU nehmen die Herren Prof. Dr. Dreitzel (Entwicklungsplanungskommission), Dr. Warnke und Hoebich (Präsidialamt) und Gessinger (studentischer Stab im Präsidialamt), für das Wissenschaftszentrum dessen Geschäftsführer Dr. Brandt und Frau Maletzke an dem Gespräch teil. Alle Beteiligten stimmen überein, daß die geplanten Projekte von großer gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Relevanz sind. Im einzelnen sind dies: die Deutsche Fakultät, das Internationale Zentrum für fortgeschrittene Studien, das Institut für Management und Verwaltung, das Institut für Friedens- und Konfliktforschung und das Institut für Soziale Lebenswelt, Sprach- und Wissenschaftsforschung. Die Vertreter der FU wünschen die Einrichtung eines Wissenschaftszentrums Berlin als Ort gemeinsamer Forschungsinstitute der Freien und Technischen Universität. Die Vertreter des Wissenschaftszentrums streben hingegen die Einrichtung internationaler Problemforschungsinstitute an, die vom Bund finanziert werden, aber unabhängig arbeiten und auch von dritten Staaten mitgetragen werden können. (Vgl. 10. April 1970) 8. April 1970 Jugendsenator ordnet Schließung des Schülerladens "Rote Freiheit" an Der Senator für Familie, Jugend und Sport, Horst Korber, fordert in einem Schreiben an den Geschäftsführenden Direktor des Psychologischen Instituts der Freien Universität Berlin, Prof. Dr. Klaus Holzkamp, dringend dazu auf, "dafür Sorge zu tragen, daß der von Ihrem Institut betriebene 'Schülerladen' unverzüglich geschlossen wird." In einem Rechtsbescheid untersagt Senator Korber sechs studentischen Betreuern des "Schülerladens" jegliche weitere Tätigkeit im Rahmen dieses Forschungs- oder Arbeitsprojekts. Die Tätigkeit der Projektgruppe werde "durch die von Art. 5, Abs. 3, Satz 1 des Grundgesetzes gewährleistete Freiheit der Forschung nicht gedeckt, da es mit Forschung nichts zu tun hat, vielmehr einen durch nichts gerechtfertigten Eingriff in die Rechte anderer, insbesondere in das Recht des Kindes auf Erziehung zur seelischen und gesellschaftlichen Tüchtigkeit (§ 1, Abs 1 des Gesetzes für Jugendwohlfahrt) und das Erziehungsrecht der Eltern (Art. 6, Abs 2 des Grundgesetzes) darstellt". Die sofortige Vollziehung dieses Bescheids wird angeordnet, da sie im öffentlichen Interesse liege. "Die Kinder müssen vor der weiteren erheblichen Gefährdung ihres geistigen und sittlichen Wohls geschützt werden, ohne daß der Ausgang eines etwaigen Verwaltungsstreitverfahrens abgewartet werden kann." Finanzierung des Instituts für Perinatale Medizin gesichert Der Hauptauschuß des Abgeordnetenhauses von Berlin stimmt in seiner 169. Sitzung mit großer Mehrheit einer von der SPD-Fraktion vorgeschlagenen Empfehlung zur Vorlage des Senats über die Errichtung eines Instituts für Perinatale Medizin zu. 9. April 1970 Institut für Politische Wissenschaft will selbständig bleiben Die Mitarbeiter des Instituts für Politische Wissenschaft an der FU sprechen sich in einer Erklärung gegen die Absicht der Vorkommission des Kuratoriums der FU aus, das Institut in den künftigen Fachbereich Politische Wissenschaft einzugliedern. Die Mitarbeiter des Instituts für Politische Wissenschaft lehnen den Plan, das Institut als selbständiges interdisziplinäres Forschungsinstitut aufzulösen, einstimmig ab. Abgeordnetenhaus diskutiert über Schülerladen des PI In der Fragestunde des Berliner Abgeordnetenhauses kommt es zu einer längeren Diskussion um den Schülerladen "Rote Freiheit". Auf Anfrage erklärt der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, daß er den Präsidenten der FU aufgefordert hat, eine gründliche Untersuchung der Schülerladen-Affäre durchzuführen. Außerdem sei Präsident Kreibich von ihm ersucht worden, künftig keine Gelder mehr für derartige Projekte zu bewilligen. 10. April 1970 FU-Kuratorium beschließt Fachbereichsgliederung In seiner 151. Sitzung beschließt das Kuratorium der Freien Universität die Einrichtung von 24 Fachbereichen; die Fachbereiche sollen ihre Arbeit mit Beginn des Sommersemesters 1970 aufnehmen. Im einzelnen werden folgende Fachbereiche eingerichtet: Rechtswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Che-mie, Physik, Biologie, Veterinärmedizin, Mathematik, Geowissenschaften, Zahn-, Mund- und Kieferheil-kunde, Nervenklinische Medizin, Krankenhaus Westend, Vorklinik, Klinische Medizin, Klinisch-Theoretische Medizin, Außenkliniken, Politische Wissenschaft, Altertumswissenschaften, Germanistik, Neuere Fremdsprachliche Philologien, Geschichtswissenschaften, Philosophie und Sozialwissenschaften, Kunstwissenschaften, Erziehungswissenschaften, Phar-mazie. Das Kuratorium bittet den Akademischen Senat der FU, sich bis zur nächsten Kuratoriumssitzung mit der Frage der Teilung des Psychologischen Instituts zu befassen. Das Kuratorium der FU billigt einen Antrag des Präsidenten der FU, der den Kanzler der FU berechtigt, dem Studentendorf einen Betrag von DM 30.000,- zur Verfügung zu stellen, um einen drohenden Konkurs abzuwenden. Der Berliner Senat wird in dem Antrag gebeten, geeignete Maßnahmen zur finanziellen Sanierung des Studentendorfes einzuleiten. Die Sitzung wird auf den 11. April vertagt. FU- und TU- Präsidenten sprechen über Wissenschaftszentrum Zwischen Vertretern der Präsidialämter der FU, unter Leitung von Präsident Kreibich, und der TU, unter Leitung des amtierenden Vizepräsidenten Prof. Dr. Wille, findet ein Gespräch über die Haltung der Universitäten zur "Wissenschaftszentrum Berlin GmbH" statt. Beide Universitäten "wenden sich gegen die Tendenz, in Berlin eine Privatuniversität aus öffentlichen Mitteln zu errichten, die weder der Kontrolle der Öffentlichkeit unterliegt, noch den durch das Universitätsgesetz vorgezeichneten demokratischen Reformen verpflichtet ist". Die vom Wissenschaftszentrum geplanten Projekte seien "zum großen Teil Bestandteil der Lehr- und Forschungstätigkeit der Berliner Universitäten" und sollten verstärkt gefördert werden. Die Vertreter beider Universitäten erklären, daß sie "die Übernahme und Integrierung der vom § "Wissenschaftszentrum Berlin GmbH" geplanten Forschungsvorhaben durch zentrale wissenschaftliche Einrichtungen für Forschung und Lehre an FU und TU" anstreben. (Vgl. 7. April 1970) 11. April 1970 Darstellung der Kontroverse um das WZB "Der Tagesspiegel" veröffentlicht einen Artikel zur Kontroverse um das geplante Wissenschaftszentrum Berlin. Dok. 1022 FU-Kuratorium beschließt Bildung von Zentralinstituten und Zentralen Einrichtungen Das Kuratorium der Freien Universität Berlin beschließt in Fortsetzung seiner Sitzung vom Vortage die Bildung von Zentralinstituten und Zentralen Einrichtungen. Als Zentralinstitute sind vorgesehen: das John-F.-Kennedy-Institut, das Osteuropa-Institut, das Institut für Lateinamerikanistik, das Institut für Soziale Medizin, das Institut für Biochemie und Biophysik. Das Institut für politische Wissenschaften und das Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte sollen zu einem nur forschungsbezogenen Zentralinstitut, dem ZI 6, zusammengefaßt werden. Als Zentrale Einrichtungen werden Metereologie und ein "Dokumentationszentrum für das Schrifttum aus und über Rußland-UdSSR" beschlossen. 12. April 1970 Werden die Naturwissenschaften an der FU vernachlässigt? Die "Berliner Morgenpost" berichtet über die Situation der Naturwissenschaften an der FU: "Die Naturwissenschaft steckt an der Freien Universität im Flaschenhals / Zu wenig Geld, zu wenig Studienplätze - zu viel Bürokratie". 13. April 1970 Diskussion über Schülerladenprojekt der FU-Psychologen geht weiter "Die Welt" veröffentlicht ein Interview mit Senator Prof. Dr. Werner Stein über den Schülerladen "Rote Freiheit": "Zum pädagogischen Experiment gehören Reife und Begabung". Der Deutsche Kinderschutzbund äußert seine Besorgnis über die Entwicklung der "antiautoritären Kindergärten". Der Präsident des Bundes, Dr. Walter Bäcker, wendet sich gegen die organisierten Versuche, Kinder "systematisch zu bolschewisieren" und zu "sexueller Libertinage" zu führen. Dr. Bäcker appelliert an die Eltern, den "bedenklichen Fehlformen der Erziehung" entgegenzutreten und ihre Kinder nicht in die "antiautoritären Kindergärten" zu schicken. Professor Furck bietet Rücktritt als Leiter des PZ an Der Leiter des Pädagogischen Zentrums Berlin (PZ), der Ordinarius für Erziehungswissenschaften an der FU Prof. Dr. Carl-Ludwig Furck, bietet dem Senator für Schulwesen, Gerd Löffler, seinen Rücktritt an. Professor Furck versteht seinen Schritt als Protest gegen die "Einführung einer Genehmigungspflicht, gewissermaßen einer 'Vorzensur'", die sich auf Anweisung Löfflers auf die vom Pädagogischen Zentrum durchgeführten Schulversuche bezieht. Aufgabe des Wissenschaftler ist es nach Ansicht von Professor Furck, die Öffentlichkeit auch dann zu informieren, wenn die Untersuchungsergebnisse zu Ungunsten einiger Teilaspekte der Gesamtschulexperimente ausfielen, die das PZ im Auftrag der Senatsverwaltung für Schulwesen wissenschaftlich untersucht. Andernfalls sei die Überparteilichkeit des Pädagogischen Zentrums in Frage gestellt. Wissenschaft werde "zum Markt der Politik", wenn der Auftraggeber entscheide, wann Ergebnisse verwertet werden dürften. In einer Entgegnung betont der Senator für Schulwesen, Gerd Löffler, daß er eine durchsichtige Schulpolitik betreiben wolle. Es sei keinesfalls daran gedacht, Informationen vor der Öffentlichkeit zurückzuhalten. Bei der von Professor Furck kritisierten Maßnahme handele es sich lediglich um einen Vorbehalt, die Ergebnisse des Pädagogischen Zentrums erst dem Auftraggeber vorzulegen, bevor sie in die Öffentlichkeit gelangen. 14. April 1970 Rotzök stört Sitzung des Tutorenausschusses Die "Rote Zelle Ökonomie" verhindert durch ein Go-in die Abstimmung des Tutorenausschusses an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät über zwei Tutorien, die im Semesterprogramm der Rotzök als sozialistische Tutorien ausgewiesen sind. Dem Tutorenausschuß lag ein Antrag auf fristlose Entlassung von Tutoren vor, die zu Semesterbeginn andere als in der ursprünglichen Ausschreibung der Tutorien vorgegebene Themen angekündigt hatten. (Vgl. 16. und 22. April 1970) Schulsenator akzeptiert Rücktritt von Professor Furck Der Senator für Schulwesen nimmt das Entlassungsgesuch von Prof. Dr. Carl-Ludwig Furck als Leiter des Pädagogischen Zentrums Berlin an. Löffler sieht sich außerstande, der Forderung von Professor Furck nachzukommen, das Pädagogische Zentrum in eine Stiftung oder Körperschaft des öffentlichen Rechts mit eigener Rechtspersönlichkeit umzuwandeln. (Vgl. 13. April 1970) 15. April 1970 Keine Studiengebühren mehr an FU und TU Zum Sommersemester 1970 werden an der FU keine Studiengebühren mehr erhoben. Präsidenten von FU und TU kritisieren Pläne des Wissenschaftszentrums Die Präsidenten der Freien- und der Technischen Universität Berlin wenden sich in einer Presseerklärung entschieden gegen die in den Plänen der "Wissenschaftszentrum Berlin GmbH" enthaltenen Tendenz zur Gründung einer Privatuniversität und kritisieren, daß die Planung des Wissenschaftszentrums "ohne jeden Kontakt zu den beiden Universitäten in Berlin entwickelt" wurde. Der "schwerpunktmäßige Ausbau der von der 'Wissenschaftszemtrum Berlin GmbH ins Auge gefaßten Forschungsbereiche" solle von den Universitäten und dem Land Berlin organisiert werden. "Unter gar keinen Umständen" sei es "zuträglich, daß einer privaten Gesellschaft vom Staat Prüfungsrechte zugestanden" würden, "die dem Recht auf Promotion und Habilitation gleichkommen". Dok. 1023 ÖTV unterstützt FU-KITA-Projekt Der Vorsitzende der Berliner ÖTV, Schwäbl, appelliert an alle an der Entscheidung über die Einrichtung der FU-Kindertagesstätte berteiligten Organe, die Einbeziehung eines Forschungsprogramms über vorschulische Erziehung in die projektierte FU-KITA zu unterstützen. Damit könne Berlin seine führende Position im Erziehungswesen festigen und notwendige Forschungsarbeiten vorantreiben. 16. April 1970 WiSo-Tutoren sollen entlassen weden Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der FU beschließt die fristlose Entlassung derjenigen Tutoren, die die vom Tutorenausschuß übertragenen Lehraufgaben nicht erfüllen. Der Beschluß bezieht sich auf drei Tutoren, die ihre Veranstaltung im Rahmen der Semesterankündigung der Roten Zelle Ökonomie (Rotzök) abweichend von der ursprünglichen Themenstellung des Tutorenausschusses angekündigt haben. (Vgl. 22. April 1970) Medizinassistenten für Übernahme des Universitätsgesetzes für Charlottenburger Kliniken Etwa 200 Assistenten der Medizinischen Fakultät der FU beschließen auf einer Vollversammlung Kampfmaßnahmen vom Dienst nach Vorschrift bis zur Aufrechterhalung lediglich eines Notdienstes, falls das Bezirksamt Charlottenburg nicht dem Universitätsgesetz für das Krankenhaus Westend und die Frauenklinik Charlottenburg volle Gültigkeit verschafft. Für die Übernahme der Mitbestimmungsregelungen des Universitätsgesetzes wird dem für das Krankenhaus Westend zuständigen Bezirksamt Charlottenburg eine Frist bis zum 22. Mai gesetzt. In der Resolution der Vollversammlung heißt es : "Die moderne Medizin erfordert eine weitgehende Spezialisierung der Ärzte, und sie erfordert im Interesse der Patienten eine neue freie Kooperation zwischen den Wissenschaftlern, in die auch das nichtwissenschaftliche Personal einbezogen werden muß." Dafür biete das Universitätsgesetz die organisatorische Voraussetzung. "Die Ärzte der Freien Universität werden sich weigern, noch weiter unter dem alten System der Ordinarienherrschaft zu arbeiten." Den Professoren der Klinik Westend wird vorgeworfen, die Anwendung des Universitätsgesetz beim Bezirksamt Charlottenburg "zu hintertreiben". Die Assistentenversammlung fordert "im Bewußtsein ihrer Verantwortung für die Krankenversorgung" eine "umfassende Demokratisierung des Krankenhauses Westend und der Frauenklinik Charlottenburg". Krankenhäuser könnten "unmöglich ihren wahren Aufgaben hinreichend gerecht werden, solange sie als Herrschaftsbereiche und Profitinstrumente Einzelner angelegt" seien. 17. April 1970 WiSo-Fakultät setzt sich für inhaftierte griechische Kollegen ein Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der FU fordert die sofortige Freilassung des von einem griechischen Sondermilitärgericht verurteilten Professors für Volkswirtschaft Kara Jorgas, des Professors für Strafrecht Mangakis, des Assistenten Wassiliou und des ehemaligen Studentensprechers Konstantopoulos. Der Wortlaut des Beschlusses wird brieflich dem griechischen Botschafter in Bonn übermittelt. Bundespräsident Dr. Heinemann besichtigt FU-Klinikum Bundespräsident Dr. Gustav Heinemann besichtigt das Klinikum Steglitz der FU. Am Abend empfängt der Bundespräsident in seinem Amtssitz Schloß Bellevue den Präsidenten der FU, Rolf Kreibich, zu einem Meinungsaustausch über Fragen der Hochschulreform. 18. April 1970 FU-Rechtsprofessoren klagen gegen Fachbereichsbildung Die ehemalige Juristische Fakultät der FU und 13 ihrer Professoren reichen beim Verwaltungsgericht die bereits angekündigte Klage gegen die Umbildung ihrer Fakultät in einen Fachbereich ein. Die Klage wird mit der Zusammensetzung des Fachbereiches begründet, in dem die Hochschullehrer in der Minderheit sind. 20. April 1970 GEW, Rektorenkonferenz und Assistentenkonferenz lehnen Wissenschaftszentrum Berlin ab Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), die Westdeutsche Rektoren-Konferenz und die Bundesassistenten-Konferenz wenden sich in getrennten Erklärungen gegen das geplante Wissenschaftszentrum Berlin. Die Westdeutsche Rektorenkonferenz lehnt auf ihrer 79. Plenartagung in Bonn-Bad Godesberg entschieden eine "unkontrollierte Privatisierung des öffentlichen Bildungswesens" ab und "fordert den Bundesminister für Bildung und Wissenschaft, die Kultusministerkonferenz und den Wissenschaftsrat auf, die weitere Förderung der `WZB-GmbH'so lange einzustellen, bis geklärt ist, wie weit dieser Plan in das Gesamtkonzept der Hochschulplanung eingefügt werden kann". Zwei Professoren stellen Mitarbeit am WZB ein Die Professoren für Politikwissenschaft Iring Fetscher (Frankfurt) und Frieder Naschold (Konstanz) geben die Einstellung ihrer Mitarbeit am Wissenschaftszentrum Berlin bekannt. Professor Fetscher begründet seinen Schritt mit der "totalen Isolierung" des WZB von den Berliner Universitäten, Professor Naschold sieht seine "von Anfang an geäußerten Bedenken gegen die Gesamtkonzeption des Internationalen Instituts für Konflikt- und Friedensforschung im Rahmen des WZB" im wesentlichen bestätigt und spricht sich für eine Unterstützung entsprechender Forschungsvorhaben an den Berliner Universitäten aus. Bundesassistentenkonferenz protestiert gegen WZB Der Vorstand der Bundesassistentenkonferenz verurteilt schärfstens "die Errichtung einer wesentlich auf privatwirtschaftliche Interessen ausgerichteten Gegenuniversität in Berlin". Im einzelnen kritisiert die Bundesassistentenkonferenz die Abtrennung der Forschung von der Lehre, die Zerschlagung der durchlässigen Hochschulausbildung und die Gründung abhängiger, von der Privatindustrie beherrschter Elite-Universitäten. 21. April 1970 Wissenschaftssenator annulliert 45 TU-Diplomprüfungen Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, hebt in 45 Fällen die Prüfungsentscheidungen der Fakultät für Architektur an der Technischen Universität Berlin auf, da die Prüfungen als Gruppenprüfungen abgelegt wurden: "Eine Gruppenarbeit von Studenten bis in die Prüfung hinein, wie sie an der Fakultät für Architektur im letzten Prüfungstermin vorgenommen worden ist, ist weder nach den Prüfungsbestimmungen zulässig, noch durch das Universitätsgesetz gedeckt." Gruppenarbeit sei lediglich auf die Einführung in die Methodik des Faches und die studienbegleitendene Beratung bezogen sinvoll, während die "Feststellung des wissenschaftlich-orientierten Denkens des einzelnen Diplomanden" in der Prüfung nur individuell vorgenommen werden könne. Streit um Wissenschaftszentrum geht weiter Mit Stinkbomben und Knallkörpern stören etwa 50 Studenten beider Universitäten eine Pressekonferenz der "Wissenschaftszentrum Berlin GmbH" im Hotel Seehof am Lietzensee. Der Senat von Berlin spricht sich in einer Erklärung für die Bildung des Wissenschaftszentrums Berlin aus. Der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz kündigt an, in den nächsten tagen mit den Präsidenten beider Universitäten über das Projekt zu sprechen. 22. April 1970 "Rote Zelle Ökonomie" droht mit gezielten Störaktionen Auf einer studentischen Versammlung mit 350 Teilnehmern, droht die "Rote Zelle Ökonomie" (Rotzök) Maßnahmen gegen die Lehrveranstaltungen bestimmter Professoren an, falls die angekündigte Entlassung von drei Tutoren erfolgt, die ihr Programm im Rahmen der Semesterankündigung der Rotzök abweichend von der Aufgabenstellung des Tutorenauschusses erläutert haben. (Vgl. 16. April 1970) Abstimmung über Teilung des Psychologischen Instituts Am Psychologischen Institut der FU beginnt eine studentische Urabstimmung über die Teilung des Instituts. Weitere Kritik am geplanten Wissenschaftszentrum Berlin Der Landesvorstand der Berliner FDP empfielt dem Landesparteitag, eine Finanzierung des WZB aus öffentlichen Mitteln abzulehnen. Die für das WZB vorgesehenen Mittel sollten entsprechenden Instituten der Berliner Universitäten zugeführt werden, da hier eine öffentliche Kontrolle über deren Verwendung im Rahmen der demokratischen Struktur der Universitäten erfolge. Auch die Mehrheit der SPD-Abgeordneten im Bundestagsauschuß für Bildung und Wissenschaft lehnt eine finanzielle Beteiligung des Bundes an dem geplanten Wissenschaftszentrum Berlin ab. Das Wissenschaftszentrum Berlin soll aus dem Titel "Förderung von Einzelvorhaben der wissenschaftlichen Forschung von überregionaler Bedeutung" des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft ca. 1,65 Millionen DM erhalten. Die "Aktionsgruppe Hochschullehrer an der FU", der etwa 100 Professoren angehören, schließt sich der Kritik am WZB an, wie sie zuletzt von der Rektorenkonferenz und den Präsidenten von FU und TU vorgebracht wurde. Die Aktionsgruppe fordert, "daß durch sinnvolle Kooperation zwischen Universitäten und anderen Forschungsinstituten die Zersplitterung der ohnehin beschränkten Gelder vermieden wird." Das WZB hemme durch seine "in auffallender Heimlichkeit betriebene Planung" diese durch das neue Universitätsgesetz gegebenen Möglichkeiten. Wissenschaftszentrum antwortet auf Kritik der Universitäten Der Generalsekretär der "Wissenschaftszentrum Berlin GmbH (WZB)", Dr. Gerd Brandt, tritt auf einer Pressekonferenz im Berliner Bundeshaus den Vorwürfen gegen das Wissenschaftszentrum entgegen. Es handele sich bei dem geplanten Wissenschaftszentrum nicht um eine Privatuniversität. Das WZB strebe keine Promotions- oder Habilitationsrechte an, sondern wolle sich mit ausgewählten Problemen befassen, für die entsprechende Forschungsinstitute gegründet werden sollen. Als erste Einrichtung dieser Art nennt Dr. Brand ein internationales Institut "für Management und Verwaltung" und ein "internationales Institut für Konflikt- und Friedensforschung". 23. April 1970 Präsidenten von FU und TU fordern öffentliche Kontrolle des WZB Die Präsidenten der Freien Universität und der Technischen Universität, Kreibich und Wever, erklären nach einem Gespräch mit dem Regierenden Bürgermeister Schütz und Wissenschaftssenator Stein über das geplante Wissenschaftszentrum Berlin, daß Institutionen wie das Wissenschaftszentrum, die mit öffentlichen Mitteln finanziert werden sollen, auch vollständig einer öffentlichen Kontrolle unterworfen sein müßten. Beide Präsidenten kritisieren die bisherige "undurchsichtige Vorbereitungspolitik" für das Wissenschaftszentrum. Akademischer Senat lehnt Teilung des Psychologischen Instituts ab Der Akademische Senat der Freien Universität Berlin berät auf einer außerordentlichen Sitzung über die Einrichtung eines weiteren Psychologischen Instituts am Fachbereich Erziehungswissenschaften. Es werden Vertreter der Initiativgruppe für ein 2. Psychologisches Institut und des Institutsrates gehört. Der Akademische Senat kommt in dieser Frage zu keiner Einigung. Mit 13:11 Stimmen wird die von Professor Nipperdey beantragte Teilung des Psychologischen Instituts abgelehnt. Eine gemeinsame Schlichtungskommission des Kuratoriums und des Akademischen Senats der FU soll bis zum 8. Mai 1970 Vorschläge darüber erarbeiten, wie ein "Minderheitenschutz" am Psychologischen Institut der FU gewährleistet werden könne. 24. April 1970 Professor Sanmann verläßt unter Kritik die FU Prof. Dr. Horst Sanmann, Ordinarius für Volkswirtschaftslehre an der FU, begründet in einem Schreiben an den Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU, Prof. Dr. Wolfram Fischer, die Annahme eines Rufes der Universität Hamburg mit der Unmöglichkeit, künftig noch eine gedeihliche wissenschaftliche Arbeit an der FU leisten zu können. FU-Juristen beantragen Aufschiebung der Fach-bereichsbildung Die ehemalige Juristische Fakultät der FU und 13 ihrer Professoren beantragen beim Verwaltungsgericht, die aufschiebende Wirkung ihrer Klage vom 18. April 1970 wiederherzustellen. Abbruch einer Lehrveranstaltung am Englischen Seminar Nach Unterbrechung durch Mitglieder der "Roten Zelle Anglistik" (Rotzang) wird die Einführung in das Altenglische durch den Assistenten Hubert Gburek abgebrochen. Die Rotzang will durch ihre Maßnahmen der Forderung einer studentischen Vollversammlung nach "Abschaffung des obligatorischen Charakters der Alten Abteilung" Nachdruck verleihen. Otto-Suhr-Institut will WZB boykottieren Der Institutsrat des Otto-Suhr-Instituts der Freien Universität beschließt einen Boykott des Wissenschaftszentrums Berlin. Das Otto-Suhr-Institut will keine Wissenschaftler berufen, die am Wissenschaftszentrum arbeiten, diesem Personenkreis keine Promotions- und Habilitationsmöglichkeit einräumen und nicht seine Bibliothek für eine Nutzung im Rahmen des Wissenschaftszentrums Berlin zur Verfügung stellen. 27. April 1970 Kontroversen um WZB am Otto-Suhr-Institut Auf anonymen Flugblättern, die im Otto-Suhr-Institut verteilt werden, wird ein Go-in in die Lehrveranstaltung von Prof. Dr. Richard Löwenthal wegen dessen Beteiligung am Wissenschaftszentrum Berlin angekündigt. Die Flugblätter tragen die Überschrift "Vertreibt den WZB-Knecht Löwenthal". Prof. Dr. Richard Löwenthal fordert seinerseits in einem Flugblatt die Mitglieder des Otto-Suhr-Instituts zur Beteiligung an seiner Lehrveranstaltung und einer öffentlichen Diskussion über das Wissenschaftszentrum Berlin auf und kündigt eine Verlegung seiner Vorlesung in das Auditorium Maximum der FU an. (Vgl. 28. April 1970) 28. April 1970 Professor Löwenthal verteidigt Wissenschaftszentrum Vor mehr als 400 Teilnehmern verteidigt Professor Richard Löwenthal im Auditorium Maximum der FU seine Beteiligung am Wissenschaftszentrum Berlin. An der Diskussion beteiligt sich auch der Präsident der FU, Rolf Kreibich. Berliner Senat erläutert seine Position zum WZB In einer Sieben-Punkte-Erklärung erläutert der Senat von Berlin seine Stellung zum Wissenschaftszentrum Berlin. Dok. 1024 29. April 1970 Akademischer Senat der FU mißbilligt Wissenschaftszentrum Der Akademische Senat der FU mißbilligt mit 13 gegen 10 Stimmen die Pläne zur Errichtung der "Wissenschaftszentrum Berlin GmbH". Der Akademische Senat nimmt zum Haushaltsplanentwurf der FU für das Jahr 1971 Stellung und verabschiedet den Nachtragshaushalt für 1970. 30. April 1970 Bundesregierung nennt Bedingungen für Unterstützung des WZB Die Bundesregierung begrüßt im Prinzip den Aufbau eines Wissenschaftszentrums Berlin. Regierungssprecher Kurt Ahlers erklärt in der Bundespressekonferenz, neben den Hochschulen müßten auch in außeruniversitären Einrichtungen Forschungsaufgaben wahrgenommen werden können. Als Bedingung für die Unterstützung solcher Einrichtungen durch die Bundesregierung nennt Ahlers die innere Struktur solcher Institute, die die Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Arbeit gewährleisten müsse und den internationalen Charakter der Institute, der durch die Zusammensetzung ihrer Mitarbeiter garantiert werden solle. 1. Mai 1970 Maidemonstrationen in West-Berlin Zum ersten Mal seit 11 Jahren gibt es keine offizielle Freiheitskundgebung vor dem Reichstag in Berlin. Vor dem Schöneberger Rathaus veranstalten der Deutsche Gewerkschafts - Bund und die Deutsche Angestellten Gewerkschaft eine Kundgebung, an der ca. 25.000 Personen teilnehmen. Die Reden des DGB-Vorsitzenden Walter Sickert, des Regierenden Bürgermeisters Klaus Schütz und des Verkehrsministers Georg Leber werden von Anhängern der SEW durch Pfiffe und Sprechchöre gestört. Etwa 8.000 Personen beteiligen sich an der Demonstration der Außerparlamentarischen Opposition in Neukölln und Kreuzberg. Während dieser Demonstration kommt es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei und zu Steinwürfen auf Banken und Kaufhäuser. Nach Ende der Demonstration werden von Demonstrantengruppen, die sich mit der U-Bahn in die Innenstadt begeben haben, ca. 50 Schaufensterscheiben und Vitrinen durch Steinwürfe zerstört. "Rote Zelle Psychologie" begründet ihr Vorgehen Die "Rote Presse Korrespondenz" veröffentlicht eine Darstellung "Zur Situation am Psychologischen Institut (FU)", in der die "Rote Zelle Psychologie" (Rotzeps) erklärt, ihr sei "von der überraschend sich formierenden Rechten ein Verteidigungskampf aufgezwungen" worden. Die Rotzeps kritisiert ihre bisherige "Kooperationsbereitschaft mit dem Präsidialamt". Teile der Organisation hätten nicht bemerkt, wie sie "für die Politik Kreibichs funktionalisiert" worden seien. In dem Artikel erläutert die Rotzeps auch ihr Vorgehen gegen Professor Eyferth. 2. Mai 1970 Dekan Professor Fischer kritisiert OSI-Institutsrat Der Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU, Prof. Dr. Wolfram Fischer, weist in einem Schreiben an den Präsidenten der FU und die Professoren des Otto-Suhr-Instituts (OSI) darauf hin, daß der Boykottbeschluß des OSI gegen das Wissenschaftszentrum Berlin nach seiner Auffassung "zum Teil weit außerhalb der Legalität liegt und den Grundvoraussetzungen unserer Demokratie widerspricht". Insbesondere das im Grundgesetz verankerte Recht der persönlichen Freiheit, der Freiheit von Forschung und Lehre und der staatsbürgerlichen Rechte - vor allem des gleichen Zugangs zu jedem öffentlichen Amt - würden durch den Beschluß des Institutsrates des Otto-Suhr-Instituts verletzt. (Vgl. 24. April und 4. Mai 1970) 3. Mai 1970 Präsident Kreibich nimmt zum Wissenschaftszentrum Stellung "Der Tagesspiegel" veröffentlicht ein Interview von Uwe Schlicht mit dem Präsidenten der Freien Universität Berlin, Rolf Kreibich, zum geplanten Wissenschaftszentrum Berlin. Dok. 1025 Apothekerkongress im Klinikum Steglitz Im Klinikum Steglitz geht der "Kongreß der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Krankenhausapotheker" zu Ende. An dem Kongreß haben Apotheker aus der Bundesrepublik Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, den Niederlanden und Dänemark teilgenommen. Der Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin an der Universität München, Prof. Dr. Heinz Goerke, erklärt in seinem Festvortrag, daß im Klinikum Steglitz der FU bereits in vorbildlicher Weise der Modernisierungsprozeß im Krankenhaus mit Hilfe moderner Informationssysteme verwirklicht sei. 4. Mai 1970 Studiengebühren in Berlin aufgehoben Der Berliner Senat verabschiedet auf Vorschlag des Senators für Wissenschaft und Kunst eine Rechtsverordnung, die vorsieht, mit Wirkung vom Wintersemester 1970/71 an auf die Erhebung von Studiengebühren an allen Hochschulen, fachbezogenen Akademien und Fachschulen zu verzichten. Der Einnahmeausfall, der dadurch für den Berliner Senat entsteht, beträgt jährlich etwa 6 Millionen DM. FU-Soziologen wollen Wissenschaftszentrum boykottieren Der Institutsrat des Soziologischen Instituts der FU beschließt die Verweigerung jeglicher Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftszentrum Berlin. (Vgl. 27. April und 2. Mai 1970) Nationalgarde erschießt vier Studenten in Kent State USA Auf dem Campus der Universität von Kent State/Ohio schießen US-Nationalgardisten auf Studenten, die gegen die Intervention der USA in Kambodscha protestieren. Vier Studenten werden getötet. 5. Mai 1970 Brandanschlag auf Amerikahaus In den frühen Morgenstunden wird ein Brandanschlag auf das Amerika-Haus in der Hardenbergstraße verübt. Aus fünf Personenwagen, die vor dem Amerika-Haus halten, springen mehrere Personen, zertrümmern 18 Scheiben und schleudern Molotow-Cocktails. Polizeibeamte können das Kennzeichen eines Fahrzeugs identifizieren. Wenig später werden in der Schöneberger Hauptstraße die Insassen des Fahrzeugs festgenommen. Es handelt sich dabei um den 27jährigen ehemaligen stellvertretenden Vorsitzenden des AStA der FU, Ulrich Fischer, die 35jährige Dolmetscherin Renate Sami und den 16jährigen Fürsorgezögling Karl-Heinz Wierzejewski. Als Grund für ihren Anschlag geben die Festgenommenen den Einmarsch amerikanischer Truppen am 1. Mai in Kambodscha an. FU-Präsident soll Störungen unterbinden 34 Studenten und der für die von ihnen besuchte Übung verantwortliche Assistent des Englischen Seminars an der FU fordern in einem gemeinsamen Brief Präsident Kreibich auf, künftig Störungen ihrer Lehrveranstaltungen durch die Rote Zelle Anglistik zu unterbinden. Wittkowsky zum TU-Präsidenten gewählt Zum neuen Präsidenten der Technischen Universität Berlin wird der 34jährige Assistent des Instituts für Brennstofftechnik Alexander Wittkowsky gewählt. Das drittelparitätisch besetzte Konzil der TU votiert mit 59 gegen 51 Stimmen für Alexander Wittkowsky. 8. Mai 1970 Präsidialamt veröffentlicht Dokumentation zur Berufung von Professor Eyferth Das Präsidialamt der FU veröffentlicht drei Schreiben von Professor Eyferth, in denen dieser Voraussetzungen für eine Annahme seines Rufes an das Psychologische Insititut der FU formuliert. Mit dieser Dokumentation will das Präsidialamt Vermutungen entgegentreten, es "habe in einem Briefwechsel mit Prof. Eyferth die Teilung des Psychologischen Institutes vorbereitet". Professor Eyferth unterstützt in seinen Schreiben die Reformbemühungen an der FU, macht jedoch die Annahme seines Rufes davon abhängig, ob es Präsident Kreibich gelingt, die durch die Fachschaft Psychologie und die Mehrheit der Wissenschaftlichen Mitarbeiter des Psychologischen Instituts der FU formulierte Ablehnung seiner Berufung rückgängig zu machen. FU-Studenten demonstrieren gegen Intervention der USA in Kambodscha Gegen den Einmarsch der US-Streitkräfte in Kambodscha demonstrieren vom Henry-Ford-Bau der FU aus etwa 1000 Studentinnen und Studenten der FU zum Hauptquartier der US-Streitkräfte in der Clay-Allee. In Höhe des U-Bahnhofs ist die Straße durch Polizei gesperrt. Während der dort abgehaltenen Kundgebung lehnen es die veranstaltenden Roten Zellen ab, einen Brief des Präsidenten der Freien Universität, Rolf Kreibich, an den amerikanischen Stadtkommandanten zu verlesen. In seinem Schreiben protestiert Präsident Kreibich gegen die Erschießung der vier Studenten in Ohio/USA anläßlich einer Demonstration gegen den Einmarsch in Kambodscha. "Ich teile die Trauer der Angehörigen und schließe mich dem Protest zahlreicher Präsidenten von amerikanischen Hochschulen an", schreibt Präsident Kreibich. (Vgl. 4. Mai 1970) Dok. 1026 Bundesregierung formuliert Bedingungen für Unterstützung des Wissenschaftszentrums Berlin Das Bundeskabinett beschließt, die Unterstützung des Wissenschaftszentrums Berlin von einer Verzahnung dieser Institution mit den beiden Berliner Universitäten abhängig zu machen. Ferner wird als Bedingung formuliert, daß die "innere Struktur des Instituts die Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Arbeit unter verantwortlicher Mitwirkung der Mitarbeiter gewährleistet". Wissenschaftszentrum bietet Aufsichtsgremium an Der Generalsekretär der "Wissenschaftszentrum Berlin GmbH" Brand bietet in einem Schreiben an Wissenschaftssenator Stein die Bildung eines Aufsichtsgremiums an, in dem der Bund, das Land Berlin, andere Bundesländer, die Berliner Universitäten und überregional verantwortliche Gremien vertreten sein sollen. 9. Mai 1970 Straßenschlacht nach Kambodscha-Demonstration Im Anschluß an eine Demonstration mit ca. 10.000 Teilnehmern gegen den Einmarsch der US-Streitkräfte in Kambodscha kommt es in der Berliner Innenstadt zu schweren Ausschreitungen und stundenlangen Straßenschlachten. 284 Polizeibeamte und eine unbekannte Zahl von Demonstranten werden verletzt, darunter zwei Personen und ein Polizeibeamter durch Schüsse eines in Bedrängnis geratenen Zivilfahnders. Ein Polizeipferd muß erschossen werden, nachdem es sich beide Vorderläufe gebrochen hat, ein weiteres wird durch Stahlkugeln, die Demonstranten aus Katapulten abschießen, so schwer am Kopf verletzt, daß es ebenfalls getötet werden muß. Sein Reiter erleidet einen Nervenzusammenbruch. 11. Mai 1970 FU-Fachbereiche erhalten Nummerierung Im FU-Info wird die nunmehr gültige Nummerierung der Fachbereiche und Zentralinstitute veröffentlicht: 1 Fachbereich Vorklinik 2 Fachbereich Klinisch-Theoretische Medizin 3 Fachbereich Klinische Medizin 4 Fachbereich Krankenhaus Westend 5 Fachbereich Nervenklinische Medizin 6 Fachbereich Außenkliniken 7 Fachbereich Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde 8 Fachbereich Veterinärmedizin 9 Fachbereich Rechtswissenschaft 10 Fachbereich Wirtschaftswissenschaft 11 Fachbereich Philosophie und Sozialwissenschaften 12 Fachbereich Erziehungswissenschaften 13 Fachbereich Geschichtswissenschaften 14 Fachbereich Altertumswissenschaften 15 Fachbereich Politische Wissenschaft 16 Fachbereich Germanistik 17 Fachbereich Neuere Fremdsprachliche Philologien 18 Fachbereich Kunstwissenschaften 19 Fachbereich Mathematik 20 Fachbereich Physik 21 Fachbereich Chemie 22 Fachbereich Pharmazie 23 Fachbereich Biologie 24 Fachbereich Geowissenschaften Die Zentralinstitute der FU werden ebenfalls nummeriert: ZI 1 Osteuropa-Institut ZI 2 John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikanistik ZI 3 Institut für Lateinamerikanistik ZI 4 Zentralinstitut für Soziale Medizin ZI 5 Zentralinstitut für Biochemie und Biophysik ZI 6 Zentralinstitut für Sozialwissenschaftliche For- schung Zentraleinrichtungen der FU bestehen für Meteorologie und als Dokumentationszentrum für das Schrifttum aus und über Rußland - UdSSR. Vorlesungsstörungen bei FU-Ökonomen Angehöriger der "Roten Zelle Ökonomie" (Rotzök) stören mehrere Lehrveranstaltungen. Zwei Vorlesungen werden abgebrochen. Die Rotzök hat eine "Rote Woche" proklamiert, in der sie das "Monopol der bürgerlichen Nationalökonomie" brechen will. (Vgl 13. Mai 1970) Dok. 1027 12. Mai 1970 Wissenschaftssenator hebt Boykottbeschluß des OSI auf Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, hebt den Boykottbeschluß des Institutsrates am Otto-Suhr-Institut gegen das Wissenschaftszentrum Berlin gemäß § 45 des Universitätsgesetzes in Verbindung mit § 28 und 11 AZG insoweit auf, als er für den Fall der Gründung des Wissenschaftszentrums Berlin Boykottmaßnahmen vorsieht bzw. dazu aufruft. (Vgl. 27. April, 2. und 4. Mai 1970) FU-Präsident kritisiert Rotzök Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, wendet sich gegen die "Umfunktionierungsversuche" von Lehrveranstaltungen durch die "Rote Zelle Ökonomie" (Rotzök). Er fordert die Rotzök auf, die Störungen des Lehrbetriebes einzustellen. Präsident Kreibich bezeichnet den Ton des Diskussionspapiers, in dem die Rotzök ihre Aktionen begründet, als anmaßend und dessen Inhalt als nicht geeignet, eine sachliche Diskussion in Gang zu setzen.Die Rotzök setzt ihre Go-ins fort. Zwei Lehrveranstaltungen werden abgebrochen. Charlottenburger Kliniken der FU zugeordnet Das Westend-Krankenhaus und die Frauenklinik in der Pulsstraße, die bisher von der Freien Universität genutzt und vom Bezirksamt Charlottenburg verwaltet wurden, sollen in Zukunft völlig der FU zugeordnet werden. 13. Mai 1970 Akademischer Senat befürwortet Teilung des PI Der Akademische Senat der FU hört den Bericht der in der letzten Sitzung angeregten Kommission zum Konflikt am Psychologischen Institut. Professor Adolf-Otto Jäger und die Vertreter der "Initiativgruppe für ein 2. Psychologisches Institut" Zahn und Greif erhalten erneut Gelegenheit zur Stellungnahme. Professor Holzkamp verzichtet darauf, noch einmal den Standpunkt des Institutsrates zu erläutern. Der Akademische Senat beschließt in geheimer Abstimmung mit 15 gegen 9 Stimmen die Teilung des Psychologischen Instituts. Nach der Stimmauszählung besetzen die als Zuhörer zugelassenen Studenten den vorderen Teil des Senatssitzungssaales und sperren die Ausgänge. Es kommt zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Die Sitzung des Akademischen Senats wird abgebrochen. Universitätspräsident Rolf Kreibich besteigt einen Tisch und fordert die Studenten auf, die Türen wieder freizugeben. Dem wird nach kurzer Zeit Folge geleistet. Etwa 200 Studentinnen und Studenten besetzen aus Protest gegen den Beschluß des Akademischen Senats das Haus II des Psychologischen Institut der FU. Die Initiativgruppe reagiert auf die Besetzung mit einem Flugblatt: "Die Lust am Eigenheim". Übergangskonzil wählt weiteren Vizepräsidenten der FU Das Übergangskonzil der Freien Universität Berlin wählt im ersten Wahlgang gemäß Vorschlag von Präsident Kreibich mit 63 gegen 37 Stimmen Dr. Margherita von Brentano und mit 51 gegen 44 Stimmen Prof. Dr. Herbert Lax zu Vizepräsidenten der FU. Dr. von Brentano, seit 1955 am Philosophischen Seminar der FU, ist seit 1959 als Akademische Rätin mit Schwerpunkt Faschismus- und Antisemitismusanalyse tätig. Sie war Mitbegründerin und Mitarbeiterin der marxistischen Zeitschrift "Argument". Dr. von Brentano ist Vertrauensdozentin der Friedrich-Ebert-Stiftung. Als Vizepräsidentin sollen insbesondere Fragen der Studien- und Prüfungsreform in ihren Aufgabenbereich fallen. Professor Lax war seit 1950 an der Humboldt-Universität Professor mit Lehrauftrag, nach seiner Übersiedlung nach Westberlin von 1956 - 1959 Chefarzt im Auguste-Viktoria-Krankenhaus. 1960 wurde Professor Lax an der FU als Extraordinarius und 1962 Ordinarius für Geburtshilfe und Gynäkologie. Seine Aufgabengebiete als Vizepräsident werden die Medizinischen Fachbereiche und die Einbeziehung der Kliniken in die Universitätsreform sein. Professor Lax gehörte als letzter Dekan der Medizinischen Fakultät zu den Mitunterzeichnern des Briefes der sechs FU-Dekane, in dem Präsident Kreibich Verstöße gegen das Universitätsgesetz vorgeworfen worden waren. Aus diesem Grunde erhielt er nicht alle Stimmen der den Präsidenten stützenden Konzilsmitglieder. Auf der anderen Seite resultieren die Gegenstimmen konservativer Konzilsmitglieder aus seiner Bereitschaft, nunmehr mit Präsident Kreibich zusammen die Universitätsreform zu betreiben. Rotzök verteidigt Militanz Auf einer Informationsveranstaltung in der Wirtschafts- und Sozialwisenschaftlichen Fakultät lehnen Vertreter der "Roten Zelle Ökonomie" (Rotzök) eine Distanzierung von dem militanten Angriff auf das Amerikahaus und insbesondere von Steinwürfen ab. Sprecher der Rotzök werfen den Professoren vor, zu einer Diskussion unfähig oder unwillig zu sein. Dies zeige sich daran, daß die Vorlesungsabbrüche unter Vorwänden erfolgt und nur drei Professoren zu der Versammlung erschienen seien. Professor Zabeck lehnt es ab, auf der Versammlung seine positive Stellungnahme zur "Wissenschaftszentrum Berlin GmbH" zu diskutieren. Die 300 anwesenden Studentinnen und Studenten billigen nach zweistündiger Diskussion die Aktionen der Rotzök und fordern in einer Resolution die Professoren auf, "umgehend in ihren Veranstaltungen zu den Plänen eines privatkapitalistischen WZB in Berlin Stellung zu nehmen". (Vgl. 11. und 12. Mai 1970) Einstellung einer Lehrveranstaltung am Englischen Seminar Nach mehrfachen Unterbrechungen durch Mitglieder der "Roten Zelle Anglistik" (Rotzang) stellt Frau Dr. Krawschak ihre Übung bis zum Ende des Semesters ein. 14. Mai 1970 Andreas Baader mit Waffengewalt befreit Am Vormittag verhelfen vier maskierte Personen nach einer Schießerei dem 27-jährigen Strafhäftling Andreas Baader zur Flucht. Baader erhielt auf Antrag von Rechtsanwalt Horst Mahler die Genehmigung zur Ausführung in das Zentralinstitut für Soziale Fragen, um in der Institutsbibliothek gemeinsam mit der Lehrbeauftragten des Publizistischen Instituts der FU, Ulrike Marie Meinhof, Quellenstudien für ein Buch über Jugendkriminalität zu betreiben. Frau Meinhof hält sich zum Zeitpunkt des Eintreffens von Andreas Baader und zweier ihn begleitenden Justizbeamten in der Bibliothek auf. Als die maskierten und bewaffneten Personen die Bibliothek betreten, kommt es zu einem Schußwechsel, in dessen Verlauf die beiden Justibeamten und der 62jährige Institutsangestellte Georg Linke verletzt werden. Linke wird mit einem lebensgefährlichen Lebersteckschuß in ein Krankenhaus eingeliefert. Andreas Baader, Ulrike Meinhof und die maskierten Personen springen aus dem Fenster der Institutsbibliothek und flüchten mit einem bereitgestellten Fahrzeug. Die Polizei leitet eine Großfahndung nach Andreas Baader und Ulrike Meinhof ein. Assistenten kritisieren Teilung des PI Die Assistenten der ehemaligen Philosophischen Fakultät der FU verurteilen auf einer Vollversammlung den Beschluß des Akademischen Senats der FU zur Teilung des Psychologischen Instituts. Die Assistenten kündigen für den Fall einer den Senatsbeschluß bestätigenden Kuratoriumsentscheidung eine aktive Solidarisierung mit ihren Kollegen am Psychologischen Institut an. (Vgl. 13. Mai 1970) Weitere Institutsbesetzung an der FU Studenten der Erziehungswissenschaften der FU besetzen in Solidarität mit den Studenten des Psychologischen Instituts für 24 Stunden das Hörsaalgebäude ihres Instituts. 15. Mai 1970 FU-Präsidialamt verurteilt Institutsbesetzungen Das Präsidialamt der FU kritisiert die Besetzungen des Psychologischen und des Erziehungswissenschaftlichen Instituts als rechtswidrig. Um eine weitere Eskalation des Konflikts zu vermeiden, soll vorläufig kein Polizeieinsatz herbeigeführt werden. In diesem Zusammenhang betont das Präsidialamt der FU, daß eine Teilung des Psychologischen Instituts aus sachlichen Gründen zur Zeit nicht gerechtfertigt sei. (Vgl. 13. und 14 Mai 1970) FU-Kanzler mahnt Medizinprofessoren Einige Medizinprofessoren der FU schulden dem Berliner Senat mehr als 100.000 DM. Nach Angaben des Rechnungshofes zahlen sie, obwohl gesetzlich dazu verpflichtet, seit 1963 keine Bettengelder für von ihren Privatpatienten belegte Krankenhausbetten. 1966 hatte der Landesrechnungshof den Einspruch der Medizinprofessoren gegen das Bettengeld als unbegründet zurückgewiesen. Der Kanzler der Freien Universität verschickt nunmehr Leistungsbescheide an die Schuldner. 16. Mai 1970 Distanzierungen von Baader-Befreiung Zahlreiche Berliner Jugendorganisationen, darunter die Jungsozialisten, die Junge Union und mehrere "Rote Zellen" distanzieren sich in getrennten Erklärungen von der gewaltsamen Befreiung des Kaufhausbrandstifters Andreas Baader. Die linksradikalen Gruppen verurteilen die Tat, lehnen aber zugleich eine grundsätzliche Distanzierung von der Anwendung bewaffneter Gewalt ab. Die "Rote Zelle Ökonomie" und das Sozialistische Arbeitskollektiv am Otto-Suhr-Institut geben ein Flugblatt heraus, in dem sie die Befreiung des "Genossen Baader" als "eine zum gegenwärtigen Zeitpunkt der noch nicht entfalteten Klassenkämpfe prinzipienlose Aktion" kritisieren. Dok. 1028 18. Mai 1970 Professor Fischer stellt Vorlesung ein Der letzte Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU, Prof. Dr. Wolfram Fischer, kündigt die Einstellung seiner Vorlesung für das laufende Semester an. Professor Fischer begründet seinen Schritt mit dem Abbruch von sechs Vorlesungen nach Störungen durch die "Rote Zelle Ökonomie". 19. Mai 1970 CDU fordert Rücktritt von Bürgermeister Schütz Die Berliner CDU fordert als Konsequenz der Ausschreitungen im Zusammenhang mit der Kambodscha-Demonstration vom 9. Mai und der gewaltsamen Befreiung des Kaufhausbrandstifters Andreas Baader den Rücktritt des Regierenden Bürgermeisters Klaus Schütz. 20. Mai 1970 FU-Kuratorium beschließt 2. Psychologisches Institut Die 152. Sitzung des Kuratoriums der Freien Universität Berlin findet auf Vorschlag der Vertreter des Berliner Senats im Hause des Bausenators statt, da eine Störung im Zusammenhang mit dem Tagesordnungspunkt "Teilung des Psychologischen Instituts" befürchtet wird. Der Präsident der FU, Kreibich, bleibt aus Protest gegen die Verlegung der Sitzung fern. Das Kuratorium beschließt, die Gründung eines 2. Psychologischen Instituts als Wissenschaftliche Einrichtung im Fachbereich Erziehungswissenschaften der FU. Das Präsidialamt soll die dafür notwendigen Vorbereitungen in den nächsten sechs Monaten abschließen. Das Kuratorium beauftragt den Akademischen Senat der FU, eine Arbeitsgarantie für Minderheiten zu formulieren, die in die Fachbereichsordnungen aufgenommen werden soll. Diese Arbeitsgarantie soll bei ähnlich gelagerten Konflikten wie am Psychologischen Institut der FU Gruppen von Hochschullehrern, Assistenten und Studenten ermöglichen, für ihre wissenschaftlichen Vorhaben Sach- und Personalmittel zu erhalten. Fachbereichsordnungen, die diesen Minderheitenschutz nicht enthalten, soll der Akademische Senat zurückweisen. Die Sitzung wird auf den 4. Juni vertagt. TU-Präsident für Verlegung der Truppenparade Der Präsident der Technischen Universität, Alexander Wittkowsky, ersucht bei den drei Alliierten Kommandanturen um eine Verlegung der für den 23. Mai vorgesehenen Truppenparade. Der Akademische Senat der TU Berlin ist der Meinung, daß bei einer Parade, die an der Technischen Universität vorbeiführt, "das Eindringen unbefugter Personen in die TU und die dadurch zu erwartende Gefährdung von Menschen und Sachen nicht verhindert werden können". Besetzung des Psychologischen Instituts beendet Das Haus II des Psychologischen Instituts der FU wird am Abend von den studentischen Besetzern freiwillig geräumt.(Vgl. 13. Mai 1970) 21. Mai 1970 "Vorwärts" lobt Kreibich Der "Vorwärts" veröffentlicht eine Halbjahresbillanz über die Tätigkeit von FU-Präsident Kreibich unter der Überschrift "Diskussionen über Konflikte". Der Verfasser, Bruno Naumann, sieht "erheblich mehr Sicherheit und Funktionsfähigkeit an der FU als zuvor" und führt dies auf den "vom Gesetzgeber institutionalisierten Zwang zur Verständigung zwischen den unterschiedlichen Richtungen" zurück. Wissenschaftssenator beanstandet Kreibich-Brief Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, beanstandet das Schreiben von FU-Präsident Kreibich an den US-Stadtkommandaten vom 8. Mai 1970, da nach dem Universitätsgesetz der Universitätspräsident kein allgemeinpolitisches Mandat wahrnehmen könne. 22. Mai 1970 Fachbereichsbildung bei FU-Juristen wird nicht ausgesetzt Der Antrag der Juristischen Fakultät der FU auf Aussetzung der Bildung des Fachbereiches Rechtswissenschaften wird vom Berliner Verwaltungsgericht abgelehnt. Der Dekan der Fakultät, Prof. Dr. Peter Hanau, teilt mit, daß mit diesem Spruch des Verwaltungsgerichts eine Entscheidung über die Frage der Verfassungsmäßigkeit des Berliner Universitätsgesetzes nicht verbunden sei. Darüber werde in einem anderen Verfahren der Bundesgerichtshof in Karlsruhe in Kürze entscheiden. Die Professoren der Juristischen Fakultät kündigen Beschwerde gegen die Entscheidung des Verwaltungsgerichtes an, deren Inhalt sie jedoch zunächst respektieren wollen. An den Wahlen zum Fachbereichsrat werden die klageführenden Professoren nur unter Vorbehalt teilnehmen. FU-Präsident kündigt Reform des Klinikum Westend an Vor der Personalversammlung des Klinikum Westend verspricht der Präsident der FU, Rolf Kreibich, eine umfassende Studien- und Prüfungsreform nach Übernahme des Klinikums durch die FU. Für den medizinischen Bereich schlägt Präsident Kreibich eine Erweiterung des Mitspracherechtes der Dienstkräfte in den Fachbereichsräten vor, die durch eine Gesetzesnovelle verankert werden müßte. Der Wechsel zur FU werde wesentliche Vorteile für alle Mitarbeiter des Krankenhauses bringen, da sie künftig über die Vergabe von Sachmitteln und Personalstellen mitentscheiden könnten. TU-Präsident bezeichnet Militärparade als Provokation Der Präsident der Technischen Universität, Alexander Wittkowsky, äußert in einer Erklärung die Auffassung, angesichts der weltweiten Empörung über den Einmarsch von US-Streitkräften in Kambodscha betrachte er die Alliierte Militärparade auf der Straße des 17. Juni als Provokation. Wittkowsky kündigt an, daß er versuchen werde, "die Polizei vom TU- Gelände fernzuhalten".In Reaktion auf diese Erklärung des TU-Präsidenten fordert der Senator für Wissenschaft und Kunst den Präsidenten der TU auf, derartige Erklärungen zu unterlassen und der Polizei jede Unterstützung zu gewähren. TU-Berlin von Polizei abgeriegelt Für die Berliner Schutz- und Bereitschaftspolizei wird Große Alarmstufe gegeben, um die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen für die Truppenparade anläßlich des Tages der Allierten Streitkräfte zu gewährleisten. Die Technische Universität Berlin wird weitläufig durch Stacheldraht abgeriegelt. Auf dem Gelände der TU entdecken Polizeibeamte in einem Lagerraum 14 Molotow-Cocktails, die vermutlich im Zusammenhang mit den geplanten Aktionen gegen die Alliierte Militärparade dort versteckt worden sind. 23. Mai 1970 Ausschreitungen nach Militärparade Die Militärparade der drei Westallierten auf der Straße des 17. Juni wird bei ihrem Vorbeimarsch vom TU Gelände aus von Demonstranten durch Stein- und Farbbeutelwürfe gestört. An dem Gebäude der Technischen Universität hängt ein riesiges Bild des chinesischen Parteivorsitzenden Mao Tse Tung. Nach Abschluß der Parade kommt es den Nachmittag über zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstrantengruppen und der Polizei. Die Demonstranten ziehen sich immer wieder auf das Gelände der Technischen Universität zurück und bewerfen von dort aus die Polizei mit Steinen. Bei ihrem Vorgehen gegen diese Demonstranten werfen auch Polizeibeamte mit Steinen. Polizeikräfte besetzen schließlich mehrere Gebäude der TU und der Hochschule für bildende Künste (HfbK), um Demonstranten aus den Gebäuden zu vertreiben. Dabei kommt es in der HfbK zu Übergriffen von Polizeibeamten gegen unbeteiligte Kunststudenten und Professoren. Im Verlauf der Auseinandersetzungen werden zehn Polizisten verletzt und 52 Personen vorläufig festgenommen. Der Präsident der TU, Alexander Wittkowsky, wendet sich in einer Erklärung gegen eine "Politik der Eskalation der Gewalt auf allen Seiten". Nachdem ohne sein Wissen das Gelände der TU mit Stacheldraht eingezäunt worden sei, habe er keine Möglichkeit mehr gehabt, mäßigend auf die Demonstranten einzuwirken. 25. Mai 1970 Bekennerbrief zur Baader-Befreiung Bei der Deutschen Presse Agentur geht ein Bekennerschreiben zur gewaltsamen Befreiung von Andreas Baader ein: "Glaubten die Schweine wirklich, wir würden den Genossen Baader 2 oder 3 Jahre sitzen lassen? - Glaubte irgend ein Schwein wirklich, wir würden von der Entfaltung der Klassenkämpfe, der Reorganisation des Proletariats reden, ohne uns gleichzeitig zu bewaffnen? Glaubten die Schweine, die zuerst geschossen haben, wir würden uns gewaltlos wie Schlachtvieh abknallen lassen? - Wer sich nicht wehrt stirbt." Der Brief endet mit dem Aufruf: "Mit dem bewaffneten Widerstand beginnen! Die Rote Armee aufbauen!" 26. Mai 1970 HfbK kritisiert Polizei Die Hochschule für bildende Künste (HfbK) erhebt schwere Vorwürfe gegen die Berliner Polizei. Im Verlauf des Polizeieinsatzes nach der Alliierten Truppenparade seien unbeteiligte Studenten der HfbK aus ihren Räumen geprügelt und von Polizeibeamten mit vorgehaltener Pistole durch die Flure des Gebäudes getrieben worden. Studienarbeiten und Modelle seien von den eingesetzten Polizisten zerrissen und zertreten worden. Professor verlässt FU unter Kritik Prof. Dr. Gerhard Bischhoff, der seit eineinhalb Jahren als Erdölberater im Ausland tätig ist, wird nicht an die Freie Universität Berlin zurückkehren, da die völlige Politisierung der FU, die unter Beihilfe des Senats geschehe, seiner Auffassung nach eine sinnvolle wissenschaftliche Forschungstätigkeit an der FU unmöglich mache. 27. Mai 1970 Akademischer Senat billigt FU-Haushalt Der Akademische Senat der Freien Universität billigt den Haushaltsentwurf für das kommende Jahr, der sich gegenüber dem laufenden Haushalt um 47 Millionen DM erhöht. Für das Jahr 1971 waren zunächst 1600 neue Personalstellen an der FU vorgesehen, davon werden 540 Stellen in den Etatentwurf aufgenommen. Die Gesamtzahl der Planstellen an der FU steigt damit auf 8200. Der Zuschuß des Landes Berlin für den FU-Haushalt beträgt zur Zeit 258 Millionen DM und soll im kommenden Haushaltsjahr auf 296,7 Millionen DM erhöht werden. Der Akademische Senat entsendet die von den Studentenvertretern vorgeschlagenen Herren Hagen, Messing, Mietsch und Thiele als Vertreter der FU mit Beobachterstatus zu der Mitgliederversammlung des VDS in München. Innensenator läßt Fotomontage zunageln Auf Anweisung von Innensenator Kurt Neubauer (SPD) wird auf der Juryfreien Kunstaustellung ein Pavillon mit Brettern vernagelt. In dem Pavillon werden Fotomontagen des Fotografen Peter Jim Kruse gezeigt, die in Anspielung auf das Gesetz zur Anwendung unmittelbaren Zwangs Innensenator Neubauer mit Handgranate und Gummiknüppel in den Händen darstellen. Der Verkauf des Katalogs der Juryfreien Kunstaustellung darf nur dann weiter erfolgen, wenn die Seiten, die die Abbildungen der inkriminierten Kunstwerke enthalten, daraus entfernt werden. Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, erklärt in diesem Zusammenhang, daß die Öffentlichkeit mit Sicherheit kein Verständnis dafür habe, wenn der Senat Schmähungen seiner Politik mit den ihm anvertrauten Steuergeldern auch noch selbst finanziere. Die Maßnahme des Innensenators schränke die Freiheit der Kunst nicht ein. 28. Mai 1970 Fakultätssitzung von Studenten gestört Die Sitzung der Philosophischen Fakultät der FU wird durch ein Go-in von Studenten gestört. Die Studenten protestieren gegen die Einstellung eines Institutsassistenten am Ethnologischen Institut der FU, die ihrer Auffassung nach nicht hinreichend in der Institutsöffentlichkeit diskutiert wurde. Der Dekan bricht die Fakultätssitzung nach dem Eindringen der Studenten ab. Der Tagesordnungspunkt "Wissenschaftszentrum Berlin", zu dem auch dessen Generalsekretär Dr. Brand eingeladen ist, kann nicht mehr behandelt werden. Schlagstockeinsatz während Schahbesuch war rechtswidrig Das Berliner Verwaltungsgericht entscheidet auf Klage einer Studentin, daß die während des Schahbesuches in Berlin erfolgten Schlagstockeinsätze vor der Deutschen Oper rechtswidrig waren. Das Gericht begründet dieses Urteil mit dem Fehlen einer deutschen bzw. alliierten Rechtsgrundlage für den Waffen- bzw. Schlagstockeinsatz durch die Berliner Polizei. 30. Mai 1970 FU-Präsident soll sich von Störungen distanzieren In einem Schreiben an den Präsidenten der Freien Universität, Rolf Kreibich, fordert der Ordinarius für Wirtschaftspädagogik, Prof. Dr. Jürgen Zabeck, eine Distanzierung von den Störungen seiner Vorlesung durch das linksorientierte Fachschaftskollektiv. Die Zwischenfälle stehen im Zusammenhang mit der von Studenten geforderten Einrichtung eines zweiten Lehrstuhls im Fach Wirtschaftspädagogik. Professor Zabeck weist in seinem Schreiben jegliche Verantwortung für die Nichtbesetzung eines weiteren Lehrstuhls zurück. Professor Zabeck erklärt, ihm werde die Praktizierung des Rechts auf freie Lehre an der FU unmöglich gemacht, da er nicht bereit sei, sein Lehrangebot marxistisch auszurichten. 1. Juni 1970 "Rote Woche" am Romanischen Seminar Am Romanischen Seminar der FU kommt es aus Anlaß einer von der "Roten Zelle Romanistik" (Rotzrom) ausgerufenen "Roten Woche" zu Störungen von Lehrveranstaltungen. Die Rotzrom fordert zwei Assistenten- und fünf Tutorenstellen für das von ihr geplante "Sozialistische Studium". Professor fordert Verbot der Roten Zellen an der FU Der geschäftsführende Direktor des Instituts für Ethnologie an der FU, Prof. Dr. Wolfgang Rudolph, erklärt in einem Schreiben an Präsident Kreibich, daß er nicht bereit sei, mit den Roten Zellen zusammenzuarbeiten, da diese "antidemokratisch und verfassungsfeindlich" seien und ihn an der Erfüllung seiner Treuepflicht gegenüber dem Staat zu hindern suchten. Professor Rudolph fordert den Präsidenten der FU auf, alle Wahllisten der Roten Zellen bei den Fachbereichswahlen zu streichen und ihre Tätigkeit innerhalb der FU zu verbieten. Professor Furck verläßt Entwicklungsplanungskommission Prof. Dr. Carl-Ludwig Furck erklärt seinen Rücktritt aus der Entwicklungsplanungskommission der Freien Universität Berlin. Professor Furck hält die Kommission aufgrund mangelnder Kooperation und Information mit anderen Gremien der FU nicht für arbeitsfähig. Die Kommission habe bisher nur aktuelle "Feuerwehrarbeit" leisten können und sei nicht zu eigentlich planerischer Arbeit gekommen. Professor Furck äußert die Vermutung, daß sehr schnell entschieden werde, wobei Zielrichtungen zum Teil außerhalb der Entwicklungsplanungskommission erarbeitet würden und an eigentlicher Hochschulplanung im Augenblick kein starkes Interesse bestehe. Professor Furck bemängelt zudem das Fehlen ständiger Mitarbeiter, was es der Kommission unmöglich mache, Unterlagen und Daten für eine Planung zu beschaffen, auszuwerten und zu sammeln. Die FU-Vizepräsidenten sind ordnungsgemäß im Amt In Beantwortung einer Wahlanfechtung durch Prof. Dr. Thomas Nipperdey weist Wissenschaftssenator Stein darauf hin, daß die am 13. Mai 1970 gewählten Vizepräsidenten Dr. von Brentano und Prof. Dr. Lax ordnungsgemäß im Amt seien. Eine Bestätigung der Vizepräsidenten durch den Senator müsse nicht erfolgen. Auch gegen die Wahl einer Wissenschaftlichen Mitarbeiterin zur Vizepräsidentin erhebe er keine Bedenken. 2. Juni 1970 Personalpolitik muß nicht in Lehrveranstaltung diskutiert werden Die 2. Kammer des Berliner Verwaltungsgerichts weist einen Antrag von drei Studenten zurück, der den Geschäfts-führenden Direktor des Instituts für Ethnologie an der FU, Prof. Dr. Wolfgang Rudolph, verpflichten sollte, in seiner Vorlesung auch personalpolitische Probleme des Instituts zu erörtern. Beschäftigte des Instituts und Studenten hatten am 11. Mai 1970 versucht, mit Professor Rudolph in dessen Vorlesung über die Ausschreibung und Besetzung einer dringend notwendigen zweiten Assistentenstelle zu diskutieren. Lehrveranstaltung am Englischen Seminar abgebrochen Am Englischen Seminar der FU bricht eine Dozentin ihre Lehrveranstaltung für den Rest des Semesters ab, nachdem die Mehrheit ihrer Hörer, die Mitglieder der "Roten Zelle Anglistik" (Rotzang) sind, sie in einer Abstimmung als Übungsleiterin "für abgesetzt erklärt" hatten. 3. Juni 1970 Heftige Kontroversen im Akademischen Senat der FU Der Akademische Senat der FU lehnt es ab, FU-Präsident Kreibich wegen der Ansetzung eines Hochschultags am 4. Juni zu kritisieren. Präsident Kreibich hatte den Hochschultag festgelegt, ohne dieses Gremium und die Fachbereiche an der Entscheidung zu beteiligen. Die Senatsmitglieder Professor Nipperdey, Professor Broser, Professor Büchi, Professor Laskowski, Professor Merkenschlager, Professor Poelt und Professor Theis geben zu Protokoll, daß sie "die Anordnung eines Hochschultages durch den Universitätspräsidenten in ihrer Form für gesetzeswidrig" halten. Präsident Kreibich verweist darauf, daß der Hochschultag entsprechend einer Empfehlung der Westdeutschen Rektorenkonferenz und der Bundesassistentenkonferenz in Absprache mit dem Senator für Wissenschaft und Kunst angesetzt worden sei. Der Akademische Senat behandelt gegen das Votum von Professor Nipperdey einen Dringlichkeitsantrag der Studentenvertreter Bödeker, Helmert und Kremendahl zum Gesetzentwurf über die Anwendung unmittelbaren Zwangs (UZwG). Von verschiedenen Mitgliedern des Akademischen Senats wird die Kompetenz dieses Gremiums zu allgemeinpolitischen Stellungnahmen in Abrede gestellt. Durch Auszug eines Teils der Senatsmitglieder, darunter der Mehrheit der Hochschullehrer, wird Beschlußunfähigkeit hergestellt. 4. Juni 1970 Hochschultag an der FU Anläßlich des Hochschultages werden auf Veranstaltungen im Auditorium maximum und in den Fachbereichen Fragen der Hochschulreform und Hochschulentwicklung diskutiert. Alle Lehrveranstaltungen fallen ab 10 Uhr aus, den Angestellten ist dienstfrei erteilt. Im Auditorium maximum der FU diskutieren in Anwesenheit von Präsident Kreibich 700 Andere Dienstkräfte über ihre Mitbestimmungsrechte im Rahmen des neuen Universitätsgesetzes. Heftige Kritik wird am Kuratorium der FU geäußert, das es bisher versäumt hat, die von Präsident Kreibich beantragte Entlastung der in Universitätsgremien tätigen Dienstkräfte zu beschließen. Auch im Klinikum Steglitz wird auf einer Versammlung von 900 Anderen Dienstkräften kritisiert, daß noch keine Regelung getroffen wurde, die die Vertreter der Dienstkräfte für die Zeit, in der sie in den Universitätsgremien engagiert sind, von ihren Arbeitsverpflichtungen entbindet. Präsident Kreibich verspricht auf dieser Veranstaltung den Dienstkräften des Klinikums eine bessere Repräsentanz im Fachbereichsrat. Bisher ist für die 1503 Dienstkräfte lediglich ein Vertreter im Fachbereichsrat des Klinikums vorgesehen, während in anderen Fachbereichsräten den Anderen Dienstkräften ab 15 Beschäftigten bereits ein Sitz zusteht. Kreibich betont, daß es bei den bevorstehenden Fachbereichswahlen um eine Weichenstellung für die künftige Hochschulreform gehe. Die Universität müsse jetzt ihr neues Gesicht zeigen. An der FU müsse jede Form des individuellen psychischen und physischen Terrors in der politischen Auseinandersetzung unterbunden werden. Weitere Reformen würden nur durch Diskussion und Aussprache, nicht aber durch nebulöse Ideologien und irrationale Aktionen erreicht. Auf einer Veranstaltung des Hochschultages an der Juristischen Fakultät bezeichnet FU-Vizepräsident Professor Uwe Wesel die Situation an der FU als sehr ernst. Das Präsidialamt stehe zwischen zwei Feuern. Auf der einen Seite versuche eine "ungeheuere Reaktion", die Reform mit allen Mitteln zu diffamieren und Obstruktion zu betreiben, auf der anderen Seite werde durch die wachsende Gewaltbereitschaft der linken Gruppen die Gefahr heraufbeschworen, daß das Reformexperiment mißlinge. Professor Wesel warnt vor einer geistigen Spaltung der FU. Der Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Prof. Dr. Wolfram Fischer, lehnt eine Beteiligung an dem Hochschultag ab, da Präsident Kreibich diese Veranstaltung "angeordnet" habe, ohne zuvor mit den Fakultäten und dem akademischen Senat Rücksprache geführt zu haben. Diese Vorgehensweise widerspreche der von Präsident Kreibich selbst immer wieder erhobenen Forderung nach "Demokratisierung" und "Transparenz" der Entscheidungsprozesse an der Universität. (Vgl. 6. Juni 1970) Gründungsauschuß des Instituts für Soziale Medizin soll konstituiert werden Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, gibt die Zusammensetzung des Gründungsausschusses des geplanten Instituts für Soziale Medizin bekannt. Dem Gründungsausschuß sollen vier Hochschullehrer, vier Wissenschaftliche Mitarbeiter, zwei Studenten und zwei Dienstkräfte angehören, darunter Mediziner, Psychologen, Statistiker und Sozialwissenschaftler. Mit Schreiben vom 5. Juni ernennt Präsident Kreibich zu Mitgliedern des Gründungsausschusses: die Professoren Lax, Hippius, Feldhoff und Dreitzel; die Wissenschaftlichen Mitarbeiter Dr. Kruckenberg, Dr. Pietzcker, Seidel und Schüngel; die Studenten Ohm und Engel; die Dienstkräfte Tietze und Schulz. Die konstituierende Sitzung des Gründungsausschusses wird für den 17. Juni 1970 einberufen. FU-Kuratorium beschließt Nachtragshaushalt Das Kuratorium der FU beschließt in Fortsetzung seiner 152. Sitzung vom 20. Mai, daß die Bildung eines 2. Psychologischen Instituts im Fachbereich Erziehungswissenschaften mit keiner Kürzung der Sachmittel und Personalstellen am 1. Psychologischen Institut verbunden sein soll. Das 1. Psychologische Institut soll seinen bisherigen Stellenplan und seine Ausstattung behalten. Präsident Kreibich wird beauftragt, innerhalb des nächsten halben Jahres die Errichtung eines 2. Psychologischen Instituts im Fachbereich Erziehungswissenschaften zu prüfen und dem Kuratorium einen entsprechenden Vorschlag zur Entscheidung vorzulegen.Dem Kuratorium liegt ein Tadelsantrag gegen Präsident Kreibich vor. Der Antrag bezieht sich auf das Schreiben von Präsident Kreibich an den Kommandanten der US-Streitkräfte in Berlin anläßlich des Einmarsches von US-Streitkräften in Kambodscha und der Erschießung von vier Studenten in der Universität von Kent/Ohio. Das Kuratorium möge Kreibichs Offenen Brief mißbilligen, da der Universitätspräsident im Rahmen seiner Amtsbefugnisse kein allgemeinpolitisches Mandat wahrnehmen könne. Der Tadelsantrag kommt nicht zur Beratung. Die Vertreter der Anderen Dienstkräfte verlassen unter Protest vorzeitig die Sitzung des Kuratoriums, da der Antrag des FU-Präsidenten nicht beraten wird, einen Ausgleich für die Dienstkräfte einzuführen, die durch ihre Mitarbeit in den Universitätsgremien eine zusätzliche Arbeitsbelastung auf sich nehmen. (Vgl. 4. und 8. Mai 1970) Der 2. Nachtragshaushaltsplan der FU für 1970 wird mit einem Gesamtvolumen von 50 Millionen DM festgestellt. Die Geschäftsordnung des Kuratoriums wird verabschiedet. Universitätspräsident hat kein politisches Mandat Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, erklärt in einer Pressekonferenz, daß den Präsidenten der Universitäten gemäß Berliner Universitätsgesetz kein allgemeinpolitisches Mandat zustehe. Die politischen Äußerungen eines Universitätspräsidenten besäßen "keine größere Relevanz ... als die anderer Personen". Selbstverständlich stehe den Universitätspräsidenten ein hochschulpolitisches Mandat zu. Philosophische Fakultät über WZB zerstritten Die Sitzung der Philosophischen Fakultät der FU wird nach vierstündiger Diskussion über das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) durch Auszug der Gegner des WZB wegen Beschlußunfähigkeit beendet. Der Fakultät lag ein Antrag von Prof. Dr. Richard Löwenthal vor, die grundsätzlich ablehnende Haltung des Präsidenten der FU gegenüber dem Wissenschaftszentrum zu bedauern. Der Präsident und der Akademische Senat der FU sollten von der Philosophischen Fakultät ersucht werden, Verhandlungen über eine Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftszentrum Berlin einzuleiten. Professor Blümel kritisiert Arbeitsgarantie für Minderheiten Der Ordinarius für Staats- und Verwaltungsrecht an der Juristischen Fakultät der FU, Prof. Dr. Blümel, kritisiert in einem Rechtsgutachten die vom Präsidialamt der FU entworfene Arbeitsgarantie für Minderheiten in Instituten und Fachbereichen. Professor Blümel hält diese "Arbeitsgarantie", die in die Fachbereichsordnungen aufgenommen werden soll, für überflüssig, sofern sich die Gremien der FU an die Verfassung und das Universitätsgesetz hielten. Sollten Universitätsgremien sich über geltendes Recht hinwegsetzen, sei es die Pflicht des Senators für Wissenschaft und Kunst, von seinen Befugnissen im Rahmen der Staatsaufsicht Gebrauch zu machen. Professor Blümel vermutet, daß die "Arbeitsgarantie" dazu benutzt werden soll, für linke Gruppen "Freiräume" zu legalisieren, in denen diese dann ihren Zielen unter Ausgrenzung der Fachbereichsaufsicht nachgehen könnten. 5. Juni 1970 "Notgemeinschaft" legt weitere Dokumentation vor Die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" legt ihren Zweiten Bericht "Freie Universität unter Hammer und Sichel" vor, in dem detailliert Störungen des Lehrbetriebes am Romanischen Seminar, am Englischen Seminar, in der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, am Otto-Suhr-Institut und die Auseinandersetzungen um die Gründung eines 2. Psychologischen Instituts geschildert werden. Die Notgemeinschaft ruft zu Spenden für Studenten auf, die an Lehrveranstaltungen in der FU nicht mehr teilnehmen könnten, da diese "zu kommunistischen Indoktrinationskursen pervertiert worden" seien. Den betreffenden Studenten solle mit den Spendengeldern ein Weiterstudium an westdeutschen Universitäten ermöglicht werden. Die Notgemeinschaft spricht von "fortwährenden Rechtsbrüchen des Präsidenten", der immer enger mit den Roten Zellen zusammenarbeite, die "nunmehr unverhüllt zum revolutionären Kommunismus" übergegangen seien und sich der KPD-Aufbauorganisation unterstellt hätten. Der Anschein größerer Ruhe an der FU entstehe nur dadurch, daß der Präsident die Forderungen der Roten Zellen unterstütze und "Störungen in den Berichten seiner Pressestelle unterschlägt". Die an den Universitäten weit vorangeschrittene Auflösung der Rechtsordnung bedrohe nicht nur die Freiheit von Forschung und Lehre, sondern auch die demokratische Verfassung Berlins. 6. Juni 1970 Rolf Kreibich antwortet Professor Fischer FU-Präsident Kreibich weist die Kritik von Prof. Dr. Wolfram Fischer mit der Begründung zurück, es gebe laut Universitätsgesetz für die Anberaumung eines Hochschultages kein anderes zuständiges Organ als den Universitätspräsidenten. Kreibich weist in diesem Zusammenhang darauf hin, daß seit seiner Wahl von den Gegnern des Universitätsgesetzes "ständig behauptet" werde, "das Präsidialamt würde Rechtswidrigkeiten begehen". Diese Vorwürfe seien "nicht nur immer leichtfertig, sondern zum Teil auch böswillig erhoben und in keinem einzigen Fall bewiesen worden". (Vgl. 4. Juni 1970) 7. Juni 1970 Assistenten unzufrieden mit Satzung des WZB Die Landesassistentenkonferenz protestiert in einem Offenen Brief dagegen, daß der Senat von Berlin und insbesondere der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, noch immer keine entschiedene Politik hinsichtlich des Wissenschaftszentrums Berlin formuliert habe. Trotz der inzwischen erarbeiteten Satzung des Wissenschaftszentrums könne von demokratischer, alle funktionale Gruppen umfassender Mitbestimmung keine Rede sein. 8. Juni 1970 Dürfen Putzfrauen über Doktorgrade entscheiden ? "Die Welt" berichtet unter der Überschrift "Politexamina für Professoren durch rote Tribunale / FU Berlin : Putzfrauen-Stimmrecht über Doktorgrade" über die Situation an der FU. Personalrat des Krankenhauses Westend gegen Eingliederung in FU Der Personalrat des Westend-Krankenhauses spricht sich gegen eine Eingliederung in die Freie Universität Berlin aus. In einer Entschließung, die dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses, dem Regierenden Bürgermeister, den Fraktionen des Abgeordnetenhauses und dem bisher für das Westend-Krankenhaus zuständigen Bezirksamt Charlottenburg zugeleitet wird, heißt es: "Nach dem Entwurf der Fachbereichsordnung für medizinische Fachbereiche dienen die medizinischen Einrichtungen der Krankenversorgung nur noch nach Maßgabe der Erfordernisse in der Lehre und Forschung; das heißt, daß die Krankenversorgung zumindest der Bevölkerung Charlottenburgs nicht mehr gewährleistet ist." In geheimer Abstimmung haben sich 77,8% des Krankenhauspersonals gegen die Übernahme des Hauses durch die FU ausgesprochen. Das Krankenhauspersonal befürchtet, daß die "erhebliche Unruhe - hervorgerufen durch rivalisierende radikale Interessengruppen - auch in unser Haus getragen wird". Weder Bezirksamt noch der Berliner Senat hätten bisher die Meinung des Krankenhauspersonals eingeholt. "Es wurde lediglich dem massiven Druck einer Gruppe von Assistenten nachgegeben, die angedroht haben, ihre Forderungen notfalls mit Kampfmaßnahmen durchzusetzen." 9.Juni 1970 Minister Leussink versucht im Streit um das WZB zu vermitteln Auf Einladung von Bundesbildungsminister Prof. Dr. Hans Leussink treffen in Bonn die Präsidenten von FU und TU, Kreibich und Wittkowsky, Wissenschaftssenator Stein, der Bundesminister für Justiz, Gerhard Jahn, und Dr. Gerd Brand von der "Wissenschaftszentrum Berlin GmbH" zusammen. Für die FU nehmen noch Professor Hans Peter Dreitzel (Entwicklungsplanungskommission) und Pressesprecher Peter Dehn an der Unterredung teil. Die Präsidenten von FU und TU protestieren gegen die Teilnahme von Dr. Brand und fordern ihn auf , sich von seiner Presseklärung zu distanzieren, in der er den Universitäten vorgeworfen hatte, "zu Verzerrungen, zu Unterstellungen, zu Unwahrheiten" zu greifen, um das Wissenschaftszentrum zu diffamieren. Als Grundlage weiterer Gespräche wird Einigung über vier Punkte erzielt: "1. Für den Ausbau besonderer Problemforschungsbereiche in Berlin sind weder bisher von der WZB GmbH entwickelte Pläne verbindlich, noch ist die bestehende Trägerinstitution eine Voraussetzung dafür. 2. Grundlage einer institutionellen demokratischen Verankerung ist das Berliner Universitätsgesetz. 3. Die Vergabe öffentlicher Mittel für solche Projekte unterliegt der öffentlichen Kontrolle. 4. Der Ausbau der Problemforschungsbereiche führt nicht zur Gründung einer 'Gegenuniversität`." 10. Juni 1970 Vorwürfe gegen Friedensforschung im Rahmen des WZB Prof. Dr. Carl-Friedrich von Weizäcker und der norwegische Friedensforscher Prof. Dr. Johan Galtung distanzieren sich von dem im Rahmen des Wissenschaftszentrums Berlin geplanten Institut für Friedens- und Konfliktforschung. Professor Galtung kündigt an, jeglichen Kontakt mit dem Wissenschaftszentrum Berlin abzubrechen. Profesor Galtung kritisiert die dort geplante Konzeption der Friedensforschung, da sie zu sehr auf "Gesetz und Ordnung" ausgerichtet sei. Die Planung des Wissenschaftszentrums sei einseitig in "Kalter-Kriegs-Manier" erfolgt. Die Hauptursachen der Spannungen in der Welt würden nur als vom Osten ausgehend gesehen. Das Wissenschaftszentrum Berlin wolle sich lediglich mit dem Namen Friedensforschung schmücken, ohne mit deren Inhalt wirklich etwas zu tun zu haben. Echte Friedensforschung sei nicht an den Status quo gebunden. Berufungsbilanz der FU Die Pressestelle der Freien Universität Berlin veröffentlicht eine Berufungsbilanz über das 1. Halbjahr 1970. Zwischen dem 1. Januar und dem 8. Juni 1970 haben acht Wissenschaftler einen Ruf an die FU angenommen, darunter sechs Privatdozenten. sieben Wissenschaftler, darunter fünf Professoren, haben es abgelehnt, einem Ruf an die FU zu folgen. Bei Bleibeverhandlungen stehen einer positiven drei negative Entscheidungen gegenüber. 11. Juni 1970 Abgeordnetenhaus verabschiedet UZwG Das Abgeordnetenhaus von Berlin verabschiedet mit 92 Ja-Stimmen von SPD und CDU das "Gesetz über die Anwendung unmittelbaren Zwanges". Von den 137 Abgeordneten fehlen 32, darunter mehrere SPD-Abgeordnete, die sich in der letzten Fraktionssitzung gegen das Gesetz ausgesprochen hatten. Mehr als 10.000 Personen demonstrieren einem Aufruf zahlreicher linker Gruppen folgend am Nachmittag gegen die Verabschiedung dieses Gesetzes. Ende der Fachbereichsratswahlen an der FU Die dreitägigen Fachbereichsratswahlen an der Freien Universität enden mit einer Wahlbeteiligung von 48,6% der rund 19.000 wahlberechtigten Universitätsmitglieder. Um die 420 Plätze in den 24 Fachbereichsgremien der FU bewarben sich 1177 Kandidatinnen und Kandidaten. Für die 196 Sitze der Hochschullehrer standen 330 Kandidaten zur Wahl, für 112 Sitze der Wissenschaftlichen Mitarbeiter 355 Kandidaten, für 84 Sitze der Studenten 312 Kandidaten und für 28 Sitze der Anderen Dienstkräfte 180 Kandidaten. Die schwächste Wahlbeteiligung wird mit 40,6% bei den 12.551 wahlberechtigten Studenten verzeichnet, die höchste Wahlbeteiligung liegt bei 84,1% in der Gruppe der Hochschullehrer. Hier waren 639 Professoren wahlberechtigt. Die 1.974 Wissenschaftlichen Mitarbeiter haben sich zu 83% an der Wahl beteiligt und von den 3.976 Dienstkräften gaben 52,3% ihre Stimme ab. Bei den Hochschullehrern setzten sich liberale und konservative Kandidaten in etwa gleicher Stärke durch. Bei den Studenten erringen die Roten Zellen 16 der 84 möglichen Mandate. Allerdings hatten mehrere Rote Zellen eine Beteiligung an den Wahlen mit der Begründung abgelehnt, daß die Hochschulgremien pseudodemokratisch seien und nur zur Befriedung der Hochschulen dienten. (Vgl. 15. Juni 1970) Dok. 1029 12. Juni 1970 Erste Fachbereichsratssitzung an der FU Im Beisein von FU-Präsident Kreibich findet die erste Fachbereichsratssitzung an der FU am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften statt. 15. Juni 1970 Präsident Kreibich wertet Fachbereichsratswahlen als Erfolg Der Präsident der Freien Universität Berlin, Rolf Kreibich, wertet die Fachbereichswahlen als Erfolg der Befürworter der Universitätsreform. Auf einer Pressekonferenz weist Kreibich auf die enormen Anstrengungen einer großen Zahl von Universitätsmitgliedern im Zusammenhang mit den Wahlen hin. Gegen die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" erhebt Präsident Kreibich den Vorwurf der Obstruktion und klassifiziert deren Mitglieder als "konservative, ewig gestrige". Hinsichtlich der "Roten Zellen" plädiert Kreibich für eine Unterscheidung zwischen anarchistischen Gruppen und solchen, deren Vorstellungen für strukturelle Änderungen teilweise durchaus im Sinne der Reform seien. Präsident Kreibich nimmt auch zum geplanten Institut für Soziale Medizin und zu Fragen der Übernahme von städtischen Krankenhäusern in die FU Stellung. (Vgl.11., 18. und 22. Juni 1970) Konstituierende Sitzungen der ersten Fachbereichsräte an der FU An der Freien Universität konstituieren sich die Fachbereichsräte und wählen ihre Vorsitzenden. Gewählt werden: Prof. Dr. Helmut Kewitz, Klinisch-Theoretische Medizin; Prof. Dr. Ulrich Henneberg, Klinische Medizin Steglitz; Prof. Dr. Jacob Taubes, Philosophie und Sozialwissenschaften; Prof. Dr. Carl-Ludwig Furck, Erziehungswissenschaften; Prof. Dr. Heinrich Mathias Heinrichs, Germanistik; Prof. Dr. Erich Loos, Neuere Fremdsprachliche Philologien; Prof. Dr. Klaus Bruhn, Kunstwissenschaften; Prof. Dr. Helmut Gabriel, Physik; Prof. Dr. Hellmuth Bütow, Osteuropa-Institut. 16. Juni 1970 Mao Tsetung wird nicht Fachbereichsratsvorsitzender Unter Vorsitz des Präsidialamtsvertreters Dr. Klaus Warnke findet die konstituierende Sitzung des Fachbereichsrates Mathematik statt. Die Wahl zum Vorsitzenden des Fachbereichsrates bringt folgendes Ergebnis: "10 Stimmen für Prof. Dr. Hanfried Lenz, 3 Stimmen für Prof. Dr. Gerhard Ringel, 2 Stimmen für Mao Tsetung". Weitere Fachbereichsräte wählen auf ihren konstituierenden Sitzungen zu Vorsitzenden: ...., Vorklinik; als einzige weibliche Vorsitzende Prof. Dr. Meta Alexander, Krankenhaus Westend; Prof. Dr. Josef Broch, Veterinärmedizin; Prof. Dr. Reinhard Elze, Geschichtswissenschaften; Prof. Dr. Rudolf Kassel, Altertumswissenschaften; Prof. Dr. Horst Gnichtel, Chemie; Prof. Dr. Rudolf Haensel, Pharmazie; Prof. Dr. Enrique Otte, Zentralinstitut für Lateinamerikanistik. Abgeordnetenhaus fordert Bericht über Situation an den Berliner Hochschulen Auf Antrag der Abgeordneten Dr. Ursula Besser (CDU) beschließt das Berliner Abgeordnetenhaus, daß der Senator für Wissenschaft und Kunst einen Überblick über die Entwicklung an den Hochschulen seit dem Inkrafttreten des Universitätsgesetzes vorlegen soll. Im Rahmen dieses Berichts, der am 1. Oktober 1970 im Abgeordnetenhaus auf der Tagesordnung steht, sollen die Ziele und Methoden der Roten Zellen untersucht werden. (Vgl. 16. Okt. 1970) Senat beschließt Eingliederung von Krankenhäusern in die FU Der Senat von Berlin beschließt die Eingliederung des Städtischen Krankenhauses Westend und der Städtischen Frauenklinik Charlottenburg in die Freie Universität Berlin. Ab 1. Januar 1971 sollen die beiden Einrichtungen als Universitätskliniken Charlottenburg weitergeführt werden. 18. Juni 1970 Profesor Nipperdey kritisiert Wahlanalyse des FU-Präsidenten Der ehemalige Dekan der Philosophischen Fakultät der FU, Prof. Dr. Thomas Nipperdey, wendet sich gegen die von FU-Präsident Kreibich gegebene Einschätzung der Fachbereichswahlen vom 8. - 11. Juni. Kreibichs Wahlanalyse biete ein "optimistisch verzerrtes Bild der Funktionsfähigkeit der Universität". Professor Nipperdey weist die Vorwürfe Präsident Kreibichs gegen die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" zurück. Er selbst sei Jahrgang 1927, gehöre also zur "jüngeren Generation", und sei als Mitglied der SPD und "in Selbstverwaltung und Politik immer entschieden für die notwendigen Reformen" eingetreten. Er habe sich in mehr als einem Dutzend Fällen wegen Rechtsverletzungen an den Wissenschaftssenator gewandt und die Aufsichtsbehörde zum Handeln aufgefordert. Zuletzt habe er am 2. und 3. Juni Unterlagen über die außerordentlich ernsten Störungen am Englischen und Romanischen Seminar an den Wissenschaftssenator übersandt. "Auf meine mehrfachen Bitten hin hat der Präsident der Freien Universität Berlin nichts Durchgreifendes zum Schutz der Freiheit des Lehrens und des Lernens unternommen." Klage gegen Fachbereichsbildung zurückgewiesen Die Klage der Juristischen Fakultät der FU und 13 ihrer Mitglieder gegen den Beschluß des Kuratoriums der Freien Universität, einen Fachbereich Rechtswissenschaften zu bilden und die Fachbereichsbildung sofort vollziehen zu lassen, wird von dem Oberverwaltungsgericht Berlin (OVG) in einer unanfechtbaren Entscheidung zurückgewiesen. Konstituierende Sitzungen weiterer Fachbereichsrätes Der Fachbereichsrat Biologie wird auf seiner konstituierenden Sitzung von Dr. Klaus Warnke (Präsidialamt) geleitet. Zum Vorsitzenden des Fachbereichsrates wird Prof. Dr. Werner Ulrich gewählt und zu seinem Stellvertreter Dr. Horst Nöthel. Zu Vorsitzenden werden gewählt: im Fachbereichsrat Nervenklinische Medizin Professor Helmut Coper, im Fachbereichsrat Außenkliniken Professor Günter Stüttgen, im Fachbereichsrat Politische Wissenschaft Prof. Dr. Hans-Hermann Hartwich, im Fachbereich Geowissenschaften Prof. Dr. Hillert Ibbeken und im Zentralinstitut für Biochemie und Biophysik Prof. Dr. Friedrich Körber. Entwicklungsplanungskommissionen gegen Senatspläne Gemeinsame Sitzung der Entwicklungsplanungskommissionen von Freier und Technischer Universität. Die Kommissionen kritisieren das geplante Fachhochschulgesetz. Mit diesem Gesetz beabsichtige das Abgeordnetenhaus von Berlin, ein Jahr nach Inkrafttreten des neuen Universitätsgesetztes neue tiefgreifende Veränderungen an den Universitäten zu schaffen. 19. Juni 1970 Die Bauplanung der FU für 1970 Die "BILD-ZEITUNG" berichtet, daß 1970 und 1971 rund 53 Millionen Mark für FU-Bauten benötigt werden. Ohne zügige Realisierung der Bauvorhaben sei die erwartete Verdoppelung der Studentenzahlen nicht zu bewältigen. Dok. 1030 Konstituierung der letzten Fachbereichsräte an der FU Der Fachbereichsrat Wirtschaftswissenschaft wählt Professor Gerold Krause-Junk zu seinem Vorsitzenden und Professor Lutz Fischer zu dessen Stellvertreter. Der Fachbereichsrat Rechtswissenschaft wählt den letzten Dekan der Juristischen Fakultät Prof. Dr. Peter Hanau zu seinem Vorsitzenden und Prof. Dr. Gerhard Dilcher zu dessen Stellvertreter. Der Fachbereichsrat protestiert gegen die Aufhebung der Ausschreibungspflicht bei Assistenz-Professuren. Der Fachbereich Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde wählt Prof. Dr. Karl Eichner zum Vorsitzenden. 22. Juni 1970 FU-Senat gegen Numerus clausus Der Akademische Senat der Freien Universität Berlin spricht sich einstimmig für eine baldige Beseitigung des Numerus clausus an der FU aus. Die Fachbereichsräte werden ersucht, bis Ende 1970 Pläne zur Studienreform vorzulegen. Für das Wintersemester 1970/71 sollen Neuzulassungen an die FU zu je einem Drittel nach Leistungen im Abitur, nach sozialen Kriterien und nach Losentscheid zur Entscheidung gelangen. "Notgemeinschaft" antwortet Präsident Kreibich Die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" weist die Vorwürfe von FU-Präsident Kreibich vom 15. Juni 1970 zurück und wirft dem Präsidenten vor, er verharmlose die Roten Zellen nach außen und fördere sie nach innen. Bei den Wahlen zu den Fachbereichsräten seien bei einer Beteiligung von ca. 40 % der Studenten etwa 40 % der Stimmen an Rote Zellen oder ähnliche Gruppen gegangen. In den acht Fachbereichen mit den höchsten Studentenzahlen seien sogar über 50 % der Mandate an diese Gruppen gefallen. Präsident Kreibich habe die Sachdarstellung der Notgemeinschaft "in keinem Punkt konkret bestritten, geschweige denn widerlegt", daher halte sie ihre Vorwürfe "in vollem Umfang aufrecht". "Bund Freiheit der Wissenschaft" geplant Verteter aus Kreisen der Wissenschaft, Politik und der Wirtschaft beschließen die Gründung eines Bundes "Freiheit der Wissenschaft". Dem Gründungsausschuß des Bundes gehören der Vizepräsident des Deutschen Bundestags Schmidt-Vockenhausen (SPD) sowie der frühere Bundesaußenminister Gerhard Schröder (CDU) an. Mit der Berliner "Notgemeinschaft für eine freie Universität" ist eine enge Kooperation geplant. Der Gründungsauschuß des "Bundes Freiheit der Wissenschaft" ist der Auffassung, daß die neuen Universitätsgesetze den gefährlichen Aktionen extremistischer Gruppen Vorschub leisten. 23. Juni 1970 Konsultation zwischen FU und Hochschulinformationssystem Im Rahmen der Routinesitzung des Präsidialamtes findet ein Informationsgepräch mit H. Krönig über das Hochschulinformationssystem (HIS) statt. Das FU-Präsidialamt hatte am 18. Juni 1970 entschieden, keinen Vertrag mit HIS abzuschließen, solange kein Rahmenvertrag zwischen HIS und Westdeutscher Rektorenkonferenz abgeschlossen ist. Bisher haben ca. 24 Hochschulen vertragsähnliche Übereinkommen mit HIS. Die FU will zunächst ein Konsultationsverhältnis mit HIS aufrechterhalten. Haftbefehl gegen FU-Studentin wegen Baader Befreiung Gegen die FU-Studentin Astrid Proll wird im Zusammenhang mit der gewaltsamen Befreiung des Kaufhausbrandstifters Andreas Baader Haftbefehl erlassen. Astrid Proll wird beschuldigt, am Abend vor der Gefangenenbefreiung eine der Tatwaffen samt 250 Schuß Munition gekauft zu haben. 24. Juni 1970 OSI-Fachbereichsratsvorsitzender tritt zurück Der stellvertretende Fachbereichsratsvorsitzende des Otto-Suhr-Instituts der FU, Prof. Dr. Franz Ansprenger, tritt unter Protest zurück, nachdem der Fachbereichsrat die Einleitung von Strafverfahren gegen drei Studenten abgelehnt hatte, die von der Polizei beim Malen eines Sowjetsterns an der Frontseite des Instituts festgenommen worden waren. Fachbereichsrat Germanistik gegen Fachhochschulgesetz Der Fachbereichsrat Germanistik kritisiert das geplante Fachhochschulgesetz als "verhängnisvollen Schritt auf dem Wege der technokratischen Hochschulreform" und lehnt insbesondere die Einführung des vorgesehenen Fachhochschuldozenten ab. Der Fachbereichsrat lehnt mit 8 zu 2 Stimmen eine Distanzierung von einem Fragebogen ab, der in einem Tutorium des Seminars "Theorie der Funktion literarischer Bildung" (Mattenklott) verteilt worden war. Dieser Fragebogen enthält auch Fragen zum Sexualverhalten der Seminarteilnehmer. (Vgl. 2. Juli 1970) 25. Juni 1970 "BZ" fragt nach APO-Opas Die "BZ" berichtet unter der Überschrift "Wo sind sie geblieben" über Rudi Dutschke, Sigrid Fronius, Fritz Teufel, Rainer Langhans und Dieter Kunzelmann. Die BZ stellt die Frage, ob die Revolutionäre von gestern die APO-Opas von heute seien. Sitzung des FU-Kuratoriums vorzeitig abgebrochen Das Kuratorium der Freien Universität verabschiedet in seiner 153. Sitzung den Haushaltsvoranschlag für 1971 in Höhe von 345236710 DM. Der Zuschuß aus öffentlichen Haushaltsmitteln beträgt 296,7 Millionen DM. Im Verlauf der Haushaltsberatung kommt es zu einem Go-in von Anderen Dienstkräften. Sie wollen damit ihre Forderung nach Bereitstellung einer Vertretung am Arbeitsplatz für die Zeit, in der sie ihren Aufgaben als Mitglieder von Universitäts- bzw. Fachbereichsgremien nachgehen, bekräftigen. Das Kuratorium der FU beschließt einstimmig, daß die Mehrbelastung der Anderen Dienstkräfte durch Mitarbeit in Universitätsgremien im Einzelfall aufgefangen und notfalls auch Vertretungskräfte eingestellt werden sollen. In einem weiteren Beschluß streicht das Kuratorium der Zeitschrift "Colloquium" ihren bisherigen Zuschuß von 15.000 DM. Die Sitzung wird von Senator Stein, der in Vertretung des Regierenden Bürgermeisters den Vorsitz führt, vorzeitig beendet, nachdem FU-Vizepräsident Wesel unter Protest den Raum verlassen hat. Streitpunkt ist die Abstimmung über eine gesperrte Professorenstelle am Fachbereich 12 (Erziehungswissenschaften). Der von Senator Stein gestellte Antrag sieht die Freigabe der Stelle und ihre Besetzung mit einem Psychologen vor. Der Antrag wird mit einer Stimme Mehrheit angenommen. Der Vizepräsident der FU, Prof. Dr. Uwe Wesel, wendet sich entschieden gegen das Verfahren, sich durch einfachen Antrag zum Haushalt über den Beschluß des Kuratoriums vom 20. Mai 1970 und über sämtliche mit Entwicklungsplanung beschäftigte Gremien hinwegzusetzen und über eine Haushaltsentscheidung die Teilung des Psychologischen Instituts herbeizuführen. Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, kritisiert in einer Stellungnahme das Vorgehen des Kuratoriums, da es jede sinnvolle mittel- und langfristige Planung an der FU unmöglich mache und den wildwuchsartigen Ausbau der Universität vergangener Zeit fortsetze. 26. Juni 1970 Psychologen stellen Mitarbeit im Fachbereichsrat ein Aus Protest gegen die am Vortage vom Kuratorium der FU beschlossene Freigabe einer Professorenstelle am Fachbereich 12 zur Ausschreibung für einen Psychologen stellen die Angehörigen des Psychologischen Instituts im Fachbereichsrat Philosophie und Sozialwissenschaften ihre Mitarbeit vorläufig ein. In ihrer Begründung werfen sie dem Berliner Senat vor, er legitimiere mit dem Kuratoriumsbeschluß "die Obstruktionspolitik jener Gruppen, die mit liberal kaschierten Argumenten im Sinne der `Notgemeinschaft' eine Demokratisierung der Entscheidungsprozesse über Ausbildung und Forschung verhindern" wollten. Gerhard Löwenthal tritt "Notgemeinschaft" bei Die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" veröffentlicht einen Pressespiegel mit Reaktionen auf ihren zweiten Bericht "Freie Universität unter Hammer und Sichel". Im begleitenden Schreiben teilt die Notgemeinschaft mit, daß "Herr Gerhard Löwenthal vom ZDF, ein ehemaliger FU-Student", ihrer Organisation beigetreten sei. 29. Juni 1970 Hearing mit Universitätspräsidenten im Abgeordnetenhaus Die Ausschüsse des Berliner Abgeordnetenhauses für Schulwesen und für Wissenschaft und Kunst führen im Zusammenhang mit der Diskussion des geplanten Fachhochschulgesetzes ein Hearing mit den Präsidenten von FU und TU, dem Rektor der PH und weiteren Angehörigen von Universitätsgremien durch. Professor Szondi tritt aus Fachbereichsrat zurück Prof. Dr. Peter Szondi stellt seinen Sitz im Fachbereichsrat Neuere Fremdsprachliche Philologien zur Verfügung, da sein Vorschlag, ein qualifiziertes Gruppenveto in die Fachbereichsordnung aufzunehmen, abgelehnt wird. Professor Szondi hatte bereits auf der konstituierenden Sitzung des Fachbereichsrates einen entsprechenden Antrag gestellt, der auf Bedenken des Präsidialamtsvertreters, Universitätsdirektor Detlef Borrmann, vertagt wurde. Das qualifizierte Gruppenveto sieht vor, daß jede funktionale Gruppe des Fachbereichs durch Urabstimmung gegen sie betreffende Beschlüsse des Fachbereichsrates Veto einlegen kann. Beratergremium des FU-Präsidenten diskutiert Perspektive Das Beratergremium diskutiert über Möglichkeiten seiner weiteren Arbeit. Die ursprüngliche Konzeption, "am Gesetz vorbei, nicht gegen das Gesetz, so etwas wie eine Demokratisierung des Präsidialamtes durch zwar informelle aber instititutionalisierten Kontakt mit der Basis" aufrechtzuerhalten, habe sich als nicht praktikabel erwiesen. Eine zunehmende Bedeutungslosigkeit des Beratergremiums wird konstatiert. Dok. 1031 "Initiativgruppe für ein 2. Psychologisches Institut" zufrieden Die "Initiativgruppe" am Psychologischen Institut der FU begrüßt den Beschluß des FU-Kuratoriums vom 25. Juni 1970. Die "Initiativgruppe" sieht in dem Beschluß eine erste konkrete Maßnahme zu der von ihr geforderten Schaffung einer zweiten Wissenschaftlichen Einrichtung für Psychologie an der FU. 30. Juni 1970 Senat antwortet auf Anfrage zur Raumsituation an der FU Auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Ursula Besser (CDU) zur beengten Raumsituation im Bereich der früheren Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der FU antworten der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz und der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, mit einer detaillierten Aufstellung der seit 1960 durchgeführten Bauvorhaben an der FU, die von der Universität als vordringlicher eingestuft worden seien. Hochschulangehörige kritisieren Fachhochschulgesetz Auf einer Versammlung von etwa 500 Angehörigen der Berliner Universitäten und Akademien wird eine Urabstimmung über einen Streik für den Fall angekündigt, daß das Abgeordnetenhaus von Berlin das Fachhochschulgesetz mit der Tendenz verabschieden sollte, die sich im jetzigen Entwurf abzeichnet. Insbesondere richtet sich die Kritik auf der Versammlung in der TU dagegen, daß für Hochschullehrer die Möglichkeit bestehen soll, lediglich in der Forschung tätig zu sein, was eine Aufhebung der Einheit von Forschung und Lehre bedeuten würde. Rechtsanwalt Mahler soll für Osterunruhen zahlen Der 9. Zivilsenat des Berliner Kammergerichts entscheidet in Abänderung des Beschlusses der 11. Zivilkammer des Berliner Landgerichts, daß Rechtsanwalt Horst Mahler 76884,25 DM Schadensersatz an den Verlag Axel Springer und die Ullstein GmbH zahlen muß. Die 11. Zivilkammer hatte Mahler nach Betragsverfahren zur Zahlung von 118000 DM verurteilt. Rechtsanwalt Mahler wurde damit für einen Teil der Schäden verantwortlich gemacht, die nach dem Attentat auf Rudi Dutschke an den Verlagshäusern in der Kochstraße entstanden waren. Das Gericht ist der Auffassung, daß Mahler bewußt und vorsätzlich die Polizeikette vor dem Verlagshaus durchbrochen und "durch sein Verbleiben am Tatort" die Gewaltakte gefördert habe. Die von den Verlagen ursprünglich geforderte Schadenssumme betrug 506.000 DM. (Vgl. 10. März 1969) Solidaritätsdemonstration für Heidelberger SDS Über 4.000 Personen demonstrieren in Kreuzberg und Schöneberg gegen das durch die Landesregierung von Baden-Würtemberg ausgesprochene Verbot des Heidelberger SDS. Im Auditorium Maximum der FU hatten zuvor auf einer Versammlung der Roten Zellen ca. 1.000 Studenten in einer Resolution den Rücktritt des Innenministers von Baden-Würtemberg und die Rückgabe des beschlagnahmten Eigentums an den Heidelberger SDS gefordert. Bereits am Vortage hatte der Fachbereichsrat Biologie der FU das Verbot des SDS Heidelberg und das Vorgehen der Polizeibehörden in diesem Zusammenhang kritisiert. In Heidelberg beteiligen sich über 10.000 Personen an einer Demonstration gegen das Verbot des SDS. 1. Juli 1970 Akademischer Senat verteidigt FU-Präsident Kreibich Der Akademische Senat der FU verwahrt sich mit 14:4:5 Stimmen gegen alle Versuche, in der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, daß an der FU eine chaotische Situation bestehe und die normale Arbeit in Lehre und Forschung unmöglich sei. Der Akademische Senat stellt sich in seinem Satz für Satz abgestimmten Beschluß mit 12:8:3 Stimmen "schützend vor den Präsidenten" insbesondere in Hinblick auf die Vorwürfe, er begünstige die Aushöhlung des Universitätsgesetzes und eine Einschränkung der Freiheit von Forschung und Lehre. Präsident Kreibich wird beauftragt, eine Dokumentation über die erhobenen Vorwürfe und Unterstellungen in der Presse herauszugeben. Der Akademische Senat spricht sich für die Einrichtung einer Kindertagesstätte an der FU aus, die mit eine Kapazität von 120 Plätzen allen Universitätsangehörigen zur Verfügung stehen soll und zugleich als Forschungs- und Ausbildungsinstitut im Bereich der Vorschulerziehung genutzt werden kann. Die endgültige Entscheidung über dieses Projekt liegt beim Kuratorium der FU. Außerdem wählt der Akademische Senat den Hochschullehrer Professor Hajo Riese, den Studenten Fritjof Mietsch und die Andere Dienstkraft Helga Miels als Mitglieder der Entwicklungsplanungskommission (EPK). Zur Vorsitzenden der EPK wird die Wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. Adelheid Biesecker gewählt. Störungen von Fachbereichsratssitzungen an der FU Die Mehrheit der Professoren verläßt die Fachbereichsratssitzung des Otto-Suhr-Instituts nach Störungen durch das "Sozialistische Arbeitskollektiv am OSI" (SAKO). Sprecher des SAKO, das etwa 100 Studenten zu der Fachbereichssitzung mobilisiert hat, fordern die Besetzung des Lehrstuhls für politische Wirtschaftslehre mit einem marxistischen Wissenschaftler. Auf der Sitzung des Fachbereichsrats steht eine entsprechende Empfehlung der Ausbildungskommission des OSI zur Diskussion. Professor Ziebura bezeichnet die Empfehlung als "Machtusurpation" der Ausbildungskommission, die laut Hochschulgesetz nicht für Berufungsfragen zuständig sei. Die Empfehlung der Ausbildungskommission wird von einem Mitglied des Fachbereichsrats als Antrag übernommen und erhält mehrheitlich Zustimmung. Abgelehnt wird hingegen der Antrag, in Nachfolge von Professor von Eynern einen Marxisten auf den Lehrstuhl für politische Wirtschaftslehre zu berufen. Für eine weitere neu auszuschreibende Hochschullehrerstelle, die mit einem marxistischen Wisenschaftler besetzt werden soll, spricht sich dann wiederum eine Mehrheit des Fachbereichsrats aus. Der Fachbereichsrat Mathematik entscheidet, nachdem Zuhörer wiederholt in die Diskussion eingreifen, daß Nichtmitgliedern nur nach Mehrheitsbeschluß des Fachbereichsrats das Wort erteilt werden kann. Fachbereichsrat Philosophie und Sozialwissenschaften protestiert gegen Kuratoriumsbeschluß Der Fachbereichsrat Philosophie und Sozialwissenschaften protestiert nach Anhörung eines Mitgliedes der "Initiativgruppe für ein 2. Psychologisches Institut" einstimmig "gegen den am 25. 6. 1970 vom Kuratorium der Freien Universität Berlin gefaßten Beschluß, den vom Psychologischen Institut seit langem beantragten und bereits zugesagten vierten Lehrstuhl für Psychologie dem FB Erziehungswissenschaften zuzuordnen. Der Fachbereichsrat protestiert insbesondere dagegen, daß in diesem Verfahren sämtliche Beratungs- und Entscheidungsgremien der Universität (Präsidialamt, Entwicklungsplanungskommission, Fachbereichsrat, Wissenschaftliche Einrichtungen) übergangen wurden". "Rote Zelle Anglistik" stört Lehrveranstaltungen Mitglieder der "Roten Zelle Anglistik" (Rotzang) stören zwei Lehrveranstaltungen, eine Vorlesung muß abgebrochen werden. Die Störungen erfolgen, nachdem zwei Aussistentenstellen am Englischen Seminar nicht mit Bewerbern besetzt worden sind, die einen "materialistischen Wissenschaftsansatz" vertreten. In einem Flugblatt kündigt die Rotzang an, daß sie alle Sprachwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen bis zum Ende des Semesters stören wird. 2. Juli 1970 Kontroverse um "Sex-Fragebogen" am Germanischen Seminar "Die Welt" berichtet unter der Überschrift "Sex-Fragebogen im Proseminar löst Unruhe an der FU aus" über eine Lehrveranstaltung am Germanischen Seminar der FU, in der ein Fragebogen an Studentinnen und Studenten ausgegeben wurde, der sich auch mit dem Sexualverhalten der Teilnehmer befaßt. (Vgl. 7. Juli 1970) Die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" berichtet in einem Rundschreiben ebenfalls über den Fragebogen und dokumentiert ein Flugblatt, das von der "Vollversammlung des Seminars 'Theorie der Funktion literarischer Bildung'" verabschiedet wurde und namentlich Mitglieder des Lehrkörpers am Germanischen Seminar angreift, die den Fragebogen auf die Tagesordnung der Fachbereichsratssitzung am 24. Juni 1970 gesetzt hatten. In dem Text heißt es: "Die für uns wichtige Erkenntnis ist, daß die bürgerliche Sexualmoral, hier personifiziert in den Pornoschnüfflern Rappl, Hennig u. Co., ihre notwendige Ergänzung in deren reaktionärer politischer Einstellung findet. Verdrängte Sexualität und Frustration versuchen sie durch übersteigerten Ehrgeiz und Machthunger, durch Realisierung ihrer sadistischen Strebungen an den von ihnen Abhängigen zu kompensieren." Das Flugblatt fordert die Studenten auf, ihr Studium gemäß der "Bedürfnisse einer sozialistischen Politik" und der "Unterstützung des revolutionären Kampfes der Arbeiter, Lehrlinge und Schüler" zu gestalten. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften (GEW) kritisiert die Berichterstattung der "Welt" über den "Sex-Fragebogen" und "verurteilt den Versuch der Notgemeinschaft, demokratisch gewählte Gremien wie den Fachbereichsrat Germanistik, in dem sie eindeutig in einer Mehrheitsentscheidung unterlag, unter den Druck einer unzureichend informierten Öffentlichkeit zu setzen". Die GEW sieht in der "Agitation der Notgemeinschaft" den Versuch, "wissenschaftlichen Mitarbeitern das Recht auf eigenständige Forschung und Lehre streitig zu machen und durch politische Diffamierungen in wissenschaftliche Arbeitsprozesse einzugreifen". Fachbereichsrat Kunstwissenschaften gegen Änderung des Hochschullehrergesetzes Der Fachbereichsrat Kunstwissenschaften kritisiert die Absicht des Berliner Senats, mit dem geplanten neuen Fachhochschulgesetz "neben dem Hochschullehrer bisheriger Prägung einen sogenannten Hochschuldozenten" einzuführen. Damit werde "der vor einem knappen Jahr aus guten Gründen abgeschaffte Akademische Rat wieder eingeführt". Durch seine umfangreichen Lehrverpflichtungen sei der "Hochschuldozent" de facto zu Forschungsarbeit nicht in der Lage. Damit werde das "grundlegende Prinzip wissenschaftlicher Ausbildung - forschend zu lehren - aufgegeben und der Verschulung der Universität Tür und Tor geöffnet". Der Fachbereichsrat Kunstwissenschaften fordert das Berliner Abgeordnetenhaus auf, "von jeder Gesetzgebung Abstand zu nehmen, die nicht sorgfältig und unter Beteiligung aller Gruppen an den Universitäten auf ihre Bedeutung für das Verhältnis von Forschung und Lehre hin geprüft worden ist". FU-Studentendorf in schlechtem Zustand Der Pressesprecher des Präsidialamts der FU, Peter Dehn, gibt bekannt, daß die FU den monatlichen Zuschuß von 30.000 DM für ihr Studentendorf nicht mehr mit gutem Gewissen leisten könne. Diese Summe reiche allenfalls aus, um die Verwaltungskosten zu decken und könne nicht die notwendigen Renovierungen der inzwischen elf Jahre alten Einrichtung abdecken. Die Bäder und zahlreiche Dächer des Studentendorfs müßten dringend erneuert werden. Im Winter habe es infolge der Dachschäden in 30 Zimmern stark durchgeregnet. Zur Zeit befinden sich die Bewohner des Studentendorfes zu 50% in einem Mietstreik. Sie behalten 30 DM der Miete in Höhe von 74 DM ein, um ihrer Forderung nach Gewährung eines Wohngeldes für alle Studenten Nachdruck zu verleihen. Wie FU-Pressesprecher Dehn mitteilt, ist für die notwendigen Reperaturen ca. eine Million DM zu veranschlagen, die vom Senat von Berlin aufgebracht werden müßten. Professor Neubert gestorben An seinem 84 Geburtstag verstirbt der emeritierte Ordinarius der Romanischen Philologie an der FU, Prof. Dr. Fritz Neubert. Professor Neubert war seit 1949 an der FU maßgeblich am Aufbau des Romanischen Seminars beteiligt. Er war Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften, Träger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse und Offizier des französischen Ordens "palmes academiques". 3. Juli 1970 500 Millionen für Baumaßnahmen an Berliner Hochschulen Der Landespressedienst veröffentlicht eine Mitteilung des Hauptausschusses des Berliner Abgeordnetenhauses, der sich in seiner 187. Sitzung mit den Bauplänen an den Berliner Hochschulen beschäftigt hat. Nach dem Hochschulbauförderungsgesetz sollen von 1972 - 1975 für 20 Großprojekte ca. 500 Millionen DM veranschlagt werden. Die Hälfte dieser Kosten übernimmt der Bund. An TU und FU sollen neben den Geisteswissenschaften hauptsächlich die Naturwissenschaften durch Baumaßnahmen bessere Lehr- und Forschungsbedingungen erhalten. An der FU soll der Engpaß im Bereich der Organischen Chemie durch einen Institutsbau für 32 Millionen DM beseitigt werden. Das Institut für Physikalische Chemie an der FU wird mit 30 Millionen veranschlagt, das Institut für Hygiene mit 33 Millionen und der 2. Bauabschnitt des "Obstbaugeländes" Habelschwerdter Allee mit 70 Millionen. In Hinblick auf die angestrebte Schaffung eines Herzzentrums soll auf dem Gelände des Klinikums Westend der Neubau einer Chirurgischen Klinik für sechs Millionen DM entstehen. Der Hauptauschuß stellt bezüglich des von Professor Saling geleiteten Instituts für Perinatrale Medizin fest, daß die dafür im Krankenhaus Neukölln vorgesehenen Investitionen im Falle einer Übersiedlung des Instituts in die FU für kommunale Zwecke weiter nutzbar sein müssen. Die Universität müsse sich im klaren sein, daß in Neukölln kein "Provisorium auf Dauer" geschaffen werde. Die vorliegende Bauplanung dürfe nicht behindert werden. "Aktionsgruppe Hochschullehrer" gegen Kuratoriumsbeschluß Die "Aktionsgruppe Hochschullehrer an der FU" "verurteilt den Beschluß des Kuratoriums vom 25. 6. 1970, einen Lehrstuhl für Psychologie dem Fachbereich Erziehungswissenschaften zuzuordnen". Der Beschluß sei "ohne die notwendige Vorberatung und ohne Benehmen mit den zuständigen Gremien der Universität zustande gekommen". Er entwerte die Autorität des Präsidenten, der vom Kuratorium am 20. Mai 1970 beauftragt worden sei, innerhalb eines halben Jahres die Frage "der Vertretung des Faches Psychologie im Fachbereich Erziehungswissenschaften" zu klären. Mit diesem Beschluß setze das Kuratorium "lediglich die Gelegenheitsbewilligung vergangener Zeiten fort". 4. Juli 1970 FR bewertet Entwicklung an der FU positiv Unter der Überschrift "Rechter und linker Pulverdampf vernebelt Fortschritt / Mehrheit an der Freien Universität akzeptiert die neue Lage - Grund zum Opitmismus" berichtet die "Frankfurter Rundschau" über die Situation an der FU. Dok. 1032 Weitere Störungen von Lehrveranstaltungen bei Anglisten Mitglieder der "Roten Zelle Anglistik" setzen ihre Störungen von Lehrveranstaltungen fort. Mehrere Lehrveranstaltungen müssen abgebrochen werden. Von Angehörigen des Englischen Seminars wird darauf verwiesen, daß sowohl Präsident Kreibich als auch Senator Stein über die andauernden Störungen informiert worden seien. Professor Stein habe bisher auf entsprechende Schreiben nicht reagiert. 6. Juli 1970 Kuratoriumsbeschluß zur Psychologie angefochten Das Mitglied des Kuratoriums der FU, Prof. Dr. Eberhard Lämmert, ficht in einem Schreiben an den Vorsitzenden des FU-Kuratoriums, den Regierenden Bürgermeister Klaus Schütz, die Entscheidung des Gremiums an, im Fachbereich Erziehungswissenschaften einen Lehrstuhl für Psychologie einzurichten. Professor Lämmert begründet sein Vorgehen mit Verfahrensmängeln. Entgegen der Geschäftsordnung sei die Einladungsfrist von zwei Wochen nicht eingehalten worden und den für die Entwicklungsplanung zuständigen Universitätsinstanzen sei es nicht ermöglicht worden, ihr Vorschlagsrecht in Hinblick auf den Kuratoriumsbeschluß wahrzunehmen. (Vgl. 25. Juni 1970) Senator Stein trifft Dozenten des Englischen Seminars Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, und Präsident Kreibich erörtern auf Bitte der betroffenen Dozenten des Englischen Seminars die Situation an diesem Institut, an dem seit Beginn des Semesters über 20 Lehrveranstaltungen durch Studenten der "Roten Zelle Anglistik" gestört worden sind. In dem Gespräch besteht Einigkeit darüber, daß es zu den vordringlichen Aufgaben des Fachbereichsrats gehöre, die entstandenen Probleme zu behandeln. Senator Stein verweist auf das gesetzlich zur Verfügung stehende Instrumentarium, mit dem Störungen begegnet werden könne. Senat bestätigt faktische Neugründung eines 2. Psychologischen Instituts an der FU In Antwort auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Ursula Besser (CDU) äußern der Regierende Bürgermeister Schütz und Wissenschaftssenator Stein die Auffassung, daß es sich bei dem Beschluß des Kuratoriums der FU vom 20. Mai 1970, der vorsieht, daß die Errichtung einer auf die spezifischen Aufgaben des Fachbereiches Erziehungswissenschaften ausgerichteten Wissenschaftlichen Einrichtung für Psychologie innerhalb eines halben Jahres vom Präsidenten der FU geprüft wird, um die faktische Neugründung eines 2. Psychologischen Instituts an der FU handele. 7. Juli 1970 Vorsitzender des Fachbereichsrats Germanistik nimmt zu "Sex-Fragebogen" Stellung "Der Tagesspiegel" berichtet, daß der Vorsitzende des Fachbereichsrats Germanistik, Professor Heinrichs, gegen die Berichterstattung der "Welt" vom 2. Juli 1970 über einen "Sexfragebogen" am Germanischen Seminar Stellung genommen hat. Der Fragebogen sei in einem Tutorium auf Anregung von Studenten erstellt worden. Dies sei mit der Absicht geschehen, den in dem Tutorium auftretenden Arbeitsschwierigkeiten tiefenpsychologisch auf den Grund zu gehen. Der Fragebogen habe nicht zum wissenschaftlichen Programm des Proseminars gehört. Teilnehmer des Tutoriums und des Proseminars hätten nichts gegen diese Fragebogenaktion eingewendet und sich an ihr beteiligt. Inzwischen sei allen Beteiligten jedoch klar geworden, daß die Befragung mißglückt sei, weil sie die erhofften Ergebnisse nicht erbracht habe. Der Fragebogen werde als unwissenschaftlich angesehen. Die Mehrheit des Fachbereichsrats Germanistik bestreite den Studenten jedoch nicht das Recht, derartige Fragebogenaktionen durchzuführen. Politische Gesinnung kein Grund für Ablehnung von Tutoren Der Landespressedienst veröffentlicht die Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Ursula Besser (CDU) vom 11. Mai 1970. Die Tatsache, daß von 20 Tutorenstellen am Psychologischen Institut der FU nur eine der "Initiativgruppe" zugebilligt wurde, sei nach Prüfung des Sachverhalts nicht rechtswidrig. Eine Zuteilung an politische Gruppierungen sei vom Institutsrat nicht vorgenommen worden. Die Entscheidungen des Institutsrats seien rechtsmäßig erfolgt. Die formalrechtliche Seite der Überprüfung schließe jedoch nicht aus, daß die Mehrheit der Tutoren der "Roten Zelle Psychologie" angehören bzw. ihr nahe stehen könne. Hierzu müsse bemerkt werden, daß, "sofern die erforderlichen persönlichen Voraussetzungen vorliegen, die politische Gesinnung für sich allein genommen eine Ablehnung nicht rechtfertigen könnte". Störungen am Englischen Seminar halten an Am Englischen Seminar der FU halten die Störungen von Lehrveranstaltungen durch Mitglieder der "Roten Zelle Anglistik" an. Prof. Dr. Reinhold bricht seine Vorlesung nach Unterbrechung seiner Lehrveranstaltung ab. (Vgl. 1. Juli 1970) SAZ kritisiert Prüfungsterror In einem Flugblatt wirft die "Sozialistische Assistentenzelle" am Otto-Suhr-Institut konservativen Professoren vor, marxistisch orientierte Studenten in Prüfungen ideologisch zu zensieren. Eine Beobachtung der Prüfungspraxis durch die "33 sozialistischen Assistenten" am Fachbereich wird angekündigt. Dok. 1033 Großrechenzentrum wird Anstalt des Landes Berlin Das Großrechenzentrum für die Wissenschaft in Berlin (GRZ) soll nach einem Beschluß des Berliner Senats den Status einer nicht rechtsfähigen Anstalt des Landes Berlin erhalten und der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Kunst nachgeordnet werden. Der Senatsbeschluß vom 16. Juli 1968, das Großrechenzentrum als Betriebsabteilung des Hahn-Meitner-Instituts für Kernforschung (HMI) zu errichten, habe sich als nicht mehr realisierbar erwiesen. 8. Juli 1970 Präsident Kreibich widerspricht Senatsinterpretation In einem Schreiben an die Mitglieder des Kuratoriums der FU weist Präsident Kreibich die Auffassung des Senats von Berlin zurück, der Beschluß 005/70 des Kuratoriums vom 20. Mai 1970 beinhalte eine positive Entscheidung über die Neugründung eines 2. Psychologischen Instituts an der FU. Dies belege sowohl die im Protokoll wiedergegebene Äußerung des Abgeordneten Heimann (SPD), "es sollte deshalb auf jeden Fall geprüft werden, ob auch auf längere Sicht die Schaffung eines Instituts für den Bereich Erziehungswissenschaften sachlich zweckmäßig sei", als auch die protokollierten Ausführen von Professor Rüthers, der den späteren Beschluß mitformuliert hatte, daß nicht die Art und Weise der Errichtung eines 2. Instituts geprüft werden solle, sondern die Frage, ob überhaupt im Fachbereich Erziehungswissenschaften ein solches Institut gegründet werden solle. (Vgl. 7. Juli 1970) Professor Hippius kritisiert Gründungsausschuß des Zentralinstituts für Soziale Medizin In einem Schreiben an FU-Präsident Kreibich erhebt Prof. Dr. Hanns Hippius schwere Vorwürfe gegen den Gründungsauschuß des Zentralinstituts für Soziale Medizin. Professor Hippius, der selbst Mitglied dieses Ausschusses ist, beschuldigt sechs Ausschußmitglieder, eine "fest gefügte Fraktion" der "Roten Zellen" gebildet zu haben und Personalentscheidungen unter politischen Gesichtspunkten zu fällen. Professor Hippius spricht in seinem Schreiben dem Gründungsausschuß die fachliche Kompetenz ab, über die Besetzung der für das Zentralinstitut vorgesehenen Hochschullehrer sachgerecht entscheiden zu können und schlägt stattdessen die Bildung eines Expertengremiums aus Professoren vor. Mit Schreiben vom 14. und 18. Juli weisen die übrigen Mitglieder des Gründungsausschusses die Vorwürfe von Professor Hippius zurück und erläutern die bisher gefällten Personalentscheidungen. Sie weisen darauf hin, daß das von Professor Hippius vorgeschlagene Professorengremium dem im Universitätsgesetz vorgesehenen Berufungsverfahren widerspreche. Der Gründungsausschuß orientiere sich an dem Grundsatz, daß alle Gruppen an den Entscheidungen beteiligt sein sollten. Am 24. Juli antwortet Präsident Kreibich auf das Schreiben von Professor Hippius und erklärt seine Bestürzung über dessen "Inhalt und Übermittlungsform". Professor Hippius habe ohne vorherige Diskussion innerhalb des Gründungsausschusses bzw. mit dem Präsidenten seine Vorwürfe an die Öffentlichkeit gebracht. Kreibich spricht in seinem Schreiben dem Gründungsausschuß sein Vertrauen aus und äußert die Ansicht, daß eine weitere Zusammenarbeit mit Professor Hippius in Frage gestellt werden müsse. Rechtsaufsichtsbeschwerde gegen Präsident Kreibich Prof. Dr Wolfgang Rudolph (Ethnologie) legt gegen den Präsidenten der FU, Rolf Kreibich, Rechtsaufsichtsbeschwerde beim Senator für Wissenschaft und Kunst ein. Professor Rudolph wirft Präsident Kreibich die "Duldung der gesetz- und verfassungswidrigen Organisation der Roten Zellen im Allgemeinen" sowie die Duldung "von Rote Zellen Listen" bei den Fachbereichswahlen vor und bezeichnet die Zusammensetzung der Fachbereichsgremien als illegal.In einer Stellungnahme zu dem Schreiben von Prof. Dr. Wilhelm Rudolph erklärt Präsident Kreibich am 9. Juli, daß er keinerlei Richtlinienkompetenz zum Verbot von Vereinigungen an der Universität habe. Die Rechtsaufsichtsbeschwerde von Professor Rudolph sei "Unfug", er erwarte vom Senator, daß dieser "unverzüglich gegen derartige unverantwortliche Schritte von Universitätsmitgliedern Stellung" beziehe. Altenglisch bleibt obligatorisch Eine studentische Vollversammlung des Englischen Seminars verabschiedet eine Resolution, in der die Rücknahme der Personalentscheidung zur Einstellung zweier Assistenten und die Besetzung aller freien Stellen mit Wissenschaftlern, die einen "dialektisch-materialistischen Ansatz" vertreten gefordert wird. Außerdem wird ultimativ die Abschaffung des obligatorischen Studienabschnitts in der Alten Abteilung verlangt und im Falle der Nichterfüllung dieser Forderung Störungen der Seminare für Altenglisch angedroht. Der Fachbereichsrat Neuere Fremdsprachliche Philologien an der FU berät zur gleichen Zeit in nichtöffentlicher Sitzung den Beschluß zur Besetzung zweier Assistentenstellen der Älteren- und Sprachwissenschaftlichen Abteilung dieses Seminars. Etwa 100 Studenten unterbrechen durch ein Go-in die Fachbereichsratssitzung und tragen den Beschluß ihrer Vollversammlung vor. Einem Vertreter des Päsidialamts gelingt es, vermittelnd einzugreifen und den nichtöffentlichen Charakter der Fachbereichsratssitzung wieder herzustellen. Anschließend wird die Personalentscheidung zur Besetzung der umstrittenen Assistentenstellen aufgehoben. Der Antrag des Studentenvertreters H. Jörg Tidick auf Abschaffung des Obligatoriums der Alten Abteilung wird vom Fachbereichsrat mit knapper Mehrheit abgelehnt. 9. Juli 1970 Aufhebung der Promotionsgebühren an der FU Das Präsidialamt entscheidet in seiner Routinesitzung, daß ab 1. September 1970 Promotionsgebühren an der FU nicht mehr erhoben werden. 10. Juli 1970 Rücktritte aus Institutsrat am Lateinamerika-Institut Am Zentralinstitut für Lateinamerikanistik der FU stellen drei der vier Hochschullehrer und die Vertreterin der Anderen Dienstkräfte ihre Mitarbeit im Institutsrat ein, da ihrer Meinung nach eine Zusammenarbeit mit den Vertretern der Studenten und Wissenschaftlichen Mitarbeiter nicht möglich ist. Der Rücktritt bezieht sich auf eine Auseinandersetzung über ein studentisches Flugblatt, in dem ein Hochschullehrer aufgefordert worden war, den an ihn ergangenen Ruf an eine andere Universität anzunehmen. Die Vertreter der Wissenschaftlichen Mitarbeiter und der Studenten hatten unter Berufung auf einen entsprechenden Vollversammlungsbeschluß der Studenten eine Distanzierung von dem Flugblatt abgelehnt. 11. Juli 1970 MoPo erhebt schwere Vorwürfe gegen Präsident Kreibich In der "Berliner Morgenpost" erscheint ein Artikel "Kreibich und die kommunistische Zellentaktik" von Walter Brückmann, in dem Präsident Kreibich erneut die Duldung der Aktivitäten der Roten Zellen vorgeworfen wird. Die Roten Zellen hätten durch ein schlecht konzipiertes Gesetz die Möglichkeit erhalten, noch mehr Terrain zu erobern, als es allgemein angenommen werde. Rolf Kreibich wird vorgeworfen, daß er "zusammen mit seinem einseitig ausgewählten (nicht pluralistischen) Beraterstab durch die Duldung der roten Agitation den Zerfall der Universität" fördere. Dieses dürfe "allen offenbar geworden sein, die sich nicht durch Kreibichs 'wissenschaftstheoretische' Problematik" und anderen "Schmuß" den Blick vernebeln ließen. Die FU wird als eine von Terror und Agitation bedrohte Universität beschrieben. FU-Kuratorium mißbilligt Schreiben des FU-Präsidenten an US-Stadtkommandanten Das Kuratorium der FU mißbilligt in seiner 154. Sitzung mehrheitlich den Offenen Brief von Präsident Kreibich an den Kommandanten der US-Streitkräfte in Berlin anläßlich des Einmarsches von US-Truppen in Kambodscha. Das Kuratorium schließt sich der Rechtsbelehrung des Senators für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, an, daß der Präsident der FU kein allgemeinpolitisches Mandat wahrnehmen könne. Präsident Kreibich erklärt dagegen, daß er in einem vergleichbaren Fall seine Handlungsweise wiederholen würde.(Vgl. 8. Mai 1970) Das Kuratorium lehnt es ab, seine Beschlüsse zur Fachbereichsbildung im Falle der Ethnologie und Anatomie zu revidieren. Das Kuratorium beauftragt den Präsidenten, die Errichtung einer Zentraleinrichtung für Hochschulsport in Angriff zu nehmen. Des weiteren bewilligt das Kuratorium einen Schnellbau für das Institut für Physikalische Chemie. Das Kuratorium erhöht den Zuschuß für die Mensa um ca. 380.000 DM und bewilligt zur Beseitigung der akuten Zahlungsschwierigkeiten des FU-Studentendorfes bis September einen monatlichen Zuschuß von 30.000 DM. Vizepräsident Wesel schützt altenglische Klausur Der Vizepräsident der FU, Prof. Dr. Uwe Wesel, und andere Vertreter des Präsidalamts schirmen die altenglische Klausur gegen Störungsversuche einer Gruppe von Studenten ab, die gemäß des Vollversammlungsbeschlusses vom 8. Juli 1970 die Verhinderung der altenglischen Lehrveranstaltung durchsetzen wollen. 12. Juli 1970 Anzahl und Qualität der FU-Examen gestiegen "Der Tagesspiegel" veröffentlicht einen Vergleich über Examina an der FU unter der Überschrift "Studentenrevolte und Studienleistung". Der Vergleich kommt zu dem Ergebnis, daß es an der FU eine erhöhte Leistungsfähigkeit gebe. 13. Juli 1970 "Spiegel" berichtet über OSI "Der Spiegel" veröffentlicht einen Report über den Wissenschaftsbetrieb am Otto-Suhr-Institut der FU und ein ausführliches Interview mit Prof. Dr. Richard Löwenthal. Warnung vor "Gegenstudium" am Fachbereich 17 Die Mehrheit des Fachbereichsrats Neuere Fremdsprachliche Philologien warnt die Roten Zellen vor dem Aufbau eine "Gegenstudiums". Der Vorsitzende des Fachbereichsrats, Professor Loos, sagt die Besetzung von Vakanzen mit "Literaturwissenschaftlern marxistischer Ausrichtung" zu. 14. Juli 1970 Diskussion um den Ruf der FU In der "Stuttgarter Zeitung" erscheint eine Erwiderung von Prof. Dr. Bernd Rüthers auf einen Artikel "Die Freie Universität ist besser als ihr Ruf". Die Erwiderung trägt die Überschrift: "Zur wirklichen Lage an der Freien Universität". Fachbereichsrat Wirtschaftswissenschaft gegen UzwG Der Fachbereichsrat Wirtschaftswissenschaft verabschiedet mehrheitlich eine Resolution, die das geplante Gesetz zur Anwendung unmittelbaren Zwangs (UZwG) kritisiert. (Vgl. 7. Okt. 1970) Universitätsleitungen protestieren beim SFB Die Präsidenten von FU, TU und der Rektor der Pädagogischen Hochschule fordern in einem gemeinsamen Schreiben an den Intendanten des Senders Freies Berlin, Franz Barsig, dringend dazu auf, den früheren Leiter des SFB-Hörfunkprogramms, Hans-Peter Krüger, wieder in sein Amt einzusetzen. Nachdem inzwischen auch das Arbeitsgericht die Änderungskündigung für Krüger als unrechtmäßig erklärt habe, sei es an der Zeit, "eine unvertretbare Entscheidung zu revidieren". Krüger war mit der Begründung, das 3. Hörfunkprogramm sei ideologisch einseitig, entlassen worden. Dieser Schritt müsse im Hinblick auf die bildungspolitische Aufgabe des Rundfunks und des Fernsehens auch für die Berliner Hochschulen rückgängig gemacht werden. 15. Juli 1970 Kuratorium diskutiert über FU-Kindertagesstätte Das Kuratorium der Freien Universität diskutiert in seiner 155. Sitzung über die Funktion der geplanten Kindertagesstätte der FU. Dabei kam es zu einer Kontroverse, ob eine Kindertagesstätte über ihre soziale Funktion hinaus auch noch wisenschaftlichen Aufgaben in Lehre und Forschung dienen solle. Mehrere Mitglieder des Kuratoriums vertraten die Auffassung, daß eine Entscheidung des Kuratoriums nicht erfolgen könne, bevor nicht eine genaue Konzeption der wissenschaftlichen Nutzung der Kindertagesstätte vorliege. Die Weiterbehandlung dieser Frage wird an das in den Semesterferien tagende "Rumpfkuratorium" verwiesen. Das Kuratorium beschließt die Besetzung der Stabsstelle im Präsidialamt für Prognostik mit dem Sozialwissenschaftler Klaus Koch und der Stabsstelle für Organisationsanalyse und Systementwicklung mit dem Wissenschaftlichen Mitarbeiter bei der Studiengruppe für Systemforschung e.V. Heidelberg, Traugott Klose. Das Kuratorium beschließt die Errichtung einer Zentraleinrichtung Hochschulsport. Akademischer Senat lehnt Diskussion über "Notgemeinschaft" ab Der Akademische Senat der FU lehnt mit 11:9 Stimmen eine Befassung mit den Veröffentlichungen der "Notgemeinschaft für eine freie Universität" ab. Dem Gremium liegen zwei Anträge zur Kritik der Notgemeinschaft und ein sie unterstützender Antrag vor. Mehrere Senatsmitglieder kritisieren, daß durch die pauschalen Behauptungen über angebliche Mißstände das Ansehen der FU geschädigt werde. Außerdem richte die Notgemeinschaft ihre Kritik nicht an die zuständigen Universitätsgremien, sondern leite sie direkt an die Öffentlichkeit weiter. Dagegen werden die Veröffentlichungen der Notgemeinschaft von anderen Senatsmitgliedern als "Notwendige Ergänzungen zu den vom Präsidialamt herausgegebenen Informationen" verteidigt. Mehrere Senatsmitglieder, die für Nichtbefassung mit den Publikationen der Notgemeinschaft votieren, geben zu Protokoll, daß sie eine Diskussion zu diesem Themenkomplex unter Einbeziehung der in der letzten Senatssitzung in Auftrag gegebenen Dokumentation des Präsidialamtes wünschen. Der Akademische Senat wählt gemäß § 12, Abs. 3 UniG die Kommission für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs. Der Akademische Senat schließt sich der Kritik des Akademischen Senats der TU am geplanten Wissenschaftszentrum Berlin mit 10:3:3 Stimmen an. Beschwerde von Professor von Simson zurückgewiesen Der Personalausschuß der FU weist die Dienstaufsichtsbeschwerde, die Professor von Simson gegen FU-Präsident Kreibich am 11. Februar erhoben hat, zurück. Professor von Simson hatte dem Universitätspräsidenten Ermessensmißbrauch vorgeworfen, da dieser einem durch ein Strafverfahren betroffenen Universitätsmitglied Akteneinsicht gewährte. Wissenschaftssenator Stein hatte die Beschwerde bereits am 6. Mai ebenfalls mit der Begründung zurückgewiesen, daß laut Berliner Verwaltungsverfahrensgesetz dem Betroffenen nach pflichtgemäßem Ermessen Akteneinsicht gewährt werden kann. FU-Studentenwerk begrüßt Verhandlungsergebnis mit Senat Der Kanzler der Freien Universität, Hildebrandt, berichtet dem Stiftungsrat des Studentenwerks der FU, daß mit dem Senat von Berlin Einigung über die Beibehaltung der Miete von 74 DM erzielt werden konnte und eine Zusage für die Finanzierung der Unterhaltskosten des Studentendorfes gegeben wurde. Geklärt werden müsse, ob die durch den Mietstreik entstandenen Rückstände nacherhoben oder, wie die Studenten fordern, erlassen werden. Professor Eyferth lehnt Ruf an die FU ab In einem Schreiben an den Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, lehnt der Darmstädter Psychologe Prof. Dr. Klaus Eyferth den an ihn ergangenen Ruf an die FU ab. Professor Eyferth begründet seine Ablehnung damit, daß er bei einem Konflikt zwischen Senator Stein und FU-Präsident Kreibich über seine eventuelle Tätigkeit im Fachbereich Erziehungswissenschaften möglicherweise hätte auf der Seite Senator Steins stehen müssen. Dies sei jedoch mit seinen hochschulpolitischen Vorstellungen, die auch die Verteidigung der Autonomie der Universität beinhaltete, nicht vereinbar. Weitere Fachbereichsräte gegen Novellierung des Hochschullehrergesetzes Der Fachbereichsrat Philosophie und Sozialwissenschaften schließt sich den Stellungnahmen der Fachbereiche Kunstwissenschaften, Germanistik und Biologie gegen die vom Berliner Senat zur Zeit diskutierte Änderung des Hochschullehrergesetzes an. (Vgl. 6. Juli 1970) FB 15 kritisiert Professor Löwenthal Der Fachbereichsrat des Otto Suhr Instituts kritisiert Professor Richard Löwenthal, da er "nicht bewiesene Aussagen über die Arbeit in den Berliner Universitätsgremien" publiziere. Professor Löwenthal habe "durch seine Aktivitäten in Sachen Wissenschaftszentrum Berlin GmbH zu erkennen gegeben, daß er für demokratische Ansätze an der Freien Universität kein Verständnis" finde. Dies werde durch seinen Beitritt zum "Bund Freiheit der Wissenschaft", durch seine jüngsten Äußerungen im "Spiegel" und im SPD-Pressedienst bestätigt. Der Fachbereichsvorsitzende möge deshalb in der Öffentlichkeit dem Eindruck entgegenwirken, Professor Löwenthal sei ein legitimierter Sprecher des Fachbereiches. (Vgl. 7. Okt. 1970) 20. Juli 1970 Wissenschaftsrat lehnt WZB ab Bundeswissenschaftsminister Hans Leussink gibt ein Gutachten des Wissenschaftsrats bekannt, das mit einer Ausnahme alle geplanten Institutionen des Wissenschaftszentrums Berlin ablehnt. Lediglich die finanzielle Förderung des Forschungsinstituts für Verwaltung und Wissenschaft (Internationales Institut zur Erfoschung der Organisation von Planungs-, Entscheidungs- und Führungsaufgaben in Verwaltung und Wirtschaft) wird vom Wissenschaftsrat befürwortet. Der Wissenschaftsrat ist der Auffassung, das Wissenschaftszentrum Berlin habe nicht die Aufgabe einer Organisation der allgemeinen Forschungsförderung, sondern sei eine Trägergesellschaft für einen begrenzten Aufgabenbereich. Den vorgesehenen Betrag von 6,1 Millionen DM aus Bundesmitteln soll das Wissenschaftszentrum Berlin nur dann erhalten, wenn die Kontrolle seiner Tätigkeit durch die zuständigen staatlichen Stellen sichergestellt sei. 21. Juli 1970 Berliner Hochschulleitungen kritisieren Senatseingriffe Die Präsidenten und Rektoren der Berliner Hochschulen sehen in zunehmenden "Maßnahmen und Erklärungen des Senators, die mit den zuständigen Universitätsgremien nicht koordiniert wurden, die gesellschaftspolitisch notwendigen autonomen Bereiche der Hochschule in Frage gestellt". Als jüngstes Beispiel hierfür wird die Aufhebung der Entscheidung des Akademischen Senats der TU vom 15. Juli angeführt. Der TU-Senat hatte entsprechend einer Empfehlung der Entwicklungsplanungskommission entschieden, keine Zulassungsbeschränkungen für das Fach Psychologie vorzunehmen. Wissenschaftssenator Stein hatte diesen Beschluß unter Hinweis auf die Kapizitätsberechnungen seines Hauses aufgehoben. 22. Juli 1970 Senat gibt Zahl der abgelehnten Studienbewerber bekannt In Antwort auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Ursula Besser (CDU) gibt der Senator für Wissenschaft und Kunst bekannt, daß der Fachbereich Medizin der FU 2030 und der Fachbereich Zahnmedizin 994 Studienbewerber aufgrund der Zulassungsbeschränkungen abgelehnt hat. Die Zulassungsquote für Medizinstudenten an der FU soll für das kommende Wintersemester von 160 auf 200 und für Zahnmedizinstudenten von 40 auf 44 erhöht werden. 23. Juli 1970 Senator Stein trifft Vertreter des Fachbereichs 11 In einem Gespräch mit Vertretern des Fachbereichs Philosophie und Sozialwissenschaften erklärt Senator Stein, daß er sich in seinen bisherigen Entscheidungen zur Frage der Teilung des Psychologischen Instituts durch Informationen leiten ließ, die er von Mitgliedern der "Initiativgruppe für ein 2. Psychologisches Institut" erhielt. Senator Stein kündigt an, künftige Gespräche nur unter Beteiligung offizieller Vertreter des Fachbereichs zu führen. Ein Gespräch mit Vertretern der "Initiativgruppe" soll Ende September im Rahmen der offiziellen Fachbereichsorgane stattfinden. Senator Stein sichert zu, daß bis dahin keine weiteren Entscheidungen zum Problem der Teilung des Psychologischen Instituts gefällt werden. 24. Juli 1970 Aktionsgruppe Hochschullehrer protestiert gegen ZDF-Magazin Die "Aktionsgruppe Hochschullehrer" an der FU, der mit 110 Mitgliedern knapp ein Viertel aller Hochschullehrer der FU angehören, protestiert in einem Offenen Brief an den Fernsehrat des Zweiten Deutschen Fernsehens gegen die Berichterstattung des ZDF-Magazins über die Situation an der Freien Universität und die Arbeit der "Notgemeinschaft für eine freie Universität". Die am 15. Juli ausgestrahlte Sendung habe "zahlreiche Verunglimpfungen, verzerrte und falsche Darstellungen" enthalten. Die Auswahl der in der Sendung zu Wort gekommenen Hochschulangehörigen sei völlig einseitig erfolgt, sie seien sämtlich Mitglieder der "Notgemeinschaft". So werde der Eindruck erweckt, "als repräsentiere diese Gruppe die Hochschullehrer an der Freien Universität". Von 27 Fachbereichsvorsitzenden der FU seien zehn Mitglieder der Aktionsgruppe Hochschullehrer, während nur einer der Notgemeinschaft angehöre. Die Aktionsgruppe dürfe im Unterschied zur Notgemeinschaft tatsächlich für sich in Anspruch nehmen, daß sie eine wirkliche Mehrheit der aktiven Hochschullehrer an der FU repräsentiere. Diese Mehrheit versuche, "die unvermeidlichen Schwierigkeiten der neuen Willensbildung glaubhaft im Sinne der Reform zu überwinden" und habe deshalb weniger Zeit, "einseitig verzerrende Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben". 29. Juli 1970 Beraterkreis von Präsident Kreibich löst sich auf Der Beraterkreis von FU-Präsident Kreibich, der seit dem Amtsantritt von Rolf Kreibich regelmäßig hochschulpolitische Fragen und Entscheidungen mit dem Präsidenten diskutierte, löst sich auf. Der Beraterkreis sollte der linken und liberalen Fraktion des Übergangskonziles die Möglichkeit eines kontinuierlichen Diskussionszusammenhangs mit dem von ihnen gewählten Präsidenten bieten. Für Oktober/November ist die Konstituierung eines neuen Beraterkreises mit einer wesentlich anderen Zusammensetzung geplant. Dieser Beraterkreis soll nur aus legitimierten Gruppenvertretern bestehen. Senator Stein kritisiert ZDF-Magazin In einem Schreiben an den Intendanten des Zweiten Deutschen Fernsehens, Prof. Dr. Holzammer, kritisiert Wissenschaftssenator Stein die "verzerrende und einseitige Berichterstattung" über die FU in der Sendung des ZDF-Magazins vom 15. Juli 1970. Senator Stein bittet Professor Holzammer, in einer weiteren Sendung das dargebotene Bild der FU zu ergänzen und zu korrigieren. 30. Juli 1970 Bildungsausgaben sollen um 200% steigen Bundesbildungsminister Hans Leussink kündigt in einer Pressekonferenz eine Steigerung der Bildungsausgaben der Bundesregierung um über 200% bis 1974 an. Der Bildungsetat soll von derzeit 2,8 Millarden DM auf zunächst 9 Millarden DM im Jahre 1974 erhöht werden. Bundesminister Leussink legt in Antwort auf Kritik der CDU/CSU, seine Reformpläne seien finanziell unzureichend abgesichert, einen Schwerpunktplan für den Bildungsetat der nächsten vier Jahre vor. 31. Juli 1970 Morddrohungen gegen FU-Präsident nach ZDF Sendung Der Präsident der Freien Universität, Rolf Kreibich, gibt bekannt, daß seit der von Gerhard Löwenthal moderierten Ausgabe des ZDF-Magazins vom 15. Juli 1970, in der ein Beitrag über die FU enthalten war, eine größere Zahl brieflicher Morddrohungen im Präsidialamt der FU eingegangen seien. Zur Zeit gingen täglich fünf bis sechs solcher Briefe an der FU ein, zusätzlich gebe es zahlreiche entsprechende Telefonanrufe. Die Morddrohungen richteten sich sowohl gegen ihn und seine Familie als auch gegen andere Mitarbeiter des Präsidialamtes. 3. August 1970 Wissenschaftssenator setzt Staatskommissar an der TU ein Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, setzt einen Staatskommissar ein, der die Aufgaben der Fakultätsvertretung in Prüfungsangelegenheiten, bisher erfüllt durch den Diplomprüfungsausschuß, sowie die Aufgaben des Prüfungsobmannes der Architekturfakultät an der TU wahrnehmen soll. Über die Zulassung von kollektiv verfaßten Diplomarbeiten schwelt seit einigen Monaten ein Konflikt an dieser Fakultät der Technischen Universität Berlin. Senator Stein erläutert seinen Schritt der Einsetzung eines Staatskommissars: "Aufgabe der Staatsaufsicht ist es neben anderem, darauf zu achten, daß die Diplomprüfung und die Verleihung akademischer Grade in Bezug auf Studien- und Prüfungsordnungen keine qualitative Entwertung erfahren und der Gesellschaft gegenüber weiterhin als Garantie für ausreichende Fähigkeit und Kenntnis gelten." Die Aufgabe des Staatskommissars wird der Diplom-Politologe Peter Sötje (SPD) wahrnehmen. Die Technische Universität Berlin kündigt Klage gegen die Einsetzung des Staatskommissars an der Architekturfakultät an, da ein derart gravierender Eingriff in ihre Autonomie nicht hinzunehmen sei. Insbesondere kritisiert wird, daß der von Senator Stein eingesetzte Beauftragte kein Fachmann für Fragen des Architekturstudiums ist. (Vgl. 2. Sept. 1970) Bundesregierung will Graduiertenförderung neu regeln Die Bundesregierung beabsichtigt, nach der Sommerpause einen Gesetzentwurf zur Graduiertenförderung vorzulegen. Der Entwurf sieht vor, daß an 5000 Studentinnen und Studenten jährlich Graduiertenstipendien vergeben werden sollen. Bis zum Jahr 1974 soll diese Zahl auf 20.000 Stipendiaten erhöht werden. Unverheiratete Stipendiaten sollen 900,- DM, verheiratete 1100,- DM erhalten. Bis 1974 sollen die Kosten der Graduiertenförderung von 60 Millionen DM auf 240 Millionen DM steigen. Mehr als die Hälfte dieser Kosten sollen aus dem Haushalt des Bundes gedeckt werden. 5. August 1970 FU beteiligt sich an weltweiter Erdbebenforschung Die Freie Universität Berlin ist durch einen Seismographen, der in einem Betonbunker im Düppeler Forst installiert wurde, nunmehr in das weltweite Netz von Erdbebenwarten eingegliedert. Die Ergebnisse dieses Informationsnetzes werden in Edinburgh ausgewertet. Die Messungen aus dem Düppeler Forst werden auch von dem Lehrstuhl für Geophysik an der FU analysiert. Zulassungskriterien für NC-Fächer festgelegt Der Ferienausschuß des Akademischen Senats der FU beschließt Leistungskriterien für die Zulassung in den Fächern Veterinärmedizin und Psychologie. 6. August 1970 6,8% ausländische Studenten Nach einer Meldung des "Tagesspiegel" studieren an den 38 wissenschaftlichen Hochschulen der Bundesrepublik rund 22.000 Ausländer, das sind 6,8% aller Studenten. FU-Präsident protestiert gegen ZDF-Magazin Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, protestiert in einem Schreiben an den Intendanten des Zweiten Deutschen Fernsehens, Prof. Dr. Klaus Holzammer, gegen den im ZDF-Magazin vom 15. Juli 1970 enthaltenen Beitrag über die Freie Universität Berlin. In der Sendung sei der Eindruck vermittelt worden, die Reformbestrebungen an den Universitäten seien mit der Übernahme der deutschen Hochschulen durch die Faschisten in der Zeit des Nationalsozialismus zu vergleichen. Der Moderator Gerhard Löwenthal habe mit seinen Kommentaren alle diejenigen, die sich für die Hochschulreform einsetzten, in die Ecke der "Volksfeinde" gedrängt. Präsident Kreibich bittet den Intendanten dringend, "in aller Gründlichkeit" zu erwägen, wie der durch diese Sendung hervorgerufene "falsche Eindruck" über die FU durch eine korrekte Darstellung der Situation "in kürzester Frist und zu einer ähnlich günstigen Sendezeit" korrigiert werden könne. Das Schreiben von Präsident Kreibich wird nachrichtlich allen Mitgliedern des Deutschen Bundestages und des Berliner Abgeordnetenhauses übermittelt. Dem Schreiben an Intendant Holzammer sind Kopien von Drohbriefen beigelegt, die Präsident Kreibich unmittelbar nach der Sendung erhielt, sowie eine Dokumentation, mit der die Vorwürfe gegen die Berichterstattung des ZDF-Magazins belegt werden sollen. (Vgl. 12. Aug. 1970) 7. August 1970 Akademischer Senat blockiert Stellen für Soziale Medizin Der Akademische Senat der Freien Universität Berlin lehnt mit knapper Mehrheit die Ausschreibung von zwei Lehrstühlen im neuen Zentralinstitut für Soziale Medizin ab. Die Vorbehalte der Senatsmehrheit beziehen sich auf Äußerungen eines der zwölf Mitglieder des Gründungsausschusses, des Psychiaters Prof. Dr. Hanns Hippius, der den Ausschuß als politisch einseitig kritisiert hatte. (Vgl. 8. Juli 1970) 11. August 1970 FU-Präsidialamt gegen Staatskommissar an der TU Das Präsidialamt der FU entscheidet auf Vorschlag von Vizepräsident Wesel, der Westdeutschen Rektorenkonferenz im Oktober eine negative Stellungnahme zur Einsetzung eines Staatskommissars für Prüfungsfragen an der Architekturfakultät der TU-Berlin vorzulegen. Es müsse als problematisch betrachtet werden, wenn die staatliche Rechtsaufsicht zur Fachaufsicht werde. (Vgl. 3. Aug. 1970) 400.000 studieren Staatssekretärin Hildegard Hamm-Brücher (FDP) gibt bekannt, daß im Wintersemester 1970/71 ca. 400.000 Studentinnen und Studenten an den Hochschulen der Bundesrepublik Deutschland studieren werden, darunter werden ca. 65.000 Studienanfänger sein. Bei einer Umfrage unter Abiturienten seien als Wunschziel die Studienorte München, Frankfurt und Köln am begehrtesten. 12. August 1970 ZDF will Vorwürfe des FU-Präsidenten prüfen In einem Schreiben an den Präsidenten der FU, Rolf Kreibich, sagt der Intendant des ZDF, Professor Holzammer, zu, die Vorwürfe gegen die Berichterstattung des ZDF-Magazins vom 15. Juli 1970 zu prüfen.(Vgl. 7. Aug. 1970) 13. August 1970 Pressediskussion um Lage der FU In der "Stuttgarter Zeitung" erscheint ein Bericht von Otto Jörg Weiß, "Klischees von der Universität unter Hammer und Sichel", der kritisch auf die Vorwürfe des ZDF-Magazins vom 15. Juli 1970 eingeht. Im "Tagesspiegel" beurteilt Uwe Schlicht die Lage an der FU zwar als ruhig, die Kluft zwischen linken und konservativen Kräften habe sich jedoch noch vertieft. Dok. 1034 14. August 1970 Universitätspräsidenten und Rektoren begrüßen deutsch - sowjetischen Vertrag Die Präsidenten der Freien und Technischen Universität Berlin, die Rektoren der Universitäten Frankfurt/Main, Heidelberg, Marburg und der Rektor der Technischen Hochschule Aachen begrüßen in einer gemeinsamen Presserklärung die Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Vertrags als "eine Grundlage verstärkter friedlicher Beziehungen zwischen den Nationen". Die Unterzeichner kündigen an, auf der nächsten Plenartagung der Westdeutschen Rektorenkonferenz einen Beschlußentwurf vorzulegen, "der das dringende Interesse der westdeutschen Hochschulen an einem intensiven kulturellen und wissenschaftlichen Austausch mit den Hochschulen der Sowjetunion und der osteuropäischen Nationen unterstreicht und die Bundesregierung auffordert, ihrerseits alle Schritte zu unternehmen, die zu einer Verbesserung der bisherigen kulturellen und wissenschaftlichen Kontakte führen." (Vgl. 20. Aug. 1970) 17. August 1970 Senator Stein trifft FU-Leitung Wissenschaftssenator Professor Stein trifft mit FU-Präsident Kreibich, Vizepräsidentin Dr. von Brentano und Vizepräsident Prof. Dr. Lax zu einer Unterredung über aktuelle hochschulpolitische Fragen zusammen. Besprechungspunkte sind u.a. die Situation am Psychologischen Institut der FU, die Krankenversorgung im Klinikum Steglitz und die Einsetzung eines Staatskommissars an der TU. Präsident Kreibich bittet den Senator darum, Rechtsauskunftsersuche möglichst an das FU-Präsidialamt zu verweisen bzw. die Universitätsleitung vor Erteilung von Rechtsauskünften zu verständigen. 19. August 1970 Bürgermeister Schütz sagt Kuratoriumssitzungen ab Der Vorsitzende der Kuratorien von Freier und Technischer Universität Berlin, der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz, sagt kurzfristig die nächsten Sitzungen beider Gremien mit der Begründung ab, daß die beiden Gremien voraussichtlich nicht beschlußfähig seien. Das Kuratorium der TU sollte am 21. August eine Beschlußvorlage gegen die Einsetzung des Staatskommissars an der Architekturfakultät behandeln. Für die Sitzung des FU-Kuratoriums liegt ein entsprechender Antrag vor. Sieben Mitglieder des Kuratoriums der TU protestieren in einer Erklärung gegen die Absage der Kuratoriumssitzung und fordern die sofortige Einberufung des Gremiums. Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, bezeichnet die Absetzung der Kuratoriumssitzung als "unverantwortlich", da wichtige Beschlüsse zu Reformmaßnahmen weiter verzögert würden. Insbesondere könne die Besetzung der Assistenzprofessuren nicht beraten werden. Kuratoriumsmitglieder kritisieren Staatskommissar Die Mitglieder des Kuratoriums der FU Peter Abt, Peter Bruhn, Dr. Heinz Knoll und Dr. Frank Matakas verurteilen in einer Presseerklärung die Einsetzung eines Staatskommissars für Prüfungsangelegenheiten an der Architekturfakultät der TU-Berlin. Sie sehen in dieser Maßnahme einen weiteren Schritt des Staates, die Rechtsaufsicht auf eine Fachaufsicht auszuweiten. Damit werde die Autonomie der Universität unverantwortlich eingeschränkt. 20. August 1970 Wissenschaftssenator Stein kritisiert Präsident Kreibich In einem Schreiben an die Präsidenten von FU und TU kritisiert der Senator für Wissenschaft und Kunst, Professor Stein, die Stellungnahme der Präsidenten zur Unterzeichnung des Vertrages zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der UdSSR: "In der Sache stimme ich mit Ihnen überein. Das darf mich jedoch nicht hindern, Sie auch in diesem Zusammenhang auf das Problem einer Inanspruchnahme eines politischen Mandats hinzuweisen." Senator Stein kritisiert, daß die Präsidenten in ihrer Erklärung über den Rahmen der Diskussion hochschulpolitischer Konsequenzen des Vertrages hinausgehen. (Vgl. 14. Aug. 1970) 23. August 1970 Ausländische Pressestimme zur Situation an der FU Die "Neue Zürcher Zeitung" bringt einen Artikel zum Thema "Reformer und Revolutionäre an den Hochschulen Westberlins / von der 'Freien Universität` zur sozialistischen Kaderschule?" Studenten und Schüler werden in gesetzliche Unfallversicherung einbezogen Der Vorsitzende des Studentenwerks der FU und Vorsitzende des Gesundheitsauschusses des Deutschen Studentenwerks, Lothar Bressel, begrüßt die von der Bundesregierung vorgesehene Einbeziehung von Schülern und Studenten in die gesetzliche Unfallversicherung. Dies wurde bisher in den verschiedenen Bundesländern unterschiedlich gehandhabt, häufig mußten Schüler und Studenten eine gesonderte Unfallversicherung abschließen. Die Kosten dieser Maßnahme der Bundesregierung werden jährlich 39,5 Millionen DM betragen. 24. August 1970 FU-Mitgliedern wird Einreise nach Nordirland verweigert Zwei Assistenten und einem Studenten des Englischen Seminars der FU wird auf dem Flughafen Luton (Großbritannien) die Einreise verweigert. Die drei FU-Angehörigen wollten an einer von der "Roten Zelle Anglistik" initiierten Exkursion nach Nordirland teilnehmen. Die Assistenten des Englischen Seminars Dr. Rainer Schüren und Peter Drexler sind Leiter der Exkursion, die vom 24. August bis zum 5. September stattfindet und von der FU mit 15.000 DM unterstützt wird. Die übrigen 18 Teilnehmer der Exkursion sind bereits ohne Behelligung nach Nordirland vorausgereist. Die "Rote Zelle Anglistik" hatte die Exkursion in ihrem Studienprogramm als "Kontaktaufnahme mit revolutionären Organisationen" angekündigt. Der Fachbereichsrat Neuere Fremdsprachliche Philologien hatte der Exkursion auf seiner Sitzung vom 19. Juni 1970 grundsätzlich zugestimmt. Nach der dem Fachbereich vorliegenden Planung der Exkursion waren Begegnungen mit nordirischen Parlamentariern, Gespräche mit der protestantischen Hilfspolizei, der katholischen Bürgerrechtsbewegung und der militanten protestantischen Bewegung "Orange Order" vorgesehen. Ferner sollte auch ein Gespräch mit dem militanten Protestantenführer Pastor Ian Paisley stattfinden. Wegen der aktuellen politischen Entwicklung in Nordirland sei - wie der Fachbereichsrat mitteilt - die Exkursion stärker politisch akzentuiert, als dies bei sonstigen Exkursionen nach Großbritannien üblich sei. Die Assistenten Dr. Schüren und Drexler bezeichneten sich selbst als politisch "liberal" und gegenüber der "Roten Zelle Anglistik" kritisch eingestellt. 25. August 1970 Kuratorium beschließt Auschreibung von 400 Assistenzprofessuren Das "Rumpfkuratorium" der FU billigt einen Antrag von Präsident Kreibich, für den Aufbau des Instituts für Soziale Medizin einen Etat von 1,09 Millionen DM für das Jahr 1971 zur Verfügung zu stellen. Mit diesem Etat sollen 32 Stellen für Professoren, Wissenschaftliche Angestellte, Andere Dienstkräfte und studentische Hilfskräfte geschaffen werden. Das Kuratorium erklärt sich einverstanden, zwei weitere Professorenstellen der Besoldungsgruppe AH 6 für das Institut auszuschreiben. Die Ausstattung für die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe "Berlintransplant" wird verabschiedet. Das "Rumpfkuratorium" der FU berät über die Berufung von Assistenzprofessoren. Gegen das Votum des Vertreters der Wissenschaftlichen Mitarbeiter, Dr. Matakas, beschließt das Kuratorium die Ausschreibung von 400 Assistenzprofessuren. Dr. Matakas begründet sein Votum damit, daß die Anerkennung der Ausschreibung eine Zustimmung zu dem Grundsatz bedeute, daß nicht alle Wissenschaftler gleichermaßen an der Forschung teilnehmen dürften. Nach den bisher vorliegenden Planungen sollen Assistenzprofessoren vorwiegend in der Lehre tätig sein. Die Bewerber auf Assistenzprofessoren sollen promoviert sein und drei Jahre als Assistent gearbeitet haben. Die Dienstzeit des Assistenzprofessors ist auf vier Jahre befristet. In diesem Zeitraum soll die Befähigung zum Hochschullehrer erworben werden. Die 3. Änderung der vorläufigen Wahlordnung für die Freie Universität wird beschlossen. Berufungsbilanz des FU-Präsidialamts Das Präsidialamt der FU veröffentlicht eine aktuelle Berufungsstatistik, nach der zwischen 1. Januar und 20. August 1970 14 Berufungen und in zwei Fällen Bleibeverhandlungen erfolgreich verliefen. Sechs Professoren haben in diesem Zeitraum die FU verlassen. 26. August 1970 Bundespräsident Dr. Heinemann spricht mit FU-Leitung Bundespräsident Dr. Gustav Heinemann empfängt anläßlich seines Berlinbesuchs den Präsidenten der FU, Rolf Kreibich, und mehrere Mitarbeiter des FU-Präsidialamtes zu einem Gespräch über die Entwicklung der Hochschulreform. 28. August 1970 WRK analysiert studentisches Wahlverhalten Nach einer von der Westdeutschen Rektorenkonferenz veröffentlichten Wahlanalyse sind die Allgemeinen Studentenausschüsse von 20 Universitäten und Technischen Hochschulen von linken Gruppen beherrscht, während nur in fünf Universitäten gemäßigte Studentenvertretungen die Mehrheit erhielten. Die Westdeutsche Rektorenkonferenz legt des weiteren eine Analyse zur Frage der Zulassungsbeschränkungen vor. An den wissenschaftlichen Hochschulen sind danach neben den sechs in das zentrale Registrierverfahren einbezogenen Fächern Medizin, Zahnmedizin, Veterinärmedizin, Architektur, Pharmazie, und Psychologie vor allem die Naturwissenschaften vom Numerus clausus betroffen. An 22 von 29 Ausbildungsstätten für Biologie bestehen Zulassungsbeschränkungen oder wurden beantragt, das gleiche gilt für 19 von 31 Ausbildungsstätten für Chemie, für 15 von 30 für Physik und 14 von 33 für Mathematik. Angesichts dieser Entwicklung fordert die Westdeutsche Rektorenkonferenz eine dringliche Ausbauplanung für Hochschulen und Universitäten durch Bund und Länder. 31. August 1970 FU-Präsident nimmt an Weltrektorenkonferenz teil FU-Präsident Kreibich nimmt an der Weltrektorenkonferenz in Montreal teil. 7. Internationaler Ferienkurs der FU erfolgreich beendet An dem 7. Internationalen Ferienkurs, der vom Sekretariat für Erwachsenenbildung der FU vom 17. - 31. August durchgeführt wurde, nahmen 50 Teilnehmer aus zehn Ländern Europas teil. Die Ferienkurse beschäftigten sich mit Fragen der internationalen Zusammenarbeit auf den Gebieten Politik, Wirtschaft, Bildung, Kommunikation und Literatur. Die Teilnehmer der Kurse waren über Volkshochschulen und Erwachsenenbildungsinstitutionen eingeladen worden. Die FU-Ferienkurse wurden von Prof. Dr. Fritz Borinski betreut, der auch Initiator dieser Veranstaltungen war. Studienreferendare kündigen Streik an Die Berliner Studienreferendare kündigen an, am 1. Oktober 1970 in Streik zu treten, um ihrer Forderung nach einer Stornierung der geltenden Ausbildungsordnung zwecks Überarbeitung Nachdruck zu verleihen. Ein Sprecher der GEW begrüßt diesen Schritt der Studienreferendare, da er der Durchsetzung eines modernen Systems der schulpraktischen Ausbildung diene und kündigt die Unterstützung des Streiks durch seine Gewerkschaft an. Das Präsidialamt der FU unterstützt in einer Erklärung die Studienreferendare. Es gehe nicht an, nur für die erste Phase der Lehrerausbildung an den Universitäten Mitwirkungsrechte einzuräumen. Für die zweite Phase müsse gefordert werden, daß die Referendare "a) an der praxisorientierten Umgestaltung der Ausbildung mitwirken können, daß b) diese Mitwirkung institutionell abgesichert wird und c) dabei die Halbparität, analog § 18 Abs. 3 Universitätsgesetz Anwendung findet". Der Senator für Schulwesen teilt zu der Streikankündigung der Studienreferendare mit, daß er mit dem Verband Berliner Studienreferendare, der GEW und dem Deutschen Philologenverband Berlin in Verhandlung über eine Verbesserung der Besoldung der Referendare und die Ausarbeitung einer neuen Prüfungsordnung stehe. Der Berliner Senat habe bereits zugesagt, bei der Bundesregierung dafür einzutreten, die Besoldung der Studienreferendare auf 75% des Eingangsgehaltes der Studienräte anzuheben. Professor Scherhag gestorben Der Direktor des Instituts für Meterologie und Geophysik an der FU, Prof. Dr. Richard Scherhag, verstirbt unerwartet im Alter von 63 Jahren. Professor Scherhag gehörte der Freien Universität seit ihrer Gründung an und hat sich insbesondere für den telefonischen Wetterdienst, die Wetterprognosen in Presse, Funk und Fernsehen mit stündlich wechselnden Kurzberichten eingesetzt und dadurch das Metereologische Instititut der FU besonders populär gemacht. Professor Scherhag war Mitglied der "Notgemeinschaft für eine freie Universität". 1. September 1970 Keine Promotionsgebühren mehr an der FU Ab sofort entfallen an der Freien Universität Berlin gemäß Entscheidung des Präsidialamts der FU die Promotionsgebühren. 2. September 1970 Staatskommissar rechtmäßig Die 2. Kammer des Berliner Verwaltungsgerichts weist die Klage der Technischen Universität gegen die Einsetzung eines Staatskommissars an der Architekturfakultät zurück. Das Gericht begründet seinen Beschluß damit, daß der Universitätspräsident "keine Maßnahmen ergreift und weder in der Klage- noch in der Antragsschrift ein Mittel genannt wird, wie der rechtmäßige Ablauf der Prüfung in der Fakultät für Architektur garantiert" werden könne. Durch das Prädidialamt der TU sei die "Gewährleistung des geordneten Ganges der akademischen Angelegenheiten" nicht garantiert. Die Angehörigen der Architekturfakultät, die die noch geltende Prüfungsordnung beachten und "sich innerhalb der Rechtsordnung halten wollen", könnten ihre Tätigkeit nicht ungestört und ohne Druck ausüben. (Vgl. 2. Sept. 1970) 5. September 1970 Japanischer Förderer besucht FU Der Präsident der Deutsch-Japanischen Medizinischen Gesellschaft, Prof. Dr. Choei Ishibashi, besucht die Freie Universität Berlin. Nach Professor Ishibashi ist ein Stipendium benannt, das japanischen Ärzten ermöglicht, sich für die Dauer eines Jahres in Berlin, vorzugsweise in Pädiatrie, weiterzubilden. Professor Ishibashi übergibt dem Vizepräsidenten der FU, Professor Uwe Wesel, eine Senyoji-Jokine-Steinlaterne als Geschenk. 7. September 1970 Klinikum Steglitz verursacht Rote Zahlen Die Verwaltung des Klinikums Steglitz der FU teilt mit, daß das Klinikum eineinhalb Jahre nach seiner Eröffnung tief in den Roten Zahlen stecke. Statt den im FU-Etat von 1970 anfgesetzten 25,5 Millionen DM werden von dem Klinikum nur schätzungsweise 15 Millionen DM eingenommen. Ein Teil des Defizits soll durch Einsparungen in der Hauptverwaltung ausgeglichen werden. Der Stellvertretende Direktor des Klinikums, Werner Schröder, bezeichnet als Kernpunkt der Schwierigkeiten, daß von den 1218 Normal- und 61 Säuglingsbetten nur 660 belegt werden könnten, da nicht genügend Krankenschwestern und Pfleger im Klinikum beschäftigt werden könnten. Grund hierfür sei das Fehlen von Wohnraum für Schwestern und Pfleger, die aus der Bundesrepublik angeworben werden müßten. 8. September 1970 FU-Publizisten kritisieren "Welt"-Berichterstattung Die "FU-Information" dokumentiert in ihrer Ausgabe "Extra 5" eine unter Leitung von Prof. Dr. Fritz Eberhard erstellte Untersuchung der Berichterstattung der "Welt" über die FU. Der am Institut für Publizistik der FU verfaßten Gemeinschaftsarbeit liegt der "Welt"-Artikel "Sexfragebogen im Proseminar löst Unruhe an der FU aus" vom 1. Juli 1970 zugrunde. Die Untersuchung wirft der "Welt" vor, in ihrer Berichterstattung über die FU "an die Stelle sauber recherchierter Tatsachen ungeprüfte und daher oft falsche Behauptungen" zu setzen, ferner, daß "disparate Einzelheiten, die lediglich durch Assoziationen und/oder Emotionen zusammengehalten werden, die Stelle tatsächlicher Zusammenhänge" einnähmen, daß "anstelle von Urteilen der Zeitung bzw. des Verfassers des Artikels dem Leser nicht nachprüfbare Behauptungen fremder oder gar anonymer Bestätigungsinstanzen vorgelegt" würden und daß "mißliebige, weil mit der (hochschul-politischen) Linie der Zeitung nicht übereinstimmende Informationen unterschlagen oder neutralisiert" würden. Professor Hippius geht nach München Prof. Dr. Hans Hippius, Ordinarius für Psychiatrie an der FU, nimmt einen Ruf an die Universität München an. Stipendien sollen erhöht werden Im Landespressedienst wird bekanntgegeben, daß der Förderungs Meßbetrag für deutsche Studenten nach den Richtlinien des Honnefer Modells mit Wirkung vom 1. Januar 1970 auf 350 DM erhöht wird. Der Förderungs-Meßbetrag für Studenten der Pädagogischen Hochschule Berlin und der künstlerischen Hochschulen wird ab 1. April 1970 auf 310 DM erhöht. Die Stipendiensätze für ausländische Studenten der Berliner Hochschulen werden für überdurchschnitlich begabte Studenten von 350 DM auf bis zu 400 DM, für begabte Studenten von 250 DM auf bis zu 300 DM erhöht. 9. September 1970 FU-Präsident befremdet über britisches Einreiseverbot Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, erklärt in einem Schreiben an die britische Militärmission sein Befremden über die Einreiseverweigerung für drei FU-Angehörige durch das britische Innenministerium. (Vgl. 24. Aug. 1970) 10. September 1970 Professor Blümel geht nach Bielefeld Der Professor für Staats- und Verwaltungsrecht an der Freien Universität Berlin, Willi Blümel, nimmt einen Ruf an die neugegründete Universität Bielefeld an. In einem Schreiben an den Vizepräsidenten der FU, Prof. Dr. Uwe Wesel, begründet Professor Blümel seinen Schritt mit der "hier betriebenen Reform-Politik". Blümel schreibt: "Als Staats- und Verwaltungsrechtler bin ich nicht länger bereit, an einer Hochschule tätig zu sein, an der die verfassungsrechtlich gewährleistete Freiheit von Forschung und Lehre bereits in weiten Bereichen beseitigt ist." 12. September 1970 Eberhard Diepgen nimmt zu Hochschullehrerrecht Stellung "Der Tagesspiegel" veröffentlicht in seiner Rubrik "Die Meinung der Opposition" einen Beitrag von Eberhard Diepgen (CDU), "Wahlkampftod einer Hochschulreform", in dem eine Reform des Hochschullehrerrechts vorgeschlagen wird. Dok. 1035 Präsident der Universität Tokio besucht FU Der Präsident der Universität Tokio, Prof. Dr. Ichiro Kato, besucht die Freie Universität Berlin und spricht mit dem Vizepräsidenten der FU, Professor Wesel, über Fragen der Hochschulreform. 14. September 1970 Erneute Anfrage zum Schülerladen des Psychologischen Instituts Die CDU-Abgeordnete Dr. Ursula Besser richtet eine Kleine Anfrage an den Senat, die sich mit dem Schülerladen des Psychologischen Instituts der FU befaßt. Frau Dr. Besser will wissen, ob FU-Präsident Kreibich der Aufforderung von Senator Stein vom 9. 4. 1970 nachgekommen ist und das Projekt nach § 8 des Universitätsgesetzes überprüft hat. Dr. Besser fragt des weiteren, ob die Behauptung des Präsidialamts vom 3. 4. 1970 - "daß Straftatbestände nicht erfüllt sind" - auch nach Einsicht in die Protokolle der "Theoriegruppe Schülerladen" aufrechterhalten werde. In diesen Protokollen seien die Organisation des Schulkampfes und die kommunistische Erziehung von Arbeiterkindern als Ziele des Projekts beschrieben. 15. September 1970 Ausbau der sozialen Medizin geplant "Der Telgraph" berichtet über den an der FU geplanten Ausbau des "Zentralinstitut für soziale Medizin", das sich mit der Erforschung der verschiedenen "Zivilisationskrankheiten" beschäftigen soll. Dok. 1036 20. September 1970 Professor Baader geht nach Köln Horst Baader, Professor am Romanischen Seminars der FU, wird einem Ruf an die Universität Köln folgen. Professor Baader wirft dem Vizepräsidenten der FU, Professor Wesel, vor, er habe ihm in den Bleibeverhandlungen nur ungefähr die Hälfte des Kölner Angebotes in Aussicht gestellt. Mit diesem außergewöhnlichen Verhalten, das an der Freien Universität bisher beispiellos sei, habe Professor Wesel sich zum Erfüllungsgehilfen linksradikaler Forderungen gemacht. Vizepräsident Wesel betont demgegenüber, er habe die Bleibeverhandlungen allein unter sachlichen Kriterien geführt. Professor Baader habe sich in jüngster Zeit resigniert vom Lehrbetrieb des Romanischen Seminars zurückgezogen und nur eine Lehrveranstaltung mit drei Teilnehmern abgehalten. Professor Baader habe trotzdem eine Kolleggeldpauschale bezogen, die wesentlich höher liege als die von Professoren mit erheblich größeren Hörerzahlen. 21. September 1970 FU-Präsidialamt setzt sich für türkischen Studenten ein Das Präsidialamt der FU will durch Information an die Presse auf den Hungerstreik türkischer Studenten für ihren von Ausbürgerung bedrohten FU- Komilitonen Hakki Keskin aufmerksam machen. In Kontakt mit der Senatskanzlei soll versucht werden, das Auswärtige Amt in Bonn zu einer Intervention bei der türkischen Regierung zu bewegen. (Vgl. 30. Sept. 1970) 22. September 1970 FU-Präsidialamt protestiert bei DFG Das Präsidialamt der FU weist in einem Brief an die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) die in einem Ablehnungsbescheid enthaltene Auffassung zurück, das neue Berliner Universitätsgesetz verhindere eine wirksame Arbeit in Sonderforschungsbereichen. "Freie Universität unter Hammer und Sichel III" Die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" veröffentlicht eine "Abschrift von Protokollen der 'Schülerladen-Theorie-Diskussion` des Psychologischen Instituts der FU. Diese Theorie-Protokolle habe der für das Projekt verantwortliche Professor Klaus Holzkamp als "viel wichtiger zur Beurteilung der in dem Projekt geleisteten 'wissenschaftlichen` Arbeit bezeichnet als die Praxis-Protokolle, die zum Verbot des Projekts durch den Senator für Jugend und Sport Horst Korber geführt hatten. In ihrer Analyse der Protokolle kommt die "Notgemeinschaft" "zu dem Ergebnis, daß sich die Gegendarstellung von Professor Holzkamp ebenso wie die "Rechtfertigungsversuche" der FU-Vizepräsidenten Professor Wesel und Doktor von Brentano als "Schutzbehauptungen" erwiesen hätten, "mit deren Hilfe der Berliner Senat und die Öffentlichkeit offenbar über den wahren Charakter des Projekts getäuscht" werden sollten. Holtzkamp und die beiden FU-Vizepräsidenten hätten übereinstimmend behauptet, daß es sich um ein wissenschaftliches und pädagogisches Experiment gehandelt habe. Aus den Protokollen gehe aber hervor, daß die Mitarbeiter zu dem Zeitpunkt, als sie den Schülerladen eröffneten, über keinerlei Erfahrung im Umgang mit Kindern und in der pädagogischen Psychologie verfügt hätten. Die Protokolle belegen nach Auffassung der "Notgemeinschaft" des weiteren, daß unter der Zielvorstellung einer kommunistischen Erziehung von Proletarierkindern eine Indoktrination der Kinder durch Mitarbeiter des Psychologischen Instituts der FU geplant worden sei. Dok. 1037 23. September 1970 "Welt" interviewt Vizepräsident Wesel "Die Welt" veröffentlicht im Rahmen ihrer Serie "Der lange Marsch" ein Interview mit dem Vizepräsidenten der FU, Professor Uwe Wesel: "Wenn wir an der Reform scheitern, können wir gehen". Dok. 1038 24. September 1970 Presseberichte zur Situation an der FU In der "Berliner Morgenpost" erscheint ein Artikel von Prof. Dr. Willi Blümel, "Recht an der Freien Universität ist, was ihr Präsident für richtig hält", in dem sich Professor Blümel mit der Umsetzung des Berliner Universitätsgesetzes durch Präsident Kreibich auseinandersetzt. "Die Welt" veröffentlicht in der Serie "Der lange Marsch" eine Bilanz von 22 Jahren FU: "Die Freie Universität Berlin in Krämpfen / Noch schwanken die Urteile zwischen Vivat und Verdikt" von Manfred Eichhöfer. (Vgl. 23. Sept. 1970) 27. September 1970 Bilanz nach einem Jahr Universitätsreform "Der Tagesspiegel" bringt einen Artikel von Uwe Schlicht "Freie Universität in Aufbruchsstimmung / Das erste Jahr nach dem neuen Universitätsgesetz - Nach wie vor umstrittene Reformen". 28. September 1970 Dienstkräfte wollen stärkere Repräsentanz im Fachbereichsrat des FU-Klinikums Wissenschaftssenator Stein und FU-Präsident Kreibich nehmen auf einer Versammlung von 350 Anderen Dienstkräften im Klinikum Steglitz der FU zu Fragen der Mitbestimmung Stellung. Mehrere Redner kritisieren die Unterrepäsentanz der Dienstkräfte in den Vertretungsorganen. 2500 Andere Dienstkräfte seien nur mit einem Vertreter im Fachbereichsrat repräsentiert, während die 50 Professoren Sieben Vertreter entsenden könnten. Aus diesem Grund fordern die Dienstkräfte mit Unterstützung der ÖTV und der DAG, daß neben ihrem stimmberechtigten Vertreter noch sechs beratende Repräsentanten in den Fachbereichsrat entsandt werden. Senator Stein äußerte Verständnis für die Forderungen der Anderen Dienstkräfte, erklärte jedoch, daß die geforderte Veränderung nur durch eine entsprechende Neufassung des Universitätsgesetzes möglich sei. 29. September 1970 "Rote Zellen" streben verfassungsfeindliche Ziele an "Die Welt" veröffentlicht Auszüge aus dem vom Berliner Abgeordnetenhaus in Auftrag gegebenen Untersuchungsbericht über die Lage an den Berliner Hochschulen. Der Bericht kommt zum Ergebnis, daß die "Roten Zellen" sämtlich verfassungsfeindliche Ziele anstrebten. Keine Personalentscheidungen mehr ohne Personalrat der FU Nach Kritik durch den Personalrat der FU beschließt die Universitätsleitung auf Vorschlag von Präsident Kreibich, daß künftig keine Personalentscheidungen mehr ohne Beteiligung des Personalrats erfolgen sollen. 30. September 1970 Wissenschaftssenator spricht mit Unipräsidenten über Untersuchungsbericht Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, führt mit den Präsidenten von Freier und Technischer Universität ein Gespräch über den bisherigen Stand der Untersuchungen für den Senatsbericht über die Lage an den Berliner Hochschulen. Dabei kommt es zu Differenzen in mehreren Punkten. Insbesondere über die Einschätzung der "Roten Zellen" kann keine Übereinstimmung erzielt werden. (Vgl. 16. Okt. 1970) Beratung über Eingliederung der Psychologie im FB 12 Der Fachbereichsrat Erziehungswissenschaften berät im Beisein von Vizepräsident Wesel über die vom Kuratorium der FU beschlossene Einrichtung einer Professur für Psychologie. Prof. Dr. Jürgen Zabeck begründet seinen bereits vor dem Akademischen Senat vertretenen Standpunkt, daß der Fachbereich Einrichtungen für eine umfassendere empirische pädagogische Forschung schaffen müsse. Neben der nun beschlossenen Professur für Psychologie müsse in Zukunft mindestens auch ein Lehrstuhl für pädagogische Soziologie dem Fachbereich zugewiesen werden. Vizepräsident Wesel erläutert die Auffassung des Präsidialamts und bittet den Fachbereichsrat, die Beschlußfassung zu der Zuweisung einer Professur für Psychologie zu vertagen. Im Verlauf der Diskussion dieses Tagesordnungspunktes nehmen die Störungen durch die anwesenden Studenten derart zu, daß der Vorsitzende des Fachbereichsrats, Professor Furck, die Sitzung abbrechen muß. (Vgl. 25. Juni 1970) Auswärtiges Amt will sich für türkischen FU-Studenten einsetzen Nach einem Hungerstreik türkischer Studenten in den Räumen der Evangelischen Studentengemeinde und einer Intervention von FU-Präsident Kreibich erklärt sich das Auswärtige Amt in Bonn bereit, sich für den von Ausbürgerung bedrohten türkischen FU-Studenten Hakki Keskin einzusetzen. (Vgl. 22. Sept. 1970) 2. Oktober 1970 Wissenschaftssenator bezweifelt Personalkompetenz des Gründungsausschusses für Sozialmedizinisches Institut In einem Schreiben an FU-Präsident Kreibich teilt Wissenschaftssenator Stein mit, daß nach seiner Rechtsauffassung der Gründungsauschuß des Instituts für Soziale Medizin nicht berechtigt sei, Vorschläge zur Berufung von Professoren und zur Einstellung von wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Mitarbeitern zu machen. Da zur Zeit kein Zentralinstitutsrat bestünde, seien die Fachbereiche vorschlagsberechtigt und die Stellen müßten ihnen zugewiesen werden. Professor Lämmert verläßt FU Prof. Dr. Eberhard Lämmert, der seit zehn Jahren am Germanischen Seminar der FU lehrt, nimmt einen Ruf der Universität Heidelberg an. Professor Lämmert betont in einem Schreiben an den Präsidenten der Freien Universität, Rolf Kreibich, dieser Wechsel sei ein normaler Vorgang, für den der Wunsch nach Erprobung seiner Erfahrungen an einem anderen Ort ausschlaggebend gewesen sei. Er sei ein Jahr länger als geplant in Berlin geblieben, um bei der Verwirklichung der Wende, die das Universitätsgesetz eingeleitet habe, mitzuhelfen. Professor Lämmert spricht Präsident Kreibich seine Anerkennung für den Mut aus, "mit dem Sie und ihre Mitarbeiter neben den überkommenen Schwierigkeiten die neuen, zahlreichen Anfeindungen auf sich nehmen und ihnen mit der klaren Konzeption einer demokratischen Verfassungspraxis zu begegnen suchen". 4. Oktober 1970 Rektorenkonferenz kritisiert Staatskommissar an der TU Die Westdeutsche Rektorenkonferenz kritisiert auf ihrer 83. Plenarversammlung die Einsetzung eines Staatskommissars an der Architekturfakultät der Technischen Universität Berlin als unangemessenes Mittel zur Wahrnehmung der staatlichen Rechtsaufsicht gegenüber den Hochschulen. 5. Oktober 1970 Weitere Auszüge aus Senatsbericht über Universitäten veröffentlicht "Der Spiegel" veröffentlicht Auszüge aus dem Entwurf des Senatsberichtes zur Lage an den Berliner Hochschulen. (Vgl. 16. Okt. 1970) Dok. 1039 Kein Ermittlungsverfahren wegen Schülerladen "Rote Freiheit" Der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz und der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, antworten auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Ursula Besser (CDU) zu dem Schülerladenprojekt des Psychologischen Instituts. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft ergebe sich kein hinreichender Verdacht für die Einleitung von Ermittlungsverfahren gegen Mitarbeiter des Psychologischen Instituts der FU. Streitgespräch über Situation an der FU im SFB Im 3. Höhrfunkprogramm des Senders Freie Berlin diskutieren unter Leitung von Uwe Schlicht der Präsident der Freien Universität, Rolf Kreibich, und der Vorsitzende des Fachberichsrats Rechtswissenschaften, Professor Hanau. 6. Oktober 1970 FU-Studentendorf dringt auf Senatshilfe Der Stiftungsrat des FU-Studentendorfes fordert den Senat auf, unverzüglich die laufenden Defizite in Höhe von ca. 1 Million DM zu übernehmen. Der Vorsitzende des Stiftungsrats, FU-Präsident Kreibich, erinnert an die bereits vor einem halben Jahr geäußerte Bereitschaft des Wissenschaftssenators, diese Regelung zu treffen. "Der bereits sichtbare und rasch fortschreitende Verfall des Dorfes" lasse keinen weiteren Aufschub zu. Der Stiftungsrat bildet eine Verhandlungskommission, der auch Studenten und im Dorf beschäftigte Dienstkräfte angehören. Diese Kommission soll bis Ende Oktober mit Senator Stein eine definitive Regelung aushandeln. Senat uneinig über Vorgehen gegen die "Roten Zellen" Der Berliner Senat kommt zu keinem gemeinsamen Beschluß über die Konsequenzen aus der im Bericht zur Lage an den Berliner Hochschulen festgestellten Verfassungsfeindlichkeit der "Roten Zellen". Der Bericht wird noch nicht endgültig verabschiedet. (Vgl. 16. Okt. 1970) Berliner Hochschulen kritisieren Kultusministerkonferenz Die Präsidenten und Rektoren der Berliner Hochschulen äußern in einer gemeinsamen Erklärung ihre Besorgnis über die Verhandlungen der Kultusministerkonferenz zur Neuordnung der Lehrerbildung. Zu diesen Beratungen seien die Hochschulen nicht hinzugezogen worden. Die Vorbereitung zur Errichtung der Gesamthochschule und die Entwicklung einer integrierten Lehrerausbildung erforderten eine enge Kooperation von Kultusministerien und Hochschulen. 7. Oktober 1970 Kuratorium der FU beschließt 2. Nachtragshaushalt Das Kuratorium der Freien Universität Berlin beschließt in seiner 156. Sitzung den 2. Nachtragshaushalt, um den Mehrbedarf von fast 28,8 Millionen DM zu decken. Dieser Mehrbedarf enthält 10,3 Millionen DM, die durch Unterbelegung der Betten im Klinikum Steglitz der FU als Defizit entstanden sind. Dieses Defizit kann weitgehend aus Mehreinnahmen bzw. Einsparungen oder Minderausgaben der FU in Höhe von 27, 2 Millionen DM aus dem FU-Haushalt ausgeglichen werden. Das Kuratorium lehnt einen Antrag von Professor Rüthers ab, den Beschluß des "Rumpfkuratoriums" zur personellen und sächlichen Ausstattung des Zentralinstituts für Soziale Medizin aufzuheben. (Vgl. 8. Juli und 15. Aug. 1970) Das Kuratorium stimmt der Einrichtung einer Kindertagesstätte an der FU zu. Des weiteren wird eine Zentraleinrichtung "Forschungsstelle Vorschule" befürwortet. Die 4. Änderung der vorläufigen Wahlordnung für die FU wird verabschiedet. Senator Stein beanstandet Fachbereichsbeschlüsse Wissenschaftssenator Stein hebt den Beschluß des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften gegen das Gesetz zur Anwendung unmittelbaren Zwangs (UZwG) auf, da dem Fachbereichsrat kein allgemeinpolitisches Mandat zustehe. Des weiteren beanstandet der Senator den Beschluß des Fachbreichsrats am Otto-Suhr-Institut, in dem Professor Löwenthal wegen seiner Kritik an der Universitätsreform angegriffen wurde. Der Beschluß sei "rechtlich bedenklich", weil der Fachbereichsrat "nicht dafür zuständig" sei, "einzelnen Hochschullehrern Rügen für ihr Verhalten zu erteilen, da er keinerlei Befugnisse einer Disziplinarbehörde" wahrnehme. (Vgl. 14. Juli 1970) "Freie Universität unter Hammer und Sichel IV" Die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" veröffentlicht in ihrer 4. Dokumentation eine Studie über die "Umfunktionierung" des Philosophischen Seminars der FU, die sich nach Auffassung der "Notgemeinschaft" in drei Phasen vollziehe. Diese seien 1. die Eroberung der Stellen für studentische Hilfskräfte und Tutoren, 2. die Eroberung von Assistentenstellen und 3. die Inbesitznahme von Hochschullehrerstellen. Die "Notgemeinschaft" nennt Beispiele für die Strategie der "Roten Zelle Philosophie", die bereits zur Realisierung dieser Strategie übergegangen sei. Des weiteren veröffentlicht die "Notgemeinschaft" einen Brief des Geschäftsführenden Direktors des Philosophischen Seminars, Professor Landmann, der als linksliberaler Hochschullehrer bezeichnet wird, in dem dieser scharf gegen die Forderung der "Roten Zelle Philosophie" nach Besetzung eines Lehrstuhls mit einem Marxisten Stellung bezieht. Professor Landmann schreibt, daß diese Forderung gegen das Grundgesetz verstoße, nach dem niemand wegen seiner politischen Überzeugung bevorzugt oder benachteiligt werden dürfe und sie beweise außerdem, daß die "Rote Zelle" nicht das Interesse des Philophischen Seminars, sondern nur ein parteipolitisches Konzept verfolge. Das Ziel der Universität könne "nur die kritische Auseinandersetzung mit dem Marxismus sein, nicht seine dogmatische Indoktrination". 8. Oktober 1970 Fachbereichsrat kritisiert FU-Ordnungsausschuß Der Fachbereichsrat Neuere Fremdsprachliche Philologien kritisiert den FU-Ordnungsausschuß, der in einem Schreiben fünf Anglistikstudenten, gegen die Ordnungsverfahren eingeleitet wurden, bittet, "den tatsächlichen Ablauf der Vorfälle mitzuteilen", während in einem weiteren Schreiben Prof. Dr. Heinz Reinhold und Dr. Manfred Scheler aufgefordert werden, "sich zu den Vorfällen zu äußern". Der Fachbereichsrat beschließt, nachdem das Wissenschaftliche Landesprüfungsamt dem Wissenschaftlichen Assistenten Dr. Scheler keine Prüfungserlaubnis erteilt hat, für diesen erneut einen Antrag auf Prüfungserlaubnis zu stellen. Der Antrag des Studentenvertreters H. Jörg Tidick, Assistentenstellen für das Seminar-Projekt "Pariser Kommune" auszuschreiben, wird abgelehnt. Daraufhin kommt es zu Tumulten unter den Zuhörern. Der Fachbereichsratsvorsitzende Professor Loos bricht nach erfolglosen Ordnungsrufen die Sitzung vorzeitig ab. 9. Oktober 1970 Pressebericht zum Einfluß der "Roten Zellen" an der FU Im "Rheinischen Merkur" erscheint unter der Überschrift "Skepsis, Spannung, Rote Zellen / Immer mehr Berliner sehen mit Sorge die Zukunft der Stadt" ein Bericht von Klaus Ritter. 12. Oktober 1970 Kontroversen um Institut für Soziale Medizin "Der Spiegel" berichtet über die Auseinandersetzungen um die Gründung des Instituts für Soziale Medizin an der FU. Senator Stein erläutert Bericht zur Lage an den Berliner Hochschulen In einer Pressekonferenz erläutert Wissenschaftssenator Prof. Dr. Werner Stein den am Vortag verabschiedeten Senatsbericht zur Lage an den Berliner Hochschulen. Senator Stein begründet den Verzicht des Senats auf ein Verbot der "Roten Zellen" damit, daß ein solcher Schritt an den Hochschulen neue Unruhen auslösen und "eher Schaden anrichten" würde, als die Situation zu beruhigen. Der Senat sei sich einig, daß die "Roten Zellen" verfassungsfeindliche Zielsetzungen verfolgten, marxistisch-leninistisch bzw. kommunistisch orientiert seien und laut eigener Prgrammatik die Diktatur des Proletariats anstrebten. Die "Roten Zellen", die über ca. 500 Mitglieder verfügten, sollten vorerst mit politischen Mittel bekämpft werden. Senator Stein erklärt auf Nachfrage, daß an eine Novellierung des Hochschulgesetzes noch in der laufenden Legislaturperiode nicht gedacht sei. 14. Oktober 1970 "Freie Universität unter Hammer und Sichel V" In ihrem 5. Bericht "Freie Universität unter Hammer und Sichel" nimmt die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" zu der Auseinandersetzung um die Sendung des ZDF-Magazins vom 15. Juli Stellung. Die "Notgemeinschaft" wirft FU-Präsident Kreibich vor, in seinem Schreiben an den ZDF-Intendanten Holzammer mit Falschmeldungen und Teilinformationen zu arbeiten. Präsident Kreibich und seine Verwaltung habe sich eine "Kette von Rechtsbrüchen" zuschulden kommen lassen - hierzu werden als Beispiele Rechtsaufsichtsmaßnahmen des Wissenschaftssenators bzw. des Kuratoriums aufgeführt, die Amtshandlungen des FU-Präsidenten aufheben oder als rechtswidrig rügen. Durch "Beschönigungs- und Vertuschungsversuche" solle in der Öffentlichkeit die Situation an der FU in ein für das Präsidialamt günstiges Licht gerückt werden. Die von Präsident Kreibich vorgelegte Dokumentation bestätige den in der Sendung erhobenen Vorwurf, er begünstige die "revolutionär-kommunistischen, verfassungsfeindlichen Roten Zellen". 15. Oktober 1970 Kollektive Zwischenprüfung bei FU-Germanisten Der Fachbereichsrat Germanistik beschließt die Zulassung von kollektiven Zwischenprüfungen, sofern in der mündlichen Prüfung die Einzelleistung der Kandidaten deutlich wird und die Gruppe nicht mehr als vier Studenten umfaßt. Rotzeg veröffentlicht Sozialistisches Studienprogramm Die "Rote Zelle Germanistik" veröffentlicht ein Programm für ein "Sozialistisches Studium", in dem auch offizielle Lehrveranstaltungen des Fachbereichs Germanistik angekündigt werden. (Vgl. 4. Nov. 1970 ff) (Dok. 1040) 16. Oktober 1970 Senatsbericht über Berliner Hochschulsituation veröffentlicht Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, legt den 39 Druckseiten umfassenden "Bericht über die Lage an den Berliner Hochschulen" (Drs.Nr. 1300) vor. Der Bericht soll am 22. Oktober im Abgeordnetenhaus beraten werden. In dem Bericht wird betont, daß das Universitätsgesetz ein Reformschritt "in die richtige Richtung" darstelle. Es wird zu bedenken gegeben, daß es ein Jahr nach Inkrafttreten des Hochschulgesetzes noch keine endgültige Aussage über dessen Auswirkungen geben könne, da der strukturelle Umwandlungsprozeß noch nicht abgeschlossen sei. Der Senat sieht keine Anzeichen dafür, daß das neue Hochschulgesetz die Stellung der radikalen Linken gestärkt habe. Die Roten Zellen, deren verfassungsfeindliche Zielsetzung der Bericht feststellt, sollen mit politischen Mitteln bekämpft werden. Zur Stärke dieser Organisationen führt der Bericht aus, daß die "Roten Zellen" und ähnliche Organisationen an der FU ein Viertel der Gremiensitze errungen hätten, 500 Personen, das sind 2% der Studenten, seien Mitglieder dieser Organisationen. Ein Verbot der "Roten Zellen" sei angesichts ihrer relativ geringen Bedeutung ein Versuch, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. Wo Straftaten begangen würden, biete die Strafgesetzordnung hinreichende Sanktionsmöglichkeiten. Dem Präsidenten der FU, Rolf Kreibich, und seinen Mitarbeitern wird bescheinigt, daß ihr persönlicher Einsatz in vielen Vermittlungsversuchen erheblich dazu beigetragen habe, gefährliche Emotionen abzubauen und den Umfang der Störungen und materiellen Schäden zu vermindern. Es sei "sehr zweifelhaft", ob ähnliche Resultate durch Ordnungs- und Strafverfahren bzw. Polizeieinsätze erreicht worden wären. "Die früher gemachten Erfahrungen" sprächen dagegen. Dok. 1041 17. Oktober 1970 Protest gegen Repressalien durch türkischen Regierung 170 Organisationen und Persönlichkeiten aus der Bundesrepublik Deutschland, Frankreich und Großbritannien protestieren in einem Brief an den türkischen Ministerpräsidenten Demirel gegen Repressalien, die durch türkische Staatsorgane gegen "progressive Kräfte" ausgeübt würden. Im Mai 1969 seien neun in West-Berlin studierenden türkischen Staatsangehörigen aus politischen Gründen die Devisen gesperrt, die Stipendien gestrichen und die Pässe entzogen worden. Des weiteren sei einem türkischen Studenten aufgrund seiner politischen Tätigkeit die Staatsbürgerschaft entzogen worden. Zu den Unterzeichnern gehören Jean- Paul Sartre, Ernst Bloch, Helmut Gollwitzer, Wolfgang Abendroth, Wilhelm Weischädel, Ossip Flechtheim, Günter Grass und Heinrich Albertz. (vgl. 23. Nov. 1970) 19. Oktober 1970 Diskussion um Wandbemalung in der FU Die "FU-Information" kritisiert unter der Überschrift "Wandbemalungen" die Weigerung des Fachbereichsrates Philosophie und Sozialwissenschaften, sich mit einer schriftlichen Aufforderung von Präsident Kreibich zu befassen und zu prüfen, wer die Urheber von Schmierereien an Gebäuden des Fachbereichs seien. Laut Universitätsgesetz sei der Fachbereichsrat verpflichtet, "zur Sachaufklärung" beizutragen. Außerdem komme "Beschriftungen und Bemalungen wie am Philosophischen Seminar" - "Verjagt die parasitären Philosophen" - "kein politischer Aufklärungswert zu... Eine Analyse der gegenwärtigen Situation dürfte zu dem Ergebnis kommen, daß die Voraussetzungen für das politische Mittel der formalen Provokation nicht mehr gegeben" seien. Professor Baring analysiert die Situation am OSI "Der Spiegel" berichtet über die Situation am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität und bringt eine kritische Einschätzung der Hochschulreform des letzten Jahres von Prof. Dr. Arnulf Baring: "Vernunft und Unsinn liegen dicht beieinander". "Rote Zellen" nehmen zum Senatsbericht Stellung Der Zentralrat der "Roten Zellen" erklärt in einem Flugblatt, daß der Senat mit seinem Bericht zur Situation an den Berliner Hochschulen nunmehr das Terrain verlassen habe, "auf dem er bislang mit dem Angebot der parlamentarischen Koexistenz aller Gruppen an der Hochschule die Massen der Studenten zu täuschen hoffte". Der Angriff auf die "Roten Zellen" gelte nicht deren studentischen, sondern ihren kommunistischen Zielen. Mitgliedschaft in "Roten Zellen" als Einstellungshindernis eingestuft Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, fordert in einem Schreiben FU-Präsident Kreibich auf, "besonders sorgfältig" zu überprüfen, ob die für eine Berufung in ein Beamtenverhältnis vorgesehenen Bewerber einer "Roten Zelle" angehören. Ebenso solle bei der Einstellung von Angestellten verfahren werden. Unter Hinweis auf den Bericht des Senats über die Situation an den Berliner Hochschulen, der für alle "Roten Zellen" eine verfassungswidrige Zielsetzung feststellt, schreibt der Senator, "bereits die Zugehörigkeit zu einer Roten Zelle muß als starkes Indiz dafür gewertet werden", daß die Einstellungsvoraussetzungen gemäß Landesbeamtengesetz "nicht gegeben sein wird". Senator Stein verweist insbesondere auf § 9 Abs. 1 Nr. 2, wonach "nur derjenige in ein Beamtenverhältnis berufen werden darf, der die Gewähr dafür bietet, daß er jederzeit für die freiheitlich demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes und der Verfassung von Berlin eintritt." Gleichlautende Schreiben gehen dem Präsidenten der TU und den Rektoren der Hoch- und Fachhochschulen zu. Disziplinarverfahren gegen Schülerladenmitarbeiter gefordert Das Mitglied des Kuratoriums der Freien Universität Professor Rüthers fordert in einem Schreiben an den Kuratoriumsvorsitzenden, den Regierenden Bürgermeister Schütz, das Kuratorium solle die Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegen die für die Durchführung und Begünstigung des "Schülerladenprojekts" des Psychologischen Instituts Verantwortlichen beschließen. Nach Meinung von Professor Rüthers bewiesen die Protokolle des Projekts eindeutig, daß im Psychologischen Institut der FU "Etatmittel, also Steuergelder, zu kommunistisch-revolutionärer Agitation mißbraucht werden". Eigenes Institut kritisiert Senator Stein Der Institutsrat des Zentralinstituts für Biochemie und Biophysik "verurteilt die Einsetzung des Staatskommissars an der Architekturfakultät der TU-Berlin". Mit 8:4 Stimmen erklärt der Institutsrat, der Senat habe zu einem Zeitpunkt reglementierend in die Tätigkeit der Architekturfakultät eingegriffen, als "die Architekturstudenten über die technokratische Hochschulreform hinausgehende Zielsertzungen im Hinblick auf eine sozialistische Berufspraxis erarbeiteten." Wissenschaftssenator Professor Stein ist Mitglied dieses Instituts. FU-Professor fordert Verbot der "Roten Zellen" Prof. Dr. Wolfgang Rudolph, Institut für Ethnologie der FU, kritisiert in einem Offenen Brief an den Berliner Senat die Entscheidung, die "Roten Zellen" nicht zu verbieten. Professor Rudolph fordert unter Hinweis auf das Grundgesetz - nach dem Vereinigungen, die sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung richten, zu verbieten seien - und auf das Landesbeamtengesetz, in dem es einem jeden Beamten zur Pflicht gemacht wird, "sich durch sein gesamtes dienstliches Verhalten zu der freiheitlich demokratischen Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes und der Verfassung von Berlin zu bekennen", Maßnahmen gegen die Amtsführung des Präsidenten der FU, Rolf Kreibich, und gegen die "Roten Zellen". Störungen bei Wirtschaftswissenschaftlern Am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der FU kommt es zu Störungen von Lehrveranstaltungen. Vier Lehrveranstaltungen müssen abgebrochen werden. Die Störungen stehen im Zusammenhang mit der "Roten Woche", die einige "Rote Zellen" an FU, TU und PH aus Protest gegen die Einsetzung eines Staatskommissars an der Architekturfakultät der TU ausgerufen haben. Störungen werden auch aus der TU und PH gemeldet. 20. Oktober 1970 Fachbereichsratssitzung Neuere Fremdsprachen abgebrochen Auf der Fachbereichsratssitzung wird bekanntgegeben, daß auf Initiative der Professoren Bräuer und Seemann vom FB 17 und von Professor Wunderlich vom FB 16 die Entwicklungsplanungskommission der FU den Aufbau eines zentralen Sprachlabors empfiehlt. Die Fachbereichsratssitzung wird vorzeitig beendet, nachdem die Ablehnung mehrerer Anträge eines Studentenvertreters zur Besetzung von Assistenten- und Tutorenstellen mit Vertretern eines "dialektisch-materialistischen" Wissenschaftsansatzes mit "Zwischenrufen und Meinungsäußerungen aus der Zuhörerschaft" kommentiert wird. Vizepräsidentin von Brentano diskutiert mit Jungsozialisten Die Vizepräsidentin der FU, Dr. Margherita von Brentano, nimmt in Vertretung von Präsident Kreibich an einer Diskussionsveranstaltung der Junsozialisten in Berlin/Wilmersdorf teil und äußert sich zu Fragen der Hochschulpolitik. (Vgl. 12., 16., 17, und 19. Nov. 2. und 23. Dez. 1970) 21. Oktober 1970 Fachbereichsratssitzung Wirtschaftswissenschaft abgebrochen Die Sitzung des Fachbereichsrats Wirtschaftswissenschaft an der FU wird durch Anhänger der "Roten Zelle Ökonomie" gestört. Nachdem eine Resolution der "Roten Zelle" zur Verurteilung der Einsetzung des Staatskommissars an der Architekturfakultät der TU vom Fachbereichsrat mit 11:3 Stimmen bei einer Enthaltung abgelehnt wird, werden von Studenten Farbeier und Knallkörper geworfen. Die Sitzung des Fachbereichsrats wird daraufhin abgebrochen. Fast alle Lehrveranstaltungen des Fachbereichs werden zu Diskussionen "umfunktioniert". Der Vorsitzende des Fachbereichsrats Professor Krause-Junk erklärt den 22. Oktober zum "dies academicus", um allen Gruppen des Fachbereichs Gelegenheit zu geben, sich mit den kontroversen Standpunkten am Fachbereich zu befassen und sich auf die Fachbereichsvollversammlung vorzubereiten. Akademischer Senat der FU für Teilung des Psychologischen Instituts und gegen Staatskommissar an der TU Der Akademische Senat der Freien Universität Berlin verurteilt mit großer Mehrheit das Vorgehen der Roten Zellen und deren Aktionen im Rahmen der "Roten Woche". Der Akademische Senat beschließt, den Optionsanträgen von Professor Jäger und 13 Wissenschaftlichen Mitarbeitern des Psychologischen Instituts der FU für den Fachbereich Erziehungswissenschaften stattzugeben. In seinem Beschluß drückt der Akademische Senat die Überzeugung aus, daß erst durch eine Vertretung des Faches Psychologie im Fachbereich Erziehungswissenschaften der Wissenschaftspluralismus gewährleistet sei. Die Absicht des Kuratoriums der FU, im Fachbereich Erziehungswissenschaften die Gründung eines 2. Psychologischen Instituts an der FU vorbereiten zu lassen, wird mehrheitlich begrüßt. Präsident Kreibich und Vizepräsident Professor Wesel sprechen sich in der Diskussion gegen diesen Antrag aus, da über die Neugründung eines 2. Psychologischen Institut ohnehin noch im Akademischen Senat beraten werden müsse. Eine Stellungnahme zu den Optionsanträgen bedeute eine Vorwegnahme der noch ausstehenden grundsätzlichen Entscheidung. In einem weiteren Beschluß kritisiert der Akademische Senat die Einsetzung eines Staatskommissars für Prüfungsangelegenheiten an der Architekturfakultät der TU. Der Akademische Senat schließt sich der Erklärung der Westdeutschen Rektorenkonferenz an, die Einsetzung des Staatkommissars sei "kein angemessenes Mittel zur Wahrnehmung der staatlichen Rechtsaufsicht gegenüber den Hochschulen, solange nicht alle geeigneten Schritte zur Beilegung von Konflikten zwischen Organen der Hochschulen und dem zuständigen Minister unternommen worden sind". In einem weiteren Beschluß erklärt der Akademische Senat, er sehe in kollektiven Studien und Prüfungsformen eine sinnvolle Möglichkeit, neue gesellschaftskritische Formen von Forschung und Lehre zu erproben. FU- und TU- Präsident nehmen zum Senatsbericht Stellung Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz nehmen die Präsidenten von FU und TU, Kreibich und Wittkowsky, zu dem Senatsbericht über die Lage an den Berliner Hochschulen Stellung. In einer gemeinsamen Erklärung erkennen die Präsidenten an, "daß im Bericht - besonders im Vorwort und in den einleitenden Abschnitten - zum ersten Mal versucht wird, die hochschulpolitischen Probleme in einen größeren gesellschaftspolitischen Zusammenhang zu stellen." Dies würde jedoch bei der Behandlung der Einzelkomplexe nicht durchgehalten. Wie fast immer in der Öffentlichkeit würden einzelne Vorgänge "als isolierte Erscheinungen meist negativer Art angesehen". Der Bericht stelle "in einseitiger Gewichtung die Aktivitäten der 'Roten Zellen' dar", die große Anzahl von Studenten, die "unter größten Anstrengungen" an der Reform teilnähmen, würde nicht berücksichtigt. Die Auffassung des Senats, "daß die Roten Zellen eine verfassungswidrige Zielsetzung im Ganzen verfolgen", ergehe "ohne zureichende juristische Begründung und ohne die Möglichkeit einer gerichtlichen Überprüfung". Die Präsidenten begrüßen die Bereitschaft des Senats, inhaltliche Reformen nachdrücklich zu unterstützen und kündigen an, daß sie "den bisher eingeschlagenen Kurs konsequent weiterverfolgen". Dok. 1042 Wissenschaftssenator kritisiert "Rote Woche" Der Senator für Wissenschaft und Kunst verurteilt in einer Stellungnahme die von einigen Roten Zellen ausgerufene "Rote Woche" und die in diesem Zusammenhang durchgeführten Störungen von Lehrveranstaltungen. Beratung des Hochschulrahmengesetzentwurfs In Bonn beginnt die zweite Runde der Beratungen zwischen Bundeswissenschaftsminister Hans Leussink und den Kultusministern der Länder über das geplante Hochschulrahmengesetz. Es wird Einigkeit über den 2. Referentenentwurf erzielt, der in den umstrittenen Punkten den Einwänden der Länder nachgibt. Im Gegensatz zum 1. Entwurf wird die Verantwortlichkeit der Länder in der Hochschulpolitik betont. Die Elemente des 1. Entwurfs, die eine starke Zentralisierung der Verantwortung in den Händen des Bundes vorsahen, sind korrigiert worden. Zugleich gibt der 2. Entwurf die Tendenz zur Verstärkung der Hochschulautonomie auf und garantiert den Kultusverwaltungen der Länder erhebliche Eingriffsrechte gegenüber den Hochschulen. Heinrich Lummer gegen ein Verbot der "Roten Zellen" In einer Sendung des RIAS-Abendstudios spricht sich der Fraktionsvorsitzende der CDU im Berliner Abgeordnetenhaus, Heinrich Lummer, gegen ein Verbot der "Roten Zellen" aus. Dies sei zur Zeit ein politisch untaugliches Mittel. Lummer kritisiert den Senatsbericht zur Lage an den Hochschulen und bezeichnet ihn als ein Alibi für weitere Tatenlosigkeit des Senats. 23. Oktober 1970 Studentische Vollversammlungen bei Wirtschaftswissenschaftlern und Anglisten Über 600 Teilnehmer einer Vollversammlung des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaft verabschieden mit ca. 75% Mehrheit eine Resolution der "Roten Zelle Ökonomie", in der die Einsetzung eines Staatskommissars an der Architekturfakultät der Technischen Universität Berlin verurteilt und gegen Pläne eines Verbots der "Roten Zellen" Stellung genommen wird. Auf der Vollversammlung nehmen die Präsidenten beider Universität zur Frage des Staatskommissars Stellung. Präsident Kreibich betont, "daß die Universität ihre Probleme von sich aus lösen" müsse. Auf einer Vollversammlung am Englischen Seminar der FU wird der Streikbeschluß vom Sommersemester bestätigt, der sich gegen die Veranstaltungen der Alten Abteilung richtet. Teach-in der "Roten Zellen" Vor mehr als 2000 Zuhöreren kündigen im überfüllten Auditorium maximum der TU Sprecher der "Roten Zellen" einen "offensiven Kampf zur Mobilisierung von Massen an den Universitäten" und einen Ausbau ihres "Sozialistischen Studiums" an. Dies sei die Antwort auf die im Senatsbericht über die Situation an den Berliner Hochschulen enthaltene Tendenz zur Illegalisierung der "Roten Zellen". Die "Rote Woche" sei nur ein Auftakt für eine jetzt folgende Kampagne gewesen". Eine Sprecherin der KPD-Aufbauorganisation verliest Thesen zum Aufbau eines Kommunistischen Studentenverbandes (KSV), der seine Mitglieder aus den Roten Zellen rekrutieren soll. 24. Oktober 1970 Heinrich Lummer fordert Überprüfung von Beschäftigten an den Hochschulen Im "Tagesspiegel" fordert der CDU-Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus, Heinrich Lummer, in der Rubrik "Die Meinung der Opposition" den Senat auf, gegen die Bestrebungen der "Roten Zellen" vorzugehen, "ihre Mitglieder in dotierte Positionen der FU hineinzubringen". Hierzu müßten "die Beamten- und Angestelltenverhältnisse an den Hochschulen Tätiger" überprüft werden, wenn sich diese verfassungswidrig betätigt hätten. (Vgl. 28. und 31. Okt. 1970) Beratung über Altenglisch Der Fachbereichsrat Neuere Fremdsprachliche Philologien berät erneut über den obligatorischen Charakter der Altenglischen Abteilung. Der Fachbereichsrat mißbilligt die von einer studentischen Vollversammlung am Englischen Seminar angekündigten Behinderungen von Lehrveranstaltungen. 25. Oktober 1970 Erneute Kritik an Zusammensetzung des Gründungsauschusses für Sozialmedizinisches Institut Das Mitglied des Kuratoriums der FU Prof. Dr. Bernd Rüthers fragt in einem Schreiben an den Kuratoriumsvorsitzenden Schütz und den Wissenschaftssenator Stein erneut nach der Zusammensetzung des Gründungsausschusses des Zentralinstituts für Soziale Medizin und dem Einfluß der "Roten Zellen" in diesem Gremium. Professor Rüthers hatte bereits am 19. September in seinem Antrag auf Aufhebung der vom "Rumpfkuratorium" am 25. August bewilligten personellen und sächlichen Ausstattung des Instituts befürchtet, daß die Roten Zellen beabsichtigten, "aus dem Institut für Soziale Medizin einen Hebel zur revolutionären Veränderung der hier geltenden Staats- und Gesellschaftsordnung zu machen". 26. Oktober 1970 Professor Schwan warnt vor den "Rote Zellen" "Der Spiegel" bringt eine Antwort von Alexander Schwan auf den kritischen Artikel Professor Barrings vom 17. Oktober. Schwan weist den Vorwurf zurück, er und andere Reformer hätten resigniert. Am Otto-Suhr-Institut bestehe eine der letzten Möglichkeiten, "das Reformwerk noch zum Tragen zu bringen". In anderen Bereichen der FU sei es dafür warscheinlich schon zu spät. Die "Roten Zellen" und ähnliche Gruppen seien bemüht, "Fachbereiche in ihre Hand zu bringen". Schwan beklagt zugleich die reformpolitische Zurückhaltung vieler Professoren und liberaler Assistenten. In der gleichen Ausgabe warnt Professor Hans-Hermann Hartwich (Otto-Suhr-Institut) vor einer Überbewertung der linksradikalen Gruppen. Eine viel ernstzunehmendere Gegnerschaft erwachse der Universitätsreform in der "sich abzeichnenden Formierung großer Teile der deutschen Professorenschaft in einem politischen `Bund Freiheit der Wissenschaft'." Dok. 1043 Mathematikstudenten wollen mehr Tutoren 200 Studentinnen und Studenten beschließen auf einer Vollversammlung im Fachbereich Mathematik, für eine Woche die Lehrveranstaltungen zu Diskussionen über die Ausbildungssituation ihres Faches "umzufunktionieren". Anschließend führen 50 Studenten, darunter viele Mitglieder der Roten Zelle Mathematik, ein Go-in im FU-Präsidialamt durch, um dort ihre Forderung nach der Einrichtung von 40 Tutorenstellen im Fachbereich Mathematik vorzutragen. PH-Rektor ruft zum Widerstand gegen "Rote Zellen" auf Der Rektor der Pädagogischen Hochschule Berlin, Professor Heistermann, ruft alle Angehörigen seiner Hochschule auf, den "extremistisch-anarchistischen Elementen", die die studentische Protest- und Reformbewegung diskreditierten, entgegenzutreten. Professor Heistermann kritisiert in diesem Zusammenhang aufs entschiedenste die Aktionen der "Roten Zellen" im Rahmen der jüngsten "Roten Woche". Studentenverbände kritisieren HRG-Entwurf Der Verband Deutscher Studentenschaften (VDS) und der Sozialdemokratische Hochschulbund (SHB) ktitisieren auf einer Pressekonferenz in Bonn den jüngsten Entwurf für ein Hochschulrahmengesetz und lehnen ihn für die Studenten als unakzeptabel ab. Die beiden Organisationen kündigen die Mobilisierung der gesamten Studentenschaft gegen "diesen bislang reaktionärsten Entwurf" an. Im Einzelnen kritisieren VDS und SHB den Wegfall des Öffentlichkeitsprinzips, den Ausschluß der Studenten von der Mitwirkung in Forschungsfragen und die geplante Unterteilung der Ausbildung in ein "Elite- und ein Helotenstudium". Außerdem sehe der Entwurf keine integrierten Studiengänge, keine einheitliche Studentenschaft und keine einheitliche Selbstverwaltung vor. Der Entwurf erscheine eher als CDU- denn als SPD-Konzept. 27. Oktober 1970 Professoren hinter Maschendraht ? Zum Schutz der Sitzung der Architekturfakultät ordnet der Präsident der Technischen Universität Berlin, Alexander Wittkowsky, an, daß zwischen den Sitzungstischen und den Zuhörerreihen ein Maschendrahtzaun errichtet werden soll. Auf Wunsch der Fakultät findet die Sitzung jedoch außerhalb der TU statt. Senator Stein rechtfertigt Staatskommissar Wissenschaftssenator Stein erläutert in der Erklärung "Zur Einsetzung eines Beauftragten für das Prüfungswesen an der Fakultät für Architektur der Technischen Universität Berlin" nochmals seine Gründe für diesen Schritt. Die Erklärung wird den Präsidenten von TU und FU mit der Bitte um Veröffentlichung in den universitären Informationsorganen zugeleitet, da der Staatskommissar "in der von den 'Roten Zellen' initiierten 'Roten Woche' und in den Vollversammlungen am Abschluß dieser Woche noch einmal eine besondere Rolle gespielt" habe. Landesrektorenkonferenz solidarisch mit PH-Rektor Die Landesrektorenkonferenz von Berlin erklärt sich mit dem Rektor der Pädagogischen Hochschule, Professor Heistermann, solidarisch. Professor Heistermann ist in einem Flugblatt der "Roten Zelle PH" bedroht und bei Auseinandersetzungen im Rahmen der "Roten Woche" tätlich angegriffen worden. Die Landesrektorenkonferenz wendet sich gegen die Anwendung von physischem und psychischem Zwang. In der Erklärung wird betont, daß "die Ursachen auch solcher Aktionen letzten Endes in den hochschulpolitischen Versäumnissen der letzten Jahre liegen" und "daß die jüngsten Maßnahmen der Staatsaufsicht nicht geeignet sind, die rationale Auseinandersetzung strittiger Probleme zu erleichtern". Assistenten kritisieren HRG-Entwurf Die Bundesassistentenkonferenz (BAK) kritisiert den jüngsten Entwurf für ein Hochschulrahmengesetz des Bundes. Die BAK sieht im Verzicht auf die integrierte Gesamthochschule einen schweren Fehler. Die BAK kritisiert des weiteren die Einschränkung der studentischen Mitbestimmung in Forschungsfragen und sieht in der vorgesehenen Einführung von "Lehrkräften für besondere Aufgaben" die Gefahr, daß sich eine neue 2. Klasse von Hochschullehrern entwickeln könne, die von der Teilhabe an der Forschung ausgeschlossen sei. Damit sei die Wiederkehr des abhängigen Assistenten unter anderem Namen möglich. 28. Oktober 1970 Erwachsenenbildung an FU wird verbessert Das seit 1959 an der FU bestehende Sekretariat für Erwachsenenbildung soll nach Plänen des Präsidialamtes in eine Zentraleinrichtung umgewandelt werden. Auf einer Pressekonferenz wird dazu mitgeteilt, daß die geplante Zentraleinrichtung die berufliche Fort- und Weiterbildung von Akademikern koordinieren soll. Weitere Aufgaben der Zentraleinrichtung seien das Fernstudium im Medienverbund und die Arbeit mit Angehörigen von unterprivilegierten Schichten. Nach einem von Dr. Günther Büchner erarbeiteten Konzept hätte die Zentraleinrichtung in Kursen mit erwachsenen Höhrern neue technische Unterichtshilfen zu erproben. Dr. Büchner empfielt die Schaffung von ähnlichen Einrichtungen an allen Hochschulen. An den gegenwärtig von der FU angebotenen 30 Kursen nehmen 750 Berliner Bürger teil. Zu wenig Tutorenstellen am Fachbereich Mathematik Der Fachbereichsrat Mathematik stellt in einem Beschluß fest, daß angesichts von 26 fehlenden Tutorenstellen ein effektiver Lehrbetrieb "fast unmöglich gemacht" sei. Der Fachbereichsrat appelliert an das Präsidialamt und das Kuratorium der FU, "dem Mißstand sofort abzuhelfen". Für eine erfolgreiche Arbeit von Anfangssemestern dürften Übungsgruppen nicht mehr als zehn Teilnehmer haben. Statt der angeforderten 75 Tutorenstellen seien nur 49 zugeteilt worden. Präsident Kreibich erklärt sich auf einem noch während der Fachbereichsratssitzung verteilten Flugblatt bereit, im Kuratorium der FU die Freigabe zusätzlicher Mittel für das Tutorenprogramm des Fachbereichs Mathematik zu beantragen. Der Fachbereichsrat spricht sich entschieden gegen alle Pläne einer administrativen Begrenzung der Studienzeit aus. Fachbereichsrat Erziehungswissenschaften schließt Öffentlichkeit aus Der Fachbereichsrat Erziehungswissenschaften berät in Anwesenheit von FU-Präsident Kreibich über eine verstärkte Vergabe von Lehraufträgen. Mit dieser Maßnahme soll kurzfristig dem starken Personalmangel des Fachbereichs begegnet werden. Über die Forderung der Studentenvertreter nach "dialektisch marxistischen Dozenten" kommt es zu erregten Kontroversen, in die sich auch die anwesenden Zuschauer einmischen. Nach mehrfachen vergeblichen VersuchenVerhandlungsfähigkeit herzustellen, schließt der Fachbereichsrat mehrheitlich die Öffentlichkeit aus. Heinrich Lummer wirft Senat Fehleinschätzung der "Roten Zellen" vor Der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Heinrich Lummer, wirft dem Senat in einer Presseerklärung erneut eine Fehleinschätzung der "Roten Zellen" vor. "Nichtstun oder schöne Worte" seien "das Rezept der Unfähigkeit". Heinrich Lummer fordert den Senat auf, "Maßnahmen zu ergreifen, die den Entwicklungen Einhalt gebieten", wie sie sich jetzt wieder an den Universitäten und der Pädagogischen Hochschule im Zusammenhang mit der "Roten Woche" gezeigt hätten. Wenn der Senat zwischen Beobachten und Verbot der "Roten Zellen" keine weiteren Möglichkeiten sehe, dann müsse "er sich notwendigerweise zum Verbot entschließen". Personen, die physische und psychische Gewalt anwenden, sollten von den Universitäten entfernt werden. (Vgl. 24. und 31. Okt. 1970) Kölner Studentenparlament gegen Berufung von Professor Baader Das Studentenparlament der Universität Köln verurteilt die Berufung von Professor Dr. Horst Baader auf den 2. Literaturwissenschaftlichen Lehrstuhl des Romanischen Seminars. Professor Baader habe sich an der FU Berlin durch intolerantes und reaktionäres Verhalten hervorgetan und habe deswegen auch die FU verlassen müssen. Das Studentenparlament fordert die Philosophische Fakultät der Universität Köln auf, sich Gedanken zu machen, "wie Baader wieder aus Köln verschwindet". 29. Oktober 1970 Presseberichte zur Situation an der FU In der "Berliner Rundschau" werden unter der Überschrift "Sozialistische Seminare in Dahlem" drei Lehrveranstaltungen aus dem FU-Vorlesungverzeichnis mit dem Hinweis zitiert, daß diese Seminare nunmehr unter verändertem Titel von der "Roten Zelle Germanistik" angekündigt werden. Fachbereich Philosophie und Sozialwissenschaften antwortet "Notgemeinschaft" Auf seiner 8. Sitzung beschäftigt sich der Fachbereichsrat Philosophie und Sozialwissenschaften mit der Kritik der "Notgemeinschaft für eine freie Universität" an den Zuständen im Philosophischen Seminar. Die "Notgemeinschaft" hatte in ihrer Dokumentation "Freie Universität unter Hammer und Sichel IV" eine marxistische Unterwanderung dieses Seminars behauptet. Der Vorsitzende des Fachbereichsrates, Prof. Dr. Jacob Taubes, verliest eine Statistik über sämtliche Veranstaltungen des Philosophischen Seminars seit dem Sommersemester 1967. Von 52 Vorlesungen sei nur eine marxistischen Inhalts gewesen, von den 24 Ober- und Hauptseminaren habe sich keines mit dem Marxismus befaßt, von 31 Proseminaren hätten vier und von 19 Übung acht eine marxistische Thematik gehabt. Von den 28 Veranstaltungen des laufenden Semesters beschäftigten sich fünf mit einer marxistischen Thematik. Es werde in keiner Veranstaltung indoktriniert, sondern eine kritische Auseinandersetzung mit dem Marxismus betrieben. Professor Taubes erklärt, daß sich der Fachbereichsrat normalerweise nicht mit anonymen Zuschriften auseinandersetze. Da sich aber hinter der "Notgemeinschaft" augenscheinlich eine beträchtliche Macht verberge, müsse man sich mit ihren Aktivitäten beschäftigen. 31. Oktober 1970 Senator Stein antwortet Heinrich Lummer Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof Dr. Werner Stein, antwortet auf den Artikel von CDU-Fraktionsvorsitzenden Heinrich Lummer, in dem Lummer dem Senat Untätigkeit gegenüber den Roten Zellen vorgeworfen hatte. (Vgl. 24. und 28. Okt. 1970) Dok. 1044 Störungen am Englischen Seminar Der "Streikrat" am Englischen Seminar der FU benennt in einem Flugblatt neun Lehrveranstaltungen der Alten Abteilung, die für die Dauer des Streiks boykottiert werden sollen. (Vgl. 22. Okt. 1970) Professorenstreik in Köln Durch einen einwöchigen Vorlesungsstreik wollen die Professoren der Mathematisch- Naturwissenschaftlichen Fakultät in Köln gegen die Pläne des Kulutusministeriums protestieren, Lehraufgaben nur noch Professoren zuzuweisen. Darin sehen die Professoren, falls nicht eine erhebliche Erhöhung der Professorenstellen erfolgt, eine Gefährdung ihrer Forschungsaufgaben. 2. November 1970 Boykott und Störungen in FU-Fachbereichen Am Fachbereich Erziehungswissenschaften der FU werden die meisten Lehrveranstaltungen im Rahmen eines studentischen Warnstreiks boykottiert. Mit ihrem vierzehntägigen Streik wollen die Studenten gegen überfüllte Seminare und Lehrveranstaltungen protestieren. Des weiteren wird die Einstellung von Dozenten mit "dialektisch-materialistischem Wissenschaftsverständnis" und die Einführung von kollektiven Prüfungen gefordert. Der Vorsitzende des Fachbereichsrats, Professor Furck, spricht sich für eine Verdoppelung des Lehrkörpers aus. Der Leiter der Älteren Abteilung des Englischen Seminars, Prof. Dr. Rolf Kaiser, teilt mit, daß seit zwei Wochen der Lehrbetrieb in seiner Abteilung durch die Aktivitäten der "Roten Zelle" Anglistik völlig lahmgelegt sei. Lernwillige Studenten seien bedroht worden und hätten ihm daraufhin mitgeteilt, nicht mehr an seinen Seminaren teilnehmen zu können. Bundeswissenschaftsminister verteidigt seinen HRG-Entwurf Bundeswissenschaftsminister Hans Leussink legt die 3. überarbeitete Fassung des Entwurfs für ein Hochschulrahmengesetz vor. Minister Leussink verteidigt den Gesetzentwurf gegen die Kritik von Hochschulrektoren-, Assistenten- und Studentendachverbänden. 3. November 1970 "Zaubermann" Kreibich Die "Frankfurter Rundschau" bringt ein Porträt des Präsidenten der Freien Universität Berlin, "Kreibich - Mann der Realität / Der Präsident der FU Berlin: von links und rechts oft mißverstanden". Präsident Kreibich wird als engagierter, pragmatischer und realistischer Sozialreformer beschrieben, den rechte Ordinarien als Verräter an der echten Wissenschaft bekämpften und linke Agitatoren als den "Zaubermann", der wochenlang geplante Aktionen zu neutralisieren vermöge. Kein "Sozialistisches Studium" am Englischen Seminar Der Fachbereichsrat Neuere Fremdsprachliche Philologien beschließt erneut, beim Wissenschaftlichen Landesprüfungsamt für die Prüfungserlaubnis des Wissenschaftlichen Assistenten am Englischen Seminar Dr. Manfred Scheler einzutreten. Ein weiterer Antrag des Studentenvertreters H. Jörg Tildick auf Einrichtung von Tutorien im Sinne des "Sozialistischen Studiums" wird abgelehnt. (Vgl. 20. Okt. 1970) 4. November 1970 Fachbereich Germanistik will Rechtsauskunft über Sozialistisches Studium Der Fachbereichsrat Germanistik berät auf Antrag von Prof. Dr. Heinrich Matthias Heinrichs als 5. Tagesordnungspunkt die "Stellungnahme zum Sozialistischen Studium". Für das "Sozialistische Studium" wurde von der "Roten Zelle Germanistik" seit Beginn des Semesters mit einer Broschüre und in der Studienberatung der Studentenvertretung geworben. Angekündigt werden als Sozialistisches Studium neben Schulungskursen der "Roten Zelle" auch mehrere Lehrveranstaltungen des Fachbereiches Germanistik. Das Protokoll der Fachbereichsratssitzung notiert als Begründung Professor Heinrichs für seinen Tagesordnungsantrag: "1) Das Konzept des sozialistischen Studiums sei derart, daß Ausbildungskommission und FBR darüber hätten beschließen sollen; 2) Es sei fraglich, ob der FBR sich mit den Zielen des sozialistischen Studiums einverstanden erklären kann." Von Vertretern der "Mehrheitsgruppe" des Mittelbaus (Dr. Arendt Balzer, Dr. Rappl) wird ein Resolutionsentwurf vorgelegt und begründet, in dem die Ansicht formuliert wird, daß das "Sozialistische Studienprogramm der Roten Zelle Germanistik sich in der Theorie auf die Zerstörung unserer verfassungsmäßigen Grundordnung richtet und daß die Durchführung dieses Programms eine verfassungsfeindliche Handlung darstellen würde". Der Fachbereichsrat solle daher an den Präsidenten der FU und an den Wissenschaftssenator "die dringende Aufforderung" richten, "umgehend Rechtsbelehrung darüber zu erteilen, inwieweit Zielsetzung und Handlungsweise der "Roten Zelle Germanistik", soweit sie in dem Sozialistischen Studium zum Ausdruck kommen, als legal angesehen werden können beziehungsweise vom politischen Senat Berlins und dem Präsidenten der Freien Universität als legitim erkannt werden". Für die Antragsteller erläutert Dr. Rappl, daß sich angesichts der Entscheidung des Berliner Senats, die "Roten Zellen" nicht zu verbieten, "der FBR nicht die Kompetenz zu Maßnahmen gegen das sozialistische Studium anmaßen" könne. Der Senat müsse sich deshalb entscheiden, ob er das sozialistische Studium, das "ein zur Reform kontradiktorisches Ausbildungsziel vertrete", legitimiere oder gar legalisiere. Vor der Abstimmung verlassen die Vertreter der Studenten, v.Braunbehrens, Peitsch und v. Saalfeld unter Protest die Sitzung, da "vorher nicht bekanntgegebene vorformulierten Anträge" eingebracht worden seien und die Problematik des Sozialistischen Studiums angesichts der Tatsache, daß 3/4 der Grundsemester im Sozialistischen Studium studierten, vor einer größeren Fachbereichsöffentlichkeit diskutiert werden müsse. Der Mittelbauvertreter Dr. Mattenklott schließt sich dem Auszug der Studenten an, "da die Studenten und er ein brisantes Thema auf zu schmaler Informationsbasis" hätten diskutieren müssen. Sodann wird der Antrag der Mehrheitsgruppe des Mittelbaus mit 6:0:1 angenommen. Ein weiterer Antrag, die drei Seminare des Grundstudiums, die im Programm der "Roten Zelle" aufgeführt werden, nicht als Teil des Lehrprogramms anzuerkennen und diesen Veranstaltungen keine Räume zur Verfügung zu stellen, wird mit 2:4:1 Stimmen abgelehnt. (Vgl. 11., 19. und 20. Nov., 29. Dez. 1970 und 12. Jan. 1971) Weitere Beschlüsse der Fachbereichsräte an der FU Der Fachbereichsrat des Otto-Suhr-Instituts der FU faßt mit großer Mehrheit einen Beschluß zur Einsetzung des Staatskommissars an der Architekturfakultät der TU, in dem es heißt, man nehme mit großer Sorge zur Kenntnis, daß der Senat beabsichtige, hochschulpolitische Probleme mit den Mitteln der Staatsintervention zu lösen. In der Diskussion sprechen sich Vertreter des Präsidialamts der FU für den Nachweis von Einzelleistungen auch in kollektiv abgelegten Prüfungen aus. Der persönliche Referent von Präsident Kreibich, Höbich, bezeichnet die Bedenken von Senator Stein gegen die Alternative Studien- und Prüfungsordnung (ASPO) der Architekturfakultät als stichhaltig. Während der Fachbereichsratssitzung des Otto-Suhr-Instituts wird das Schreiben von Senator Stein vom 19. Okt. 1970 bekannt gegeben und dahingehend interpretiert, daß in Zukunft eine Überprüfung von Anstellungsverträgen einsetzen könne. Der Fachbereichsrat Wirtschaftswissenschaften lehnt mit 10:3:1 Stimmen die Übernahme der Resolution der studentischen Vollversammlung vom 23. Oktober ab. Der Fachbereichsrat Mathematik stellt in Anwesenheit von Vizepräsident Professor Wesel und Dr. Warnke vom Präsidialamt den erheblichen Raummangel am I. und II. Mathematischen Institut fest und fordert dringend Abhilfe. Akademischer Senat beschließt Zulassungsquoten Der Akademische Senat der Freien Universität Berlin beschließt Zulassungszahlen für das Sommersemester 1971. Nach kontroverser Diskussion werden für die Humanmedizin 240 Erstsemester, für Zahnmedizin 40 Studenten zugelassen. Diese Erhöhung der Zulassungsquote in Medizin und Zahnmedizin um 40 Studenten wird mit 11:10 Stimmen beschlossen. Mehrere Senatsmitglieder (Hierholzer, Broser, Büchi, Domes, Merkenschlager, Merker, Reiter und Schneider) geben zu Protokoll, daß sie eine Erhöhung der Zulassungszahlen ohne eine präzise Berechnungsgrundlage für unverantwortlich halten. Einstimmig wird die Zulassungsquote für Veterinäre von 80 auf 90 erhöht und für den Fachbereich Pharmazie die Zulassung von 38 Studenten beschlossen. Der Akademische Senat beschließt auf Antrag von Dr. Hierholzer und Präsident Kreibich die Bildung einer Kommission, die die Kapazitätsgrenzen in der Medizin bestimmen soll. In der Präambel dieses Beschlusses erklärt der Akademische Senat, er halte "es für unerträglich, daß die Berufswünsche junger Menschen aufgrund fehlender Studienplätze nicht erfüllt werden können und fordert die politischen Instanzen auf, die öffentlichen Gelder so zu verteilen, daß dieser Mißstand unverzüglich beseitigt wird". CDU beantragt Änderung des Universitätsgesetzes Die CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus legt einen Antrag auf Änderung des Universitätsgesetzes vom Juli 1969 vor. In das Hochschulgesetz soll ein Passus aufgenommen werden, der lautet: "Lehrveranstaltungen, die von ordnungsgemäß ausgewiesenen Lehrkräften im Vorlesungsverzeichnis angekündigt und ordnungsgemäß durchgeführt werden, dürfen durch Störungen nicht behindert werden." Die CDU-Fraktion will mit diesem Passus sicherstellen, daß die Störung von Lehrveranstaltungen zukünftig disziplinarisch geahndet wird. Rektoren kritisieren erneut HRG-Entwurf Die Westdeutsche Rektorenkonferenz (WRK) erklärt zum Abschluß ihrer 84. Plenarversammlung, der zweite Entwurf des Hochschulrahmengesetzes sei negativer zu bewerten als der erste. Die derzeitige Fassung habe an "sachlicher Eindeutigkeit eingebüßt" und an Präzision und Substanz verloren. Bundeswissenschaftsminister Leussink habe anderen Ministerien und vor allem der Länderseite nachgegeben. 6. November 1970 Gericht akzeptiert Kapazitätsberechnung für Medizin Die Klage von sieben Studienanfängern auf Einstweilige Anordnung, mit der sie die vorläufige Zulassung zum Studium der Humanmedizin an der FU erzwingen wollten, wird vom Berliner Verwaltungsgericht abgelehnt. Das Gericht akzeptiert damit die Argumentation der Freien Universität, daß die Kapazität des Fachbereichs Medizin mit der Zulassung von 240 Studenten voll ausgelastet sei. 1975 soll der Numerus clausus in Medizin abgebaut sein Bundeswissenschaftsminister Hans Leussink veröffentlicht einen Bericht der Bundesregierung über Sofortmaßnahmen zum Abbau der Zulassungsbeschränkungen, in dem bis zum Jahr 1975 der Abbau des Numerus clausus im Fach Medizin angekündigt wird. Als wesentliches Element für dieses Vorhaben wird das Schnellbauprogramm bezeichnet, in das bisher 92 Projekte aufgenommen seien, die zur Schaffuing von 30.000 neuen Studienplätzen beitragen sollen. 7. November 1970 Wissenschaftssenator lehnt Alternative Prüfungsordnung ab Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, gibt bekannt, daß er die Alternative Studien- und Prüfungsordnung (ASPO), die von Studenten und Assistenten der Architekturfakultät der TU erarbeitet worden ist, in der vorliegenden Form nicht bestätigen wird. 7. und 8. November 1970 "Kreibich-Fraktion" uneinig Die sogenannte "Kreibich-Fraktion", die sich anläßlich der Präsidentenwahl im Übergangskonzil der FU gebildet hatte, kann sich auf ihrer Wochenendtagung im Clubhaus der FU nicht mehr auf ein gemeinsames Vorgehen einigen. Die Bildung von getrennten Fraktionen, einer sozialistischen und einer liberalen Fraktion wird angekündigt. (Vgl. 22. Nov. 1970) Dok. 1045 FU-Assistent wird Vorsitzender der Bundesassistentenkonferenz Die 6. Vollversammlung der Bundesassistentenkonferenz wählt den FU-Assistenten Gert Jannsen zu ihrem Vorsitzenden. Jannsen ist seit 1966 am II. Geographischen Institut der FU beschäftigt und als Mittelbauvertreter Mitglied des Akademischen Senats. Mit Jannsen werden in den Vorstand gewählt: der Referent des Vizepräsidenten der Hamburger Universität, der Germanist Rolf Schulmeister und der Hamburger Jurist Harro Plander. Die BAK beschließt angesichts der Ohnmacht der Assistentenschaft in den Universitätsgremien, ihren Mitgliedern den Anschluß an die Gewerkschaften zu empfehlen, um im Rahmen dieser Organisationen nachhaltiger ihre Interessen zur Geltung zu bringen. 9. November 1970 Professor Löwenthal zur Situation am OSI "Der Spiegel" veröffentlicht unter der Überschrift "Nutznießer sind die Kommunisten" einen Beitrag von Prof. Dr. Richard Löwenthal zur Diskussion über die Situation am Otto-Suhr-Institut der FU. Dok. 1046 Professoren kritisieren geplantes Fachhochschulgesetz Auf einer Pressekonferenz kritisieren Sprecher der Professoren aus den Fachbereichen Physik, Mathematik, Pharmazie und Chemie der FU die in dem Fachhochschulgesetzentwurf vorgesehene Gleichstellung von Fachhochschuldozenten mit Universitätsprofessoren. Nach der im Schulauschuß des Abgeordnetenhauses von Berlin vorliegenden Fassung des Fachhochschulgesetzes soll künftig für die Ernennung zum Professor nicht mehr die Promotion und der Nachweis der Lehrbefähigung durch Habilitation zwingend vorgeschrieben sein. Die Dozenten der bisherigen fachbezogenen Akademien sollen auf Antrag als Professoren übernommen werden. Dieses Vorhaben stelle eine "Abwertung der Promotion und der Habilitation" dar und werde schlechtere Berufungschancen für Berliner Hochschullehrer, verminderte Berufsaussichten für die Studenten und einen Mangel an qualifiziertem Nachwuchs für die Berliner Universitäten nach sich ziehen. Die besoldungrechtliche Gleichstellung von Universitätsprofessoren und Akademiedozenten müsse als eine nicht hinnehmbare Diskriminierung aufgefaßt werden. Der Titel Professor dürfe nicht nach dem Gießkannenprinzip vergeben werden. Es gehe längst das Wort um, daß in Berlin der "Discount-Professor" verliehen werde. 10. November 1970 Präsidialamt berät über Tutorenprogramm Der Routinesitzung des Präsidialamtes liegt als Vorlage für die Sitzung des Kuratoriums der FU ein Papier von Behrendt/Warnke zu Fragen des Tutorenprogramms vor. Es wird festgestellt, daß es keine einheitliche Regelung des Tutorenwesens an der FU gibt. Als Kriterien für die Vergabe von finanziellen Mitteln für Tutorenprogramme werden genannt: a) große Studentenzahlen, Vorliegen eines detaillierten Tutorenprogramms; b) Vorliegen eines Studienreformprogramms; c) zurückhaltende Förderung, wo neue Innovationen angestrebt werden (Tutoren sollen nicht Assistenten ersetzen). Es wird auf die Einhaltung der Ausschreibungsmodalität gedrängt, Tutorenstellen sollen 14 Tage vorher am Schwarzen Brett angezeigt werden. Fachbereichsratssitzung Neuere Fremdsprachliche Philologien abgebrochen Der Fachbereichsrat Neuere Fremdsprachliche Philologien spricht seinem Vorsitzenden Professor Loos entgegen einem Antrag des Studentenvertreters H. Jörg Tidick mit 7:3:1 Stimmen das Vertrauen aus. Zur Begründung des Mißtrauensantrages wird der Vorwurf erhoben, der Fachbereichsratsvorsitzende habe nicht für die vom Einreiseverbot betroffenen Mitglieder des Englischen Seminars (Nordirland-Exkursion) interveniert. Die Sitzung wird auf Beschluß einer knappen Mehrheit vorzeitig abgebrochen, da studentische Zuhörer sich durch Zwischenrufe in die Diskussion des Fachbereichsrats einschalten. 11. November 1970 Sitzung des Fachbereichsrats Germanistik abgebrochen Die Studentenvertreter im Fachbereichrat Germanistik v. Braunbehrens, Peitsch und v. Saalfeld geben bekannt, daß sie aus Protest gegen den Beschluß zum "Sozialistischen Studium" vom 4. November ihre Mitarbeit in diesem Gremium vorläufig einstellen. Die Sitzung muß nach Störungen durch ca. 50 Studenten abgebrochen werden. Die Studenten ergreifen "ohne einen geschäftsordnungsmäßigen Antrag auf Rederecht" das Wort und geben Erklärungen zum Ersuchen des Fachbereichsrats um Rechtsauskunft über das "Sozialistische Studium" ab. (Vgl. 4. Nov. 1970) Studentische Vollversammlungen an den Fachbereichen Germanistik, Erziehungswissenschaften und Mathematik. Die Vollversammlung der Germanistikstudenten mit ca. 500 Teilnehmern beschließt mehrheitlich Aktionen gegen den Fachbereichsrat, falls dieser seinen Beschluß zum sozialistischen Studienprogramm der "Roten Zelle Germanistik" (Rotzeg) nicht bis zum 19. November aufhebt. In der verabschiedeten Resolution wird angedroht, daß "die Veranstaltungen der Reaktionäre, die das Sozialistische Studium verhindern wollen, ihrerseits systematisch verhindert" werden sollen. (Vgl. 4. Nov. 1970) Die Vollversammlung der Studenten des Fachbereichs Erziehungswissenschaften und Mathematik der FU beschließen mit Mehrheit, den zu Ende gehenden 14tägigen Streik zunächst auszusetzen und nach den Weihnachtsferien darüber zu entscheiden, ob er wieder aufgenommen werden soll. Zunächst soll die Reaktion des Lehrkörpers auf die studentischen Forderungen abgewartet werden. Kontroversen im Akademischen Senat um Zulassungsregelung Der Akademische Senat der FU diskutiert kontrovers über Vorschläge zur Regelung der Auswahl von Studienbewerbern für Fächer mit Zulassungsbeschränkung. Durch die Weigerung der Studentenvertreter, in einem Ausschuß zur Formulierung diesbezüglicher Richtlinien mitzuarbeiten, wird eine Überarbeitung der Zulassungsrichtlinien blockiert. Die Studentenvertreter sehen in der vom Akademischen Senat beschlossenen Regelung ein "irrationales, unwissenschaftliches und höchst ungerechtes Zulassungsverfahren", das nicht "zur Demokratisierung der Freien Universität" beitrage. Zulassungsstop bei Erziehungswissenschaftlern Die 5. ordentliche Sitzung des Fachbereichsrats Erziehungswissenschaften diskutiert (von 17-23 Uhr) in Anwesenheit von Vizepräsident Wesel und Klaus Koch vom Präsidialamt die Streikforderungen der Studenten. Der Vorsitzende des Fachbereichsrats, Prof. Dr. Carl Ludwig Furck, teilt zur Forderung "Bereitstellung materieller Mittel zur Schaffung sinnvoller Arbeitsbedingungen" mit, "daß auf die Personalanforderungen des Erziehungswissenschaftlichen Instituts nur Mittel für 5 zusätzliche Lehraufträge vom Präsidialamt bereitgestellt worden" seien. Vizepräsident Wesel erklärt dazu, "daß die Entscheidung über Teilzeitassistenten und Tutoren noch geprüft würden". Professor Furck weist in seiner Erwiderung auf den Vorwurf der Studenten, er habe nicht die materiallen Voraussetzungen für ein ordnungsgemäßes Studium geschaffen, darauf hin, "daß der Geschäftsführende Direktor des Erziehungswissenschaftlichen Instituts bereits in einem Schreiben vom 21. 4. 70 den Präsidenten auf die schwierige Personallage des Instituts hingewiesen habe und daß die Personalanforderungen, die der Geschäftsführende Direktor des EWI am 8. 6. 70 gestellt habe, vom Präsidenten nicht bewilligt worden seien". Der Fachbereichsrat beschließt mit 12:3:0 Stimmen "ein generelles Zulassungsverbot zunächst für das Sommersemester 1971" und stellt fest, "daß eine Zulassungsbeschränkung für das Hauptstudium Erziehungswissenschaften in absehbarer Zeit nicht aufgehoben werden" könne. 12. November 1970 Öffentliche Vorwürfe gegen FU-Vizepräsidentin In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und im "Tagesspiegel" erscheinen Artikel mit Zitaten aus angeblichen Äußerungen der Vizepräsidentin der FU, Dr. Margherita von Brentano, auf einer Veranstaltung der Jungsozialisten in Berlin-Wilmersdorf. Frau Dr. von Brentano wird unter anderem mit dem Statement zitiert : "Natürlich ist unser Ziel die Revolution. Aber das ist ein langer Weg. Solange werden wir auch keine völlig sozialistische Universität haben." (Vgl. 20. Okt., 16. Nov. ff. und 25. Dez. 1970) Zu wenig Hochschullehrer und Tutoren am Fachbereich 10 Der Fachbereichsrat Wirtschaftswissenschaften stellt fest, daß für 1.839 Studierende gegenwärtig lediglich 31 Hochschullehrer zur Verfügung stehen. Bei Zugrundelegung der Empfehlungen des Wissenschaftsrats ( ein Hochschullehrer auf 48 Studenten) ergibt dies einen Fehlbestand von 13 Hochschullehrern. 52 zur Zeit am Fachbereich beschäftigten Tutoren steht ein Bedarf an 152 Tutoren gegenüber, es fehlen 73 Tutorenstellen. Fachbereichsrat Mathematik achtet auf Demokratie Der Fachbereichsrat Mathematik lehnt einen Antrag auf Abwahl seines Vorsitzenden ab. Gleichzeitig wird der Vorsitzende aufgefordert, künftige schriftliche Äußerungen zu vermeiden, die den Anschein erwecken, sie seien von den Mitgliedern des Fachbereichsrats autorisiert und beim Einholen von Rechtsauskünften die Form und den Rechtsweg einzuhalten. Professor Lenz hatte ein Ersuchen um Rechtsauskunft nicht an FU-Präsident Kreibich, sondern direkt an den Wissenschaftssenator gerichtet. Disziplinarverfahren gegen FU-Vizepräsidentin gefordert Das CDU-Mitglied Rechtsanwalt Prelinger fordert in einem Schreiben an Senator Stein die Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegen die Vizepräsidentin der FU, Dr. Margherita von Brentano. Prelinger bezieht sich auf ein anonymes Protokoll, das auch Grundlage von Presseberichten ist. Die dort wiedergegeben Äußerungen zeigten deutlich, daß Vizepräsidentin von Brentano nicht die Anforderungen des Landesbeamtengesetzes erfülle, das Beamte verpflichte, sich zu der freiheitlich demokratischen Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes und der Verfassung von Berlin zu bekennen und ihr Amt unparteiisch auszuüben. Wissenschaftssenator Professor Stein kündigt an, daß er prüfen lassen werde, ob und inwieweit die in dem Protokoll festgehaltenen Äußerungen von Frau Dr. von Brentano den Tatsachen entsprächen. Er bittet in einem Brief die FU-Vizepräsidentin um Mitteilung, "ob die Wiedergabe dieser Äußerungen zutreffend ist, ggf. welche Äußerungen von Ihnen tatsächlich gemacht wurden". (Vgl. 13., 16., 17. und 19. Nov. 1970) Mißtrauensantrag gegen Senator Stein Die CDU-Fraktion des Berliner Abgeordnetenhauses stellt einen Mißtrauensantrag gegen den Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein. Dem Antrag geht eine zweistündige Debatte zur Frage der Gefährdung von Mitgliedern der Pädagogischen Hochschule durch radikale Kräfte voraus. In den letzten Tagen war es mehrfach zu Störungen an der PH gekonmmen, nachdem von einer studentischen Versammlung die Katholische Theologie und die Lateinische Abteilung für aufgelöst erklärt worden waren. Dabei war es zu physischen und psychischen Bedrohungen von Professoren und Studenten gekommen. Zulassungkommission Medizin tritt zurück Sämtliche Mitglieder der Zulassungskommission für die medizinischen Fachbereiche der Freien Universität Berlin treten aus Protest dagegen zurück, daß der Akademische Senat der FU den Vorschlag der Kommission abgelehnt hat, künftig Zulassungen allein im Losverfahren zu entscheiden. Dieses Verfahren sollte die "Absurdität der ganzen Situation demonstrieren". Die Zulassungskommission besteht aus zwei Professoren, zwei Assistenten und vier Studenten. Radiodiskussion zur Hochschulpolitik an der FU Um 22 Uhr diskutieren in einer Radiosendung von RIAS II unter Leitung von Mathias Kleinert FU-Präsident Kreibich, die Professoren Bernd Rüthers (Handels-, Arbeits- und Bürgerliches Recht) und Jürgen Zabeck (Wirtschaftspädagogik) als Vertreter der "Notgemeinschaft für eine freie Universität" und die Professoren Hans-Hermann Hartwich (Politische Wissenschaften) und Klaus Ulrich (Zoologie) als Vertreter der "Aktionsgruppe Hochschullehrer an der FU". Dok. 1047 13. November 1970 Erneute öffentliche Vorwürfe gegen FU-Vizepräsidentin "Die Welt" zitiert unter der Überschrift "Vizepräsidentin der FU für sozialistische Universität" aus dem anonymen Protokoll der Veranstaltung der Wilmersdorfer Jungsozialisten vom 20. Oktober 1970. Die Äußerungen seien "von einem Teilnehmer mitgeschrieben und von anderen bestätigt" worden, wohingegen Frau von Brentano das Protokoll bestreite, heißt es in dem Artikel von Hans-Erich Bilges. (Vgl. 12. und 17. Nov. 1970) Universitätspräsidenten widersprechen Senator Stein Die Präsidenten von Freier und Technischer Universität Berlin, Kreibich und Witkowsky, äußern in einem Schreiben an den Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, die Auffassung, daß die Zugehörigkeit zu einer "Roten Zelle" nicht Indiz für das Fehlen der Einstellungsvoraussetzungen entsprechend dem Landesbeamtengesetz sein könne. Eine besondere Überprüfung von Bewerbern, die über die Vorschriften des Landesbeamtengesetzes hinausgeht, stelle "eine unerträgliche Gesinnungsschnüffelei" dar. 14. November 1970 Fachbereichsratssitzung Neuere Fremdsprachliche Philologien nach Störung erneut abgebrochen Die Sitzung des Fachbereichsrats Neuere Fremdsprachliche Philologien wird erneut abgebrochen, da die anwesende studentische Zuhörerschaft "zum Ausdruck bringt, daß sie die Beratung des FBR zum Scheitern bringen wolle". Von elf bisher einberufenen Fachbereichssitzungen sind damit vier vorzeitig abgebrochen worden. (Vgl. 8. und 20. Okt., 10. und 14. Nov. 1970) 15. November 1970 Anzeige zur Wissenschaftsfreiheit veröffentlicht Die "Aktionsgruppe Hochschullehrer an der FU" veröffentlicht im "Tagesspiegel" 8 Thesen zur Wissenschaftsfreiheit als Anzeige. Gegen das vorherrschende Verständnis von Wissenschaftsfreiheit tritt sie für ein emanzipatorisches Wissenschaftsverständnis eintritt. Dok. 1048 Präsidialamt berät über Rechtsauskunftsersuchen des FB 16 Das FU-Präsidialamt berät in seiner Routinesitzung über die Anfrage des Fachbereichsrats Germanistik vom 4. November. Als grundsätzliches Problem wird die "Finanzierung solcher Studienpläne, deren Ziel Kader- bzw. Parteihochschule" ist, benannt. Hinsichtlich des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften wird die Frage nach dem Spielraum bei der Einstellung von Mitgliedern der "Roten Zelle" erörtert und in diesem Zusammenhang ein Vorgutachten in Auftrag gegeben. 16. November 1970 Schmierereien gegen FU-Vizepräsidentin Mit grüner Farbe ist am Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin die Parole "Ulbricht-Nutte Brentano über die Mauer" angebracht worden. FU-Vizepräsidentin antwortet Senator Stein Die Vizepräsidentin der FU, Dr. Margherita von Brentano, erklärt in Beantwortung der Anfrage von Wissenschaftssenator Stein vom 12. November, daß die in einem anonymen Protokoll ihr zugeschriebenen Äußerungen "Lüge oder Verdrehung bis zur Unkenntlichkeit" seien. Sie erkenne sich "in keiner einzigen der wohl aufgrund dieser Denunziation kolportierten angeblichen Äußerungen" wieder. (Vgl. 12., 17. und 19. Nov. 1970) Professor Loos informiert Senator Stein In einem Schreiben an den Senator für Wissenschaft und Kunst, Professor Stein, berichtet der Vorsitzende des Fachbereichsrats Neuere Fremdsprachliche Philologien, Prof. Dr. Erich Loos, über Störungen der Sitzung des Fachbereichsrats. Zwei Sitzung des Fachbereichsrats seien in diesem Semester bereits wegen "ständigen und nicht mehr zumutbaren Eingreifens" der weitgehend aus Mitgliedern der "Roten Zelle" bestehenden Zuhörerschaft abgebrochen worden. Gründe für die Störungen seien, daß die Majorität des Gremiums bisher die Stellenforderungen der "Roten Zelle" abgelehnt habe. 17. November 1970 FU-Leitung nimmt zur Auseinandersetzung um Dr. von Brentano Stellung Der Präsident der Freien Universität Berlin, Rolf Kreibich, und seine Vizepräsidenten Professor Wesel und Professor Lax geben eine Erklärung ab, in der es heißt: "Am 12. und 13. November erschienen in der Presse in großer Aufmachung Auszüge aus einem anonymen Gedächtnisprotokoll der Vizepräsidentin Frau Dr. Margherita von Brentano. Frau Dr. von Brentano weist mit Recht die ungeheuerliche Methode zurück, ungeprüfte Pamphlete als Mittel der politischen Auseinandersetzung zu benutzen." Der Präsident und die Vizepräsidenten der FU wenden sich mit aller Entschiedenheit gegen diese unverantwortliche Stimmungsmache. Wissenschaftssenator Prof. Dr. Stein wird vorgeworfen, Frau Dr. von Brentano "in ein schiefes Licht" gebracht zu haben, indem er seine an sie gerichtete Aufforderung zur Stellungnahme der Öffentlichkeit bekanntgegeben habe. Des weiteren weisen der Präsident und die Vizepräsidenten der FU daraufhin, daß ein Mitarbeiter aus der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Kunst auf der fraglichen Veranstaltung vom 20. Oktober anwesend war. FU-Vizepräsidentin soll Stellung nehmen In Vertretung von Wissenschaftssenator Stein bittet Senator Löffler die FU-Vizepräsidentin Dr. von Brentano um Stellungnahme zu mehreren Äußerungen, die in dem umstrittenen Protokoll enthalten sind. Ohne Namensnennung teilt Löffler mit, daß "sich inzwischen herausgestellt hat, wer der Autor der Ihnen übersandten Aufzeichnungen über den Diskussionsabend vom 20.10.1970 ist". In ihrer Antwort bezeichnet Vizepräsidentin Dr. von Brentano das zitierte Schriftstück als "Machwerk". Die ihr unterstellten Zitate enthielten "jeweils Versatzstücke aus Fragen, die auf der Jungsozialisten- Tagung gestellt wurden, aus Antworten von mir und aus Beiträgen anderer Teilnehmer" und fügten "diese Elemente zu einer positiven Behauptung zusammen". Frau Dr. von Brentano äußert am Ende ihres Schreibens die Befürchtung, "daß die haarscharfe Grenze, die ein demokratisches politisches Klima von dem trennt, was in der Nachkriegszeit mit Mc Carthyismus seinen Namen erhalten hat, überschritten ist". (Vgl. 12., 13., 16. und 19. Nov. 1970 und 23. Dez. 1970) 18. November 1970 "Bund Freiheit der Wissenschaft" gegründet In Bad Godesberg findet der Gründungskongreß des "Bundes Freiheit der Wissenschaft" mit 1500 Teilnehmern statt. Laut Satzung vereinigt der Bund Personen aus allen Kreisen der Bevölkerung zu dem Ziel, "auf der Grundlage der freiheitlich demokratischen Rechtsordnung und im Bewußtsein der gesellschaftlichen Verantwortun 1. die Freiheit von Forschung und Lehre und Studium zu wahren und zu fördern, 2. sich jeder Unterwerfung unter die Machtansprüche einzelner Gruppen oder Intressenten zu wiedersetzen, 3. auf eine Politik zu drängen, die eine stetige Verbreiterung der Bildungschancen mit der Aufrechterhaltung der Leistungmaßstäbe verbindet". Auf der Veranstaltung sprechen die Professoren Hans Maier (München), Ernst Nolte (Marburg), Richard Löwenthal (Berlin), Wilhelm Hennis (Freiburg) und Hermann Lübbe (Bochum). In den Vorstand des "Bundes Freiheit der Wissenschaften" werden die Professoren Lübbe, Maier und Rüegg gewählt. 19. November 1970 Stellungnahme des Präsidialamtes zum "Sozialistischen Studium" der Rotzeg Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, und seine Vizepräsidenten Wesel, Lax und von Brentano nehmen in einem Schreiben an den Fachbereich Germanistik zum Konflikt um das "Sozialistische Studium" der "Roten Zelle Germanistik" Stellung. Die "Tendenz" dieses Studienprogramms sei für die Hochschulreformer an der FU unannehmbar. Das Studienprogramm der "Roten Zelle" habe bei seinem "Dogmatismus nicht mehr den Charakter eines Experimentes". Allgemeine politische Propaganda und marxistisch-leninistische Schulung im Sinne von Parteischulung sei nicht Aufgabe eines wissenschaftlichen Lehrprogramms. (Vgl. 4. und 20. Nov., 23. Dez. 1970 und 12. Jan. 1971) Fachhochschulgesetz verabschiedet Das Abgeordnetenhaus von Berlin verabschiedet nach 2. Lesung das Fachhochschulgesetz. Die bisherigen fachbezogenen Akademien sollen in drei Fachhochschulen zusammengefaßt werden: Die Technische Fachhochschule Berlin wird aus den Ingenieurakademien Bauwesen, Beuth, Gauß und der Akademie für Gartenbau gebildet; die Fachhochschule für Wirtschaft soll aus den beiden Abteilungen der Wirtschaftsakademien gebildet werden; zur Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik werden die Akademie für Sozialarbeit und die Ellis-Salomon-Akademie des Pestalozzi-Fröbel-Hauses zusammengefaßt. Die Akademien für Werbekunst und Mode sowie Grafik, Druck und Werbung werden in die Hochschule für bildende Künste eingegliedert. Die Lehrkörperstruktur an den Fachhochschulen soll den Universitäten angeglichen werden. Für Fachhochschullehrer besteht sowohl die Möglichkeit eigener Forschung als auch der Beteiligung an Forschungsvorhaben der Universitäten. Die Grundlagenforschung soll an den Universitäten verbleiben. Der Mißtrauensantrag der CDU-Fraktion gegen den Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, wird mit den Stimmen von SPD und FDP abgelehnt. Vorermittlungen gegen FU-Vizepräsidentin Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, leitet als geschäftsführender Vorsitzender des Personalausschusses im Kuratorium der FU Vorermittlungen gemäß §27 der Landesdisziplinarordnung gegen die Vizepräsidentin der FU, Dr. Margherita von Brentano, ein. Gegenstand dieser Vorermittlungen sind Auffassungen, die Frau Dr. von Brentano auf einer Veranstaltung der Wilmersdorfer Jungsozialisten geäußert haben soll. (Vgl. 12.,16. und 17. Nov. und 23. Dez. 1970) Germanistikstudenten beschließen Streik In einer studentischen Vollversammlung des Fachbereiches Germanistik wird ein Streik zur Durchsetzung des "Sozialistischen Studiums" beschlossen. Im Anschluß an die Vollversammlung werden noch am Nachmittag mehrere Lehrveranstaltungen verhindert. 20. November 1970 Ausschreitung an Architekturfakultät der TU 50 Mitglieder von "Roten Zellen" dringen in den Sitzungssaal der Architekturfakultät ein und versuchen die Akten von dort anwesenden Professoren zu entwenden. Drei Professoren werden geschlagen und getreten, dabei wird einem von ihnen der Arm ausgekugelt und einem weiteren das Nasenbein zertrümmert. (Vgl. 21. Nov. 1970) Senator Stein gibt Rechtsauskunft über "Sozialistisches Studium" Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, nimmt in Schreiben an den Präsidenten der FU, Kreibich, und den Vorsitzenden des Fachbereichsrats Germanistik, Professor Heinrichs, zum "Sozialistischen Studium" der "Roten Zelle Germanistik" (Rotzeg) Stellung. Senator Stein weist darauf hin, daß es nicht zu den Aufgaben der Freien Universität gehöre, eine marxistisch-leninistische Schulung der Studenten vorzunehmen oder "Studenten zu Sozialisten umzuerziehen". Das sozialistische Studienprogramm der Rotzeg verfolge verfassungswidrige Ziele. Die Durchführung der von der Rotzeg propagierten Veranstaltungen als offizielle Lehrveranstaltungen der Universität sei rechtswidrig und unzulässig. Der Senator fordert den Präsidenten der FU auf, alle in dem Studienprogramm der Rotzeg namentlich genannten Mitglieder des Lehrkörpers zu befragen, inwieweit diese sich mit dem Studienprogramm der Rotzeg identifizierten. (Vgl.23. und 25. Nov. und 29. Dez. 1970) 21. November 1970 Professoren protestieren im Akademischen Senat der FU Mehrere Professoren verlassen vor Beginn der Diskussion über den Referentenentwurf zum Hochschulrahmengesetz aus Protest gegen die tätlichen Angriffe auf ihre Kollegen an der Architekturfakultät der TU die Sitzung des Akademischen Senats und erklären, es sei "angesichts des Terrors, der zur Zeit an den Hochschulen herrscht", nicht sinnvoll, an der auf der Tagesordnung stehenden Beratung über den 2. Referentenentwurf des Hochschulrahmengesetzes teilzunehmen. Der Akademische Senat der FU bedauert in einem Beschluß die Vorfälle an der TU. Der Akademische Senat der FU lehnt den 2. Referentenentwurf für ein Hochschulrahmengesetz ab. Der von Bundeswissenschaftsminister Hans Leussink vorgelegte Entwurf gefährde die in einigen Bundesländern bereits konzipierte Hochschulreform, die reformfeindlichen Länder hätten sich offenbar durchgesetzt. Der Akademische Senat fordert eine Berücksichtigung der Reformvorstellungen der Bundesassistentenkonferenz und der Westdeutschen Rektorenkonferenz bei der weiteren Überarbeitung des Gesetzeswerks. Dok. 1049 Jusos kritisieren Gedächtnisprotokoll über ihre Veranstaltung Der Landesvorstand der Berliner Jungsozialisten erklärt, daß in dem Gedächtnisprotokoll über Äußerungen der Vizepräsidentin der FU, Frau Dr. von Brentano, grob entstellend und verfälschend über eine Versammlung der Wilmersdorfer Jungsozialisten berichtet worden sei. Der Landesvorstand der Jungsozialisten kritisiert, daß eine "anonyme Denunziation" genüge, um die Vizepräsidentin der FU öffentlich in das Zwielicht des Verfassungsverrats zu stellen. 23. November 1970 FU-Präsident lehnt Befragung von Germanistikdozenten ab Präsident Kreibich lehnt es ab, der Aufforderung von Wissenschaftssenator Professor Stein zu folgen und die Germanistik-Dozenten Dr. Friedrich Rothe, Dr. Manfred Lefèvre und Dr. Horst Domdey zu befragen, inwieweit sie sich bei der Durchführung ihrer Lehrveranstaltung mit den von der "Roten Zelle Germanistik" verkündeten verfassungswidrigen Zielsetzung identifizieren. Präsident Kreibich wirft in einem Schreiben dem Senator für Wissenschaft und Kunst vor, mit administrativen Maßnahmen einer politischen Auseinandersetzung aus dem Wege gehen zu wollen. (Vgl. 20. Nov. 1970) Fachbereichsratsversammlung gestört Eine Versammlung, die der Fachbereichsrat Mathematik der FU einberufen hatte, wird von Mitgliedern der "Roten Zelle Mathematik" gesprengt. FU-Student erhält türkische Staatsbürgerschaft zurück Dem an der FU studierenden türkischen Staatsbürger Hakki Keskin wird durch Beschluß der türkischen Regierung die ihm seit Juli entzogene türkische Staatsangehörigkeit wieder zuerkannt. (Vgl. 17. Okt. 1970) Richtfest für neues FU-Institut Richtfest des Instituts für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie der Freien Universität Berlin in Lichterfelde, Hindenburgdamm 27/27a. Die Gesamtkosten des Instituts belaufen sich einschließlich Ausstattung auf 32,7 Millionen DM. Das Institut soll im Frühjahr 1975 die Arbeit aufnehmen. 24. November 1970 Dienstaufsichtsbeschwerde gegen FU-Präsident abgelehnt Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, lehnt die Dienstaufsichtsbeschwerde von Professor Wolfgang Rudolph (Ethnologie) gegen den FU-Präsidenten Rolf Kreibich ab. Da ein Verbot der "Roten Zellen" durch den zuständigen Senator für Inneres nicht erfolgt sei, habe der Präsident der FU nicht die Befugnis - wie dies Professor Rudolph fordert - seinerseits diese Organisationen zu verbieten bzw. von der Wahl zu Universitätsgremien auszuschließen. (Vgl. 5. Juli und 18. Okt. 1970) Auseinandersetzung um Sozialistisches Studium am Fachbereich Germanistik Am Fachbereich Germanistik der FU werden etwa die Hälfte aller Lehrveranstaltungen gestört. Dozenten und Studenten werden von Streikposten am Betreten der Seminarräume gehindert. Die Behinderungen richten sich gegen diejenigen Mitglieder des Lehrkörpers, die den Beschluß des Fachbereichsrats gegen das "Sozialistische Studium" der "Roten Zelle Germanistik" unterstützt haben. (Vgl.4. und 11. Nov. 1970) FU-Info dokumentiert aktuelle Konflikte Die FU-Information dokumentiert den Stand der Auseinandersetzung um das "Sozialistische Studium" der "Roten Zelle Germanistik" und der Kontroverse um Vizepräsidentin Dr. von Brentano. Dabei wird erstmalig öffentlich erwähnt, daß es sich bei dem Protokoll der Diskussionsveranstaltung vom 20. Oktober 1970, das die Dr. von Brentano zur Last gelegten Äußerungen enthält, um ein Gedächtnisprotokoll der "Frau eines FU-Professors" handeln soll. Vorsitzender des Fachbereichsrates Neuere Fremdsprachliche Philologien äußert Verständnis für Einreiseverbot Auf der Fachbereichsratssitzung Neuere Fremdsprachliche Philologien wird bekannt gegeben, daß das Wissenschaftliche Landesprüfungsamt nun doch (befristet) die Prüfungserlaubnis für den Wissenschaftlichen Assistenten am Englischen Seminar, Dr. Scheler, erteilt hat. (Vgl. 8. Okt. und 3. Nov. 1970) Es wird über ein Schreiben des Fachbereichsratsvorsitzenden Professor Loos an den Kanzler der FU berichtet, in dem Verständnis für die Zurückweisung einiger Teilnehmer der Nordirland-Exkursion des Englischen Seminars der FU durch die britische Regierung geäußert wird. (Vgl. 24. Aug. 1970) 25. November 1970 Fachbereichsrat Germanistik lehnt Befragung von Dozenten ab Der Fachbereichsrat Germanistik an der FU beschließt mit 5:3:2 Stimmen, "daß er aus der Antwort des Senators Löffler keine administrativen Maßnahmen ableiten wird". Die drei Dozenten der im sozialistischen Studienprogramm der "Roten Zelle Germanistik" aufgeführten Lehrveranstaltungen sollen nicht einer besonderen Befragung unterzogen werden. (Vgl. 4.,11.,21.und 23. Nov. 1970) Der Fachbereichsrat beschließt in seinen Haushaltsberatungen eine erhebliche Aufstockung der Mittel für den Ankauf sozialistischer Literatur. Fachbereichsratssitzung Erziehungswissenschaften gestört Die Sitzung des Fachbereichsrats Erziehungswissenschaft wird im Henry-Ford-Bau der FU von ca. 150 Studenten, die zum Teil mit ihren Kindern erschienen sind, durch Zwischenrufe und Kindertrompeten gestört. Als die Mitglieder des Fachbereichsrats den Saal verlassen, werden Knallkörper und Farbeier geworfen. Die Sitzung wird in den Räume der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Kunst unter Polizeischutz fortgesetzt. Für das Präsidialamt nehmen Vizepräsident Prof. Dr. Uwe Wesel und Klaus Koch an der Sitzung teil. (Vgl. 11. Nov. 1970) FU-Fachbereichsräte kritisieren Einsetzung des Staatskommissars an der Architekturfakultät der TU Der Fachbereichsrat Geowissenschaften sieht die Einsetzung des Staatsbeauftragten an der Architekturfakultät der TU "mit größtem Unbehagen". Einstimmig kritisiert der Fachbereichsrat die Aufforderung des Wissenschaftssenators zur Prüfung der Mitgliedschaft in "Roten Zellen" bei Einstellung von Beamten und Angestellten und "den undifferenzierten Bericht des Senats über die Roten Zellen und den Versuch, die Verantwortung für politische Entscheidungen den Universitäten zuzuschieben". Der Fachbereichsrat Biologie an der FU verurteilt mit acht gegen vier Stimmen bei drei Enthaltungen die jüngsten Eingriffe des Berliner Senats in die Belange der Hochschulen. Kritisiert werden in dem Beschluß: "die Einsetzung des Staatskommissars an der Architekturfakultät der TU; das Schreiben des Wissenschaftssenators, in dem die Mitgliedschaft in einer 'Roten Zelle' als Einstellungshindernis bezeichnet wird; die Einleitung einer Voruntersuchung aufgrund anonymer Berichte über angebliche Äußerungen von Frau Vizepräsidentin von Brentano; die Aufforderung an Dozenten des Fachbereiches Germanistik zur Distanzierung von dem Studienprogramm der Rotzeg; die Erwägungen zu einem Verbot der Roten Zellen." Fachbereich Chemie beschließt Diskussionswoche Der Fachbereich Chemie der FU wird auf Beschluß der Mehrheit der Hochschullehrer und Assistenten eine Diskussionswoche vom 30. November bis 4. Dezember durchführen, um insbesondere über die Lehrkörperstruktur und das Gesamthochschulgesetz zu diskutieren. Mit der Diskussionswoche soll zugleich gegen die späte Information der Hochschullehrer über den Fachhochschulgesetzentwurf protestiert werden. Fachbereich Mathematik gegen anonyme Flugblätter Der Fachbereich Mathematik beschließt, daß zukünftig nur namentlich gezeichnete Druckerzeugnisse mit Sachmitteln des Fachbereichs hergestellt werden dürfen. Für so gekennzeichnete Druckerzeugnisse werde es keinerlei Zensur geben. 26. November 1970 Germanistikstudenten wollen ihren Boykott aussetzen Eine studentische Vollversammlung des Fachbereichs Germanistik beschließt aufgrund des Fachbereichsratsbeschlusses vom Vortage die Aussetzung der Boykottmaßnahmen gegen Lehrveranstaltungen. (Vgl. 19. Nov. 1970) 27. November 1970 FU-Kuratorium beschließt 2. Psychologisches Institut Das Kuratorium der FU beschließt in seiner 157. Sitzung mit Mehrheit die Eingliederung von Professor Jäger, zwölf Wisenschaftlichen Mitarbeitern und einem Tutor aus dem Psychologischen Institut der FU im Fachbereich Philosophie und Sozialwissenschaften in den Fachbereich Erziehungswissenschaften. "Das Kuratorium geht" in seinem Beschluß "davon aus, daß bis zur endgültigen formalrechtlichen Errichtung einer wissenschaftlichen Einrichtung Psychologie diese Psychologen eine organisatorische Einheit bilden mit den Befugnissen eines Instituts herkömmlicher Art". Damit ist ein 2. Psychologisches Institut an der FU eingerichtet. Präsident Kreibichs Antrag auf Vertagung dieser Entscheidung wird nicht entsprochen, da nach Auffassung der Kuratoriumsmehrheit die brisante Situation am Psychologischen Institut eine sofortige Beschlußfassung unabdingbar mache. Die Psychologen im Fachbereich Erziehungswissenschaften werden berechtigt, ebenso wie das Psychologische Institut im Fachbereich Philosophie und Sozialwissenschaften eine volle Diplomausbildung anzubieten. Das Kuratorium billigt den Haushalt der FU für 1971. Der Haushalt schließt mit 384.362.480 DM ab und ist der höchste Haushalt, den die Freie Universität Berlin bisher zur Verfügung hatte. Der Staatszuschuß für diesen Haushalt beläuft sich auf ca. 315,3 Millionen DM. Gegenüber dem Entwurf wurde der Haushalt um 39 Millionen DM erhöht, die durch die auf dieser Sitzung bestätigte Übernahme des Krankenhauses Westend und der Frauenklinik Pulsstraße in die FU entstehen. Dok. 1050 Fortgang der Auseinandersetzung um FU-Vizepräsidentin Der Präsident der FU, Rolf Kreibich , bittet in einem Schreiben den Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, um unverzügliche Mitteilung, wer das Protokoll der Veranstaltung vom 20. Oktober unterzeichnet hat, in dem die der Vizepräsidentin Dr. von Brentano zur Last gelegten Äußerungen festgehalten sind. Die Vizepräsidentin der FU, Dr. Margherita von Brentano, lehnt gegenüber Wissenschaftssenator Professor Stein anläßlich der Vorermittlungen zu ihrem Disziplinarverfahren mündliche Meinungsäußerungen ab, da sie bereits schriftlich zu den gegen sie erhobenen Vorwürfen Stellung bezogen habe. (Vgl. 17. und 19. Nov. 1970) FU-Präsident Kreibich nimmt auf einer Pressekonferenz zur "Kampagne gegen Vizepräsidentin v. Brentano" Stellung. Kleine Anfrage zum Abbruch einer Lehrveranstaltung Der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz und Wissenschaftssenator Stein antworten auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Ursula Besser (CDU) vom 2. November 1970 bestätigend, daß die von Dr. Besser erwähnte Lehrveranstaltung des Anglisten Dr. Wilhelm Gauger am 26. Oktober abgebrochen werden mußte, und teilen mit, daß Senator Stein den Präsidenten der FU - nachdem auch die Übung am 9. und 16. November gestört wurde - gebeten habe, gemäß §8 Abs. 3 des Universitätsgesetzes durch geeignete Maßnahmen den ordnungsgemäßen Ablauf dieser Lehrveranstaltung zu gewährleisten. 30. November 1970 Schließung des Schülerladens "Rote Freiheit" rechtmäßig Das Berliner Oberverwaltungsgericht bestätigt in zweiter Instanz die Schließung des Schülerladens "Rote Freiheit" durch den Senator für Jugend und Sport im April dieses Jahres. Nach Meinung des Gerichts ist nicht auszuschließen, daß eine Fortsetzung der Tätigkeit des Schülerladens eine Gefahr für das geistige und seelische Wohl der Kinder bedeuten könnte. Die Tätigkeit in dem Schülerladen sei nicht nur als Ausführung des Forschungs- und Arbeitsprojekts des Psychologischen Instituts der FU anzusehen, sondern auch als jugendpflegerische Tätigkeit, für die der Senator für Jugend und Sport die Verantwortung trage. Er sei somit nach den ihm bekannt gewordenen Vorgängen im Schülerladen "Rote Freiheit" berechtigt gewesen, die Schließung der Einrichtung anzuordnen. (Vgl. 8. April 1970) 1. Dezember 1970 Senator Stein antwortet auf Kritik von FU-Präsident Kreibich Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, antwortet auf die Kritik von FU-Präsident Kreibich vom 27. November 1970 an dem Senatsbericht zur Lage an den Hochschulen und an der Einleitung von Disziplinarermittlungen gegen Vizepräsidentin Dr. von Brentano. Senator Stein erläutert, daß mit dem Senatsbericht ein Auftrag des Abgeordnetenhauses erfüllt wurde. Nicht der Bericht belaste die Situation an der Freien Universität, sondern die Aktivitäten der "Roten Zellen" und ihnen nahestehender Gruppen. Es hieße Ursache und Wirkung verwechseln, wenn das Präsidialamt der FU den Bericht des Senats als auslösenden Faktor für die jüngsten Auseinandersetzungen an den Hochschulen betrachte. Die Vorermittlungen gegen Frau Dr. Margherita von Brentano seien notwendig geworden, nachdem durch die Behandlung in der Presse und im Abgeordnetenhaus die gegen sie erhobenen Vorwürfen "zu einem öffentlichen Vorgang" geworden seien. Die Anonymität des Verfassers des Gedächtnisprotokolls sei inzwischen ihm gegenüber aufgehoben worden, wie Präsident Kreibich bekannt sei. In einem weiteren Schreiben erneuert Senator Stein gegenüber Präsident Kreibich die Aufforderung, die drei Mitarbeiter des Germanischen Seminars zu befragen, die die im Sozialistischen Studienprogramm der "Roten Zelle" aufgeführten Lehrveranstaltungen abhalten, "wie sie zu dem sozialistischen Studienprogramm stehen und ob sie sich insbesondere mit den Zielen der Roten Zelle Germanistik identifizieren". Professoren solidarisieren sich mit FU-Vizepräsidentin In einer gemeinsamen Erklärung kritisieren über 30 Hochschullehrer, darunter die Professoren Abendroth, Altvater, Bloch, Claessens, Eberhard, Flechtheim, Gollwitzer, Holzkamp, Krippendorff, Uhde und Wesel die "Kampagne" gegen Vizepräsidentin von Brentano: "Es steht zu befürchten, daß der Berliner Senat und die Berliner SPD bereit sind, je näher die Wahlen rücken, sich dem Druck der Gegenreform zu beugen und die Ansätze der Reformpolitik zu opfern. Wie das Vorgehen des Senators für Wissenschaft und Kunst gegen die Vizepräsidentin zeigt, gibt sich die Berliner SPD - vermutlich aus Wahlopportunismus - dazu her, Methoden öffentlichkeitsfähig zu machen, die aus dem rechten Untergrund stammen. Aber Senat und SPD sollten sich bewußt sein, daß sie damit die Grenzen überschreiten, die ein politisches Klima von dem trennt, was in der Nachkriegszeit als McCarthyismus seinen Namen erhalten hat." Professor Heistermann vertritt Hochschulen im Rundfunkrat Die FU-Leitung stimmt dem Vorschlag zu, den Rektor der Pädagogischen Hochschule, Professor Heistermann, als Vertreter der Universitäten in den Rundfunkrat zu entsenden. Prof. Dr. Carsten Colpe wird auf Vorschlag von Vizepräsident Wesel als Stellvertreter benannt. Senat verabschiedet Gesamthochschulplan Der Berliner Senat verabschiedet einen von der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Kunst vorgelegten Gesamthochschulplan und leitet ihn dem Abgeordnetenhaus zu. Nach diesem Plan soll in einer oder mehreren Gesamthochschulen die Freie und die Technische Universität, die Pädagogische Hochschule, die neu gebildeten Fachhochschulen und die künstlerischen Hochschulen zusammengefaßt werden. Projektiert ist ein Übergang zur Gesamthochschule in mehreren Phasen. Die gemäß Fachhochschulgesetz gebildeten gemeinsamen Kommissionen von Fachhochschulen und Universitäten sollen eine erste intensive Zusammenarbeit ermöglichen. 1974 könne dann schon von einem Gesamthochschulbereich gesprochen werden. Die bis zu diesem Zeitpunkt gewachsene Zusammenarbeit verschiedener Hochschuleinrichtungen soll dann organisatorisch zusammengefaßt werden. Bis 1980 werde eine völlig integrierte Gesamthochschule verwirklicht sein. Intressenvertretungen aus Bildungssektor gegen HRG-Entwurf Gegen den vorliegenden Entwurf des Hochschulrahmengesetzes, der am 2. Dezember im Bundeskabinett beraten werden soll, wenden sich in einer gemeinsamen Erklärung die Westdeutsche Rektorenkonferenz, die Arbeitsgemeinschaft der philosophisch-theologischen Hochschulen, die kirchlichen Hochschulen, Kunsthochschulen, Werkkunsthochschulen, die Direktoren der Ingenieurschulen, die Bundesassistentenkonferenz, der Verband Deutscher Studentenschaften, die Allgemeinen Studentenausschüsse der Kunsthochschulen und Hochschulen für bildende Künste, der Studentenverband an den Ingenieurschulen, höheren Fachschulen und Fachhochschulen. Der Entwurf enthalte mehrere Regelungen, die alle Unterzeichner in ihren gemeinsamen Beratungen als unerträglich erkannt hätten. Insbesondere werden vier Punkte hervorgehoben: 1. Die Beschränkung der Vereinigungsfreiheit der Hochschuleinrichtungen durch die Verpflichtung, vor jedem Zusammenwirken Einvernehmen zwischen Ländern und auf Bundesebene herzustellen. 2. Der Ausschluß von Hochschulinstitutionen aus den Studienreformen und ihrer Instrumentarien zugunsten von staatlich benannten Sachverständigen behindere die gemeinsame Handlungsfähigkeit der Hochschulen und entzögen ihnen ihre Verantwortung für Studienreform- und Forschungsplanung. 3. Die Mitwirkung der Hochschulen bei der Fortschreibung der Hochschulgesamtpläne durch die Länder werde wieder zurückgenommen und der Status quo fixiert, dessen Verbesserung Aufgabe des Gesetzes sei. 4. Die im 1. Entwurf vorgesehene zentrale Repräsentanz der Hochschulen auf Bundesebene (Bundeshochschulkonferenz), die für die verantwortliche Selbst- und Mitbestimmung der Hochschulen in Forschung, Lehre und Studium unabdingbar sei, fehle im 2. Entwurf. 2. Dezember 1970 Gedächtnisprotokoll nicht mehr anonym Der "Berliner Extradienst" meldet, daß die bisher anonym gebliebene Verfasserin des Gedächtnisprotokolls, das zur Einleitung disziplinarischer Vorermittlungen gegen FU-Vizepräsidentin von Brentano führte, die Frau des früheren Dekans der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Prof. Dr. Wolfram Fischer, sei. Das Protokoll sei nicht während der Veranstaltung, sondern später als Gedächtnisprotokoll angefertigt worden. Rücktritte im Fachbereichsrat Philosophie und Sozialwissenschaften Aus Protest gegen die "faktische Spaltung" des Psychologischen Instituts treten der Vorsitzende und der stellvertretende Vorsitzende des Fachbereichs 11 (Philosophie und Sozialwissenschaften) der FU, Prof. Dr. Jacob Taubes und Prof. Dr. Wolf Lepenies, zurück. Als weitere Gründe ihres Rücktritts benennen die beiden Professoren die öffentliche Kampagne gegen ihren Fachbereich und die Rückgabe einer Berufungsliste (Nachfolge Feierabend) durch Senator Stein. Auf Platz 2 der Liste stand der Marxist Hans-Heinz Holz aus Zürich, der nach der Absage des Erstplatzierten Professor Theunissen zur Berufung stand. Dieser Vorgang zeigt nach Auffassung von Professor Taubes und Professor Lepenies, daß es für Marxisten keinen Platz in den höheren Positionen des Lehrbetriebs gebe. Mißbilligung des 2. Psychologischen Instituts abgelehnt Der Fachbereichsrat Erziehungswissenschaften lehnt mehrheitlich einen Mißbilligungsantrag ab, der sich gegen die Errichtung eines 2. Psychologischen Instituts in diesem Fachbereich richtet. Akademischer Senat der FU fordert Beteiligung an Beratungen des Gesamthochschulplanes Der Akademische Senat der FU stellt auf seiner 27. Sitzung mit Befremden fest, daß der Berliner Senat seinen Gesamthochschulplan verabschiedet und dem Abgeordnetenhaus zugeleitet hat, ohne in der Phase "der langfristigen Vorbereitungszeit" die Hochschulen "dazu gehört oder um eine Stellungnahme gebeten" zu haben. Ein Plan, "der die Neugestaltung des gesamten Hochschulbereiches zum Ziele" habe, könne nur nach einer gründlichen gemeinsamen Beratung zwischen Land und Hochschulen "die zuverlässige und sachliche Beschreibung und Vorbereitung einer solchen Zielplanung" sichern. "Der Akademische Senat protestiert mit allem Nachdruck gegen eine solche Verfahrensweise und ersucht das Abgeordnetenhaus von Berlin, alle Berliner Hochschulen umgehend an den weiteren Beratungen der Hochschulgesamtplanung zu beteiligen. "Der Akademische Senat berät über die Liste, die Präsident Kreibich zur Besetzung der Forschungskommission vorlegt. Mit Ausnahme von Professor Martin Jänicke und cand. rer. nat. Wolfgang Kowalski finden die vorgeschlagenen Kandidaten keine Mehrheit. Profesoren-Go-in im FU-Präsidialamt Wissenschaftliche Räte und Professoren des Fachbereichs Chemie veranstalten ein Go-in in das Präsidialamt der FU und übergeben Präsident Kreibich Anträge auf eine Höhergruppierung von Besoldungsstufe AH 4 nach AH 6. Sie begründen ihre Forderung damit, daß sie die gleiche Qualifiaktion wie Kollegen der Gruppe AH 6 besäßen und Fachhochschuldozenten nach dem neuen Fachhochschulgesetz trotz geringerer Lehrleistung nach AH 5 bezahlt würden. 3. Dezember 1970 Senator Stein nimmt zu Rücktritten Stellung Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, nimmt zu der Rücktrittserklärung des Fachbereichsratsvorsitzenden Prof. Dr. Jacob Taubes und seines Stellvertreters Prof. Dr. Wolf Lepenies (Philosophie und Sozialwissenschaften) Stellung. Senator Stein bezeichnet die von beiden Professoren behauptete "faktische Spaltung" des Psychologischen Instituts der FU als nicht zutreffend. Die Mehrheit des Kuratoriums der FU habe mehrfach darauf hingewiesen, daß es sich bei der Entscheidung des Kuratoriums nicht um eine Teilung des Instituts, sondern um die Neugründung eines Psychologischen Instituts in einem anderen Fachbereich handele. Der Wunsch nach Einbeziehung der Psychologie in den Fachbereich Erziehungswissenschaften sei zudem aus fachlichen Gründen berechtigt. Der Wissenschaftssenator betont, daß er die Berufungsliste für die Nachfolge Feyerabend nicht zurückgegeben habe, weil einer der vorgeschlagenen Hochschullehrer Marxist sei, sondern weil die Liste zu kurzfristig eingereicht worden sei. Keine Auskunftspflicht des Fachbereichsrats gegenüber politischer Polizei Die Routinesitzung des Präsidialamts der FU benatwortet die Anfrage des Vorsitzenden des Fachbereichsrats Germanistik, Prof. Dr. Heinrich Matthias Heinrichs dahingehend, daß eine Auskunftspflicht des Fachbereiches gegenüber der politischen Polizei nicht besteht. Professor Heinrichs wird empfohlen, die politische Polizei an das Präsidialamt zu verweisen. (Vgl. 9. Dez. 1970) 4. Dezember 1970 Professor Schwan analysiert Stand der Hochschulreform "Der Abend" veröffentlicht einen Beitrag von Prof. Dr. Alexander Schwan. Unter der Überschrift "Den Fehdehandschuh aufgenommen" beschäftigt sich Professor Schwan mit dem Stand der Hochschulreform und der politischen Polarisierung an den Universitäten. Profesor Schwan konstatiert einen "pathologischen Zustand der extremen Richtungen an der heutigen Universität". Die Gründung des "Bundes Freiheit der Wissenschaften" sieht Schwan als Reaktion auf "zunehmende Militanz, Infiltration, Absolutheitsansprüche, doktrinäre und revolutinäre Tendenzen" der linken Hochschulvereinigungen. Jedoch klaffe "zwischen Richard Löwenthals Bestreben", auf dem Gründungskongress des "Bundes Freiheit der Wissenschaften" "Bereitschaft zu kritischer Mitarbeit an der weiteren - teilweise zu modifizierenden - Hochschulreform zu wecken, und Hans Maiers (des Münchener Politologen) pauschaler Verächtlichmachung aller reformerischer Bemühungen der letzten drei Jahre ... eine allzu tiefe Differenz". Auf dem Kongreß hätten jene Beiträge, "die geeignet waren, die Anti-Stimmung zu erhitzen, erheblich mehr Beifall davongetragen als das Werben um Besonnenheit und konstruktive Kritik". Professor Schwan sieht in den gegenwärtigen Auseinandersetzungen an den Hochschulen nicht einen Konflikt der "nur ihre Interessen verfolgenden Stände", sondern den Streit "um verschiedene und zum Teil unvereinbare Auffassungen über Wissenschaft, ihre Freiheit und ihre Stellung zur demokratischen Gesellschaft". Unter diesem Aspekt sei auch der Kampf "gegen den linksradikalen Dogmatismus und Aktionismus zu führen". Abschließend fordert Professor Schwan eine "konstruktive, kritische und selbstkritische Reformpolitik über alle Standesunterschiede hinweg". Aktionsgruppe erläutert Thesen zur Wissenschaftsfreiheit Auf einer Pressekonferenz erläutert die "Aktionsgruppe Hochschullehrer" an der FU ihre "Thesen zur Wissenschaftsfreiheit". An erster Stelle stehe das Bemühen, das Universitätsgesetz gegen Gruppen von rechts und von links zur Geltung zu bringen. Die Wissenschaft dürfe weder an einen bestimmten Stand von Personen gebunden werden, noch sei sie ein Monopol von Gruppen, die Inhalt und Methoden verabsolutierten. Die Aktionsgruppe Hochschullehrer, der an der FU 107 Mitglieder angehören, kündigt an, ihre Initiative auch auf westdeutsche Universitäten auszuweiten. 7. Dezember 1970 Fachbereichsrat Neuere Fremdsprachliche Philologien erneut gestört Auf der Sitzung des Fachbereichsrats Neuere Fremdsprachliche Philologien entrollen Studenten ein Mao-Bild und legen vor dem Platz des Fachbereichsratsvorsitzenden Professor Loos einen Kranz nieder. H. Jörg Tildick (Rotzang) stellt erneut den Antrag auf sechs Tutorenstellen. Der Fachbereichsratsvorsitzende Professor Loos kritisiert den Antrag der Rotzang als ideologischen Ansatz mit Ausschließlichkeitsanspruch. Die Einführung in historischen und dialektischen Materialismus sei nicht Aufgabe des Fachbereiches. Im übrigen könnten Tutorien nur Lehrveranstaltungen erläutern, nicht aber ergänzen. Nach Ablehnung des Antrags der Rotzang werfen studentische Zuhörer Knallkörper und Farbeier und verhindern eine Fortsetzung der Fachbereichsratssitzung. Danach ziehen die ca. 80 anwesenden Studentinnen und Studenten zum Präsidialamt der FU, um mit einem Go-in ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Präsident Kreibich fordert die Studenten zur Vorlage eines schriftlichen Konzeptes hinsichtlich des Tutorenprogramms auf. Auch ein Tutorenprogramm müsse sich in ein allgemeines Konzept einfügen. Präsident Kreibich erklärt, daß er nicht bereit sei, den Wildwuchs der alten Universität fortzusetzen und ohne Darstellung eines Programms Tutorien zu befürworten. 8. Dezember 1970 Senator Stein bekäftigt seine Forderung nach Befragung von Germanistikdozenten Wissenschaftssenator Prof. Dr. Stein teilt dem Vorrsitzenden des Fachbereichsrats Germanistik, Professor Heinrichs, in Beantwortung des Schreibens vom 27. November mit, daß er im Rahmen der Staatsaufsicht berechtigt sei, die Befragung der für die umstrittenen Seminare verantwortlichen Germanistikdozenten zu fordern. Diese Forderung sei nicht als administrative Maßnahme zu werten und sei überdies nur "die logische Konsequenz" auf die Anfrage des Fachbereichsrats vom 11. November 1970. 9. Dezember 1970 Senator Stein empört über Zwischenfälle in Fachbereichsrat Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, äußert in einem Schreiben an den Präsidenten der FU, Rolf Kreibich, seine Empörung über das Vorgehen studentischer Zuhörer gegen Mitglieder des Fachbereichsrats Neuere Fremdsprachliche Philologien. Senator Stein sieht in diesem Zwischenfall ein besonderes Zeichen der Intoleranz und Reformfeindlichkeit. Die neuen Universitätsgremien seien durch Wahlen demokratisch legitimiert und verdienten den vollen Schutz ihrer Arbeit. Der Senator bitte den Präsidenten, "bis zum 18.12. 1970 mitzuteilen, welche Maßnahmen Sie getroffen haben, um derartige Vorkommnisse in Zukunft unmöglich zu machen und welche Schritte Sie eingeleitet haben, um die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen". (Vgl. 7. Dez. 1970) Vorsitzender des Fachbereichsrats Germanistik lehnt Zusammenarbeit mit politischer Polizei ab Auf der Sitzung des Fachbereichsrats Germanistik informiert dessen Vorsitzender Prof. Dr. Heinrich Matthias Heinrichs über eine Vorladung der politischen Polizei, da die Staatsanwaltschaft Ermittlungen zu den jüngsten Störungen von Lehrveranstaltungen eingeleitet habe. Das Sitzungsprotokoll notiert: "Prof. Heinrichs verliest seinen Antwortbrief: Ohne die (ausstehende) Genehmigung des Universitätspräsidenten sei ihm eine solche Aussage nicht gestattet. Auf Grund seiner hochschulpolitischen Überzeugung und seiner Ansichten über akademische Verwaltung und Lehre sähe er sich nicht in der Lage, mit der Staatsanwaltschaft zusammenzuarbeiten." (Vgl. 3. Dez. 1970) Wahlveranstaltung der SEW am Psychologischen Institut Am Psychologischen Institut der FU findet im Rahmen der Wahlkampagne der "Sozialistischen Einheitspartei Westberlins" (SEW) ein "Forum" statt, auf dem das Mitglied des Parteivorstandes Dietmar Ahrens referiert. Eine zum gleichen Termin einberufene Mitgliederversammlung des "Berufsverbandes Deutscher Psychologen" muß in einen anderen Raum ausweichen. Mitglieder der "Roten Zelle Psychologie" versuchen die Mitgliederversammlung zu stören. Wissenschaftsminister stellt neue Gesetzesinitiativen vor Bundeswissenschaftsminister Hans Leussink stellt ein Graduiertenförderungs- und ein Hochschulstatistikgesetz der Öffentlichkeit vor. Der Entwurf des Graduiertenförderungsgesetzes enthält ein umfassendes Förderungsprogramm für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Im Bundeshaushalt stehen für das kommende Jahr 36 Millionen DM für die Graduiertenförderung zur Verfügung. Ein zweijähriges Stipendium, das bei Bedarf um ein Jahr verlängert werden kann, soll mit monatlich 900 DM dotiert sein, für verheiratete Stipendiaten zuzüglich 200 DM und für jedes Kind 50 DM. 75% des Förderungsprogramms trägt der Bund, 25% die Länder. Der Entwurf des Hochschulstatistikgesetzes enthält die Planung zu einer hochschulspezifischen Datenbank, die beim Statistischen Bundesamt eingerichtet werden soll. Stipendien werden erhöht Die Stipendien nach dem Honeffer Modell sollen für Studierende ab 1. Januar 1971 von 350 auf 400 DM erhöht werden. Auch die Elternfreibeträge werden von 850 DM auf 980 DM erhöht. 10. Dezember 1970 Fachbereichsratssitzung verlegt Die Sitzung des Fachbereichsrats Erziehungswissenschaften der FU wird in die Räume der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Kunst verlegt, da erneute Störungen durch die "Rote Zelle Erziehungswissenschaften" angedroht wurden. Wissenschaftssenator fordert unverzügliche Überprüfung von drei Germanistikdozenten Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, fordert den Präsidenten der FU, Kreibich, "unverzüglich" zur Überprüfung der drei Dozenten auf, deren Lehrveranstaltungen im Veranstaltungsprogramm der "Roten Zelle Germanistik" (Rotzeg) als "Sozialistisches Studium" angekündigt werden. Für die Antwort setzt der Senator eine Frist bis zum 16. Dezember. Die gleiche Aufforderung ergeht am 11. Dezember auch an den Vorsitzenden des Fachbereichsrats Germanistik. Senator Stein kündigt an, daß er, falls die drei Dozenten tatsächlich ihre Lehrveranstaltungen im Sinne des sozialistischen Studienprogramms der Rotzeg durchführten, diese Seminare aus dem Vorlesungsverzeichnis der FU streichen werde. (Vgl. 16. und 19. Dez. 1970) Präsidialamtsvertreter zu Tagung der "Roten Zellen" entsandt Die Routinesitzung des Präsidialamtes berät über die "Form der Vertretung des Präsidialamtes" auf der Wochenendtagung der "Roten Zellen" am 12. Dezember. Die beiden Mitglieder des Präsidialamts (Warnke und Brentano) werden auf der Wochenendtagung der "Roten Zellen" am 12. und 13. Dezember nach Mehrheitsentscheidung des Raumes verwiesen. Professor Wolters wird Direktor des FU-Klinikums Die Gemeinsame Kommission des Klinikums Steglitz der FU wählt mit 13 gegen 1 Stimme den Internisten Prof. Dr. Hans-Georg Wolters (SPD) zu ihrem Vorsitzenden und neuen ärztlichen Direktor des Klinikums. "Notgemeinschaft" informiert über SEW-Wahlveranstaltung Die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" informiert in ihrer Pressemitteilung Nr. 17 über das "SEW-Forum", das am Vortage im Psychologischen Institut stattgefunden hat und kritisiert Institutsdirektor Professor Holzkamp, weil er der SEW gegenüber dem Berufsverband Deutscher Psychologen "das Vorrecht auf den Hörsaal eingeräumt" habe. WRK kritisiert erneut HRG-Entwurf Die Westdeutsche Rektorenkonferenz (WRK) kritisiert auf ihrer 85. Plenarversammlung in Bonn, daß mit dem Hochschulrahmengesetz des Bundes "den Hochschulen als Institutionen die Aufgabe der Studienreform endgültig aus der Hand genommen werden soll". Die Kritik der WRK richtet sich vor allem dagegen, daß nach dem vom Bundeskabinett verabschiedeten Gesetzentwurf die Länder anstelle der Hochschulen die Studienreformkommissionen bilden sollen. Bildung des Fachbereiches Rechtswissenschaft rechtmäßig Die zweite Kammer des Berliner Verwaltungsgerichts verwirft die Klage der früheren Juristischen Fakultät der FU gegen die Bildung des Fachbereichs Rechtswissenschaft als unbegründet. Das Gericht hält die Teile des Hochschulgesetzes, die sich auf Kompetenzen und Zusammensetzung der Fachbereichsräte beziehen, für verfassungsgemäß. (Vgl. 17. Febr. und 18. April 1970) FU muß Korps Teutonia zulassen In einem anderen Verfahren gibt das Verwaltungsgericht der Untätigkeitsklage des Korps Teutonia gegen die Freie Universität statt. Das Korps Teutonia im Weinheimer Senioren Convent (WSC) hatte im Januar 1970 seine Zulassung an der FU beantragt und bisher keine Entscheidung der Universität herbeiführen können. 11. Dezember 1970 FU-Präsident gegen Überprüfung der Germanistikdozenten Der Präsident der Freien Universität Berlin, Rolf Kreibich, reagiert mit scharfer Kritik auf die Aufforderung von Wissenschaftssenator Stein, nunmehr unverzüglich die im "Sozialistischen Studium" der "Roten Zelle Germanistik" namentlich empfohlenen Dozenten zu überprüfen. Die Auseinandersetzung mit den "Roten Zellen" könne nicht auf einer administrativen Ebene geführt werden. Fachbereich Rechtswissenschaft erhält Wissenschaftliche Einrichtungen Der Fachbereichsrat Rechtswissenschaft beschließt, die Institute für Bürgerliches Recht, für Strafrecht , für Staatslehre und Verwaltungsrecht und das Institut für Ausländisches und Internationales Recht und für Rechtsvergleichung als Wissenschaftliche Einrichtungen weiterzuführen. Mittel für Schaubühne sollen gesperrt werden Das Berliner Abgeordnetenhaus lehnt einen Antrag der CDU-Fraktion auf Sperrung aller Mittel für die Schaubühne am Halleschen Ufer ab. Es soll zunächst ein Bericht abgewartet werden, ob und inwieweit Mitglieder der Schaubühne sich außerhalb ihrer künstlerischen Aufgaben verfassungswidrig betätigt haben. Der Vorsitzende der CDU, Peter Lorenz, erklärt, die CDU wolle keine politische Zensur ausüben. Steuermitttel aus dem Kunsthaushalt dürften jedoch nicht für politische Ziele zweckentfremdet werden. Das Ensemble der Schaubühne am Halleschen Ufer verstehe sich selbst nicht als künstlerische, sondern als politische Gruppe. Nachdem sich innerhalb des SPD-Landesvorstandes und der Abgeordnetenhausfraktion eine Mehrheit für die Sperrung der Mittel von 1,8 Millionen DM für die Schaubühne ausgesprochen hatte, drohte der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, mit seinem Rücktritt. Daraufhin wird innerhalb der SPD-Fraktion ein Kompromißvorschlag ausgearbeitet, nach dem von den 1,8 Millionen DM vorläufig 1 Million gesperrt werden soll, bis der Landesrechnungshof die bisher an die Schaubühne gezahlten Subventionen auf ihre sachdienliche Verwendung überprüft hat. 14. Dezember 1970 Schäden durch Gewaltakte an Berliner Universitäten Auf eine Kleine Anfrage des Abgeordneten Peter Lorenz (CDU) nach Schäden, die im Zusammenhang politisch motivierter Gewaltakte seit dem 1. Juli 1967 entstanden seien, antworten der Regierende Bürgermeister Schütz und Innensenator Kurt Neubauer, an den Berliner Universitäten seien durch "Glas-, Gebäude-, Mobiliarschäden, Verschmutzungen von Fassaden und der Universitätsgelände, Entwendung von Einrichtungsgegenständen sowie Beschädigung von Fahnen und Fahnenmasten" Schäden in Höhe von 116.666,40 DM entstanden, an den Fachakademien Schäden in Höhe von 54.311,37 DM und an Gerichtsgebäuden Schäden in Höhe von 314.784,- DM. 15. Dezember 1970 Präsidialamt für Verlegung einer Fachbereichsratssitzung Auf der Routinesitzung des Präsidialamts der FU wird die Situation an den Fachbereichen Wirtschaftswissenschaft und Neuere Fremdsprachliche Philologien beraten. Dem Vorsitzenden des Fachbereichsrats Wirtschaftswissenschaft, Professor Krause-Jungk, wird empfohlen, im Falle von Störungen die Sitzung abzubrechen und in die Senatsverwaltung für Wissenschaft und Kunst zu verlegen. Störungen am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft Im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der FU kommt es zu Störungen von Lehrveranstaltungen durch Mitglieder der "Roten Zelle Ökonomie" (Rotzök). Die Störungen stehen im Zusammenhang mit der Entscheidung des Fachbereichsrats vom 9. Dezember, für die Nachfolge von Professor Sanmann nicht den von der Rotzök unterstützten marxistischen Kandidaten Harry Gräser auf die Berufungsliste zu setzen. Fachbereichsrat Neuere Fremdsprachliche Philologien tagt beim Senator Die Sitzung des Fachbereichsrates Neuere Fremdsprachliche Philologien findet infolge der Störungen am 8. Dezember im Hause des Senators für Wissenschaft und Kunst statt. Die Mehrheit des Fachbereichsrats spricht sich dafür aus, auch die kommenden Sitzungen unter Ausschluß der Öffentlichkeit durchzuführen. Der anwesende Präsidialamtsvertreter Klaus Koch weist darauf hin, daß der Präsident einen länger andauernden Ausschluß der Öffentlichkeit nicht hinnehmen könne. Der Vorsitzende des Fachbereichsrats Professor Loos sieht den Schutz der Sitzungen des Fachbereichsrats durch das Präsidialamt als Voraussetzung für deren öffentlichen Charakter an. Professor Seemann kritisiert, daß im Fachbereichsrat reine Machtpolitik betrieben werde, so daß infolge der Kompromißunfähigkeit der Konfliktparteien fast alle seine liberalen und linken Mitglieder ihre Mitarbeit eingestellt hätten. H. Jörg Tidick erklärt, daß durch die Erfüllung der studentischen Forderungen die Gründe für Störungen abgebaut werden könnten. Zur Entspannung der Lage sollen am Englischen Seminar zwei Assistentenstellen für Linguistik ausgeschrieben werden. Fachbereichsratsvorsitzender Professor Loos kündigt an, in einem Brief an FU-Präsident Kreibich um ein Gespräch aller Fachbereichsratsmitglieder mit dem Präsidenten und dem Wissenschaftssenator zu bitten. Wahlen der studentischen Mitglieder im Akademischen Senat Die studentischen Mitglieder der Fachbereichsräte der FU wählen mit einer Wahlbeteiligung von 79,5% ihre fünf Vertreter im Akademischen Senat der FU erneut für ein Jahr wieder. Gewählt werden Wilhelm Thiele und Michael Helmert (Liste "Für ein Sozialistisches Studium") mit 18 Stimmen, Nichael Narajek (Liste "Aktionseinheit sozialistischer und demokratischer Studenten) mit 17 Stimmen, Hans Kremendahl und Jürgen Sperling (Liste "Demokratische Linke") mit 22 Stimmen. 16. Dezember 1970 Fachbereichsrat Germanistik lehnt sofortige Überprüfung von drei Dozenten ab Der Fachbereichsrat Germanistik beschließt mit 10:2:0 Stimmen, "daß die vom Senator für Wissenschaft und Kunst mit Schreiben vom 11.12.70 an den Vorsitzenden des FBR mit Bezug auf §§ 15,3,3, und 17,1,4 UniG geforderte Überprüfung des Sachverhalts durch den Fachbereichsrat und seinen Vorsitzenden erst erfolgen kann nach einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Sozialistischen Studium unter Teilnahme aller Gruppen im Fachbereich. Diese Diskussion wird im Augenblick geführt. Der FBR sieht von jeglicher Entscheidung in Hinblick auf das Sozialistische Studium ab, bis ein Ergebnis dieser Diskussion vorliegt. Der FBR wird sich mit einem entsprechenden Ergebnis Ende Januar 1971 befassen". (Antrag Balzer/Büttrich) Gemäß diesem Beschluß wird die vom Senator geforderte Befragung der Dozenten, die die im Rahmen des Sozialistischen Studiums der Rotzeg aufgeführten Lehrveranstaltungen durchführen, nicht erfolgen. Dieser Beschluß wird dem Wissenschaftssenator am 17. Dezember duch den Fachbereichsratsvorsitzenden mitgeteilt. (Vgl. 4., 21. Nov. und 10. Dez. 1970, 6.,8. und 12. Jan. 1971) Astronomie wird Nebenfach bei Mathematikern Der Fachbereichsrat Mathematik beschließt Astronomie zum Nebenfach auszubauen. Der Antrag eines Studentenvertreters auf Zusammenlegung der beiden Mathematischen Institute wird abgelehnt. Eskalation am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft Der Fachbereichsrat Wirtschaftswissenschaft lehnt es nach dreistündiger Debatte mit 10:3:2 Stimmen ab, seine Berufungsliste vom 9. Dezember zu korrigieren und den Bremer Dozenten Dr. Harry Gräser auf Platz 1 zu setzen. Auch der Antrag auf Neuausschreibung findet mit 7:7:1 Stimmen keine Mehrheit. Im Anschluß an diese Entscheidung muß aufgrund von Störungen der studentische Zuhörer die Sitzung abgebrochen werden. (Vgl. 6. Jan. 1971) Eine studentische Vollversammlung beschließt wenig später einen dreitägigen Warnstreik. In einer Resolution fordert die große Mehrheit der 400 Teilnehmer die Besetzung des vakanten Lehrstuhls für Sozialpolitik mit einem marxistischen Wissenschaftler. Zugleich wird die Rücknahme der vom Fachbereichsrat beschlossenen Berufungsliste gefordert. Im Anschluß an die Vollversammlung werden vor den Hörsälen Barrikaden aus Mobiliar errichtet. Professor Fischer fordert Disziplinarverfahren Der frühere Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU, Prof. Dr. Wolfram Fischer, fordert in einem Schreiben an Präsident Kreibich die Einleitung von Disziplinarverfahren gegen einen Wissenschaftlichen Assistenten, zwei Wissenschaftliche Tutoren und drei Studenten, die Mitglieder in akademischen Gremien der FU sind. Professor Fischer begründet seine Forderung mit dem Hinweis, daß die betreffenden Personen mehrfach Lehrveranstaltungen gestört hätten bzw. zu einer Gruppe gehörten, aus der heraus während einer Fachbereichsratssitzung im November Farbeier geworfen worden seien. 11 Lehrveranstaltungen im Fachbereich 17 eingestellt Der Verwaltungsleiter des Fachbereichs Neuere Fremdsprachliche Philologien, Dr. Klaus Friedrich, teilt mit, daß elf im Lehrplan des Instituts angekündigte Lehrveranstaltungen inzwischen völlig eingestellt werden mußten, da sie wiederholt durch Mitglieder der "Roten Zelle Anglistik" gestört worden seien. Akademischer Senat bereitet Fachbereichsordnung vor Der Akademische Senat der FU bildet Komissionen: 1. zur Vorbereitung von Beschlußvorlagen für Fachbereichsordnungen; die Kommission wird verpflichtet, die Fachbereichsräte zu Fragen, die ihr bedenklich erscheinen, anzuhören; 2. zur Erarbeitung einer Vorlage über eine psychotherapeutische Beratungsstelle; 3. zur Erarbeitung einer Ordnung für die Zentraleinrichtung Forschungsstelle Vorschule gemäß Beschluß des Kuratoriums auf seiner 156. Sitzung. Kuratoriumsausschuß berät über Neugründung Psychologie Der vom FU-Kuratorium gemäß § 36 (3) UniG gebildete Ausschuß berät unter Hinzuziehung des Sachverständigen Dr. Zahn über die Neugründung einer Wissenschaftlichen Einrichtung für Psychologie im Fachbereich 12 - Erziehungswissenschaften. Der Ausschuß stellt übereinstimmend fest, daß weder Stellen noch Mittel des Psychologischen Instituts gemindert werden sollen. Präsident Kreibich weist darauf hin, daß eine räumliche Unterbringung der neuen Wissenschaftlichen Einrichtung im Fachbereich 12 nur durch unverzügliche Errichtung eines Schnellbaues ermöglicht werden könne. Der Ausschuß beschließt die finanzielle Ausstattung für das neue Psychologische Institut im Fachbereich 12 ab 1.1. 1971, die Zuweisung der Sach- und Personalmittel an Prof. Jäger und beauftragt den Universitätspräsidenten, unverzüglich alle Maßnahmen einzuleiten, um bereits zum Sommersemester 1971 alle zur Erhöhung der Studienplatzkapazität erforderlichen Arbeits- und Lehrräume anzumieten. Präsident Kreibich und das Kuratoriumsmitglied Peter Bruhn äußern erhebliche Bedenken gegen diesen "mit äußerst knapper Mehrheit" gefaßten Beschluß des Ausschusses, der einer Beschlußfassung des Kuratoriums vorgreife. Der Ausschuß beschließt die 5. Änderung der vorläufigen Wahlordnung für die Freie Universität. Der Ausschuß beauftragt Präsident Kreibich, im Januar dem Kuratorium einen Bericht zur Situation am Lateinamerika-Institut vorzulegen. Dort ist durch Rücktritt einiger Hochschullehrer aus dem Institutsrat eine Situation entstanden, die die Funktionsfähigkeit dieses Zentralinstituts in Frage stellt. Bis Ende März 1971 soll dem Kuratorium eine Vorlage zur Lösung dieser Frage unterbreitet werden. 17. Dezember 1970 Fachbereichsrat schließt Öffentlichkeit aus Der Fachbereichsrat des Fachbereiches Neuere Fremdsprachliche Philologien beschließt, vorerst unter Ausschluß der Öffentlichkeit zu tagen, um weiteren Störungen vorzubeugen. Ein wesentlicher Gedanke des Universitätsgesetzes habe sich an diesem Fachbereich als "nichtverwirklichbar" erwiesen. Der Fachbereich fordert von Präsident Kreibich, sicherzustellen, daß die sachliche Arbeit der demokratisch gewählten Kollegialorgane "ohne Pressionen und ohne Gewaltakte" stattfinden könne. Anstelle "bisheriger Ermahnungen an die Mitglieder des Fachbereichsrates, das Verhalten der universitären Öffentlichkeit möglichst großzügig zu beurteilen und Interventionen von Zuhörern als Diskussionsbeiträge zu werten", solle Präsident Kreibich in deutlichen Richtlinien festlegen, wie eine sachliche Beratung möglich werde, ohne daß Zuhörer die Möglichkeit zu ständiger Interventionen haben. Des weiteren wird über den Rücktritt eines Hochschullehrers aus dem Institutsrat des Lateinamerika-Instituts diskutiert. Die Funktionsfähigkeit dieses Gremiums sei dadurch fraglich. Der Präsident der FU wird gebeten, einen Beauftragten zu benennen, der die Sitzungen dieses Institutsrates leitet. Boykott bei FU-Wirtschaftswissenschaftlern Am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der FU fallen infolge des studentischen Warnstreiks alle Lehrveranstaltungen aus. (Vgl. 16. Dez. 1970) 18. Dezember 1970 Präsident Kreibich nimmt zur Situation am FB 17 Stellung Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, erklärt in einem Schreiben an den Vorsitzenden des Fachbereichsrats Neuere Fremdsprachliche Philologien, Prof. Dr. Erich Loos, nicht über das tatsächliche Ausmaß der Störungen im Englischen Seminar der FU unterrichtet gewesen zu sein. Präsident Kreibich kritisiert in seinem Schreiben insbesondere, daß Professor Loos und der Verwaltungsleiter des Fachbereichs, Dr. Friedrich, der Berliner Morgenpost Informationen übermittelt hätten, die ihm als Präsidenten der Universität nicht weitergeleitet worden seien. Präsident Kreibich wirft Professor Loos vor, daß er mit seinem Verhalten ebensowenig zu einer rationalen Lösung der am Englischen Seminar bestehenden Konflikte beitrage wie "die Aktionen einiger Studenten". Innenminister Genscher antwortet auf Anfrage über FU-Lehrveranstaltung Bundesinnenminister Genscher (FDP) verwahrt sich in der Fragestunde des Deutschen Bundestags dagegen, allein aus dem Titel oder dem Thema einer Vorlesung Rückschlüsse auf die Haltung von Dozenten gegenüber der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland zu ziehen. Der Grundsatz der Freiheit von Forschung und Lehre bedeute auch, daß wissenschaftliche Untersuchungen von verschiedenen Gesichtspunkten aus vorgenommen würden. Solange in der Vorlesung nicht zur gewaltsamen Durchsetzung bestimmter Ideologien aufgerufen werde, bestehe kein Grund zum Einschreiten. Bundesinnenminister Genscher antwortet damit auf eine Kleine Anfrage des Abgeordneten Franz Weigel (CSU), der danach fragt, ob eine Lehrveranstaltung von Prof. Dr René Ahlberg über marxistisch-leninistische Industriesoziologie, die im Vorlesungsverzeichnis der FU aufgeführt wird, gegen die verfassungsmäßige Ordnung des Grundgesetzes gerichtet sei. 21. Dezember 1970 "Spiegel" berichtet über den "Fall Brentano" "Der Spiegel" berichtet über die Auseinandersetzung um die Vizepräsidentin der Freien Universität Berlin, Dr. Margherita von Brentano. Dok. 1051 Fachbereichsrat Neuere Fremdsprachliche Philologien bestätigt Vordirektorium nicht Der Fachbereichsrat Neuere Fremdsprachliche Philologien tagt erneut unter Ausschluß der Öffentlichkeit im Hause des Senators für Wissenschaft und Kunst. Der Fachbereichsrat versagt mehrheitlich dem Vordirektorium der Wissenschaftlichen Einheit Vergleichende Literaturwissenschaften seine Bestätigung, da diesem Gremium zu wenig Professoren angehören und die gewählte Vorsitzende lediglich Wissenschaftliche Mitarbeiterin sei. 22. Dezember 1970 Anglistik-Assistent bezichtigt Präsident Kreibich der Falschinformation Die "Berliner Morgenpost" zitiert aus einem Schreiben des Assistenten am Englischen Seminar der FU, Hubert Gburek, der Präsident Kreibich vorhält, daß dieser über die Störungen in der Älteren Abteilung des Englischen Seminars informiert gewesen sein müsse. Er persönlich habe gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Bitterling dem Präsidialamt Mitteilung über den Streikplan der "Roten Zelle Anglistik" gemacht. Am 23. Oktober 1970, als die Störungen des Lehrbetriebs bereits eine Woche andauerten, habe es Präsident Kreibich bei einer Beratung mit dem Lehrkörper des Englischen Seminars über Strukturprobleme abgelehnt, die aktuellen Störungen zu diskutieren. Ein Termin, der am Ende dieses Gesprächs vereinbart wurde, um über die Störungen zu sprechen, sei von Präsident Kreibich nicht eingehalten worden. Schließlich hätte die Anfrage der CDU im Abgeordnetenhaus und ein Beitrag in der Berliner Abendschau ganz Berlin auf die Störungen im Englischen Seminar aufmerksam gemacht. 23. Dezember 1970 Vorermittlungen gegen FU-Vizepräsidentin eigestellt Wissenschaftssenator Stein stellt die disziplinarischen Vorermittlungen gegen die Vizepräsidentin der FU, Dr. Margherita von Brentano, ein, da ein Dienstvergehen nicht festgestellt werden kann. Die Äußerungen, die im Gedächtnisprotokoll der Veranstaltung der Wilmersdorfer Jungsozialisten vom 22. Juli 1970 Vizepräsidentin von Brentano zugeschrieben worden waren, konnten von zehn gehörten Zeugen in dieser Form nicht bestätigt werden. Die in dem Protokoll aufgeführten Zitate seien zum Teil aus verschiedenen Stellen der Diskussion zusammengetragen worden. Ohnehin sei das Protokoll erst mehrere Tage nach der Diskussion verfaßt worden. Leitung des Fachbereichs 17 kritisiert FU-Präsidenten Der Vorsitzende des Fachbereichsrats Neuere Fremdsprachliche Philologien, Prof. Dr. Erich Loos, und der Verwaltungsleiter dieses Fachbereichs, Dr. Friedrich, weisen die Kritik von Präsident Kreibich aus dessen Schreiben vom 18. Dezember 1970 zurück. Professor Loos erinnert an einen Bericht über die Lage am Englischen Seminar vom 28. Oktober, in dem Kreibich "sehr klar" darüber informiert worden sei, welche Situation an diesem Institut herrsche. FU-Präsident gegen Gesinnungsschnüffelei Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, bezeichnet in einer Stellungnahme die Kleine Anfrage des CSU-Abgeordneten Franz Weigel im Deutschen Bundestag als unerträgliche Gesinnungsschnüffelei. (Vgl. 18. Dez. 1970) 25. Dezember 1970 Vizepräsidentin von Brentano nimmt zum Wissenschaftspluralismus Stellung Im Berliner "Telegraf" erscheint ein Artikel von FU-Vizepräsidentin Dr. Margherita von Brentano zur Frage des Pluralismus. 29. Dezember 1970 Stand der Planung zu Transplantationszentrum der FU Im "Tagesspiegel" berichtet Uwe Schlicht über den Stand der Planungen für ein Transplantationszentrum im Klinikum Westend der FU. Das klinische Programm der Arbeitsgruppe "Berlintransplant" sehe zunächst Nierentransplantationen vor, um später die dabei gesammelten Erfahrungen für Leber-, Herz-, Lungen- und Knochenmarkstransplantationen nutzen zu können. In der Arbeitsgruppe "Berlintransplant" arbeiten Chirurgen, Nephrologen, Immunologen, Physiologen und Urologen. Wissenschaftssenator Stein streicht drei Lehrveranstaltungen des Fachbereichs Germanistik Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, ordnet die Streichung von drei Lehrveranstaltungen der Dozenten Dr. Horst Domdey, Dr. Manfred Lefèvre und Dr. Friedrich Rothe am Fachbereich Germanistik der FU an. Es handelt sich dabei um die drei Lehrveranstaltungen, die die "Rote Zelle Germanistik" im Rahmen des Sozialistischen Studiums angekündigt hatte. Auf seiner Routinesitzung beschließt das Präsidialamt der FU, beim Verwaltungsgericht die Aufhebung der sofortigen Vollziehung des Verbots der drei Lehrveranstaltungen am Fachbereich Germanistik zu beantragen. 1. Januar 1971 Lob für die Pressestelle der FU In der Wochenzeitung "Die Zeit" erscheint ein Artikel, in dem die FU-Pressestelle als mustergültig bezeichnet wird. Im neuen Jahr werde nicht nur über Universitätspolitik, sondern in einem gesonderten Monatsheft auch über Wissenschaft berichtet. Es sei der erste Versuch einer Hochschule, kontinuierlich und für den Laien verständlich aus den zentralen Bereichen der Lehre und Forschung zu berichten. In der ersten Ausgabe geht es um die interdisziplinäre Arbeitsgruppe für Organtransplantation an der FU, die im letzten Jahr gegründet worden war. 2. Januar 1971 "Bund Freiheit der Wissenschaften" In der "FAZ" weist Günther Gillessen die Behauptung des Berliner Professors Wolf Lepenies zurück, drei Viertel der Teilnehmer des Gründungskongresses "Bund Freiheit der Wissenschaften" seien eine "akademische NPD". Lepenies hatte seine Behauptung damit begründet, daß die Mitglieder "apolitisch" seien und ein radikales Eingreifen des Staates an den Universitäten forderten, um in Ruhe lehren und forschen zu können. Gillessen meint, daß "apolitische" Gesinnung nicht auf NPD-Mentalität schließen lasse. In einem demokratischen Land gebe es auch das Recht, Meinungen nicht zu äußern und einer Partei nicht beitreten zu müssen, überhaupt "in Ruhe" gelassen zu werden, sich also "apolitisch" verhalten zu dürfen. Auf die Hochschulen übertragen, hieße das: Lehrer, Dienstpersonal und Studenten hätten ein Anrecht, die Freiheit oder "Ruhe" der Forschung garantiert zu sehen, ohne daß sie diese selbst erst erkämpfen müßten. Zur Freiheit einer Demokratie gehöre auch, daß das Politische sich nicht uferlos vordränge in alle sozialen Beziehungen und gesellschaftlichen Tätigkeiten der Bürger. Die Politisierung aller Lebensbereiche öffne den Weg ins Totalitäre. - Ähnliche Gedanken, bezogen auf die Juristenausbildung, äußert Roman Schnur am gleichen Tag in der "Welt". Die Juristen seien im allgemeinen Trend zur Politisierung verunsichert. Es würde reformiert um der Reform willen und eine ausdrücklich politisch sich begründende Rechtssprechung gefordert. 3. Januar 1971 Reformsozialisten organisieren sich an der FU An der FU hat sich eine neue politische Gruppe gebildet, die sich auf alle "reformpolitisch aktiven und progressiven Kräfte" an der Universität stützen will. Ihr Name: "Reformsozialisten". Die Gruppe steht dem Universitätsgesetz "positiv-skeptisch" gegenüber. Sie begrüßt die durch das Gesetz ermöglichte Demokratisierung der Universität, wendet sich aber gegen die Gefährdung der Demokratisierung durch Gruppen, deren Merkmal neben einem "Ausschließlichkeitsanspruch auch die Negation des Gesetzes ist". Der "Notgemeinschaft" macht sie den Vorwurf fehlender Einsicht in die Notwendigkeit echter Reformen. Den "Roten Zellen" legt sie unreflektierten Dogmatismus zur Last. Sie verlangt einen Wissenschaftspluralismus und will die Ansätze des Universitätsgesetzes nutzen, um die Voraussetzungen für eine emanzipatorische Funktion der Wissenschaft bei der Veränderung der Gesellschaft zu schaffen. Der Leitung der FU steht sie nicht unkritisch gegenüber. Die Gruppe setzt sich aus Mitgliedern der sogenannten "Kreibich-Fraktion", dem "Verband demokratischer Hochschulgruppen", der "Aktion Demokratisches Otto-Suhr-Institut" und den "Kritischen Technokraten" zusammen. Viele der Mitglieder gehören der SPD an. Beschwerden über Wartezeiten im Klinikum Steglitz Auf die Beschwerden über lange Wartezeiten in der Gynäkologischen Abteilung des Klinikums Steglitz antwortet ein Arzt mit der Erklärung, daß diese durch die starke Zunahme der Patientenzahl von 1.067 auf 3.700 Patienten zu begründen seien. Hinzu komme, daß die Ärzte des Klinikums im Gegensatz zu den Ärzten in anderen Beratungsstellen zur Lehre und zur Forschung verpflichtet seien. Auch verweist er auf die neuerliche Arbeitszeitverkürzung der Assistenzärzte von 47 auf 45 Wochenstunden, eine Maßnahme, die seit langem fällig gewesen sei, denn die Arbeitszeit für fast alle anderen Arbeitnehmer sei bereits früher auf 40 Wochenstunden herabgesetzt worden. 4. Januar 1971 Nachfolge von Taubes und Lepenies im Vorsitz des Fachbereichs 11 Als Nachfolger für die am 2. Dezember 1970 vom Vorsitz des Fachbereichsrats Philosophie und Sozialwissenschaften zurückgetretenen Professoren Taubes und Lepenies wird zwischenzeitlich als kommissarischer Vertreter der Psychologe Prof. Dr Klaus Holzkamp gewählt. Wichtige, kontroverse Entscheidungen im Fachbereichsrat sollen bis zur Neuwahl nicht getroffen werden. 5. Januar 1971 Durch Gesamthochschulplan FU weiter Vorreiter der Hochschulpolitik In einem Kommentar bewertet die "Frankfurter Rundschau" Berlin als Stadt, die durch den Plan, bis 1980 eine integrierte Gesamthochschule zu errichten, wieder einmal "Vorreiter der Entwicklung moderner bildungs- und hochschulpolitischer Konzepte" sei. Integriert werden sollen wissenschaftliche, künstlerische, pädagogische und Fachhochschulen. 6. Januar 1971 Demonstrationen an der FU in Zusammenhang mit den Baskenurteilen Die "Rote Zelle Physik" der FU ruft die Kommilitonen zu Solidaritätsbekundungen mit in Spanien zum Tode verurteilten Basken auf. Eine Gruppe zieht von Vorlesung zu Vorlesung und plädiert für den Abbruch des Unterrichts, damit die anderen Studenten durch Diskussionen ihre Sympathien mit den Basken bekunden können. Dabei kommt es in der Vorlesung über Elektrodynamik im Henry-Ford-Bau zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. In Zusammenhang mit den verurteilten Basken unterzeichnen FU-Präsident Kreibich sowie sieben andere deutsche Rektoren einen Aufruf an die Bundesregierung, Parteien und Gewerkschaften, sich für die Aufhebung der Todesurteile einzusetzen. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Galinski, weist darauf hin, daß man das Recht nicht einseitig betrachten dürfe. Wer gegen Burgos protestiere, dürfe nicht die Urteile von Leningrad gegen jüdische Sowjetbürger vergessen. Titeländerung germanistischer Lehrveranstaltungen Der Fachbereichsrat Germanistik beschließt, daß die Titeländerung dreier umstrittener Lehrveranstaltungen sich im Rahmen der bisweilen üblichen Konkretisierung von Lehrangeboten bewegt. Daher unterliege sie nicht der Genehmigungspflicht durch den Fachbereichsrat. Die unter dem Titel "Literatur des CDU-Staates" angekündigte Lehrveranstaltung war umbenannt worden in "Dokumente des Kampfes der KPD für die Entmachtung der Monopolherren und die Einigung der Arbeiterklasse in den Westzonen", das Seminar "Deutsche Literatur von der Kapitulation bis zur Währungsreform" war vorher als "Literatur zur Restauration des Kapitals in Westdeutschland" angekündigt gewesen und die Übung "Literatur zum Aufbau des Sozialismus in der DDR" hatte den Titel in "Literatur der antifaschistischen Ordnung und des Beginns des sozialistischen Aufbaus in der DDR" umgeändert . An der Sitzung nimmt auch FU-Präsi-dent Kreibich teil. Der Fachbereichsrat erklärt außer-dem, daß er "keine Grundlage für die extremen und in der Geschichte der FU einmaligen Maßnahmen des Senators sehe". Als Lektüre für die drei Kurse empfahlen die drei Germanistikdozenten schwerpunktmäßig Werke von Lenin, Ulbricht und den DDR-Schriftstellern Strittmatter, Baierl, Gotsche und Bredel. Rund 300 Studenten nehmen an den Lehr-veranstaltungen teil. Die drei Dozenten verweisen in einer gemeinsamen Erklärung darauf, daß sie weder Mitglieder der "Roten Zellen" noch Mitverfasser der Broschüre über das sozialistische Studienprogramm seien. Als Ziel ihrer Lehrtätigkeit geben sie an, Literatur vom Gesichtspunkt ihrer Stellungnahme in den Klassenkämpfen analysieren zu wollen. Der Textanalyse sei jeweils eine Phase des historischen Studiums über den behandelten Zeitraum vorausgegangen. (Vgl. 15. Okt. 1970 ff. u. Dok. 1040) Dok. 1052 7. Januar 1971 Konflikt zwischen FU und Senat verschärft Nach Veröffentlichung des Senatsberichts über die Verfassungswidrigkeit der "Roten Zellen" weist der Wissenschaftssenator den Präsidenten der FU an, bis zum 8. Januar drei Lehrveranstaltungen im FB Germanistik im Vorlesungsverzeichnis der FU zu streichen. Dadurch bahnt sich ein ernster Konflikt zwischen dem FU-Präsidenten und der Mehrheit des Fachbereichs Germanistik auf der einen Seite und der Senatsverwaltung auf der anderen Seite an. Ein Gespräch zwischen Präsident und Senator, an dem auch Vertreter des Fachbereichs 16 teilnehmen, führt zu keiner Zurücknahme der Staatsaufsichtsmaßnahme. Stein bietet in diesem Gespräch eine Aussetzung der sofortigen Vollziehung seiner Maßnahme bis zum 24. Januar an, falls der Präsident die Durchführung der Seminare vierzehn Tage lang verbiete. Als Begründung teilt Stein mit, daß die drei Lehrveranstaltungen von ihrem Programm her nicht vertretbar seien. Kreibich lehnt das Angebot ab und betont, daß die Maßnahmen in rechtlicher Hinsicht fragwürdig und inhaltlich nur sehr dürftig begründet seien. Der Fachbereich 16 lehnt das Angebot, das Verbot zu verschieben, aus eben diesen Gründen ebenfalls mit knapper Mehrheit ab. Überlegungen zur Einführung von Eignungstests für Studienanfänger Der CDU-Abgeordnete Friedrich von Kekulé fragt den Senat, auf welche Weise er die Schulabgänger vor Fehlstudien mit der Folge des Versagens schützen wolle, und ob nicht Eignungstests für Studienanfänger eingeführt werden sollten. Die Antwort lautet , daß Tests die Gefahr irreversibler Entscheidungen bergen würden. Auch sei eine Objektivierung von Selektionsmechanismen nicht möglich. Daher würde die Zweckmäßigkeit obligatorischer Eignungstests angezweifelt. Wünschenwert sei jedoch die Einrichtung von Studienberatungsstellen. 8. Januar 1971 Anfechtungsklage des Präsidenten gegen das Verbot dreier germanistischer Lehrveranstaltungen durch den Wissenschaftssenator Die Freie Universität reicht Klage gegen das Land Berlin ein, um ein Verbot dreier germanistischer Lehrveranstaltungen zu verhindern. In der fünfzehn Seiten langen Begründung für diese Klage heißt es u.a., daß es unmöglich sei, Lehrveranstaltungen nur deshalb zu verbieten, weil sie auch in das Konzept einer als bedenklich betrachteten Vereinigung passen. Die drei Dozenten seien keine Mitglieder der "Roten Zellen". Ein Verstoß gegen ihre Pflicht zur Treue gegenüber der Verfassung sei nicht bewiesen. Tatsächlich käme es nur darauf an, ob sich mangelnde Treue in konkreten Handlungsweisen niederschlage. Eine Titeländerung von Lehrveranstaltungen sei gang und gäbe. Im übrigen befürworten nicht alle linken Studentengruppen die drei germanistischen Lehrveranstaltungen, was aus einem Flugblatt des "Spartacus" vom 18. Januar 1971 ersichtlich ist. Klage der ehemaligen Juristischen Fakultät gegen Universitätsgesetz zurückgewiesen Eine Klage von 14 Professoren der ehemaligen Juristischen Fakultät gegen die Bildung des Fachbereichs Rechtswissenschaft wird abgewiesen (Vgl. 7. und 17. Febr. 1970 sowie 22. Mai 1970). Ausländerstudium Die "FU-Information" veröffentlicht eine Sondernummer, in der über darüber berichtet wird, daß seit Monaten eine Kommission nach Möglichkeiten suche, ausländischen Studenten bessere Bedingungen zu bieten. Man habe beschlossen, neben dem Mittelkurs "Deutsch für Ausländer" auch einen Grundkurs einzurichten. Ferner habe man die Frage einer möglichen Vertretung ausländischer Studenten innerhalb der Universität diskutiert und auch über die Problematik des Ausländerrechts nachgedacht. Ziel ist die Gleichstellung ausländischer Studenten mit deutschen Kommilitonen durch Gebührenfreiheit, ihre ausreichende Berücksichtigung in Wohnheimen und ein Rechtshilfefonds für ausländische Studenten. Professor Löwenthal über "rote Intoleranz" In der Wochenzeitung "Die Zeit" veröffentlicht Prof. Dr. Richard Löwenthal einen Beitrag mit dem Titel: "Farbenblind gegen rote Intoleranz. Über den 'Bund Freiheit der Wissenschaft' und die Professoren Mitscherlich, Pross und Lepenies". Alexander Mitscherlich antwortet am 22. Januar ebenfalls in der "Zeit" auf diesen Beitrag mit dem Argument, daß Löwenthal alles überspitzt sehe. Er spricht von "Panikmache". 9. Januar 1971 Klage einer Studienbewerberin gegen Zulassungsbe-schränkungen Die zweite Kammer des Berliner Verwaltungsgerichts verpflichtet die FU, eine Klägerin zum Studium der Human-Medizin zum WS 1970/71 zuzulassen: Es sei unbefriedigend und könne auf die Dauer nicht hingenommen werden, daß die Durchsetzung des freien Zugangs zur Universität an ihrer begrenzten Aufnahmefähigkeit scheitere. Das Gericht weist darauf hin, daß Grundlagen für eine notwendige Kapazitätserweiterung geschaffen werden müßten. Auch der schwerwiegende Engpaß in der ärztlichen Versorgung wird im Urteil genannt. Das Gericht macht der FU den Vorwurf, daß die Zahl der festgelegten Studienplätze in der Medizin (240) willkürlich sei. Der Rangfolge der Bewerber liege kein sachlich begründetes Auswahlverfahren zugrunde. Schwierigkeiten im Fachbereich "Neuere Fremdsprachliche Philologien" Die Bitte des Fachbereichsratsvorsitzenden im FB "Neuere Fremdsprachliche Philologien", des Romanisten Prof. Dr. Erich Loos, der Präsident möge eine Möglichkeit schaffen, mit dem Wissenschaftssenator und Fachbereichsratsmitgliedern über Störungen durch radikale Studenten zu diskutieren, wird mit einem Rundschreiben an alle Mitglieder des Akadamischen Senats über die Situation an diesem Fachbereich beantwortet. Professor Loos macht dem Präsidenten den Vorwurf, in der Stellungnahme habe er sich praktisch mit den "Roten Zellen" identifiziert. Er werde sein Amt nicht niederlegen. 11. Januar 1971 Zukünftige Zahnärzte streiken für Bereitstellung der Instrumente Die Studenten der Zahnmedizin der FU fordern für die Zukunft von der Universität eine Bereitstellung ihre Instrumente, die jeden von ihnen bisher ca. 5000 DM gekostet haben. Sie hatten diese Forderung bereits im Jahre 1969 geäußert, bisher aber weder vom Senator noch vom Präsidenten eine Antwort bekommen. Nun wollen sie durch einen "Warnstreik" in der Zeit vom 11. bis 13. Januar (der in der Weigerung der kostenlosen Behandlung von Patienten bestehen soll) erreichen, daß die Forderungen endlich erfüllt werden. Ein Sprecher der Senatsverwaltung teilt mit, daß es auch in anderen Bundesländern Bestrebungen gebe, die Kosten von der Universität übernehmen zu lassen. Berlin könne jedoch nicht den Anfang machen, weil dazu auch Bundesmittel erforderlich seien. Der Kanzler der FU schlägt einen Stufenplan vor. Die Kosten für eine Erstausstattung würden sich in Berlin etwa auf 400.000 DM belaufen. Für Neuanschaffungen und für die Unterhaltung der Instrumente kämen jährlich 80.000 DM hinzu. Studentenversammlung und Diskussion um Maßnahmen nach der Verbotsanordnung Senator Steins Im Auditorium maximum treten vor ca. 900 Studenten Sprecher der "Roten Zellen" auf, um zu diskutieren, ob nicht eine Aktionseinheit aller sozialistischen Gruppen gebildet werden solle, wodurch ein mögliches Verbot der "Roten Zellen" verhindert werde. Das Verbot der drei germanistischen Übungen wird als Schritt der SPD gewertet, die Universitäten von den sozialistischen Organisationen zu "reinigen". Man müsse sich solidarisieren, um zu erreichen, daß das Verbot zurückgenommen werde. Ein Antrag, das Germanische Seminar zu besetzen, wird abgelehnt. Disput zwischen Löwenthal und Mitscherlich im Fernsehen Als Korrektur der "völlig einseitigen" Darstellung des "Bundes Freiheit der Wissenschaften" in einer vorangegangenen Sendung von "Titel, Thesen, Temperamente" bezeichnet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" einen Disput zwischen Richard Löwenthal und Alexander Mitscherlich. Löwenthal vertritt die Ansicht des "Bundes", daß man sich zwar mit Dogmatikern an den Universitäten abfinden könne, nicht aber mit Gewalttätigkeit. Er unterscheidet zweierlei Krisen der deutschen Universitäten, die im älteren Sinne verstandene Krise, wobei sich die Hochschulen als unfähig erwiesen, aus eigener Kraft rechtzeitig dem Bedürfnis an Berufsausbildung von immer mehr Studenten zu genügen, und die neuere politische Krise, in der eine zunehmend fanatisierte Minderheit das politische Klima durch Gewaltakte und Einschüchterung zu verändern versuche. Dies erschwere nur die Hochschulreform. Mitscherlich dagegen will die Trennung der beiden Krisen nicht akzeptieren. Er hält es für übertrieben, sich vor 500 Studenten in Berlin, die er zu den Unbelehrbaren zählt, zu fürchten. Man müsse in der Universität nicht nur einen Ort für die Berufsausbildung schaffen, sondern auch einen Ort, wo sich die Massengesellschaft selbst reflektieren könne. 12. Januar 1971 Aufhebung des Verbots der drei germanistischen Lehrveranstaltungen Das Verwaltungsgericht Berlin suspendiert die Anordnung Senator Steins, die drei germanistischen Lehrveranstaltungen zu verbieten. Scheine sollen vorerst allerdings nicht ausgegeben werden dürfen. Als Begründung wird angegeben, daß das Gericht im Moment nicht zu prüfen habe, ob die Veranstaltungen wirklich verfassungswidrig seien oder nicht. Es gehe allein um das Recht der Studenten auf die Wahrung des Vertrauens, daß einmal begonnene Lehrveranstaltungen auch bis zum Ende durchgeführt werden. Der zeitliche Verlust eines vorläufigen Verbots sei nicht wieder gutzumachen. Der Entscheid über das vorläufige Verbot, Scheine auszustellen, wird damit begründet, daß Scheine auch nach dem endgültigen Urteil noch ausgestellt werden könnten. Eine endgültige Entscheidung darüber, ob die Seminare zu recht stattfinden, und ob es dafür Scheine gibt, steht noch aus. Das Gericht entscheidet auch, daß die Seminare im Vorlesungsverzeichnis nicht gestrichen zu werden brauchen. Tags darauf künden die Studentenvertreter auf einer Sitzung des Fachbereichsrats Germanistik den Boykott von Lehrveranstaltungen derjenigen Hochschullehrer an, die für den Fachbereichsratsbeschluß vom 4. November 1970 verantwortlich waren. Im Auditorium maximum führen die "Roten Zellen" eine Versammlung durch, bei der der Entscheid des Verwaltungsgerichts verurteilt wird. Mit der Aufhebung des Verbots der drei Seminare sei es nicht getan, es gehe darum, daß die Studenten auch sofort für diese Seminare Übungsscheine erhalten dürften. Der "Tagesspiegel" meint dazu, hieran sei zu sehen, daß die Linksextremisten den Konflikt weiter vorantreiben wollen. Die Veranstalter drohen einen Warnstreik an, falls das Urteil nicht revidiert werde. In diesen Streik sollen ab sofort alle Berliner Hoch- und Fachschulen einbezogen werden. Man werde "Go-ins" veranstalten und Lehrveranstaltungen von konservativen Professoren boykottieren. Anfang Februar soll dann ein politischer Massenstreik durchgeführt werden. 13. Januar 1971 Lehrauftrag für Rudi Dutschke gefordert Auf einer Studentenversammlung wird gefordert, daß Rudi Dutschke einen Lehrauftrag an der Freien Universität erhält, damit die materielle Existenz nach seiner Ausweisung aus England garantiert sei. Handgreiflichkeiten am Fachbereich Erziehungs-wissenschaften Als sich der Fachbereichsrat Erziehungswissenschaften weigert, über einen Aufruf der "Roten Zellen" zu einem Warnstreik zu diskutieren, werden Mitglieder des Fachbereichsrats nach handgreifli-chen Auseinandersetzungen im Tagungsraum des Fachbereichs für kurze Zeit eingesperrt. Geplante Wissenschaftliche Einrichtung Ethnologie / Entwicklungssoziologie Auf eine kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Ursula Besser hin antwortet Wissenschaftssenator Stein, daß in der Tat die vorbereitende Kommission für die Bildung einer wissenschaftlichen Einrichtung Ethnologie/Entwicklungssoziologie im Fachbereich 11 nur aus Studenten bestehe. Der Senator meint, daß die Kommission dennoch weiter arbeiten solle. Er werde darauf achten, daß die Stellungnahme aller Gruppen im Fachbereich eingeholt wird, bevor endgültige Beschlußfassungen gefällt werden. Gastprofessur für Angela Davis? Der Fachbereichsrat Philosophie und Sozialwissenschaften beschließt einstimmig, der farbigen Dozentin und Marcuse-Schülerin Angela Davis eine Gastprofessur an der Freien Universität anzubieten. Frau Davis, eine führende Repräsentantin der amerikanischen Studentenbewegung in den sechziger Jahren, ist Mitglied der Black-Panther-Bewegung und Mitglied der Kommunistischen Partei der USA. Sie ist in Kalifornien wegen des Verdachts der Beihilfe zum Mord angeklagt und aus ihrer kurzen Lehrtätigkeit an der Universität von Los Angeles entlassen worden (siehe die "FAZ" vom 4. Juni). Zur Zeit befindet sich Angela Davis in Untersuchungshaft, wo sie an ihrer Dissertation über Kants Analyse der Gewalt in der Französischen Revolution arbeitet. Das Präsidialamt ist noch unschlüssig, ob der Lehrauftrag tatsächlich Angela Davis angeboten werden soll. Resolution des Fachbereichs Germanistik zum Gerichtsentscheid In einer Resolution des Fachbereichsrats Germanistik wird mit 6:2 Stimmen zum Streik an allen Hochschulen und Fachhochschulen Westberlins am 18. und 19. Januar aufgerufen, falls Wissenschaftssenator Stein sein Verbot, für die drei Lehrveranstaltungen Scheine auszustellen, nicht zurücknimmt. An der FU werden außerdem in einem gemeinsamen Flugblatt der "Studentenkommission der KPD-Aufbauorganisation" und der "Roten Zelle Germanistik" die Studenten aufgefordert, gegen Maßnahmen auch dann weiterzukämpfen, "wenn diese juristisch und verwaltungsmäßig bestätigt sind". Der Präsident der TU, Wittkowsky, fordert Stein auf, die Maßnahmen aufzuheben. Stein sei dem politischen Ziel seiner eigenen Partei, der SPD, untreu geworden, "nicht mit Verbot auf die Aktivitäten der Roten Zellen" zu reagieren, sondern sich hochschulpolitisch mit ihren Auffassungen auseinanderzusetzen. Auch die EPK der TU und der Fachbereichsrat Mathematik erklären, daß sie das Verbot als eine unzumutbare Einschränkung der Freiheit von Forschung und Lehre empfinden. Stein wendet sich gegen die ultimative Androhung eines Massenstreiks. Dies verstoße gegen die Grundsätze der Rechtsstaatlichkeit. Er fordert die Mitglieder der FU auf, die gerichtliche Entscheidung in der Hauptversammlung abzuwarten. Durch die Klage des FU-Präsidenten sei die Angelegenheit zu einem schwebenden Rechtsstreit geworden. Er habe seine Entscheidung nach bestem Wissen und Gewissen getroffen. Dok. 1053 14. Januar 1971 Sinkende Durchfallquoten bei Examina Der "Telegraf" meldet, daß die Zahl der Kandidaten an deutschen Hochschulen, die ihr Examen nicht bestehen, insgesamt seit 1965 abnimmt. Bei den Studenten der Wirtschaftswissenschaft und bei den Sprachstudenten fällt allerdings noch jeder dritte durch die Prüfung. Am erfolgreichsten seien die Mediziner mit einer Durchfallquote von nur zwei Prozent. Bei Chemikern liege die Quote bei drei Prozent, bei Theologen und Psychologen bei vier Prozent und bei den Juristen und Lehrern bei fünfzehn Prozent. In den Fächern Kulturwissenschaft und Mathematik würde jeder zwanzigste Kandidat die Prüfung ohne Diplom verlassen. 15. Januar 1971 "Notgemeinschaft" kritisiert Kreibichs Haltung im Falle der Krise im Fachbereich Neuere Fremdsprachliche Philologien Der "Tagesspiegel" berichtet, daß die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" die Haltung Präsident Kreibichs im Falle der Vorgänge am Fachbereich Neuere Fremdsprachliche Philologien ver-urteilt. Seine Behauptungen, daß die gewalttätigen Aktionen der "Roten Zellen" von der Mehrheit des Fachbereichsrats provoziert worden seien, seien ungeheuerlich. Wenn demnach die Majorität eines gewählten Gremiums Beschlüsse fasse, die den "Roten Zellen" nicht paßten, so trügen die Mitglieder des Fachbereichs die Schuld daran, wenn sie mit Farbeiern beworfen würden. Weiterhin wirft die "Notgemeinschaft" Präsident Kreibich ein ihm gesetzlich nicht zustehendes Hineinreden in Fachbereiche und Fächer vor, deren Konzeptionen nicht den seinen entsprächen. Im FB 17 würden Lehrveranstaltungen des Altenglischen seit Semesterbeginn so bestreikt, daß sie zum Teil außerhalb der Universität stattfinden müßten. Außerdem seien insgesamt fünf von zwölf Fachbereichssitzungen durch Störungen zum Abbruch gezwungen worden. 16. Januar 1971 Professor Löwenthal: "Befehle und Dogmen hemmen die Wissenschaft" In der "Berliner Stimme" veröffentlicht Prof. Dr. Richard Löwenthal einen Beitrag über Hochschulautonomie und den Spielraum des einzelnen in unserer Demokratie. Dort heißt es u.a.: "Wir wollen keine Bestimmung der Forschungsprioritäten durch privates Gewinnstreben. (...) Wir wollen auch keine Wissenschaft, der ihre Resultate ideologisch vorgeschrieben sind. (...) Schließlich wollen wir auch keine Ernennung oder Ablehnung von Professoren auf Grund ihrer politischen Gesinnung. (...) Die Auswahl nach der Qualität (...) kann nur durch die freie Entscheidung der ausgebildeten Wissenschaftler selbst erfolgen - nicht durch den Druck fanatisierter Studenten und nicht als Ergebnis parteipolitischer Kompromisse." Am notwendigsten sei die inhaltliche Reform von Studiengängen und Prüfungsordnungen, so daß die Leistungsanforderungen für verschiedene Berufe den modernen Erfordernissen angepaßt würden. Die "demokratische" Universität habe dies noch kaum in Angriff genommen. Notwendig sei die politische Erziehung zur Demokratie, die allerdings mit Sachlichkeit und Toleranz durchgeführt werden müsse. Gegen Einschüchterungs-versuche müßten die Beschlußorgane der Universität wirksam geschützt werden. Nur weil diese Sicherung bisher fehle, sei der Berliner Senat in Zusammenhang mit den drei germanistischen Übungen in die gegenwärtig mißliche Lage geraten. Aktionsbündnis linker Gruppierungen an der Universität geplant Einige linke Studentengruppierungen an der Universität bekunden ihr Interesse am Zustandekommen einer Aktionseinheit. Ein Vertreter der SEW erklärt, daß trotz Differenzen in Ideologie und Fragen der Taktik nur ein gemeinsames Vorgehen zu Erfolg führen würden. Eine Woche später (am 22. Januar) erklären die "KPD-AufbauOrganisation" und die "Roten Zellen" in einem gemeinsamen Flugblatt, daß sich im Rahmen des Aktionsbündnisses alle sozialistischen Organisationen verpflichtet hätten, den Kampf an den einzelnen Instituten unter gemeinsamen Parolen zu führen. 18. Januar 1971 Beginn der Warnstreiks wegen der germanistischen Lehrveranstaltungen In fünf von insgesamt 24 Fachbereichen der FU werden nahezu alle Vorlesungen aus Protest gegen das Verbot der Ausstellung von Scheinen in den drei germanistischen Lehrveranstaltungen gestört. In zwei weiteren Bereichen fallen vereinzelt Vorlesungen aus. Drei Professoren lehnen es ab, Prüfungen abzunehmen oder Sprechstunden zu halten. Einen Tag später breitet sich der Streik auf neun Fachbereiche aus. Auch an der PH und an der TU finden Parallel-Demonstrationen statt. Zu spektakulären Zwischenfällen kommt es nicht. Die Gruppe der "Reformsozialisten" lehnt die Warnstreiks ab, weil dadurch die Solidarität der Universitätsmitglieder gegen die Staatsaufsicht in eine pauschale Solidarisierung mit der Politik der "Roten Zellen" umgewandelt werde. Dok. 1054 "Spiegel"-Interview mit Senator Stein über "Kommunisten als Hochschullehrer" In einem Interview mit Wissenschaftssenator Stein fragt der "Spiegel", weshalb es in der Bundesrepublik bisher weniger marxistische Hochschullehrer gebe als etwa in Frankreich oder Italien. Stein meint, es wirke sich hier der Antikommunismus der Nachkriegsjahre aus. Außerdem würde in Italien und Frankreich mit der Entfernung von kommunistischen Ländern im Osten der Antikommunismus abnehmen. Dort spiele der Kommunismus auch eine andere gesellschaftspolitische Rolle. Er sei salonfähiger, ähnlich wie in Deutschland in bestimmten Epochen der zwanziger Jahre, wo intelligent und kommunistisch zu sein in weiten Kreisen fast ein Synonym war. Für diese Länder sei der Kommunismus auch kein innenpolitisches Problem. Auf die mögliche Verfassungs-feindlichkeit kommunistischer Hochschullehrer hin befragt, sagt Stein, daß sie nur vorhanden sei, wenn diese verfassungfeindliche Ziele in die Praxis umsetzten. "Nostradamus durfte (...) prophezeien, Paris werde brennen. Aber er soll es dann auch angesteckt haben, und dieser Umschlag von Prophezeiung in Tat war nicht statthaft." Generell sei der Marxismus nicht verfassungsfeindlich. Abschließend meint Stein, daß es auf die Qualifikation eines Hochschullehrers und auf seine Toleranz ankäme. Es scheine viel oppositionelle Neugier und Mißtrauen gegenüber dem bisher Geleisteten im Spiel zu sein. "Ob die Jugend dauerhaft zu diesen Lehren steht, müssen wir erst noch ausprobieren." (Vgl. 20.Febr. 1971) Vizepräsident Wesel unterschreibt eine Resolution der "Roten Zellen" Vizepräsident Prof. Dr. Uwe Wesel unterschreibt eine Resolution der "Roten Zellen", in der es heißt: "Das Verbot des sozialistischen Studiums der Roten Zelle Germanistik durch Senator Stein steht in der antikommunistischen Tradition der SPD und zeigt deutlich die Rolle der SPD beim Abbau der demokratischen Grundrechte. Damit unter-nimmt der SPD-Senat zugleich die ersten Schritte der Illegalisierung der sozialistischen Oranisationen an den Hochschulen. Dieses Verbot trifft die große Mehrheit der Germanistik-Studenten, die sich im Sozialistischen Studium der Rotzeg auf eine sinnvolle Berufstätigkeit vorbereiten und damit ihr Recht auf praktische Kritik des westdeutschen Monopolkapitalismus wahrnehmen. Ich solidarisiere mich mit ihrem Kampf und fordere mit ihnen die sofortige und bedingungslose Rücknahme des Verbots." Auch der Pressereferent des Präsidialamts, Peter Dehn, unterzeichnet diese Resolution. Die Berliner SPD-Fraktion mißbilligt die Unterschriften und diskutiert einen Ausschluß von Wesel und Dehn aus der Partei. (Vgl. 27. Dez. 1971) 19. Januar 1971 Überregionales Interesse am Konflkikt der FU-Germanistik, Blickpunkt des bundesdeutschen Interesses Zahlreiche überregionale Zeitungen berichten über die Probleme am FB Germanistik der Freien Universität. Die "Stuttgarter Zeitung" meint, daß sich der Eingriff des Senators "als Stich ins Wespennest" erwiesen habe: "Die ganzen zerstrittenen linken Grüppchen waren sich plötzlich gegen die Intervention einig." Der "Telegraf" rollt die geschichtliche Situation dieses Instituts auf und interviewt Dozenten und Studenten zur gegenwärtigen Situation. Vier Tage später (23. Januar) unterstützt Klaus Schütz in einer Fernsehansprache das vom Senator ausgesprochene Verbot der drei germanistischen Übungen. Es dürfe durch "verfassungsfeindliche Gruppierungen" an der FU kein demokratiefreier Raum geschaffen werden. 20. Januar 1971 Krawalle am Englischen Seminar Im Zusammenhang mit den Warnstreiks der "Roten Zellen" wegen der Zwischenprüfungsordnung im Fach Anglistik (über ihre Forderungen vgl. 5.Mai) dringen etwa 60 FU-Studenten in die Geschäftsräume des Englischen Seminars ein und besprühen Wände, Türen und Bilder mit Parolen. Türschlösser werden abmontiert und Streichhölzer in die Schlüssellöcher gesteckt. Im Gang aufgehängte Bilder und Namensschilder an den Türen werden teilweise entfernt oder beschädigt, Bücher aus der Bibliothek in andere Räume verbracht. Das Präsidialamt ruft aus diesem Anlaß noch einmal dazu auf, Auseinandersetzungen mit Argumenten, nicht mit Gewalt und "Bilderstürmerei" zu führen. Vizepräsident Wesel spricht von der Geschäftemacherei aus der jetzigen Krise ("So macht man eine Universität kaputt") und warnt davor, daß emotionaler Aktionismus die Diskussion nur gefährden würde. Als Präsident Kreibich später die Vorfälle untersucht, können Schadensersatzansprüche nicht gestellt und Ordnungsverfahren nicht eingeleitet werden, weil keiner der Mitarbeiter des Seminars eine namentlich bekannte Person bei einer konkreten Schadenshandlung beobachtet hat. Am 24. Februar behauptet die CDU im Abgeordnetenhaus, daß einzelne Teilnehmer der Gesamtaktion Studenten namentlich bekannt seien. Da kein Antrag der Fachbereichsratsvorsitzenden auf ein Ordnungsverfahren gegen sie gestellt worden sei, seien Ordnungsverfahren gegen sie nicht eingeleitet worden. Stellungnahme des Germanistik-Professors Emrich zum sozialistischen Studium Die liberale Mittelbaufraktion und der Germanistik-Professor Wilhelm Emrich verbreiten in einer fünfseitigen Flugschrift ihre Stellungnahme zum sozialistischen Studiums. Darin heißt es, daß die Konzeption auch im Rahmen einer marxistischen Literaturtheorie eine hoffnungslos veraltete und längst aufgegebene Position repräsentiere. Sie genüge dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit in keiner Weise. Streit um Dissertation eines ehemaligen AStA-Vorsitzenden Der Fachbereich Philosophie und Sozialwissenschaften beschließt die Annahme der Dissertation des ehemaligen SDS-Mitglieds und früheren 1. Vorsitzenden des AStA der FU Wolfgang Lefèvre. Die Dissertation mit dem Titel "Zum historischen Charakter und zur historischen Funktion bürgerlicher Soziologieuntersuchung am Werk Max Webers" ist an der FU umstritten. Eine Reihe von Gutachtern (die Professoren Hübener, Ahlberg und Landmann) hatten Zweifel an der Wissenschaftlichkeit der Arbeit vorgebracht. Die Gutachten zu der umstrittenen Arbeit umfassen fast einhundert Seiten, so daß sie fast ebenso umfangreich sind, wie die einhundertzweiundsiebzig Seiten des Lefèvre-Textes. Die zentrale These der Dissertation ist, laut "Tagesspiegel" vom 21. Januar, die Behauptung, daß Wissenschaft nur dann einer apologetischen Indienstnahme für den Kapitalismus entgehen könne, wenn sie sich aus der theoretischen Selbstisolierung befreie und den Pakt mit dem Proletariat eingehe. Der Erstgutachter der Arbeit, Prof. Dr. Taubes, erklärte, daß die Dissertation die Ideen der Studentenbewegung aufgreife. 21. Januar 1971 SEW-Mitglied zieht in Akademischen Senat der FU ein Erstmals ist ein Mitglied der SEW in den Akademischen Senat der FU eingezogen. Es handelt sich um Michael Nareyek von der "Aktionseinheit demokratischer und sozialistischer Studenten". Öffentlichkeit durch widersprüchliche Meldungen von der FU verunsichert Mehrere Zeitungen ("Abend", "FAZ" und "Morgenpost") schreiben, daß die Öffentlichkeit durch die Warnstreiks verunsichert sei. Am Präsidialamt scheine man zerstritten bezüglich der Parteinahme für oder gegen den Ausstand. Dies sei schizophren, und die FU-Führungsspitze habe nun zwischen Revolution und Reform zu wählen. Professoren sagen für den Rest des WS Vorlesungen wegen des Streiks ab Im Fachbereich Erziehungswissenschaften sagen die Professoren Furck und Zabeck ihre Vorlesungen für den Rest des Wintersemesters ab. Ihre Veranstaltungen seien systematisch von der "Roten Zelle" dieses Fachbereichs gestört worden, und es sei auch mit weiteren Störungen zu rechnen. In einem Brief an FU-Präsident Kreibich bitten sie um die Wiederherstellung geordneter Verhältnisse an der FU. Wissenschaftssenator lehnt Numerus-clausus-Vorschläge ab Der Senator für Wissenschaft und Kunst hat das vom Akademischen Senat der FU für das nächste Semester beschlossene Zulassungsverfahren für Numerus-clausus-Fächer, das die Auswahl zu je einem Drittel nach Leistungs- und Sozialkriterien sowie nach dem Losverfahren vorsieht, abgelehnt. Es gilt weiterhin, daß primär die Leistung und in weiterem Sinne die Wartezeit angerechnet wird. 22. Januar 1971 Die Meinungen über die Ordnung an der FU gehen auseinander Während das Präsidialamt und der Wissenschaftssenator betonen, daß die Ordnung an der FU nicht zusammengebrochen sei, behauptet die CDU im Abgeordnetenhaus das Gegenteil. Im Gegensatz zur SPD fordert die CDU eine Novellierung des Berliner Hochschulgesetzes. Vor allem kritisiert das Abgeordnetenhaus (einstimmig) die Unterschrift Wesels unter eine Resolution der "Roten Zellen". Aus der CDU-Fraktion ist zu hören, daß man für immer mehr Geld immer weniger Leistungen bekomme und daß man den Eindruck habe, zwischen den "Roten Zellen" und den Präsidialämtern der FU und TU finde ein Zusammenspiel statt. Streik im FB Mathematik wegen Raumnot Der Fachbereichsrat Mathematik der FU beschließt einen einwöchigen Streik wegen Raumnot. Es wird erklärt, daß der Raummangel einen vernünftigen Lehrbetrieb nicht mehr zulasse. Mehr Studenten aus Arbeiterfamilien. Zahl der FU-Studenten steigt Nach Ermittlungen des Statischen Bundesamtes ist an bundesdeutschen und Berliner Universitäten der Anteil der Studenten aus Arbeiterfamilien gestiegen. Nur noch ein Viertel der Studienanfänger kommt aus Akademikerfamilien, drei Jahre vorher waren es noch ein Drittel. Etwa 40% der Studenten haben Eltern, die Angestellte ohne Hochschulabschluß oder Arbeiter sind. 26% sind Beamtenkinder, 7% Kinder Selbständiger. Insgesamt studierten im SS 1970 an den 52 deutschen und Westberliner Universitäten und technischen sowie kirchlichen Hochschulen 293.000 deutsche und 21.500 ausländische Studenten. An der FU ist die Zahl der eingeschriebenen Studenten im Vergleich zum Vorjahr um 7,7% gestiegen (im Wintersemester 1970/71 sind es 15.711 Studenten, ein Jahr vorher waren es nur 14.591 Studenten). 6,5% der Studenten sind dort Ausländer. Ehemaliger FU-AStA-Vorsitzende in den Ordnungsausschuß der TU berufen TU-Präsident Wittkowsky ernennt die drei Mitglieder für den Ordnungsausschuß der TU. Zwei Personen kommen von der FU, die Assistentin am Otto-Suhr-Institut, Renate Damus, und der ehemalige AStA-Vorsitzende der FU, Jürgen Treulieb. Die "Notgemeinschaft" wirft Wittkowsky vor, den Ausschuß mehrheitlich mit Linken besetzt zu haben; Bedenken werden wegen der angeblichen Teilnahme Treuliebs an Gewalttätigkeiten geäußert. Im April 1971 entscheidet der Akademische Senat der TU, Treulieb aus dem Ordnungsausschuß abzuberufen. 24. Januar 1971 Erhöhung der Bildungsausgaben um vier Prozent In allen Bundesländern wird der Bildung in den Etats für 1971 Vorrang eingeräumt. In Berlin werden sich die Ausgaben ebenfalls erhöhen, nämlich um 4,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im Vergleich zu den anderen Bundesländern ist dies allerdings die geringste Steigerung (in Niedersachsen z.B. erhöhen sich die Ausgaben um 16 Prozent). Philosophie-Professor Hinske verläßt die FU Aus Protest gegen die von ihm kritisierten Folgen des Berliner Universitätsgesetzes verläßt der Philosophie-Professor Norbert Hinske die FU. Er hat einen Ruf an die neugegründete Universität Trier angenommen. Prof. Dr. Hinske meint: "Nicht die gefährdeten, sondern die intakten Institute bilden heute die Ausnahme." Dem Regierenden Bürgermeister Schütz und Senator Stein sei es geglückt, einen alteingesessenen Berliner aus der Stadt zu graulen. Das Präsidialamt meldet dagegen, daß bei den Bleibeverhandlungen insgesamt keine Verschlechterung zu verzeichnen sei. 41% Prozent der Bleibeverhandlungen verliefen positiv. Dok. 1055 Der Fachbereichsrat Philosophie drängt auf Berufung des Marxisten Hans Heinz Holz Der in Bern als Habilitant zurückgewiesene Dr. Hans Heinz Holz steht auf dem zweiten Platz der Berufungsliste für einen Lehrstuhl im Fach Philosophie. Nachdem der erste Kandidat abgelehnt hatte, drängen sieben Dozenten (in der Mehrzahl Assistenten) darauf, daß Senator Stein ihm den Ruf erteilt. Der Senator hatte die Berufungsliste mit der Begründung zurückgegeben, daß Zweifel an der wissenschaftlichen Qualität des Kandidaten erhoben worden seien. In dem Habilitationsgutachten des international anerkannten Philosophie-Historikers Olof Gigon habe gestanden, daß Holz historisch nicht genügend informiert gewesen sei. Er habe "Texte vergewaltigt", um Kronzeugen für seine Thesen zu gewinnen. (Vgl. 20. Febr. 1971) 25. Januar 1971 Wer sind eigentlich die "Roten Zellen"? In der "Neuen Rhein-Zeitung" vom 21. Januar und in der "Welt" vom 25. Januar werden Beiträge über die Geschichte und Zielsetzung der Studentengruppe der "Roten Zellen" veröffentlicht. Sie hätten sich im Jahre 1969 aus der Konkursmasse der antiautoritären studentischen Protestbewegung "herauskristallisiert". Gegenwärtig würden an beiden Berliner Universitäten etwa 25 "Rote Zellen" für die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen existieren ("Rote Zelle Germanistik" = Rotzeg; "Rote Zelle Ökonomie" = Rotzök; "Rote Zelle Publizistik" = Rotzpub etc.) In der Bundesrepublik gebe es etwa 60 "Rote Zellen" in 20 Städten. Schwerpunkte sind Berlin, München und Kiel. Es gebe etwa fünfhundert Mitglieder. Diese würden sich als Sachverwalter emanzipierter Hochschulangehöriger verstehen, ohne freilich eine Legitimation durch Studenten und Assistenten jemals erhalten zu haben. Die Basis ihrer Arbeit sei der Marxismus-Lenininsmus und in der Praxis nicht selten stalinistische Methoden (Einschüchterung, physischer Druck). Ihr Ziel sei die Errichtung der Diktatur des Proletariats. Mitglieder müßten sich für eine Arbeit in Betrieben und Arbeiter-Wohnblocks verpflichten. FU-Experiment "Schülerladen" selbstkritisch gesehen über das am 3. Juli 1969 von 20 Studenten und Assistenten unter der Leitung von Prof. Dr. Klaus Holzkamp initiierte Schülerladen-Experiment "Rote Freiheit" in Kreuzberg wird jetzt in einem Bericht der Erzieher Bilanz gezogen. Die Erzieher stellen abschließend fest, daß sie die irrationale Hartnäckigkeit, mit der die Kinder bei manchen Vorurteilen und in ihrer Resignation blieben, unterschätzt hätten. Auch die Aggressivität der Kinder hätten sie nicht abbauen können. Schließlich sei das Ziel, sie für Politik zu erwärmen, nicht erreicht worden. Die "Notgemeinschaft" hatte damals den antiautoritären Erziehern vorgeworfen, die Kinder oft gegen deren Willen sexuell zu enthemmen. Der Soziologe Dr. Wolfgang Fritz Haug beurteilt das Experiment in einem Fischer-Taschenbuch negativ . Der "Spiegel" vom 25. Januar und die "Frankfurter Rundschau" vom 5. Februar zitieren aus den Protokollen, die während der Arbeit von Erziehern angefertigt wurden, und aus der Dokumentation Haugs. Außerdem berichten sie davon, daß es inzwischen eine ganze Reihe solch antiautoritärer Kinderläden gebe, die allerdings, da sie relativ viel Geld verlangten, nicht unbedingt für Arbeiterkinder infrage kämen. 26. Januar 1971 Streik-Beschluß einer Studentenversammlung am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft vom Fachbereichsrat nicht akzeptiert Der Beschluß einer Studentenversammlung im Fachbereich Wirtschaftswissenschaft, im Februar zu streiken, falls Senator Stein bis dahin seine Verbotsanordnung über die germanistischen Lehrveranstaltungen nicht zurückgenommen habe, wird vom Fachbereichsrat nicht akzeptiert. Nur 150 von 1.700 Studenten hätten überhaupt daran teilgenommen. Die Abstimmung wird am 29. Januar schriftlich wiederholt. Diesmal nehmen 957 Studenten an der Abstimmung teil, d.h. 55,8%. Die Mehrheit (547:410 Stimmen) entscheidet sich nun gegen den von den "Roten Zellen" proklamierten Massenstreik. 27. Januar 1971 Vorlesungen und Prüfungen im Fachbereich Germanistik abgebrochen Wegen anhaltender Störungen im Fachbereich Germanistik erklären vier Hochschullehrer und 19 Wissenschaftliche Mitarbeiter dem Fachbereichsrat, daß sie zunächst für eine Woche ihre Tätigkeit einstellen wollen. Dies gelte sowohl für Lehrveranstaltungen als auch erstmals für Prüfungsverpflichtungen, Studienberatungen und Sprechstunden. 29. Januar 1971 Bundespräsident Heinemann empfängt Mitglieder der "Notgemeinschaft" Auf seinem Berliner Sitz Schloß Bellevue empfängt Bundespräsident Heinemann sechs Vorstandsmitglieder der "Notgemeinschaft für eine freie Universität" zu einer Aussprache über Probleme an der FU. Heinemann nimmt auch an Sitzungen des Wissenschaftsrats über Investitionsmittel für Hochschulen teil, auf denen abgeschätzt wird, daß die Kosten für den Ausbau der Hochschulen 1972 bis 1975 ca. 17 Milliarden DM betragen werden. Erste Runde im Bundesrat über das Hochschul-rahmengesetz Der Bundesrat schlägt 49 Neu- und Umformulierungen des Hochschulrahmengesetzes vor. Insbesondere lehnt er die von Minister Leussink vorgeschlagene integrierte Gesamthochschule, die gar nicht in allen Flächenstaaten durchzuführen sei, und die verfaßte Studentenschaft ab. Er verlangt auch, daß nicht in jeder Gesamthochschule alle Fachrichtungen anzubieten, sondern be-stimmte Studiengänge an bestimmten Gesamthochschulen zu konzentrieren seien. Nach diesem Votum zeichnet sich eine heftige Kontroverse zwischen Bund und Ländern über die Reform ab. Die CDU/CSU-Fraktion legt einen Gegenentwurf zum Gesetz vor, der im Personal- und Haushaltswesen dem Staat eine stärkere Aufsicht einräumt, auf dem Gebiet der Hochschulplanung jedoch den Universitäten größeres Gewicht geben will. Forschung an der FU: Das Aristoteles-Archiv Der FU "Pressedienst Wissenschaft" veröffentlicht seine zweite Nummer mit einem Bericht über das Aristoteles-Archiv am Seminar für Klassische Philologie der Freien Universität Berlin. Dieses Archiv sei das einzige moderne Zentrum zur Erforschung des griechischen Aristoteles-Textes in Deutschland. Es besitzt die einzige vollständige Sammlung von Mikrofilmen der über eintausend erhaltenen griechischen Aristoteles-Handschriften. Eine solche Sammlung ist für die Rekonstruktion der authentischen Originaltexte wichtig. Nachdem seit 1959 unter der Leitung von Prof. Dr. Paul Moraux die Handschriftenbibliotheken in Europa und den USA bereist worden sind, um eine solche Sammlung per Mikrofilm zu erstellen, die Handschriften seit der Gründung des Archivs im Jahre 1965 nach inhaltlichen Gesichtspunkten untersucht (Aufteilung in logische, physikalische, ethische und zoologische Schriften des Aristoteles) und nach ihren Schreibern, ihrem Umfang und ihrer Vollständigkeit befragt wurden, ist nun die Basis für eine umfassende Überlieferungsgeschichte und Bibliographie, für eine neue Edition und für den Einblick in die geistes- und kulturgeschichtlichen Hintergründe des Mittelalters und der Renaissance geschaffen. 1. Februar 1971 Erster Tag des von den "Roten Zellen" angekündigten Streiks Am ersten Tag des fünftägigen Streiks gegen die Verbotsanordnung der drei germanistischen Lehrveranstaltungen durch Senator Stein sind ca. 75 % aller Lehrveranstaltungen vom Streik betroffen. Vor vielen Gebäuden der FU stehen Streikposten. Kleine Gruppen ziehen von Lehrveranstaltung zu Lehrveranstaltung, um zur Teilnahme am Streik aufzurufen. Durch Lautsprecher werden revolutionäre Kampflieder übertragen. Schlüssellöcher werden durch Einspritzen von Kunststoff unbrauchbar gemacht. Malkommandos bringen Sprüche an den Wänden der FU an. Rote Fahnen werden gehißt. Im Audi Max findet eine von ca. 1.000 Teilnehmern besuchte Veranstaltung statt. FU-Präsident Kreibich ruft die "Roten Zellen" dazu auf, den Protest nicht zu Pressionen werden zu lassen. Gegen Gewalttäter kündigt er entsprechende Maßnahmen an. Trotz dieses Aufrufs kommt es am Psychologischen Institut zu Gewalttätigkeiten. Proteste gegen den Streik gibt es vor allem bei den Wirtschaftswissenschaftlern, die sich in einer studentischen Urabstimmung gegen den Streik ausgesprochen hatten (vgl. 26. Jan.1971.). Ein Stimmungsumschwung, der sich in Äußerungen vieler FU-Mitglieder über die Unzufriedenheit mit der Entwicklung ausdrückt, ist deutlich in einigen FB erkennbar. 2. Februar 1971 Beginn der Hochschultage an der FU Der zweite Tag des Streiks fällt zusammen mit dem von der WRK, der BAK und dem VDS empfohlenen und vom Akademischen Senat der FU organisierten ersten der beiden Hochschultage, die zur Information über das Hochschulrahmengesetz und den Gesamthochschulplan dienen sollen. Auch an westdeutschen Universitäten werden solche Hochschultage durchgeführt. An der FU sind die Nachmittage vorlesungsfrei, um die Teilnahme an Vorträgen zu ermöglichen. Zur Eröffnung hält Präsident Kreibich im Auditorium maximum vor ca. 1.000 Zuhörern einen Vortrag, der durch kritische Zwischenrufe und Gelächter gestört wird. In der anschließenden Diskussion wird dem Präsidenten vorgeworfen, daß er vor Polizeieinsatz nicht zurückschrecke, worauf er erwidert, daß Gewalt durch Studenten kein adäquates Mittel des Protestes sei. Zum Gerichtsentscheid über die drei germanistischen Übungen sagt Kreibich, daß man nicht jede Haltung des Staats pauschal als reaktionär werten dürfe. Dies habe nichts, wie ihm vorgeworfen werde, mit einer Täuschung über den angeblichen "Klassencharakter" der Justiz zu tun. Im Akademischen Senat findet anläßlich der Hochschultage eine außerordentliche Sitzung statt, deren einziger Tagesordnungspunkt der Entwurf der Bundesregierung zum Hochschulrahmengesetz ist. Nur einer von zehn Hochschullehrern ist erschienen. Die übrigen hatten brieflich erklärt, sie sähen sich in der momentanen Situation an der FU nicht imstande, "den Schein zu erwecken, als könnten unter solchen Voraussetzungen selbstverwaltete Gremien dieser Universität einen sinnvollen Beitrag zur Diskussion von Hochschulgesetzen leisten". Von den anwesenden Senatsmitgliedern wird eine Resolution verabschiedet, in der "in aller Schärfe" gegen den Versuch protestiert wird, "durch ein reaktives Hochschulrahmengesetz progressive Ansätze in der Ländergesetzgebung zu torpedieren". Wie am Tag zuvor wird der Streik mit Streikposten, "Go-ins" und Auseinandersetzungen der Streikposten mit hörwilligen Studenten durchgeführt. Der "Abend" vom 2. Februar schildert den Streik, wie er sich für die "Roten Zellen" in ihren "Erfolgsmeldungen" darstellt: "Noch mal dreißig Leute rüber zur Jur. Fak., da muß noch eine Vorlesung verhindert werden. (...) Eine militante Rechte will über den Streik abstimmen, wir konnten das gerade noch verhindern. (...) In der WiSo findet eine Diskussion mit einem bürgerlichen Wissenschaftler statt. Es werden noch etwa zehn Genossen gesucht, die die Diskussion unterstützen." Wissenschaftssenator Stein verurteilt die Aktivitäten der "Roten Zellen" als illegal, vor allem weil sie sich zum Teil gegen Mehrheitsbeschlüsse streikunwilliger Studenten richten. Er fordert die Studenten auf, weiterhin zu den Vorlesungen zu erscheinen. Mehrere Zeitungen sprechen davon, daß die "Roten Zellen" dem Präsidenten den Waffenstillstand aufgekündigt hätten. Kreibich sei als Streikbrecher beschuldigt worden. Kein Vertrauen mehr zu den Reformen an der FU Die "Welt" spricht in einem Artikel über das Abbröckeln des Vertrauens selbst der SPD-Politiker in das "Reform-Experiment FU". Indoktrinationsversuche würden mit dem Hinweis auf den Wissen-schaftspluralismus toleriert. Jede Kritik würde als "Reformfeind-lichkeit" ausgelegt. Unterwanderungsmanöver würden als Einzelfälle abgetan. Es brodele wieder an der FU wie in den Jahren 1967/68, aber diesmal habe der Staat weniger Einfluß, weil inzwischen wichtige Ämter von Ideologen besetzt seien und oft ideologische Ausschließlichkeitsansprüche Erfolg hätten. 3. Februar 1971 Dritter Tag des Streiks, zweiter Hochschultag Am Vormittag wird der Streik an den Berliner Hochschulen fortgesetzt, konzentriert sich jedoch nun hauptsächlich auf die PH, wo er z.T. Formen annimmt, die später (8. Februar) vom Personalrat der PH aufs schärfste kritisiert werden: Streikposten verlangen von PH-Angehörigen Passierscheine der sogenannten Streikleitung, um das Gelände zu betreten; rote Fahnen mit Hammer und Sichel wehen auf den Gebäuden. Ein Betreten des Geländes dürfe nicht von "Roten Zellen" abhängig sein, meint der Personalrat, und rote Fahnen mit Hammer und Sichel seien Embleme der Diktatur. An der FU besucht ein Teil der Studenten die Lehrveranstaltungen. Nachmittags finden im Rahmen der Hochschultage Vorträge im Henry-Ford-Bau, im Institut für Anorganische Chemie und im OSI statt. Diese werden durch lautstarke Protestkundgebungen unterbrochen, so daß die Redner (wie der SPD-Bildungsexperte Gerhard Heimann) nicht zu Wort kommen. Heimann meint, daß bei den "Roten Zellen" von vornherein feststehe, wer der Gegner sei. Ein Hauptfeind sei die SPD, weil sie eine reformerische Alternative im Rahmen der verfassungmäßigen Ordnung schaffe. Es gehe den "Roten Zellen" nicht um eine hochschulpolitische Auseinandersetzung, sondern um Macht in den Gremien. 4. Februar 1971 Vierter Tag des Streiks Am vierten Tag des Streiks kommt es zwischen etwa 40 lernwilligen Medizinstudenten und Streikposten der "Roten Zellen" zu Schlägereien. Ein Dozent und ein Student müssen sich in ärztliche Behandlung begeben. Auch an der TU und an der Ingenieur-Akademie Beutz kommt es zu Handgreiflichkeiten. Im Fachbereich Chemie räumen die Belagerer nach einem Beschluß der Ausbildungskommission das Haus. Wissenschaftssenator Stein erklärt zur Behinderung des Abgeordneten Heimann an der FU, daß die "Roten Zellen" in dieser Woche den Nachweis erbracht hätten, undemokratisch und damit verfassungsfeindlich zu sein. An einer sachlichen Auseinandersetzung liege ihnen nichts. Sie würden nur die Reform gefährden. 5. Februar 1971 Demonstration der "Roten Zellen" zur Senatsverwaltung Am fünften Tag des Streiks werden in den Morgenstunden zunächst ebenfalls Lehrveranstaltungen behindert und Diskussionen geführt. Am Fachbereich Vorklinik wird eine Briefwahlabstimmung, bei der sich die Mehrheit gegen den Ausstand ausgesprochen hatte, durch einen von drei linksgerichteten Studenten gestellten Antrag beim Verwaltungsgericht für rechtswidrig zu erklären versucht. Der Antrag wird jedoch abgelehnt. Als "Höhepunkt" des Streiks findet eine "Kampfdemonstration" (etwa 4.000 Personen) zum Gebäude des Senators für Wissenschaft und Kunst statt. In Sprechchören heißt es: "Erkämpft das sozialistische Studium." - Die CDU-Abgeordnete Dr. Ursula Besser wirft in einem Brief dem Regierenden Bürgermeister vor, den Lehr- und Lernwilligen der FU bei ihrem Kampf gegen den linken Terror seine Unterstützung versagt zu haben. Von "Streikenden" könne keine Rede sein, denn es fehlten alle Merkmale eines Arbeitskonflikts. Man habe es mit "Aufständischen" zu tun. Im Berliner Parlamentsausschuß für Wissenschaft und Kunst kommt es zwischen SPD und CDU wegen der Vorgänge in der Streikwoche zu heftigen Kontroversen. Die CDU erhebt den Vorwurf, daß die notwendigen Konsequenzen nicht gezogen worden seien. Die SPD meint, daß sich die "Roten Zellen" als antidemokratisch entlarvt hätten. Auch die Reformsozialisten erklären, daß die Wirkung des Streiks nur eine Diskreditierung des Fortgangs der Hochschulreform in der Öffentlichkeit bedeute. Dok. 1056 Hat die studentische Protestbewegung ihren Höhepunkt überschritten? In der "Zeit" wird über den Unterschied zwischen der Studentenrebellion Ende der 60er Jahre und der in den letzten Tagen reflektiert: Damals sei die Bewegung mit Witz und Humor vorgebracht worden ("das große Straßentheater (...) mit Operettenputsch in Instituten (...) und Justizkomödien mit herabgelassenen Hosen und entblößtem Busen"). Nun dagegen sei von anarchistischer Spontaneität nichts mehr zu spüren (gemäß dem Leninwort, daß die Revolution die ernsteste Sache von der Welt sei). Mit solchem Ernst könne die Masse der Studenten kaum noch gewonnen werden. Erreicht habe man die Verunsicherung der Professorenschaft ("Man vergleiche Erklärungen der WRK von 1965 mit denen von 1970, und man ist gezwungen, entweder an Wunder oder an die läuternde Wirkung der Angst vor dem SDS zu glauben."), die Ablösung der monokratisch geleiteten Institute durch Teams im Fachbereich, die Anpassung von Studiengängen an neue Berufsfelder. Der Zorn der linken Studenten hätte im Grunde die Zwänge des technologischen Zeitalters im Visier, gar nicht so sehr unsere Form der Marktwirtschaft. "Entfremdung" sei die Vokabel, die passe, Fremdbestimmung durch Machtgefüge, die der Betroffene nicht zu durchschauen vermöge. Die neuen Proteste seien zwar ernster, hätten aber auch noch eine Vorliebe fürs Theatralische: "Bärte und Mähnen, Spottverse im Sprechgesang, durch Rufe und Klatschen rhythmisierter Laufschritt, der Regisseur mit der Flüstertüte (...) lauter kleine Eisensteins! Farbbeutel, Konfetti, Transparente (...) klirrende Fensterscheiben, detonierende Knallkörper". Der Bürger, Theater nur im Theater gewohnt, stehe dem hilflos gegenüber, ja er mißverstehe solche Spiellaune. Was als Rudiment verflossener Lebensformen noch in ländlich kleinstädtischen Festspielen und Umzügen gepflegt werde, habe nun dem modernen, urbanen Lebensgefühl entsprechende neue Formen gefunden. Ist der Ruf Berlins als bedeutendste deutsche Universitätsstadt zerstört? Mehrere Zeitungen (u.a. der "Abend") behaupten, der Ruf Berlins als bedeutendste deutsche Universitätsstadt sei zerstört. Die FU, einst von Anti-Kommunisten gegründet, sei nun eine "Kaderschmiede für kommunistische Revolutionäre". Aus den Erlebnissen der letzten beiden Monate seien deutlich die Strategien zum Sturz von Staat und Gesellschaft erkennbar. Das Hochschulgesetz werde durch die Schwierigkeiten einem Härtetest unterzogen. Das Problem stecke in der zu großen Zahl an Wahl-mandaten, die für Gremien zu vergeben seien. Für die 700 Posten in Gremien könne man nicht genügend Personen finden, die neben Forschung, Lehre und Studium auch noch das Engagement für diese Arbeit aufbringen könnten. In Zukunft müsse die Universität von einem Manager und nicht von einem politischen Präsidenten verwaltet werden. Sind staatliche Eingriffe ein brauchbares Mittel gegen die "Roten Zellen"? In der Sendung "Kommentare zur Hochschulpolitik" im RIAS II wird verneint, daß staatliche Eingriffe in die Universität ein brauchbares Mittel seien, um die Ausschreitungen fanatisierter Studenten zu verhindern. Sie gäben den Radikalen Gelegenheit, durch emotionales Ausschlachten eines solchen Eingriffs solche Studenten gegen den Staat zu mobilisieren, die ursprünglich mit den Radikalen nichts gemein gehabt hätten. Der Kampf müsse universitär ausgetragen werden. Um dies zu erreichen, müsse der Präsident der Universität helfen, daß die schweigende Mehrheit mobilisiert werde und Hochschullehrer und Studenten zu Worte kämen, die eine reformerische und funktionsfähige Universität wollten. Über die Erfolge der FU in den letzten Jahren Im RIAS II wird auf die Erfolge der FU in den letzten Jahren hingewiesen. Diese würden wegen der spektakulären Querelen oft vergessen. Es sei zu erkennen, daß nach Jahrzehnten der Stagnation die FU erste Reformansätze verwirklicht habe: Es seien Forschungsschwerpunkte gesetzt, die Entwicklung berufsorientierter Studiengänge und interdisziplinärer Arbeitsgruppen sei eingeleitet und ein Bauprogramm sei formuliert worden, das dem Wildwuchs des Hochschulausbaus ein Ende setze. In der Fortentwicklung dieser Ansätze stecke die Chance, die Querelen zu beenden. Nur wenn das Engagement scheitere, würden die radikalen Studentengruppen ein Echo finden und ihren "Vulgärmarxismus" verbreiten können. 6. Februar 1971 Schulsenator Löffler spricht von der "Heuchelei" der Roten Zellen In der "Berliner Stimme" bedauert Schulsenator Löffler, daß die "Roten Zellen" in der letzten Woche klar den Mehrheitswillen der Studenten mißachtet hätten. Statt demokratisch zu handeln, seien Mehrheiten von Minderheiten terrorisiert worden. Was die drei germanistischen Lehrveranstaltungen beträfe, so habe man in schwebende Verfahren eingegriffen und dadurch unabhängige Richter beeinflussen wollen. Nur in Worten seien die "Roten Zellen" Demokraten, in Taten jedoch nicht. Der Anspruch auf Ausschließlichkeit einer wahren Meinung widerspreche dem, was Rosa Luxemburg, auf die sich die "Roten Zellen" beriefen, einmal gesagt habe: "Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden." 7. Februar 1971 Gegen Steuergelder für "Rote Zellen" In der "Welt am Sonntag" sieht Paul C. Martin die Steuergelder, mit denen die FU finanziert wird, durch die Aktivitäten der "Roten Zellen" und das Wirken marxistischer Dozenten mißbraucht. Dok. 1057 8. Februar 1971 Niederlage für "Rote Zellen" Die BZ berichtet über Vollversammlungen in mehreren Fachbereichen, in denen die Mehrheit gegen eine Fortsetzung des Volesungsboykotts entschied. Dok. 1058 Chaotische Zustände an der FU In einer Bilanz zum Abschluß des Sommersemesters stellt die "Stuttgarter Zeitung" fest, daß sich trotz jahrelanger Auseinandersetzung an der FU noch immer kein Minimum an Spielregeln entwickelt hat, das einen geordneten Lehrbetrieb ermöglicht hätte. Dok. 1059 Erste Konzilswahlen an der FU: Sieg der gemäßigten Kräfte Zum erstenmal seit Inkrafttreten des Berliner Universitätsgesetzes wird das Konzil der Freien Universität gewählt. Seine Aufgaben, die Wahl und Abwahl des Präsidenten und der Vizepräsidenten, die Verabschiedung und Änderung der Universitätssatzung sowie der Wahlordnung, wurden bisher vom Übergangskonzil wahrgenommen. Da in drei Fachbereichen keine Kandidaten für die Wahl aufgestellt wurden, werden nur 134 statt 144 Mitglieder gewählt. Das Konzil setzt sich aus 80 Hochschullehrern, 127 Wissenschaftlichen Mitarbeitern, 109 Studenten und 63 Dienstkräften zusammen. Die "Reformsozialisten" geben anläßlich der Konzilswahlen bekannt, daß sie den Gegnern der "Roten Zellen" Rückendeckung geben wollen. Sie kritisieren die Gewaltanwendung im Verlaufe des Streiks und die Mißachtung von Urabstimmungen gegen den Streik. Ihr Ziel ist die inhaltliche Auseinandersetzung. Ihrer Programmatik nach stehen sie links von der Mitte. Sie sehen sich als Initiatoren, Förderer und Vollender des Berliner Hochschulgesetzes. Den "Reformsozialisten" gehören inzwischen etwa 100 Mitglieder an. Die Wahlbeteiligung der Studenten ist im Unterschied zur Beteiligung der Hochschullehrer und Assistenten an der Wahl nur gering (ca. 20 %), obwohl Präsident Kreibich vor der Wahl etwa 17.000 Postkarten mit dem Aufruf zur Wahlbeteiligung an Universitätsmitglieder verschickt hatte. Das Desinteresse der Mehrheit der Studenten führt nach Meinung der "FAZ" dazu, daß die linken Hochschulgruppen relativ viele Stimmen bekommen, denn ihre Anhänger würden sich mehr als andere an den Wahlen beteiligen. Da im Berliner Universitätsgesetz ein Quorum, d.h. eine Forderung nach einer Mindestwahlbeteiligung fehlt, erhält die Gruppe der Studenten trotz niedriger Wahlbeteiligung die volle Zahl der Mandate. Die Wahl endet mit einem Sieg der gemäßigten Kräfte (die hochschulpolitisch konservativ eingestellten Mitglieder erringen 51 Mandate, die Liberalen 57, die Linken 20 - davon zwölf die "Roten Zellen"-; die restlichen Mandate fallen auf nicht einzuordnende FU-Mitglieder). Im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, wo die "Roten Zellen" kürzlich gegen einen Urabstimmungsbeschluß die Hörsäle blockiert hatten, wird kein Vertreter der "Roten Zellen" in das "Universitätsparlament" gewählt. In einem Flugblatt der "Rotzök" heißt es, daß sie das Konzil für das wasserköpfigste Gremium der Universität halten. Einige säßen aus bloßer "Karriere- und Tantiemengeilheit" dort herum. Die Wahlbeteiligung der Professoren liegt mit 73 Prozent höher als im Jahr 1969 (66,6%). Präsident Kreibich beurteilt die politische Zusammensetzung des Konzils als tragfähig für seine Hochschulpolitik. Am 17. Februar konstitutiert sich das Konzil, indem ein Ausschuß für Satzung und Geschäftsordnung und ein provisorischer Vorstand besetzt werden. In die Ausschüsse und in den Vorstand werden dabei überproportional viele Linke gewählt, da diese im Unterschied zu den gemäßigten Gruppen vorher ein Bündnis eingegangen waren. Protestbrief der Medizinstudenten an FU-Präsident Kreibich In einem Protestbrief an FU-Präsident Kreibich beklagen sich Medizinstudenten, daß ihnen der ungehinderte Zutritt zu den Hörsälen in den letzten Wochen nicht garantiert worden sei, obwohl sie sich (mit 523:105 Stimmen) gegen den Ausstand ausgesprochen hätten (vgl. 5. Febr. 1971). Dort heißt es: "Glauben Sie, daß es richtig ist, daß die Mehrheit der Studenten unter dem Druck des Terrors einer Minderheit in den Untergrund gehen muß und die notwendigen Vorlesungen und Übungen heimlich und zur Nachtzeit in Privaträumen und Labors einsichtiger Dozenten und Assistenten hören muß, um einen normalen Arbeitsgang zu garantieren?" Sie fordern von Kreibich, daß er als Präsident der gesamten Studenten-schaft der FU amtiere. Ist Rolf Kreibich durch ein Beratergremium unter Druck gesetzt worden? Die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" veröffentlicht einen Text, aus dem hervorgeht, daß Rolf Kreibich sich vor seiner Ernennung als Präsident der FU im November 1969 einer "linken Fraktion" gegenüber zur Errichtung eines Beratergremiums verpflichten mußte. Durch ein solches Gremium hätten politische Gruppen innerhalb und außerhalb der Universität im Verein mit der Universitätsspitze die Fachbereichsräte, den Akademischen Senat und andere Entscheidungsträger durch kombinierte Maßnahmen von oben und unten unter Druck setzen und so "progressive" Entscheidungen fördern können. Eine Zulassung der Öffentlichkeit zu dem Beratergremium sei nicht gestattet gewesen. Das Gremium war im Sommersemester 1970 aufgelöst worden, weil das Präsidialamt inzwischen eine unkontrollierte Selbständigkeit an den Tag gelegt habe. Laut "Notgemeinschaft" existiert aber inzwischen ein neues Beratergremium. Letzteres bestreitet das Präsidialamt. Einige Germanistikdozenten dehnen den Streik aus Drei Germanistikprofessoren und 19 Assistenten dehnen den Streik bis zum 10. Februar aus, weil sie ihr Mißfallen an den Ereignissen der letzten Wochen bekunden wollen. Dies hat zur Folge, daß viele Berliner Germanistikstudenten aus Westdeutschland nicht länger in Berlin bleiben wollen, denn am 12. Februar beginnen die Semesterferien. Viele Studenten fahren daher verfrüht nach Hause. 10. Februar 1971 Gründungsausschuß für Soziale Medizin aufgelöst In einem Flugblatt teilt die "Linke Fraktion" des Gründungsausschusses für das Zentralinstitut für Soziale Medizin mit, daß sich das Gremium aufgelöst habe. Als Grund wird die "totale Entmachtung" durch Wissenschaftssenator Stein angegeben. Die "Reformer" an der FU würden mit den Rechten zusammenarbeiten. Dadurch würden sie sich als "Feigenblatt" gegenüber den progressiven Studenten mißbrauchen lassen. 23 FU-Dozenten unterschreiben Protesterklärung gegen die "Roten Zellen" Im Fachbereich Erziehungswissenschaften haben 23 Lehrkräfte eine Erklärung unterschrieben, in der sie das Vorgehen der "Roten Zellen" an ihrem Fachbereich kritisieren. Die "Roten Zellen" würden die "bürgerliche Erziehungswissenschaft" abschaffen und ein rein sozialistisches Studium institutionalisieren wollen. Dies sei falsch, weil die Erziehungswissenschaft auf eine Vielfalt von Methoden angewiesen sei. Fachbereichratssitzung abgebrochen Im Fachbereich Geschichtswissenschaften wird eine Sitzung des Fachbereichsrats durch Lärm und Verdunklung des Sitzungsraumes gestört und dann abgebrochen. Thema der Sitzung war eine neue Ordnung für das Grundstudium. Dabei war der Antrag eines studentischen Vertreters abgelehnt worden. Sondersitzung des Akademischen Senats zur Bausituation In einer Sondersitzung des Akademischen Senats wird darauf hingewiesen, daß die durch das Universitätsgesetz vorgesehene starke Erweiterung des Lehrkörpers bisher keinen Niederschlag in den Bauten gefunden habe. Beispielsweise sei für die 600 neuen wissenschaftlichen Mitarbeiter keine Erweiterung der Raumkapazität geschaffen worden. Eine Erhöhung des Bundeszuschusses für solche Zwecke um 50% wird gefordert. - Sonderthema ist dann der Fortgang des Ausbaus des Obstbaugeländes. Der mit 57 Millionen DM veranschlagte Bau auf dem 22.500 Quadratmeter umfassenden Gelände soll viele der in gemieteten Villen untergebrachten Bereiche aufnehmen. Er war 1963 entworfen und 1967 begonnen worden. Der erste Teilabschnitt wird erst verzögert zum Jahresende 1972 fertig. Die aus "Edelrost" bestehende Fassade, die dem Gebäude den Namen "Rostlaube" einbringt, und technische Unausgereifheiten bei ihrer Herstellung haben dazu geführt, daß der Zeitraum der Fertigstellung eines in konventioneller Weise errichteten Gebäudes um Jahre überschritten wird. 12. Februar 1971 Bilanz zu Beginn der Semesterferien Mehrere Zeitungen (u.a. die "Süddeutsche Zeitung" und "Die Welt") stellen zu Beginn der Semesterferien fest, daß das Wintersemester seit Anfang des Jahres 1971 für die Studenten sehr zerrissen gewesen sei. Zahlreiche Streiks und abgesagte Lehrveranstaltungen hätten in Kauf genommen werden müssen. "Für die wenigen Studenten, die heute überhaupt Vorlesungen noch regelmäßig besuchen", meint ein Jurastudent im "Tagesspiegel" vom 14. Februar, "hätten vielleicht Ausweichräume gefunden werden können, denn die Streiks sind zeitig genug angekündigt gewesen". Da die Streiktrupps nur anfänglich die Vorlesungen gestört hätten, dann aber die Räume wieder verließen, hätten die Vorlesungen seiner Meinung nach zum Teil abgehalten werden können. Auf jeden Fall seien die Lernwilligen nicht auf ihre Kosten gekommen. Verkürzung des Studiums durch die Bund-Länder-Kommission geplant Die Bund-Länder-Kommission plant eine Reglementierung der Studien-zeiten. An den künftigen Gesamthochschulen sind folgende Abschlüsse vorgesehen: ein praxisorientiertes Studium nach etwa sechs Semestern (dem bisherigen Ingenieurschulstudium vergleichbar); Lehrerstudium nach sieben bis acht Semestern; for-schungsbezogene Studien nach acht bis zehn Semestern; Aufbaustudiengänge innerhalb von vier Semestern. Eine Studienverlängerung soll ihren Vorstellungen entsprechend von den Hochschulen bewilligt werden müssen. Auch werde demnächst, so meint sie, die Hälfte aller Abiturienten nicht die Hochschulen besuchen. Rektor der neuen Technischen Fachhochschule drängt auf Bildung einer Berliner Gesamthochschule Der im Februar gewählte Rektor der zur Technischen Fachhochschule zusammengeschlossenen Fachschulen spricht bei seiner ersten Präsentation in der Öffentlichkeit davon, daß er sich für die Bildung einer Gesamthochschule in Berlin einsetzen werde. Das Fachhochschulgesetz, das im November 1970 die Umwandlung der Ingenieurs-, Wirtschafts- und Sozialarbeits-Akademien in Fachhochschulen beschloß, wird am 1. April 1971 in Kraft treten. Broschüre über die Studienmöglichkeiten in Berlin Der Berliner Senat veröffentlicht eine 52seitige Broschüre über Studienmöglichkeiten in Berlin. Dort ist u.a. die Geschichte der FU skizziert. Es wird behauptet, daß in Berlin auf Grund des Universitätsgesetzes von 1969 "gründlicher und weniger zeitraubend" als woanders ausgebildet werden könne und daß die Universitäten experimentierfreudig seien. Ersteres wird vom "Rheinischen Merkur" angezweifelt, zu letzterem heißt es, daß inzwischen "überexperimentiert" werde. Die meisten Studenten in Berlin würden sich schon beim geringsten Druck von linken Gruppen mit diesen solidarisieren. "So (...) geraten sie in die gleiche Zwielichtigkeit wie ihre Väter und Großväter, die sie wegen ihres erzwungenen NS-Mitläufertums jederzeit mit Geifer, Spott und Hohn bedenken." 32. Sitzung des Akademischen Senats Auf seiner 32. Sitzung behandelt der Akademische Senat folgende Punkte: Er wählt die Mitglieder der im Universitätsgesetz vorgesehenen Kommission für das Bibliothekswesen. Er beschließt über die Zulassungsbeschränkungen in den bisher noch nicht vom NC betroffenen Fächern Erziehungswissenschaften, Psychologie und Pharmazie. Und er bildet eine Kommission, die sich mit den Problemen am FB Neuere Fremdsprachliche Philologie befassen soll. 14. Februar 1971 Kritik am Kommentar zum Fernsehfilm "Alma mater" Die Präsidenten der beiden Berliner Universitäten kritisieren, daß der in einer Wiederholung gezeigte Fernsehfilm "Alma mater" von Dieter Meichsner, in dem der FU-Sommer 1968 am Beispiel eines gepeinigten jüdischen Universitätslehrers geschildert wird, einseitig kommentiert worden sei. Den Kommentar habe ein Mitglied der "Notgemeinschaft", Prof. Dr. Ernst Rüthers, verfaßt. Er habe gesagt, daß der Film zeige, wie die Universität zum Instrument einer revolutionären gesellschaftsfeindlichen Agitation werde. Man hätte auch eine gegensätzliche Meinung zu Worte kommen lassen müssen. 15. Februar 1971 Austritt zweier Professoren aus dem Lateinamerika-Institut In einem Schreiben an FU-Präsident Kreibich und den Kuratoriumsvorsitzenden Schütz erklären die Professoren Behrendt und Hirsch-Weber ihren Austritt aus dem Lateinamerika-Institut. Im Institutsrat, aus dem die beiden bereits vorher wegen Meinungsverschiedenheiten mit der linksliberalen Fraktion ausgetreten waren, würde die Mehrheit Ressentiments haben und Diskussionen seien von klassenkämpferischer Irrationalität bestimmt. Daher würden sie sich nun völlig aus dem Institut zurückziehen und sich auf ihre Tätigkeit in ihren Fachbereichen beschränken (Angehörige von Zentralinstituten gehören zugleich einem der Fachbereiche der FU an). Das Institut war von Prof. Dr. Baader mitgegründet worden, z.T. weil die Stiftung Preußischer Kulturbesitz über die größte Lateinamerika-Bibliothek Europas verfügt und diese im Falle einer Nicht-Ansiedlung des Instituts in Berlin nach Westdeutschland ausgelagert worden wäre. Baader hatte aus ähnlichen Gründen wie jetzt Behrendt und Hirsch-Weber das Institut und Berlin überhaupt verlassen (vgl. Sept. 1970). Auch der Vorsitzende des Institutsrates, Prof. Dr. Otte, hatte bereits sein Amt niedergelegt. Da sich kein Hochschullehrer bereit erklärt hatte, die Leitung des Institutsrats zu übernehmen, war das Amt am 18. Januar kommissarisch an den Assistenzprofessor Dr. Lühr gegangen. Die Ausfüllung des Amtes durch einen Assistenzprofessor bedeutete aber gleichzeitig, daß grundsätzliche Angelegenheiten, die nur bei einem Hochschullehrer als Vorsitzendem geregelt, nicht oder nur bei Anwesenheit des Universitätspräsidenten entschieden werden können. Behrendt und Hirsch-Weber sind der Ansicht, daß das Institut nicht mehr funktionsfähig ist, denn wesentliche Fächer seien nicht mehr durch Hochschullehrer vertreten. Der Institutsrat erklärt daraufhin (25. Februar), daß das Institut durchaus funktionsfähig sei. Es gebe 60 eingeschriebene Studenten, die Lehrveranstaltungen seien im Wintersemester ohne Störungen abgehalten worden und ein viermonatiges Forschungsprojekt in Peru stehe kurz vor dem Abschluß. Auch habe mit der Vorlage einer Dissertation ein einjähriges Forschungsvorhaben in Chile ein Ergebnis gebracht. Die Auseinandersetzungen um das ZI sind im September der erste Vorgang, den der Untersuchungsausschuß zu klären sucht. (Vgl. 8. Sept. 1971) 186 Hochschullehrer verlangen die Novellierung des Berliner Universitätsgesetzes In einem Appell an den Regierenden Bürgermeister, an sämtliche Senatsmitglieder, an die Mitglieder des Abgeordnetenhauses und an die Landesvorsitzenden der Parteien fordern 186 Hochschullehrer der beiden Berliner Universitäten (von insgesamt 1.599 Hochschullehrern) eine gründliche Novellierung des Hochschulgesetzes. Nur dadurch könne weiterer Schaden abgewendet und bereits eingetretener behoben werden. Die Störungen an den Universitäten seien inzwischen einschneidender als vor Erlaß des Gesetzes. Politische Auseinandersetzungen seien an die Stelle von kollegialer Zusammenarbeit getreten. Die Verantwortlichen hätten die Universität den Extremisten überlassen und ihre Treuepflicht gegenüber den Hochschulen verletzt. Wenn das Gesetz nicht novelliert werde, würden sie ihre Mitarbeit auf bestimmten Gebieten einstellen müssen, denn ihre Mitarbeit trage so nur zum weiteren Zusammenbruch der Hochschule indirekt bei. Die Unterzeichner hoffen auf eine Novellierung bis Mitte Juli. Sie wollen an der Ausarbeitung der Neufassung des Gesetzes maßgeblich mitarbeiten. Über die Arbeit an der FU Der "Spiegel" berichtet, daß es unterschiedliche Meinungen über die Intensität der Arbeit an der FU gebe. FU-Vizepräsident Wesel sei der Ansicht, daß an keiner Universität so hart gearbeitet werde. Die Hochschulexpertin der CDU, Frau Dr. Besser, dagegen meine, daß an der FU keiner mehr zur Arbeit komme. Präsident Kreibich schließt sich Wesels Meinung an. Für ihn sind die Gründe für die Schwierigkeiten des vergangenen Semesters die jahrelang verschleppte Krise der deutschen Universität, die erst mit der Bildung der neuen Gremien zum vollen Ausbruch habe kommen können. Auch die gesellschaftspolitischen Spannungen in der Bundesrepublik und der Wahlkampf in Berlin hätten eine Rolle gespielt. Leider würde die FU in der Öffentlichkeit immer nur als Ort der Konflikte erscheinen. Zu wenig würde deutlich, daß hier auch fruchtbare Entwicklungen erwüchsen und daß von der Reformarbeit wesentliche Impulse für andere Universitäten ausgehen würden. 16. Februar 1971 Per Anzeige "kritische" Hochschullehrer gesucht Eine "Ad-hoc"-Gruppe Berliner Studenten sucht per Anzeige in einer deutschen Wochenzeitung für die Staatliche Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik "5 kritische Hochschullehrer", die u.a. Vorlesungen über proletarische Erziehung geben können und von denen "einer Rektor werden kann". Die "Süddeutsche Zeitung" meint dazu: "Kein übles Angebot, das die Berliner Studenten im stolzen Bewußtsein ihrer neuerworbenen Mitspracherechte da offerieren." Im "Rheinischen Merkur" heißt es, daß inzwischen in Fachkreisen die Meinung vertreten werde, an der Humboldt-Universität könne man solider und seriöser studieren als im Westen Berlins. Neuer Präsident der Kultusministerkonferenz gewählt Als neuer Präsident der Kultusministerkonferenz wird der parteilose Hans Maier aus Bayern gewählt. Er erklärt als Antwort auf die Abschiedsrede des früheren KMK-Präsidenten Bernhard Vogel, daß man in den nächsten Jahren eine zunehmend kritischer werdende Öffentlichkeit von der Notwendigkeit von Mehrausgaben in der Bildungspolitik überzeugen müsse. In den letzten Jahren habe sich die Mentalität vom Anspruchsdenken und vom politischen Nulltarif verbreitet. Davon müsse man herunterkommen und die Öffentlichkeit durch Kontrollen von der Leistung im Bildungswesen überzeugen. Auch müsse die Frage nach dem Bedarf gestellt werden. Die FDP-Bundestagsfraktion kritisiert Maiers Äußerungen bezüglich des Anspruchsdenkens und meint, daß er damit den Verfassungsgrundsatz der Chancengleichheit mißachte. Auch Minister Leussink äußert Kritik und sagt, ein Abrücken vom Recht des Bürgers auf Bildung komme nicht in Betracht. Eine moderne Entwicklung könne ohne die Ausbildung der Fähigkeiten aller Bürger nicht existieren. 17. Februar 1971 Dozenten der drei germanistischen Lehrveranstaltungen beantragen einstweilige Verfügung gegen Wissenschaftssenator Stein Die drei Dozenten der im Dezember verbotenen, inzwischen aber wieder stattfindenden germanistischen Lehrveranstaltungen, Lefèvre, Domdey und Rothe, beantragen beim Verwaltungsgericht eine einstweilige Verfügung gegen Senator Stein, die diesem untersagen soll, daß er ihren drei Lehrveranstaltungen Verfassungsfeindlichkeit nachsagt. Der Antrag wird abgelehnt. Lehrer fürchten zukünftige Kollegen von der FU Die Ende 1970 gegründete "Schulpolitische Aktion 70" erklärt, daß sie mit zunehmender Sorge die Entwicklung an der FU und an der PH beobachte. Die Vereinigung besteht aus ca. 400 Lehrern, die besorgt darüber sind, daß es bereits an 50 Prozent aller Gymnasien radikale Gruppen gibt. Von der FU und der PH würden die zukünftigen Kollegen kommen. Es sei notwendig, durch Information auf mögliche Mißstände aufmerksam zu machen. Wird durch die neue Promotionsordnung des FB 11 der dortige Dr. phil. zu einem Ergebnis kollegialer Absprache herabgewürdigt? Die "Notgemeinschaft" vertritt die Ansicht, daß mit der künftigen Promotionsordnung am FB 11 der "Dr. phil." zu einem "Ergebnis kollegialer Absprache" herabgewürdigt werde. In dem Entwurf des Fachbereichs ist vorgesehen, daß die Benotung wegfällt und Kollektivdissertationen mit bis zu drei Teilnehmern akzeptiert werden. Der "Doktor-Vater" soll ersatzlos gestrichen werden und der Doktorand seine Arbeit zusammen mit zwei Kurzgutachten nunmehr nur noch beim Fachbereich einreichen. Die Gutachten können auch von Nicht-Promovierten stammen. Der Beurteilungsausschuß im Fachbereichsrat soll nach den Vorschlägen des Kandidaten gebildet werden. Der Ausschuß muß aus drei promovierten Mitgliedern der FU bestehen, die aber keine Hochschullehrer sein müssen. Darüberhinaus will man der Prüfung einen "edukativen Wert" beimessen, d.h. dem Kandidaten soll ausdrücklich geholfen werden, "zu einem guten Ergebnis zu kommen". Der Kandidat soll auch vorschlagen können, daß die Dissertation gleich als Teil einer Habilitation anerkannt wird. - Ähnliche Vorschläge macht die WRK am 29. April. Sie weist darauf hin, daß die Promotionsordnungen seit 1939 unverändert seien und schon deshalb neue Regelungen an der Zeit seien. Ihr Vorschlag ist es ebenfalls, daß eine Doktorand auch ohne Förderung durch einen einzigen Hochschullehrer promovieren können muß. Auch soll die Zulassung nicht mehr von der Benotung eines Diploms, Magisters oder Staatsexamens abhängen, sondern nur von einem erfolgreichen Studienabschluß. Das Rigorosum soll durch eine öffentliche Disputation ersetzt werden. Die Kosten für die Veröffentlichung der Dissertation soll die Hochschule und nicht mehr der Doktorand tragen. Auch Teamarbeiten, deren wissenschaftlicher Gehalt den von Einzelarbeiten übersteigt, sollen als Dissertation für mehrere Studenten anerkannt werden. Durch die Vereinheitlichung und Objektivierung des Promotionsrechts sollen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, daß die Promotion bundesweit als formale Eingangsbedingung für die Position des Assistenzprofessors gültig ist, wodurch sie an Bedeutung gewinnt. 18. Februar 1971 FU-Kuratorium handlungsunfähig? Die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" erklärt, daß das Kuratorium der FU seiner Aufgabe als oberstes Kontrollorgan der Universität in den letzten Monaten nicht nachgekommen sei. Brisante Fragen, wie vermeintliche Rechtsverstöße des Präsidenten, seien von Sitzung zu Sitzung verschoben worden. Während des Streiks seien die Verantwortlichen unfähig gewesen, der kommunistischen Machtergreifung an der Universität wirkungsvoll entgegenzutreten. Der Vorsitzende des Kuratoriums, der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz, antwortet zwei Tage später, daß er sich zu einzelnen Punkten nicht äußere, weil er sich mit der "Notgemeinschaft" nicht auf eine lange Polemik einlassen wolle. Er könne aber versichern, daß die Vorwürfe nicht gerechtfertigt und die Beschlüsse im Kuratorium immer zeitgerecht gefaßt worden seien. 19. Februar 1971 Plan für die Gründung einer medizinischen Akademie Etwa 40 Professoren des Fachbereichs Medizin (meist Ordinarien, u.a. die Professoren Neuhaus, Kubicki, von Kress und Kewitz) planen die Ausgliederung des medizinischen Bereichs aus der Freien Universität und die Bildung einer selbständigen "Freien Medizinischen Akademie Berlin" mit eigenem Kuratorium und eigener Verfassung. Diese soll nur noch im Rahmen einer künftigen Gesamthochschule Verbindung mit der Universität haben. Als Grund für die Ausgliederung wird angegeben, daß das Universitätsgesetz sich nicht als geeignet für die Belange der Medizin erwiesen habe. Die Krankenversorgung sei gefährdet, das Niveau von Forschung und Lehre in Frage gestellt, die Zusammensetzung der Fachbereichsräte zwinge zur Unterordnung unter Mehrheitsbeschlüsse von Sachunkundigen und schließlich sei die zeitliche Belastung der Hochschullehrer in den Selbstverwaltungsgremien so stark, daß diese sich nur noch wenig um den Patienten kümmern könnten. Durch die Ausgliederung, so Professor Kolb, wolle man verhindern, daß radikale Minderheiten die Oberhand auch in diesem Bereich gewinnen. Seit dem Amtsantritt Kreibichs sei es in der Medizin nicht mehr möglich gewesen, auswärtige Hochschullehrer zu gewinnen (zur Zeit sind sieben Lehrstühle unbesetzt). Die Befürworter des Universitätsgesetzes dagegen, der ärztliche Direktor des Klinikums (Prof. Dr. Wolters) und der Vizepräsident (Prof. Dr. Lax), meinen, daß durch eine Trennung der Medizin wichtige Verbindun-gen zu anderen Fächern (Psychologie, Soziologie) abgeschnitten würden. Auch eine auf die Zukunft hin orientierte Ent-wicklung der Medizin, wie sie mit der Gründung eines Zentralinstituts für Soziale Medizin eingeleitet worden sei, sei dann gefährdet. Die zeitliche Belastung, die durch die Vielzahl der Gremien gege-ben sei, sei allerdings ein Problem. Auch Senator Stein lehnt den Plan der Medizin-Professoren für eine Medizini-sche Akademie ab, weil sich durch Flucht hochschulpolitische Probleme nicht lösen könnten. Die Aufteilung der Fakultät in mehrere Fachbereiche sei gerade der Krankenpflege zugute gekom-men, denn die ausschließliche Abhängig-keit vom Chefarzt alten Stils sei wohl keine optimale Lösung. Auch der Personal-rat des Klinikums wehrt sich gegen die Behauptung, daß nach Inkrafttreten des Universitätsgesetzes eine Verschlechte-rung in der Behandlung und der Betreuung der Patienten eingetreten sei. Die "Notgemeinschaft" veröffentlicht zu dem Thema eine Statistik, die zeigt, daß das Abwandern von medizinischen Hochschullehrern an Universitäten der Bundesrepublik und auf Stellen außerhalb der Universität weit das übliche Maß überschritten hat (mehr als 30% bewarben sich um Positionen außerhalb Berlins). Hinzu komme, daß sich fünf Hochschullehrer auf Dauer im Ausland befänden, sieben emeritiert seien, 13 oft in der Bundesrepublik als Chefärzte und 81 in von der Universität unabhängigen Positionen nebenbei tätig seien (in Krankenhäusern, Industrie, Verwaltung). Sie meint, daß die Einführung der Egalisierung der Kompetenzen in Entscheidungsgremien, in denen nicht alle wissenschaftlich qualifiziert seien, und die mangelnde Definition des Abteilungsleiters zu einer mißlichen Situation im Klinkbereich geführt habe. Wenig später (im April) gibt es auch in Heidelberg Bestrebungen, die Medizin aus dem Universitätsbereich auszugliedern. 20. Februar 1971 Marxismus an deutschen Universitäten In der "Süddeutschen Zeitung" nimmt Iring Fetscher, Experte für die Geschichte des Marxismus, Stellung zu Äußerungen im "Spiegel" über "Kommunisten als Hochschullehrer" (vgl. 18. Jan. 1971). Er meint, daß zweifelsfrei ein gewisser Nachholbedarf für die Einstellung kommunistischer Hochschullehrer bestehe, daß man aber Unterschiede zwischen marxistischen Wissenschaftlern und kommunistischen Parteiideologen machen müsse. An der FU sei es den militanten und straff organisierten Parteimarxisten sowjetischer Prägung gelungen, Einfluß auf die Personalpolitik zu erlangen, beispielsweise bei dem Wunsch nach Ernennung des " -wie die Publikationen deutlich ausweisen - stets an der Ostberliner Orthodoxie orientierten Parteimarxisten (...) Hans Heinz Holz." Es handele sich dabei um entschlossene Kaderpolitik. Holz würde nicht nur für den DDR-Kurs eintreten, sondern auch die militärischen Interventionen in Ungarn und der CCSR rechtfertigen. Der "Spiegel" antwortet am 1. März, daß die Gefahr durch professionelle Marxisten gar nicht so groß sei wie behauptet. Weder an der FU noch an westdeutschen Universitäten sei derzeit ein Ordinarius bekannt, der Mitglied einer kommunistischen Partei sei. Im Fachbereichsrat 11 der FU, der von einer Mehrheit linker Studenten, Assistenten und Professoren beherrscht werde, sei nur eine Minderheit Mitlied der "Roten Zellen" oder der "KPD-Aufbauorganisation". - Senator Stein meint ebenfalls am 1. März, daß er nicht zögere, Marxisten zu berufen, allerdings unter den zwei Voraussetzungen, daß die wissenschaftliche Qualifikation für sich spreche und daß die Bewerber sich glaubwürdig in ein hochschulpolitisches Pluralismus-Konzept einfügten. Bei Holz sei er immer noch nicht überzeugt davon, daß er der beste Vertreter von den drei vorgeschlagenen Wissenschaftlern sei. Der Wissenschaftler, den er für besser halte, sei im übrigen auch ein "Linker". Stein macht darauf aufmerksam, daß er wegen der Berufung von Holz in zunehmendem Maße bedrängt werde. Mehrere Male pro Woche würden ihm Mahnbriefe geschickt, in denen, wie es in einem Brief von Prof. Dr. Taubes heiße, u.a. angedroht werde, daß eine Verzögerung der Berufung "katastrophale Folgen vielleicht auch für die Reform an der FU im allgemeinen haben könnte". Die "Morgenpost" vom 2. März meint, daß es dem FB 11 gar nicht um marxistische Wissenschaft, sondern um die Verstärkung der "Agitatoren-Mannschaft" an der FU gehe. In der "FAZ" kann man lesen, daß Holz mit seiner Dissertation in Frankfurt im Jahr 1954 zunächst gescheitert war und erst später in Leipzig bei Bloch promovieren konnte. Die Beteuerungen von Taubes in seinen Briefen an Senator Stein, daß der Kandidat "über alle Zweifel erhaben" sei, würden so nicht stimmen. Außerdem gebe es am FB 11 an Marxisten nun wirklich kein Mangel mehr, und wenn wirklich ein Marxist berufen werden müsse, dann könne es doch auch ein anderer als Holz sein. 22. Februar 1971 Modell für einheitliche Lehrerausbildung vorgelegt Die PH-Professoren Otto Büsch und Klaus Geleng legen ein Organisationmodell für die Zusammenführung der FU und der PH vor. Die in beiden Hochschulen der Lehrerbildung dienenden Einrichtungen sollen zu zwei Zentralinstituten für Lehrerbildung zusammengelegt und in die FU eingegliedert werden. Die Hochschullehrer dieser Zentralinstitute, die dem Gesetz nach auch Fachbereichen angehören müssen, würden den Fachbereichen "Philosophie und Sozialwissenschaften" und "Erziehungs-wissenschaften" zugeordnet werden. 23. Februar 1971 Vorschlag für Promotionsstipendien durch CDU/CSU Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion bringt einen Gesetzentwurf im Bundestag ein, der die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses an den Hochschulen beschleunigen soll, indem durch Stipendien die Promotion ermöglicht wird. Das Promotions-Grundstipendum soll 900 DM monatlich betragen und zwei Jahre lang gezahlt werden. 25. Februar 1971 Widersprüchliche Auffassungen zur Forderung nach Gesetzes-novellierung Die "Aktionsgruppe Hochschullehrer", der etwa 100 Hochschullehrer der FU angehören (u.a. die Initiatoren Klaus Ulrich, Klaus Kramer, Carsten Colpe und Hans W. Hartwich), weist in einem offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister Klaus Schütz und an den Parlamentspräsidenten Walter Sickert als Antwort auf die Forderung von 186 Professoren der FU und TU nach einer Novellierung des Hochschulgesetzes darauf hin, daß die Störungen im Wintersemester nicht eingetreten seien, weil das Universitätsgesetz den Studenten zu viele Rechte gewähre, sondern weil drei germanistische Übungen verboten worden seien. Im übrigen seien die Störungen nicht einschneidender gewesen als vor Erlaß des Universitätsgesetzes. Allerdings würden sie sicher einschneidender werden, wenn eine Gesetzesnovelle die Reform hinter den Stand ihrer jetzigen Ansätze zurücktreibe. - Einen Tag später widerspricht auch Senator Stein der Auffassung der 186 Hochschullehrer, daß eine sofortige und umfassende Novellierung vorgenommen werden müsse. Der Unterricht sei durchaus nicht in weiten Kreisen der Hochschulen zum Erliegen gekommen. An eine Novellierung des Gesetzes könne erst gedacht werden, wenn alle im Gesetz vorgesehenen Organe gebildet worden und eine gewisse Zeit gearbeitet hätten. - Auch das Präsidialamt äußert sich zum Brief der 186 Hochschullehrer, indem es behauptet, der Brief sei eine perfide Diskriminierung der FU. In verantwortungsloser Weise werde der Bevölkerung das Schreckgespenst unzureichender medizinischer Versorgung vorgegaukelt. Außerdem würden die Behauptungen über Berufungsstatistiken nicht zutreffen. Zwei Medizin-Professoren hätten im letzten Jahr Rufe an die Universität angenommen und ein Professor habe einen Ruf nach auswärts abgelehnt. - Im November jedoch diskutiert auch die "Aktionsgruppe Hochschullehrer" eine Novellierung. Dok. 1060 Warum Studenten die "Roten Zellen" wählen Die "Süddeutsche Zeitung" veröffentlicht eine Meinungsumfrage bei Studenten, warum diese bei Universitätswahlen ihre Stimmen den "Roten Zellen" geben. Medizinstudenten erklären, ihre Stimme sei ein Dank dafür, daß die "Roten Zellen" durch Kampagnen gegen den Numerus clausus erzwungen hätten, daß sie trotz vorheriger Abweisung zum Studium aufgenommen wurden. Germanistikstudenten gaben ihre Stimme als Dank für die Aktionen der "Roten Zellen" gegen "unnütze" Zwischenprüfungen . Auch seien sie eine Reaktion auf die Arbeits- und Schulungskurse der "Roten Zellen", auf deren reiche Auswahl von Möglichkeiten, Unmut und politische Opposition auszudrücken, und auf deren "vorlesungskritische" Veranstaltungen, in denen der bürgerliche Wissenschaftsbegriff kritisiert werde. Keine andere Hochschulgruppe hätte soviel Initiative. Die rhetorische Routine und die oft dogmatische Argumentationssicherheit lasse die "Roten Zellen" als geschlossene Meinungsgruppe auftreten, die meist deutlich das Übergewicht gegen Andersdenkende habe. - Die Zeitung veröffentlicht auch eine Analyse der Geschichte und Zielsetzung der "Roten Zellen". In zwei Leserbriefen dazu (beide vom 24. März) heißt es, daß der Bericht zeige, wie groß die Parallelen zwischen den "Roten Zellen" und den Nationalsozialisten seien. Mit Versprechungen sei den Leuten "Sand in die Augen" gestreut worden. Die geringe Kandidaten-Alternative zu den "Roten Zellen" bei Universitätswahlen sei nicht verwunderlich. Der Zeitbedarf und Kräfteverschleiß für solche Ämter sei bei den neuen Hochschulgesetzen ungeheuer groß, und es sei fast schon Voraussetzung, daß Studenten, die sich für ein Gremium zur Wahl stellen, auch einer Organisation angehörten, denn nur diese könne eine nennenswerte Unterstützung geben. 27. Februar 1971 158. Kuratoriumssitzung Auf der 158. Kuratoriumssitzung werden u.a. folgende Beschlüsse gefaßt: Die Dauer der Verträge mit wissenschaftlichen Assistenten und Tutoren mit Teilzeitverträgen, studentischen Mitarbeitern und studentischen Hilfskräften wird neu geregelt. Die bisherigen beiden Kommissionen für die Stellenbewerbung werden zu einer einheitlichen Kommission zusammengelegt. Ein Dokumentationszentrum für das Schrifttum aus und über Rußland (das bisher vom Kuratoriumsmitglied Peter Bruhn als "Einmannbetrieb mit Sekretärin" geführt wurde) wird nicht als Zentraleinrichtung neu gegründet, sondern im Osteuropa-Institut angesiedelt. Es wird der Beginn der Verhandlungen zwecks Ankauf des "Hauses Dahlem" beschlossen, wo das Institut für Perinatale Medizin untergebracht werden soll (bisherige Schwierigkeiten: der Preis des Hauses ist überhöht, und es gibt in der Nähe weder eine Frauen- noch eine Kinderklinik). Und schließlich wird der Berufungsausschuß für die vier bereits genehmigten Stellen für Soziale Medizin um eine Person ergänzt. 1. März 1971 Forschung an der FU: Faltengebirge im Mittelmeerraum Der "FU-Pressedienst Wissenschaft" veröffentlicht sein drittes Heft mit einem Bericht über das gemeinsam von Geologen und Geophysikern durchgeführte Forschungsprogramm "Kalabrisches Massiv und Ionisches Meer". Gegenstand der Untersuchungen ist die Entstehung eines neuen Faltengebirges im Mittelmeerraum. Beobachtungen, die bisher nur an früher entstandenen fossilen Gebirgen aufgestellt wurden, werden dabei "gleichsam vor der Haustür" in einem Raum aktiver Gebirgsbildung durch Erdoberflächenmessungen sowie Messungen im tieferen Untergrund (auch unterhalb von Gewässern, weshalb im Februar 1971 einige FU-Wissenschaftler an einer Fahrt auf dem Forschungsschiff "Meteor" teilnahmen) überprüft. Praktischer Nutzen ergibt sich aus der Voraussage von Massenbewegungen an Hängen (wichtig für Planungen von Talsperren oder für die Kalkulation von Wasserbilanzen für Plantagengebiete) und aus der Erkenntnis über die Beschaffenheit des Gesteins des Meeresbodens, wo möglicherweise submarine nutzbare Lagerstätten entdeckt werden können. Das Projekt macht aus Aussagen über die Kontinentalverschiebung, die in Kalabrien 10 cm pro Jahrhundert ausmachen soll. Das Projekt wird von der DFG und der VW-Stiftung unterstützt. Bilanz des Wissenschaftssenators Auf einer Pressekonferenz, die durch einen Rechenschaftsbericht der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Kunst über ihre Arbeit in der jetzt zu Ende gehenden Legislaturperiode veranlaßt ist, zieht Senator Stein Bilanz für die Jahre 1967 bis 1971. Vieles (wenn auch nicht immer Spektakuläres) sei neben dem umstrittenen Hochschulgesetz erreicht worden: die Übergabe des Klinikums Steglitz, die Übernahme städtischer Krankenhäuser von der FU, die Abschaffung der Studiengebühren, der Gesamthochschulplan, die Errichtung von Sonderforschungsbereichen, die Verwandlung von bisher fachbezogenen Akademien zu Fachhochschulen, ein Großrechenzentrum und zahlreiche Neubauten für die Hochschulen. Die Zuschüsse für die Hochschulen hätten sich mehr als verdoppelt. Zum Problem der Universitätsautonomie meint Stein, daß er sich im Prinzip dazu bekenne. Lediglich für die Zeitspanne der Zusammenführung zu einem Gesamthochschulbereich werde eine Fachaufsicht durch den Senat erwogen. Zum letzten Streik äußert er, daß der Senat möglichst bald mit den Universitäten gemeinsame Vorstellungen entwickeln wolle, wie man künftig solchen Aktivitäten wirksam entgegentreten könne. Neue Taktik der Linken: bürgerliches Wohlverhalten an den Tag legen In der von den "Roten Zellen" herausgegebenen Broschüre, betitelt "Hochschulkampf - Kampfblatt des Initiativkomitees der Roten Zellen in West-Berlin", werden Schutzmaßnahmen gegen den "Bullen- und Justizterror" empfohlen. Akten, Notizbücher und Protokollhefte müßten reduziert bzw. verschlüsselt werden, Plaudergespräche seien einzustellen, bürgerliches Wohlverhalten sei an den Tag zu legen. Letzteres bedeute, "sich polizeilich zu melden, unnötige Querelen mit Hauswirten und Staatsgewalt zu vermeiden, nicht zu stehlen, nicht trunken Auto zu fahren, nicht zu fixen oder zu dealen". Plenarsitzung der Bund-Länder-Bildungskommission Die Bund-Länder-Bildungskommission diskutiert die verschiedenen Vorschläge für einen Bildungsgesamtplan und für das Bildungsbudget. Für den Hochschulbereich ist im Bildungsgesamtplan vorgesehen, daß bis 1985 1,7 Millionen neue Studienplätze zur Verfügung gestellt werden. Außerdem soll die Studienreform durchgeführt sein. Auch soll bis dahin die Regelstudienzeit von drei oder vier Jahren eingehalten werden. Zudem sollen ehemalige Hochschul_absolventen, insbesondere Lehrer, durchschnittlich alle fünf Jahre Kontaktstudien von drei bis vier Wochen absolvieren. Trotz des Versuchs des Bundesrates, die Verpflichtung zur Errichtung von Gesamt_hochschulen zu mildern, wird beschlossen, den Vorschlag zur Einführung integrierter Gesamthochschulen dem Bundestag weiter_zuleiten. Die CDU/CSU kritisiert dieses Verhalten, weil die Sachfrage ohne eingehende wissenschaftliche Prüfung unter Aus_nutzung der Machtposition der SPD entschieden worden sei. 3. März 1971 Stellungnahme des Regierenden Bürgermeisters zur Forderung nach Gesetzesnovellierung Als Antwort auf die Forderung von 186 Hochschullehrern, das Universitätsgesetz unverzüglich zu novellieren, schreibt Bürgermeister Schütz an einen der Professoren, daß er mit der Forderung insofern übereinstimme, als auch er die Reform noch nicht für abgeschlossen ansehe. Eine überhastete Novellierung des Gesetzes würde jedoch den Universitäten mehr Schaden als Hilfe bringen. Gleichzeitig schreibt Schütz an die "Aktionsgruppe Hochschullehrer", daß er sich über deren Engagement in dieser Sache freue. Gutachten über Notwendigkeit der Gesetzesnovellierung im Klinikbereich In einem bei der "Deutschen Revisions-und Treuhandgesellschaft" für 100.000 DM bestellten Gutachten über die Leistungsfähigkeit des Klinikums wird festgestellt, daß der Geschäftsleitung ihre Verantwortung als Leitungsinstanz von keinem Gremium (noch von Institutionen der akademischen Selbstverwaltung) abgenommen werden könne. Der Ärztliche Direktor und der Verwaltungsdirektor hätten die Rechenschaftspflicht gegenüber der Freien Universität. Aus dem bestehenden Universitätsgesetz könne eine Leitungsinstanz in Form einer Gemeinsamen Kommission nicht abgeleitet werden. Das bedeu_tet, daß diese Kommission nur durch Gesetzesänderung wirksam werden kann. Auf jeden Fall müsse die selbständige Entscheidungs_befugnis der Direktoren zur Sicherung der Krankenversorgung erhalten bleiben. Da Präsident Kreibich das Universitätsgesetz extensiv auslege, sei es notwendig, die Selbständigkeit der Wirtschafts_befugnis und der Verwaltung im Rahmen gegebener Richtlinien zu sichern. CDU legt Vorschläge zur Novellierung des Universitätsgesetzes vor Die CDU-Fraktion des Berliner Abgeordnetenhauses legt Vorschläge für die Novellierung des Universitätsgesetzes vor. Es geht darin um Bestimmungen zum Ordnungsrecht (Arbeitswillige sollen Schutz erhalten), zum Hausrecht des Universitätspräsidenten (er soll bei Störungen zum Eingreifen verpflichtet werden), zur Staatsaufsicht (der Staat soll bei Nichterfüllung der Pflichten der Universität eingreifen) sowie zur Einstellung von Personal (von der Universität sollen keine Personen eingestellt werden dürfen, die die freiheitlich-demokratische Grundordnung bekäm_pfen). "Linke" Gesinnung Voraussetzung für Platz in Studentenwohnheimen Die "Welt" berichtet, daß an verschiedenen Hochschulorten Plätze in Studentenwohnheimen ausschließlich von linken Studentengruppen vergeben werden und sozialistische Gesinnung sowie die Bewährung in der Basisarbeit als Voraussetzung für die Zimmer verlangt wird. Es seien auch Fälle bekannt geworden, in denen andersdenkende Studenten durch Drohung, Nötigung und Gewalt dazu gezwungen wurden, die Wohnheime zu verlassen. 4. März 1971 Mitglieder der Black-Panther-Bewegung im FU-Vorlesungsverzeichnis Im Vorlesungsverzeichnis für das Sommersemester wird Angela Davis als Lehrbeauftragte der FU bereits geführt (über ihre Einladung an die FU vgl. 13. Jan. 1971). Das Thema ihrer Vorlesung soll lauten: "Zum Problem der Gewalt von Kant bis Benjamin". Daneben soll auch der ehemalige Propagandachef der "Black-Panther-Bewegung", Aldrige Cleaver, der zur Zeit im algerischen Exil lebt, an der FU beschäftigt werden (am 2. Dezember war eine Einladung für ihn beschlossen worden). Da diese Einladungen noch nicht durch den Wissenschaftssenator bestätigt wurden, fordert dieser einen Tag später den Präsidenten der FU auf, ihm unverzüglich die Druckfahnen des FU-Verzeichnisses vorzulegen, damit noch vor dem Abdruck des Verzeichnisses eine rechtliche Prüfung der darin vorgesehenen Angaben vorgenommen werden könne. - In Bonn werden die Einladungen von Davis und Cleaver inzwischen (am 5. März) vom Bundestag erörtert. Dohnanyi bestätigt, daß Davis von Vizepräsi_dent Wesel am 1. Februar an die FU eingeladen worden sei. Aldrige Cleaver soll noch nicht eingeladen worden sein. 5. März 1971 Versuch im Klinikum zur Änderung des ärztlichen Bereitschaftsdienstes Im Klinikum Steglitz wird eine veränderte Regelung des ärztlichen Bereitschaftsdienstes diskutiert. Auf Initiative eines Assistenten der Hautklinik (Dr. Hans-Jürgen Wanjura) und in Übereinstimmung mit dem Personalrat hat sich spontan eine "Arbeitsgruppe ärztlicher Bereitschaftsdienst" gebildet, die anregt, daß der Ausgleich für Bereitschaftsdienst nicht Geld, sondern Freizeit sein soll. Die Mediziner, die drei- bis viermal monatlich solche Dienste hätten, seien zeitlich überlastet. Die Konsequenz aus der Forderung wären erhebliche personelle Veränderungen. Die Forderung führt im Herbst des Jahres zu bundesweiten Streikaktionen an den Krankenhäusern. (Vgl. 8. Juni 1971) 6. März 1971 FU-Student als Mitglied der Baader-Meinhof-Gruppe festgenommen Der 23jährige Physikstudent der FU, Ulrich Scholtze, wird in Berlin wegen angeblicher Zugehörigkeit zur Baader-Meinhof-Gruppe festgenommen. Er war bereits im November 1970 verhaftet und dann wieder entlassen worden. Ihm wird Beteiligung an den Raubüberfällen in Kassel vorgeworfen. 7. März 1971 Bei Juristen weniger Kandidaten im Staatsexamen durchgefallen Der "Tagesspiegel" meldet, daß es im letzten Jahr ein relativ starkes Sinken der Durchfallquote bei der ersten juristischen Staatsprüfung unter den Berliner Rechtskandidaten gegeben habe (13 statt 19 % wie im Jahr davor bestanden die Prüfung nicht). Der Präsident des Justizprüfungsamts meldet, daß dies durch die bessere Vorbereitung der Prüflinge auf das Examen zu begründen sei. Die Anforderungen jedenfalls hätten sich in keiner Weise geändert. Allerdings habe niemand mit "sehr gut" bestanden. Schwierigkeiten der Bundesassistentenkonferenz Auf einer Vollversammlung der Bundesassistentenkonferenz geht es um die akuten Finanzschwierigkeiten dieser Organisation. Nach der Satzung der BAK werden von den Assistenten keine Mitgliederbeiträge erhoben. Nachdem die Stiftung Volkswagenwerk erklärt hat, die Organisation weiterhin nicht unterstützen zu wollen, wird Auflösung erwogen, falls nicht zusätzliche öffentliche Mittel erschlossen werden können. Gleichzeitig fordert man die Mitglieder auf, sich in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zu organisieren. Die GEW hatte Angebote gemacht, den Assistenten Eigenständigkeit im Rahmen ihrer Organisation zu gewährleisten. 8. März 1971 Prozeß in CSSR gegen FU-Studentin In Prag wird vom 8. bis 19. März neunzehn Mitgliedern einer "Trotzkisten"-Gruppe der Prozeß gemacht. Unter ihnen befindet sich die FU-Studentin Sybille Plogstedt, die von der "Studienstiftung des Deutschen Volkes" ein Auslandsstipendium bekommen hatte und an einem Buch über "Management und Selbstverwaltung in der CSSR" (erscheint im April 1971) arbeitete. Den Beschuldigten, die seit einem Jahr inhaftiert sind, wird "umstürzlerische Tätigkeit" vorgeworfen. Präsident Kreibich sowie prominente Sozialisten und Kommunisten (z.B. Jean-Paul Sartre und Ernst Bloch) hatten die Inhaftierung verurteilt, insbesondere, weil nicht einmal eine Anklageschrift vorgelegen habe. Der FU-Politologe Prof. Dr. Johannes Agnoli vertritt die Interessen der Studentin in diesem Prozeß. Die Angeklagten sprechen von "psychologischem Druck", mit dem Aussagen erzwungen würden. Sybille Plogstedt widerruft deswegen ein während ihrer Untersuchungshaft abgelegtes Geständnis. Auch weist sie die in der Anklageschrift erhobenen Anschuldigungen zurück. Trotzdem wird sie wie die meisten ihrer Mitangeklagten zu zweieinhalb Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Am 2. Mai wird ihr jedoch bereits mitgeteilt, daß man sie mit der Auflage, die CSSR sofort zu verlassen, vorzeitig aus der Haft entlassen wolle. Etwa zur gleichen Zeit wird eine kurz vorher erst eingereiste westdeutsche Studentengruppe ausgewiesen, in deren Gepäck angeblich "Instruktionen mit geheimdienstlichem Charakter" gefunden worden waren. 9. März 1971 Tagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft an der FU Im Henry-Ford-Bau der FU findet bis zum 13. März die Frühjahrstagung der "Deutschen Physikalischen Gesellschaft" statt (ca. 250 Teilnehmer). Themen sind die Molekülphysik und die Physik der Hochpolymere.Prognose der Presse: Es ist zukünftig ein Massenansturm von Abiturienten zu erwarten. Der "Tagesspiegel" reflektiert die aus der steigenden Zahl von Abiturienten zu erwartende Situation auf dem Arbeitsmarkt. Bisher hätten nur 10 % eines Altersjahrgangs das Abitur gemacht, und 90% davon hätten ein Studium begonnen. Direkt in die Wirtschaft seien durchschnittlich nur 3.000 Abiturienten pro Jahr gegangen. Dies würde sich in Zukunft ändern, d.h. die Unternehmen würden mit einem Massenandrang von Stellensuchenden konfrontiert werden. Daher müßte die Ausbildung mehr auf die Bedürfnisse von Wirtschaft und Verwaltung zugeschnitten werden. 10. März 1971 Erste Lesung der Hochschulrahmengesetzentwürfe im Bundestag Die verschiedenen Entwürfe zum Hochschulrahmengesetz (es handelt sich um Entwürfe der Regierung, der Opposition, der WRK, der BAK und des Bundesrats) werden im Bundestag in einer ersten Lesung diskutiert. Unterschiedliche Auffassungen bestehen bei der Frage der Mitbestimmung, der staatlichen Aufsicht an Hochschulen, der Neuordnung von Studiengängen und Abschlußprüfungen, der integrierten Gesamthochschule, der Freiheitsgarantie für Forschung, Lehre und Studium und des bezahlten Bildungsurlaubs für Dienstkräfte. Wissenschaftsminister Leussink will von den 50 Änderungswünschen etwa ein Drittel akzeptieren. Die wesentliche Forderung, die Errichtung von Gesamthochschulen nur als Soll-Vorschrift im Gesetz zu fixieren, sei jedoch abzulehnen. Abstriche vom Bürgerrecht auf Bildung wolle er in keinem Falle dulden. Sein Ziel sei ein leistungsfähiges und zugleich wandlungsfähiges Hochschulsystem. Der CDU/CSU-Bildungsexperte Martin betont, daß bei hohen Zuwachsraten in den Haushaltsmitteln die Funktionsfähigkeit der Universitäten bisher gesunken sei. Auftrag eines Hochschulrahmengesetzes sei es, der Gefährdung von Forschung, Lehre und Studium entgegenzuwirken. Die "Süddeutsche Zeitung" (12. März) notiert, daß bei der Diskussion der Entwürfe am Ende nur noch 40 Abgeordnete im Plenarsaal gesessen hätten. Längst sei Hochschulpolitik wieder ein Thema geworden, das nur mehr die Experten interessiere. Viel von dem ursprünglichen Antrieb sei verlorengegangen. Vorwurf an Berliner FDP wegen Pauschaldiskriminierung der FU-Ordinarien Der Direktor des FU-Instituts für Anästhesiologie, Prof. Dr. Kolb, wirft in einem Schreiben an die Berliner FDP dieser vor, die Professoren der Medizinischen Fakultät pauschal diskriminiert zu haben. Die FDP habe behauptet, bei der Gründung einer Medizinischen Akademie gehe es den Professoren nur um die "Aufrechterhaltung ihrer Pfründe". Dies sei falsch, denn das Einkommen der Ärzte in den Kliniken der FU sei durchaus nicht hoch. Viele Ordinarien hätten gar bei ihren Berufungsverhandlungen auf Sondergrundgehälter verzichtet und auch die Einkünfte durch Privatpatienten würden meist mit den Oberärzten und Assistenzärzten geteilt. Karl-Scheel-Preis für FU-Physiker Der FU-Physiker Dr. Jürgen Andrä wird zusammen mit einem TU-Assistenten mit dem Karl-Scheel-Preis ausgezeichnet. Andrä hat originelle und richtungsweisende Experimente auf dem Gebiet der Atomphysik durchgeführt. Durch die "Beam-Foil-Technik" ist es ihm gelungen, die Atomstruktur über Emissionsspektren und Lebensdauermessungen eines angeregten Atomzustandes genauer zu erforschen. "Bund Freiheit der Wissenschaften" plant Rechtsberatungsstelle Der "Bund Freiheit der Wissenschaften" will Rechtsberatungsstellen für diejenigen Wissenschaftler einrichten, die sich in ihrer Lehre und Forschung verfolgt oder behindert fühlen. Außerdem wird in den dem Wissenschaftsbund nahestehenden "Hochschulpolitischen Informationen" ein überregionales Informationssystem angekündigt, das Nachrichten über wissenschaftliche Leistungen und Reformen sammelt. Auch soll die Wirkung der Reformpläne und der Hochschulgesetze auf die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit der Universitäten durch Gutachten geklärt werden. Charakterisierung des Verlaufs der bisherigen Universitätsreform Die sozialpsychologischen Hintergründe und Entwicklungen an den europäischen Hochschulen sind Gegenstand eines Beitrags der "Neuen Zürcher Zeitung": "Zuerst Entstehung eines Vakuums durch das politische Desinteresse der Mehrzahl der Studenten, dann Druck-ausgleich durch entschlossenes linkes Überengagement neuer Sozialreligionsstifter, dann Aufbau einer schlagkräftigen Kader-organisation, die in der Wahl der Mittel nicht zimperlich ist und die Verletzung des bürgerlichen Comments als Mittel der Pro-vokation bewußt in ihren politischen Kalkül einbezieht; dann (...) Proklamation des gerechten 'Krieges' durch äußerlich unverfänglich klingende Postulate (...) die viele 'Vernünftige' in ihren Bann zie-hen; (...) dann 'Verunsicherung' des 'Establishments', (...) Entstehung eines vorläufig rechtsfreien Raums..., 'Solidarisierung progres-siver Professoren'(...); dann das gelegentliche 'Aufgefressenwerden' des einen oder anderen Solidaritätsrevolutionärs durch die 'Revolution' selber (...); dann virtuose Handhabung der Tintenfischstrategie (wer nicht mitspielt, ist 'ein Reaktionär' (...)); dann (...) wachsende Verunsicherung der 'reaktionären Professoren'." Dieses Schema, so die Zeitung, sei an allen Universitäten das gleiche. 11. März 1971 Osteuropa-Experten an der FU erhalten neues Gebäude Michael Nareyek, Mitglied des Akademischen Senats der FU und Parteimitglied der SEW berichtet darüber, daß am Osteuropa-Institut ein Erweiterungsbau mit höchster Dringlichkeitsstufe vorgesehen sei. Das Bundesministerium des Inneren will damit einen Sonderforschungsbereich (betitelt "Die Sowjetunion und ihr Einflußbereich") an diesem Institut fördern. Zuwendungen an radikale Gruppen an den Berliner Hochschulen In einem Bericht über "Zuwendungen an radikale Gruppen und Institutionen", der von der "Berliner Rundschau" zusammenfassend wiedergegeben wird, schlüsselt der Berliner CDU-Bundestagsabgeordnete Jürgen Wohlrabe die Zuwendungen an radikale Gruppierungen an den Berliner Hochschulen auf. Demnach gehen von 703.000 DM Sitzungsgeldern für studentische Vertreter rund 25 Prozent an Angehörige der "Roten Zellen". 30 studentische Hilfskräfte, die Mitglieder der "Roten Zellen" seien, würden mit 230.000 DM bezahlt und hätten Büros an der FU. Das neu einzurichtende Institut für Soziale Medizin, das einen jährlichen Zuschuß von 1,06 Millionen DM erhält, sei überwiegend links kontrolliert und der Gründungsausschuß bestehe zum großen Teil aus Mitgliedern der "Roten Zellen". Und schließlich seien im nach der Teilung verblie_benen Psychologischen Institut von Prof. Dr. Holzkamp die freiwerden den Stellen in erster Linie mit Vertretern der "Roten Zellen" besetzt worden, die zu Beamten gemacht oder mit hohen Angestelltengehältern versehen worden seien. Die ASten an westdeutschen Universitäten sind vorwiegend links Die "Frankfurter Rundschau" berichtet, daß die "Allgemeinen Studentenausschüsse" (ASten) an deutschen Hochschulen durchweg (d. h. 30 von 41) von linken Organisationen getragen würden. Nachdem in Berlin durch das neue Universitätsgesetz der AStA abgeschafft worden sei, vollziehe sich die spektakulärste Entwick_lung in München, wo der neunköpfige AStA ausschließlich aus Mitgliedern der "Roten Zellen" bestehe. In Frankfurt werde der AStA stark vom SHB beeinflußt, in Göttingen gebe es eine Koalition von SHB und SDS. FU würde durch Hinwendung zum Sozialismus Daseinsberechtigung verlieren Die "Berliner Rundschau" behauptet, daß die FU, einst gegründet, "um Forschung und Lehre eine demokratische Heimstatt zu geben", auf dem besten Wege sei, zu einer sozialistischen Hochschule zu werden und damit ihre Daseinsberechtigung zu verlieren. Als Anschauungsmaterial für diese Behauptung wird an die drei "Fälle" Meinhof, von Brentano und Wesel erinnert. Bei der ehemaligen Publizistik-Assistentin Ulrike Meinhof habe der Senat ihre Äußerungen in ihrer Lehrveranstaltung nicht ernst genommen, so daß eine kriminelle Betätigung Meinhofs nicht verhindert werden konnte. Frau von Brentanos Fall sei eilfertig abgeschlossen worden, noch ehe die Hauptzeugin in diesem Falle gehört worden war. Bei Wesel sei ein offensichtliches Nachgeben auf linken Druck hin zu beobachten gewesen, ohne daß dieses bisher zu Konsequenzen geführt habe. 13. März 1971 "Bund Freiheit der Wissenschaften" konkretisiert Reformvorstellungen Die bereits beim Gründungskongreß des "Bundes Freiheit der Wissenschaften" bekanntgegebenen Vorstellungen über eine Hochschulreform werden nun konkretisiert. Die Hochschulen könnten nur gemeinsam mit dem Staat Reformen auf dem Gebiet der Studien- und Prüfungsordnungen, der Forschungspolitik und Hochschulplanung, der Bauausführung und Wirtschaftsverwaltung durchführen. Weiterhin müsse durch ein bundeseinheitliches, leistungsorientiertes Verfahren eine soziale Chancengleichheit beim Zugang zu den Universitäten gesichert werden. Das gleiche gelte für die Durchführung des Studiums. Über Forschungsvorhaben sollen nur Personen entscheiden, deren wissenschaftliche Qualifikation ausgewiesen ist. 14. März 1971 Universitätsstudium als Statussymbol Die "Welt" veröffentlicht einen Beitrag, betitelt: "Universitäts-studium als Statussymbol". Dort heißt es, daß die Verzehnfachung der Studentenbevölkerung in den letzten 30 Jahren nicht eine Verzehnfachung der zum Hochschulstudium geeigneten Leute bedeute. Weder die durchschnittliche Intelligenz noch die schöpferische Produktivität habe sich merkbar verändert. Die Studenten, die rebellierten, seien diejenigen frustrierten Jugendlichen, die eigentlich keine Begabungselite seien. Nichts sei für den Menschen schreckli cher als die systematische Überforderung seiner intellek-tuellen Fähigkeiten. Durch Statussymbole würden Personen, die ausgezeichnete Handwerker geworden wären, zu überflüssigen Akademikern. Die zeitgenössische Pädagogik würde es nicht wagen, die Universität als elitäre Institution zu bezeichnen und daher Schuld an dem verfehlten Einsatz vieler junger Menschen haben. Hochschulen - Keimzellen der Revolution? In einer Dokumentation der Bundesgeschäftsstelle der CDU, betitelt: "Hochschulen - Keimzellen der Revolution?" werden Zitate aus Studentenzeitungen angeführt, in denen als Ziel universitärer Ausbildung die Weckung antikapitalistischen Bewußtseins und das Streben nach einer revolutionären Veränderung des Staates genannt wird. Die Auseinandersetzungen an der FU Berlin werden hier chronologisch dargestellt. Über die "Roten Zellen" heißt es, daß sie sich seit Ende 1969 von Berlin aus auf westdeutsche Hochschulen ausgebreitet und trotz geringer Mitgliederzahlen die Führung in der linken Bewegung übernommen hätten. Im Unterschied zum einstigen SDS verfügten sie über feste Organisationformen und beträchtliche Finanzmittel. In der Arbeitsweise der "Roten Zellen" seien die Gewaltaktionen alter Art inzwischen durch einen taktisch wohl durchdachten und straff organisierten Kampf an der Basis ersetzt worden. Mit "kleinbürgerlich-faschistischen" Methoden der Einschüchterung und des psychischen sowie physischen Drucks werde verhindert, daß der Terror an die Öffentlichkeit dringe. 15. März 1971 Entscheidung in der Gerichtsverhandlungen über die drei germanistischen Lehrveranstaltungen Das Berliner Verwaltungsgericht setzt die Verhandlungen in der Angelegenheit "drei germanistische Übungen an der FU" am 14. und 15. März fort und kommt zur Entscheidung darüber, ob Übungsscheine für die Seminare vergeben werden dürfen und ob den drei Lehrveranstaltungen, die Bestandteil des sozialistischen Studiums der "Roten Zellen" sind, eine verfassungswidrige Zielsetzung zukommt. Letzteres wird vom Gericht verneint. Stein habe die Maßnahmen auf Indizien gestützt, die den Vorwurf der Verfassungsfeindlichkeit nicht rechtfertigten. Es komme nicht auf eine etwaige Verfassungsfeindlichkeit, sondern allein auf die Art der Durchführung der drei Seminare an. Der Klage der FU gegen Senator Stein wird stattgegeben, so daß Übungsscheine für die Seminare nun ausgestellt werden können. Das Gericht stellt fest, daß zwar in den drei Seminaren einseitig historisch-materialistisch vorgegangen worden sei, aber auch politische Bildung in dieser Richtung müsse zur Ausbildung eines Germanisten gehören. Die "Wahrheit" meint, daß der Druck des solidarischen Protests demokratischer und sozialistischer Studenten zu der Entscheidung beigetragen habe. Senator Stein erklärt, daß das Gericht strenge Maßstäbe für das Verhältnis von Staat und Universität habe erkennen lassen. Die Auffassung des Gerichts stimme wenig überein mit Teilen der öffentlichen Meinung, die vom Wissenschaftssenator eher eine extensive Auslegung der Rechtsaufsicht forderten. Ein Konmmentator meint dazu, daß es seine Gründe habe, wenn unsere Universitäten im Gegensatz zu den Hochschulen in der DDR hochautonome Gebilde seien. Ihrem eigenen traditionellen Selbstverständnis nach seien Universitäten immer Orte kritischer Reflexion gewesen und an diesem Prinzip müsse man auch festhalten. Allerdings habe die Autonomie eine Voraussetzung, nämlich daß die kritische Sachauseinandersetzung auch wirklich funktioniert. Dok. 1061 16. März 1971 Neue Laufbahnregelung: Universitätsbeamte für nicht-wissenschaftliche Aufgaben Seit Einführung des Universitätsgesetzes wird verstärkt die Einstellung von Universitätsbeamten im höheren Dienst notwendig (Universitätsverwaltungsräte usw.), die nicht in Forschung und Lehre tätig sind. Sie sollen die Hochschullehrer von Verwaltungsaufgaben entlasten und bei der Organisation und Durchführung von Forschung behilflich sein. Die Laufbahn dieser Personen (Amtsbezeichnungen, Gehälter) wird nun neu geregelt. 17. März 1971 Veranstaltung im Klinikum zur Frage der Krankenversorgung FU-Präsident Kreibich veranstaltet eine öffentliche Diskussionsrunde im Klinikum, bei der ein Meinungsbild über die Frage der möglichen Gefährdung der Krankenversorgung durch das Berliner Universitätsgesetz erstellt werden soll. Eine ehemalige Patientin des Klinikums erklärt, daß sie und ihre Mitpatienten die ärztliche Behandlung als ausgezeichnet empfunden hätten, daß aber im Bereich des Pflegepersonals durchaus die Versorgung "gefährdet" gewesen sei. Sie bedauert, daß die ärztlichen Verantwortlichen keinen Einfluß mehr auf die Krankenpflege des Patienten haben. 18. März 1971 Ehrung für FU-Meteorologen Der ehemalige Leiter des Instituts für Meteorologie und Geophysik der FU, Prof. Dr. Scherhag, erhält posthum als erster deutscher Empfänger von der Weltorganisation für Meteorologie einen Preis wegen seiner Verdienste um die meteorologische Wissenschaft und um die internationale Zusammenarbeit auf diesem Gebiet. Nachfolger von Professor Scherhag ist Prof. Dr. Mahlberg. Zukünftige Pläne des Instituts sehen eine Mitarbeit beim "Global Atmospheric Research Program" vor sowie die Erforschung des Zusammenhangs zwischen physikalischen Feldern in der Atmosphäre und dem aktuellen Wetter. Vielleicht doch Novellierung des Universitätsgesetzes in Sicht Klaus Schütz, Regierender Bürgermeister Berlins, erklärt vier Tage nach den Wahlen, daß unter Umständen doch eine Novellierung des von vielen als "verunglückt" bezeichneten Berliner Universitätsgesetzes denkbar sei. Vor allem soll der wohl umstrittenste Punkt, die Hochschulautonomie, neu geregelt werden. 20. März 1971 VDS lehnt Forderung nach Aufbau eines sozialistischen Studiums ab Auf einer Mitgliederversammlung des Verbandes Deutscher Studenten-schaften (VDS), dem inzwischen 75 Studentenschaften angehören und der damit etwa 310.000 Studenten vertritt (es werden auf der Versammlung zehn weitere Hochschulen in den Dachverband aufgenommen), wird die Forderung der "Marxistisch-Leninistischen Fraktion" nach einem sozialistischen Studium abgelehnt. Dies, so die meisten Zeitungen, sei ein Zeichen dafür, daß der VDS keine rein revolutionäre Kampfbewegung mehr sei, sondern auf den Teppich eines studentischen Dachverbands mit gewerkschaftlicher Organisation zurückgekehrt sei. Im Zweiten Deutschen Fernsehen fordert ein Kommentator, daß die Bundesregierung, die als "Rechtskartell" vom VDS beschimpft wird, den Verband nicht finanziell unterstützt. Die Sprache des Verbandes zeige, daß die Gruppe eindeutig kommunistisch indoktriniert sei. (Vgl. 9. Juni 1971). 21. März 1971 Kritik an der Berufung sogenannter "Discount-Professoren" Der "Tagesspiegel" veröffentlicht einen Beitrag über das Problem des "Discount-Professors". Nach dem neuen Hochschulgesetz könnten auch Personen als Professor übernommen werden, von denen keinerlei wissenschaftliche Leistungen verlangt würden. Oberräte und Assistenten, Oberingenieure und Akademische Räte erhielten ohne Habilitation auf eigenen Antrag eine Professur. Damit würden gerade diejenigen mit einer Professur belohnt, die wegen mangelnder fachlicher Qualifikation bisher nicht weitergekommen seien, die nicht den Mut zum Absprung in die Wirtschaft gehabt hätten und die jahrelang auf ihrem Posten klebten. Das Unbehagen an dieser Regelung drücke sich dadurch aus, daß viele Verfahren geheim verliefen, was ein Hohn auf die geforderte Transparenz bei Personalentscheidungen sei. Die hohe Zahl von Anträgen lasse befürchten, daß der Jahrgang 1971 einen ausgesprochenen Professoren-Verschnitt liefern werde. Solche Professoren würden außerdem schwer einen Ruf nach auswärts erhalten, so daß sie den Nachwuchs blockierten und den wissenschaftlichen Ruf der Berliner Universitäten gefährdeten. Auch sei die Habilitation in Verruf gekommen. Junge Hochschullehrer täten gut daran, in Zukunft bei Bewerbungen darauf hinzuweisen, daß sie sich vor Inkrafttreten des Berliner Hochschulgesetzes habilitiert hätten. Das alte Habilitationsverfahren sei zwar reformbedürftig gewesen, aber das neue habe lediglich zu einer Niveausenkung per Gesetz geführt. Abteilungsgliederung und geringe Kapazitätenauslastung im Klinikum Im Zusammenhang mit dem Plan der Ausgliederung des medizinischen Bereichs aus der FU wird die anstehende Neuordnung für die Abteilungsgliederung und die Frage der Mitbestimmung diskutiert. FU-Vizepräsident Prof. Dr. Lax sagt, es sei ihm unverständlich, weshalb es wegen einer möglichen Begrenzung der Amtszeit der Abteilungsleiter Widerspruch gebe. Die lebenslange Ernennung eines Abteilungsleiters mißachte die Gesetze moderner Leistungsbetriebe. Eine Überprüfung der Leistungsfähigkeit nach einer gewissen Zeit sei sachlich vertretbar, insbesondere da neue Spezialerkenntnisse immer neue Anforderungen stellten. Zur Mitbestimmungsfrage meint Lax, daß die Beteiligung auch jüngerer Spezialisten an Entscheidungen in Zukunft nicht vermieden werden könnten. Wegen der Technisierung in der Krankenversorgung müßten auch Dienstkräfte Mitbestimmungsrechte bekommen. Lax äußert sich auch zum Problem der Unterbelegung der Betten nach der nun zweijährigen Inbetriebnahme des Klinikums (536 von 1.330 Betten sind noch nicht belegt). Der Grund liege im Mangel an Pflegepersonal. Neubauwohnungen für Pflegekräfte seien geplant und ein Raumnutzungsplan des Klinikums sei erstellt. Pro Quartal wird mit einem Zugang von etwa 80 oft aus ländlichen Gegenden kommenden Pflegekräften gerechnet. Mit gegenwärtig 800 Schwestern für 794 belegte Betten liegt das Klinikum mit an der Spitze bezüglich des Verhältnisses Patient-Personal. Durchschnittlich verweilen die Patienten 16,5 Tage im Klinikum. 23. März 1971 Neue Druckerei für die FU Die Kuratoriumsvorlage Senator Steins sieht vor, daß die beiden in der FU-Pressestelle hergestellten Informationsblätter nicht mehr im Unternehmen "Verlag und Druck West-Berlin" erscheinen (wo auch der Informationsdienst der Linken, der "Berliner Extra-Dienst" gedruckt wird). In dieser Beschlußvorlage sieht das Präsidialamt einen weiteren Versuch der Fachaufsicht der FU durch den Senat. Stein begründet seine Vorlage damit, daß das zur Hälfte aus Universitätsmitgliedern und Politikern besetzte Kuratorium die Universität davor schützen müsse, in den Verdacht des Sympathisierens mit Unternehmen einseitiger politischer Auffassung zu geraten. Nicht in seiner Eigenschaft als Rechtsaufsichtsbehörde der FU, sondern als Mitglied des Kuratoriums bringe er den Vorschlag ein. Es handele sich um eine Wirtschaftsangelegenheit, nicht um eine Frage der akademischen Selbstverwaltung. Einen Tag später wird dann mit 7:4 Stimmen beschlossen, daß die FU-Blätter in Zukunft woanders gedruckt werden sollen. Sechs Tage später erklärt das Präsidialamt, daß es den Kuratoriumsbeschluß nicht ausführen werde, da das Kuratorium hier seine Entscheidungskompetenz überschritten habe und der Beschluß gegen das Diskriminierungsgesetz des Grundgesetzes verstoße. 25. März 1971 Kein Disziplinarverfahren gegen Verantwortliche des Schülerladen-Projekts Das 159. Kuratorium beschäftigt sich mit dem umstrittenen Schülerladen-Projekt in Kreuzberg, über das nun die Protokolle vorliegen. (Vgl. 25. Jan. 1971) Die "Notgemeinschaft" stellt den Antrag, dienstrecht-liche Maßnahmen und damit Disziplinarverfahren gegen die Verantwortlichen einzuleiten. Es sei Mißbrauch mit diesem Forschungsprojekt des Psychologischen Instituts getrieben worden und Haushaltsmittel seien entfremdet worden. Die CDU unterstützt den Antrag, denn das Schülerladenprojekt habe wie kaum ein anderes die FU ins Zwielicht gezogen. Der Vorschlag findet jedoch keine Mehrheit, z.T. weil der Stellvertreter des Regierenden Bürgermeisters darauf hinweist, daß die direkten Kosten für die FU nur verhältnismäßig gering gewesen seien. Man einigt sich schließlich auf einen Vorschlag Senator Steins, den FU-Präsidenten und den Akademischen Senat zu einer sorgfältigen und kritischen Überprüfung der Angelegenheit aufzufordern und darüber dann dem Kuratorium zu berichten. Weitere Beschlußfassungen des 159. Kuratoriums Neben der Entscheidung über das Schülerladenprojekt und die neue Druckerei für die FU, die beide Aufsehen in der Presse erregen, werden noch folgende Punkte im 159. Kuratorium diskutiert: 1. Die für das Haushaltsjahr 1971 neugeschaffenen Professuren werden entsprechend den Empfehlungen des Akademischen Senats definiert und einzelnen Fachbereichen zugeordnet. 2. Grundsätzlich wird akzeptiert, daß die Universität in Zukunft die Kosten für die Instrumente der Studenten der Zahn-, Mund- und Kiefernheilkunde übernimmt. Eine leihweise Überlassung der Instrumente wird angestrebt. 26. März 1971 Senator Stein lehnt die Berufung des Marxisten Holz an die FU ab Senator Stein entscheidet nach Prüfung von 21 Gutachten, daß der Marxist Dr. Hans Heinz Holz nicht auf einen Lehrstuhl für Philosophie an die FU berufen und stattdessen der aus der Frankfurter Schule stammende Habermas-Schüler und Wissenschaftstheoretiker Dr. Albrecht Wellmer (der auf der nachfolgenden Stelle in der Berufungsliste gestanden hatte) auf die freie Stelle geholt wird. (Der mit Wellmer pari passu an dritter Stelle auf der Liste stehende Dr. Thiel aus Erlangen hatte telegrafiert, daß er zu Berufungsverhandlungen nicht bereit sei, solange Dr. Holz übergangen werde, während Prof. Dr. Theunissen, der an erster Stelle auf der Liste gestanden hatte, im Oktober 1970 abgesagt hatte). Dadurch ist zum erstenmal seit der Gründung der FU die Reihenfolge der von der Universität eingereichten Kandidatenliste nicht eingehalten worden. Stein begründet diesen Schritt damit, daß Wellmer wissenschaftlich höher qualifiziert sei als Holz. Das Präsidialamt erklärt, daß dieser Schritt die schwerstwiegende Fehlentscheidung des Berliner Senats darstelle. Stein sei erneut zurückgewichen vor dem Druck reformfeindlicher Kräfte, die mit antikommunistischen Vorurteilen operierten. Im kommenden Semester werde dadurch die Universität in ihre größte Krise seit Inkrafttreten des Universitätsgesetzes gebracht. Diese Stellungnahme des Präsidialamts bezeichnet Stein wiederum als eine "Bankrotterklärung". Er fordert den Präsidenten auf, dieser selbstprophezeiten Krise mit allen geeigneten Mitteln entgegenzutreten. Die Öffentlichkeit müsse umfassend informiert werden, daß die Berufung Wellmers völlig ordnungsgemäß sei, denn laut Universitätsgesetz sei der Senator nicht verpflichtet, sich an die Reihenfolge der von der Universität vorgelegten Berufungsliste zu halten. Das Präsidialamt habe mit seiner Behauptung eine politische Machtprobe veranstalten wollen, um dem Staat den gesetzlich gesicherten Einfluß auf Berufungen zu nehmen. Seine Entscheidung sei nicht aus politischen Gründen, sondern wegen der vorliegenden Gutachten über die bessere Qualität des anderen Kandidaten getroffen worden. Am 30. März beantragt das Präsidialamt eine Sondersitzung des Konzils, um die Entscheidung des Wissenschaftssenators doch noch rückgängig zu machen. Dok. 1062 Professor Schwan über die Notwendigkeit der Änderung des Universitätsgesetzes In der "Berliner Stimme", dem Parteiblatt der SPD, äußert sich FU-Prof. Dr. Alexander Schwan über seine Vorstellungen bezüglich der Notwendigkeit der Änderung des Universitätsgesetzes. Er spricht sich für eine Novellierung aus, denn das tägliche Ringen in den Gremien habe gezeigt, daß Wissenschaftsfreiheit und Wissenschaftspluralismus in Gefahr seien. Auch die Bevölkerung würde angesichts des rapiden Vordringens antidemokratischer Tendenzen an den Universitäten die Bemühungen der SPD-Hochschulpolitik nicht ungeteilt anerkennen. Eine Novellierung könne jedoch nicht, wie die 186 Professoren das gefordert hatten, bis zum Ende des Sommersemesters geschehen. Erst sei das Hochschulrahmengesetz zu verabschieden. An den Universitäten könne es in Zukunft nur noch eine relative Autonomie geben. Die gegenwärtige Gesellschaft müsse der Wissenschaft sagen können, welche Leistungen sie von ihr erwartet und gleichzeitig müßten die Wissenschaften an der Weiterentwicklung der Gesellschaften arbeiten. Erforderlich sei auch mehr Transparenz in den Universitätsgremien, deren Entscheidungen gegenwärtig oft ebenso undurchsichtig und einseitig seien wie die in der früheren Ordinarienuniversität. 28. März 1971 Ausbau der Erwachsenenbildung an der FU Nach einer Empfehlung der Entwicklungsplanungskommission soll die Erwachsenenbildung an der FU ausgebaut werden. Nach einem vom bereits existierenden Institut für Erwachsenenbildung vorgelegten Plan will man künftig dem Fernstudium, der beruflichen Fortbildung, der Arbeiterbildung sowie der Weiterbildung der universitären Mitarbeiter besondere Aufmerksamkeit schenken. Auf Grund der raschen Entwicklung der Wissenschaften solle vor allem den bereits im Beruf stehenden ehemaligen Studenten die Möglichkeit gegeben werden, das notwendige Wissen über neue Forschungsergebnisse in ihrem Fachgebiet zu erwerben. Das an der FU eingeführte neue Studienfach "Politologie" hat neue Berufe geschaffen Seit der Einrichtung des Studienfachs "Politologie" am Otto-Suhr-Institut der FU, das nach dem Krieg erstmals in Deutschland belegt werden konnte, ist jetzt in einer Untersuchung die Frage nach den Berufschancen dieses neuen Faches gestellt worden. In der Tat sind Akademiker mit einer solchen Ausbildung eingestellt worden. Die Beschäftigungsbereiche sind der Öffentliche Dienst und die Hochschulen, die Erwachsenenbildung und die Massenmedien, aber auch die Wirtschaft (10%). Nur ein Fünftel der Absolventen übt Tätigkeiten aus, die ohne Bezug zur Ausbildung stehen. Dies bedeutet, daß inzwischen ein Innovationsfach erfolgreich für die Gesellschaft fruchtbar gemacht worden ist. Eine solche Feststellung ist insbesondere im Hinblick auf die Frage nach dem zukünftigen Akademikerbedarf interessant. Hier ist ein neues Akademikerangebot geliefert, das sich die Nachfrage erst geschaffen hat. 1. April 1971 Popularisierung von Wissenschaft: Berichte über Forschungen auf dem Gebiet der Physik. Die auf einem Seminar zur Wissenschaftsberichterstattung betonte Notwendigkeit der Popularisierung von Wissenschaft wird im April-Heft des "FU-Pressedienstes Wissenschaft" praktiziert, wo von einem Forschungsschwerpunkt im Fachbereich Physik der FU mit dem Titel "Kern-Elektron-Wechselwirkung in freien und gebundenen Atomen" berichtet wird. Mehrere Gebiete und Institute des Fachbereichs (Atom- und Molekülphysik sowie kondensierte Materie) untersuchen im Rahmen des Projekts die Kopplungen zwischen dem magnetischen Moment des Atomkerns und dem der Umlaufbahn der Elektronen, die man auch Hyperfeinwechselwirkung nennt. Theoretisch können diese Wechselwirkungen mit einem ungeheuren bisher noch nicht zu bewältigenden Aufwand an Komputerkapazität ausgerechnet werden. In der Praxis ist es angebracht, die Wechselwirkungen experimentell festzustellen. In dem Forschungsprojekt wird dies mit verschiedenen Experimentiertechniken getan (z.B. im Tieftemperaturlabor oder durch stroposkopische Beobachtungen oder mit Winkelkorrelationstechniken). Es handelt sich dabei im Wesentlichen um Grundlagenforschung. Ein Anwendungsbereich ist die Feststellung des Verhaltens von Punktfehlstellen in Materialien. Neben der Darstellung des Sonderforschungsbereichs (über die der RIAS am 22. April berichtet)wird von den Physikern auch erstmals in der Geschichte der FU ein umfassender Arbeitsbericht über die letzten drei Semester vorgelegt (230 S.), in dem u.a. die Fachveröffentlichungen und die Zahl der bestandenen Prüfungen (60 Diplome, 18 Staatsexamen, 36 Promotionen und 15 Habilitationen) genannt wird. Pressevertreter werden außerdem vom Fachbereichsrats-Vorsitzenden Prof. Dr. Helmut Gabriel zu einem Rundgang durch die Labore eingeladen. Wegen des erheblichen Raummangels in der Physik und wegen der äußerst expansiven Ausbauphase dieses Fachbereichs sind Mittel für Vorplanungen eines Neubaus für Physik bereitgestellt worden. Beginn der gesetzlichen Unfallversicherung für Studenten Alle Studenten, Schüler und Kinder, die Kindergärten besuchen, sind vom 1. April an gesetzlich unfallversichert. Ein entsprechendes Gesetz wurde im Januar im Bundestag verabschiedet. Zur Versicherung gehören auch umfangreiche Rehabilitationshilfen nach Unfällen. Dieser bundeseinheitliche Unfallschutz, der die Länder und Gemeinden im Jahr 1971 31,5 Millionen DM kostet, beseitigt die vorherige zersplitterte Rechtslage. 2. April 1971 Ehemaliger Rektor der FU spricht sich für eine selbständige Medizinische Akademie aus Der vom Wintersemester 1950/51 bis Sommersemester 1952 amtierende Rektor der FU, der Mediziner Prof. Dr. Hans Freiherr von Kress, äußert im "Tagesspiegel", daß die Medizin eine eigene Reformstruktur brauche. Bei der angestrebten Gründung einer Medizinischen Akademie gehe es nicht um das Mißachten jedweder Reform, sondern um die Verwirklichung von Organisationsformen, die den medizinischen Sachzwängen angepaßt seien. Die Satzung des bisherigen Universitätsgesetzes habe im medizinischen Bereich ein Strukturvakuum entstehen lassen. Dies gehe jedoch nicht in einem Bereich an, der sich mit Krankenversorgung beschäftige. Daher müsse in der Medizin eine neue Satzungsregelung geschaffen werden, die unbeeinflußt von politisch einseitig orientierten Gruppen und sachfremden Kräften sei. Dok. 1063 Wahl der Anderen Dienstkräfte in die Gemeinsame Kommission des Klinikums Für die im Oktober 1970 gebildete Gemeinsame Kommission für das Klinikum, die das höchste Gremium des Klinikums werden soll, werden die Anderen Dienstkräfte gewählt. Die sechs Berater der Anderen Dienstkräfte haben in dieser Kommission eine Stimme. Über die Zahl dieser Berater hatte es Auseinandersetzungen zwischen Wissenschaftssenator Stein und FU-Präsident Kreibich gegeben. Bei der Wahl entscheidet sich die Mehrheit für die in Opposition zu den Linkskräften stehenden "Unabhängigen Fachkräfte". Warum wird die studentische KPD-Aufbau-Organisation nicht verboten? Über die an den Berliner Hochschulen immer mehr Anhänger gewinnende "KPD-Aufbauorganisation" veröffentlicht der "Deutsche Anzeiger" einen Beitrag, in dem er fragt, weshalb diese studentische Organisation nicht verboten werde. Die KPD insgesamt sei durch Urteil des Bundesverfassungsgerichts als staatsfeindliche Organisation verboten worden. Wenn die studentische Gruppenicht verboten wird, so liege das an der Angst der SPD vor einem weiteren Verlust junger Wähler. Das Vokabular der Gruppe gleiche der Propaganda Moskaus und Pankows. Ziel der Gruppe sei der Sturz der Bourgoisie und die Errichtung der "Diktatur des Proletariats". 3. April 1971 Im FU-Klinikum Symposium über Möglichkeiten der Früherkennung des Magenkarzinoms Im Klinikum tagen 500 Wissenschaftler aus 16 europäischen Nationen, um über die Möglichkeiten der Früherkennung des Magenkarzinoms zu diskutieren. Das Klinikum Steglitz hat sich seit zwei Jahren zu einem Ausbildungszentrum für Gastrokamera-Untersuchungen entwickelt, an dem gegenwärtig etwa 100 Ärzte mit Vorsorgeuntersuchungen für die Früherkennung des Karzinoms vertraut gemacht werden. Dies ist umso wichtiger, als der Magenkrebs immer noch eine der häufigsten Todesursachen ist (häufiger als Verkehrsunfälle). Durch Präventivuntersuchungen mit der Gastrokamera und frühzeitige Behandlung bestehen große Möglichkeiten der Heilung. Lustlosigkeit der Bildungsreformer Die "Frankfurter Rundschau" vom 3. April und "Die Welt" vom 7. April stellen fest, daß sich im Lager der Bildungsreformer Lustlosigkeit, Pessimismus und Resignation auszubreiten beginnen. Die Flaute sei durch die Erkenntnis bedingt, daß eine schnelle Lösung der kardinalen Probleme der Bildungsreform eine Illusion sei. Ohne Änderung der gesellschaftlichen Gegebenheiten und ohne finanzielle Opfer sei eine solche Reform nicht möglich. Es wird zu Bürgerinitiativen aufgerufen, damit die Reform von oben durch eine von unten ergänzt werde. Warnend wird an das Beispiel der Weimarer Republik erinnert, wo unterlassene Reformen zu gesellschaftspolitischen Katastrophen geführt hätten. 4. April 1971 Was bedeutet Pluralismus an den Universitäten? Der FU-Mathematiker Prof. Dr. Hanfried Lenz äußert sich im "Tagesspiegel" anläßlich der Nicht-Berufung von Dr. Holz zum Problem des Pluralismus an den Universitäten. Pluralismus bedeute nicht, daß ein Professor katholische, der zweite marxistische und der dritte agnostische Philosophie predige und als alleinige Wahrheit hinstelle. Vielmehr heiße es, daß jeder der Professoren in allen geistigen Strömungen nach innerer Widerspruchsfreiheit und Übereinstimmung mit der Erfahrung suche und daß jeder in seiner Lehr- und Forschungstätigkeit gerade nicht wertend für die eigene Anschauung eintrete. Wissenschaftler müßten dem Gebot der Objektivität gehorchen. Pluralismus bedeute, daß sie kritisch zu verschiedenen Meinungen Stellung nähmen. Politische und weltanschauliche Propaganda gehöre nicht an die Universität. Diese dürfe man nur außerhalb der Universität als Staatsbürger oder Parteimitglied betreiben. Wissenschaft und Glaubensentscheidungen seien zweierlei. Wer letzteres als Wissenschaft anpreise, disqualifiziere sich. Unbehagen am herkömmlichen Jurastudium In einem Beitrag des "Tagesspiegel" äußert ein junger Jurist seine Meinung darüber, welche inhaltlichen Veränderungen er von der Universitätsreform erwartet. Vom reinen Auswendiglernen und Übernehmen fertiger Rechtsprobleme müsse man abkommen. Die wahre Reform bestehe nicht in der Umbenennung der Fakultäten in Fachbereiche, sondern in neuen Formen und Inhalten des Studiums. Die Studenten müßten zur Urteilsfähigkeit und zum Überdenken der Folgeerscheinungen juristischer Entscheidungen erzogen werden. Die Reformbewegung habe nachdenklich gemacht über Resozialisierung von Straffälligen und über neue Ansätze für eine staatliche Ordnung. 5. April 1971 Umweltforschung soll an Universitäten verstärkt gefördert werden Die "Frankfurter Rundschau" vom 5. April, der "Telegraf" vom 11. April und "Die Welt" vom 27. April berichten, daß in jüngster Zeit das Bemühen wachse, Umweltfragen an den Hochschulen stärker in die Forschung einzubeziehen und einzelne Disziplinen, die diese Fragen bereits behandeln, sinnvoll zu koordinieren (vgl. 30. Nov. 1971). In Berlin soll dieser Bereich vor allem an der TU ausgebaut werden. Einige Professoren halten die Einführung eines Ausbildungsgangs "Umwelt-Ingenieur" jedoch für unangebracht, weil dessen Tätigkeitsfeld allzu vielseitig sein müßte, um ausbildungsmäßig verwirklicht werden zu können. Auch in den Berliner Senatsverwaltungen wird dem neuen Trend Rechnung getragen. Kurz nach der Wahl des ehemaligen FU-Professors Wolters zum neuen Gesundheitssenator drängt dieser auf Einrichtung eines mit einem Senatsdirektor besetzten Ressorts für Umweltschutz. 6. April 1971 Fachbereich Philosophie beschließt Gasteinladung an Dr. Holz Nachdem es Wissenschaftssenator Stein abgelehnt hatte, den Marxisten Dr. Holz auf einen Lehrstuhl der FU zu berufen, beschließt nun der Rat des Fachbereichs 11, Holz im Sommersemester kommissarisch mit dem Lehrstuhl des emeritierten Philosophieprofessors Weischedel zu betrauen. Auf diese Entscheidung hat Senator Stein keinen Einfluß. 8. April 1971 Die Reform der Studienpläne und Prüfungsordnungen wird vom Senat vorangetrieben Das Universitätsgesetz berechtigt den Wissenschaftssenator, Studienpläne und akademische Prüfungsordnungen in einer Rechtsverordnung zu regeln. Dies, so Senator Stein, soll möglichst bald geschehen, damit die alternativen Studiengänge, worunter vor allem ein marxistisch orientiertes Studium verstanden wird, koordiniert geregelt werden. Stein fordert die Präsidenten der FU und der TU auf, die Voraussetzungen für eine solche Regelung zu schaffen. 9. April 1971 Universitätspräsidenten in Berlin noch ohne Verträge Die "Morgenpost" macht auf das Kuriosum aufmerksam, daß die Präsidenten der FU und der TU, obwohl bereits seit mehr als einem Jahr im Amt, ihre Dienstverträge noch nicht unterzeichnet hätten. Die vom Senat unterbreiteten Vorschläge würden nicht ihren Vorstellungen entsprechen. Die Schwierigkeiten würden sich daraus ergeben, daß Kreibich und Wittkowsky aus dem Mittelbau gekommen und nur Beamte auf Zeit gewesen seien. Eine präzise Regelung habe es bisher aber nur für fest beamtete Hochschullehrer gegeben. Wissenschaftszentrum in Berlin bekommt vier weitere Institute Das Bonner Kabinett beschließt, dem Berliner Wissenschaftszentrum vier weitere Institute (für Urbanistik, Umweltforschung, Verwaltung und Fortschrittliche Studien) anzugliedern (das Zentrum war am 3.Februar 1969 gegründet worden). Kritiker meinen, daß das Wissenschaftszentrum dadurch zu einer Gegenuniversität zur FU und TU ausgebaut werde. Beide Universitäten werden aufgefordert, Vertreter in das Kuratorium des Wissenschaftszentrums zu entsenden. Gesamthochschule nur ein modisches Schlagwort? Das Konzept der Gesamthochschule, das auch in Berlin diskutiert wird, führt zu kritischen Kommentaren in der Presse. Die Zeitung "Christ und Welt" fragt, ob es vielleicht bloß ein Modekonzept sei, an das man Erwartungen stelle, die nicht erfüllt würden. Es würden dadurch neue Konfliktzonen und enorme Kosten entstehen. "Die Welt" gibt zu bedenken, daß die SPD in dieser Frage die Betroffenen, nämlich die Lehrer, Eltern und Schüler, gar nicht gehört hätte. Die überwiegende Mehrheit lehne den Zwang zur frühzeitigen Spezialisierung ab. "Publik" verlangt den Mut zum Verzicht auf stereotype "Allheilmittel" und spektakuläre Schlagworte dieser Art. Das Konzept erweise sich bei näherem Zusehen als unausgereift. Und schließlich meint die "Zeit", daß ein Ansturm der Mittelmäßigkeit auf beschränkte Forschungsmittel die Folge der Gesamthochschule sein werde, was dann wiederum nach sich ziehe, daß Qualifiziertere in Forschungseinrichtungen außerhalb der Hochschulen abwanderten. Der Streit um das Für und Wider von Gesamthochschulen sei ein Glaubenskrieg, den man objektiv nicht entscheiden könne. 15. April 1971 NC-Beschränkungen für das kommende Sommersemester Zu Beginn des kommenden Sommersemesters wird von der Westdeutschen Rektorenkonferenz eine Übersicht darüber vorgelegt, an welchen Hochschulen und in welchen Fächern Zulassungsbeschränkungen bestehen (die Studenten mußten das bisher selber herausfinden). An der FU besteht ein NC in allen medizinischen Fächern, in Psychologie und in Pharmazie. Da die Auswahl per Computer nach dem Prinzip "gleiches Recht für alle" durchgeführt wird, kommt es auch bei einem Studienbewerber, der mehrmals bei Schülerwettbewerben ausgezeichnet worden war, zu einer, wie dieser meint, ungerechten Ablehnung. Die PH Berlins ist die einzige PH Deutschlands, die Zulassungsbeschränkungen auferlegt, und zwar für Bewerber mit kleiner Matrikel. In Bonn wird jetzt ein Kuratorium für die "Zentrale Registrierstelle für Studienanfänger" gegründet. 17. April 1971 FU-Professor Flechtheims "Futurologie-Theorie" Das von FU-Professor Ossip Flechtheim veröffentlichte Buch "Der Kampf um die Zukunft" findet als erstes theoretisches Zukunftsbuch große Beachtung in der Öffentlichkeit. Flechtheim, Professor am Otto-Suhr-Institut, erfand im Jahre 1943 den Begriff der Futurologie. Er glaubt, mit Hilfe der Wissenschaft von der Futurologie Gefahren abwenden zu können, von denen die Menschheit bedroht sei. Gegen den Hunger müsse die globale Entwicklungsplanung gestellt werden, gegen den Krieg die Friedensforschung, gegen Zivilisationsschäden und Raubbau der Naturschutz, gegen die Verdinglichung eine neue Psychagogik, gegen die Repression die kritische Beratung nebst gewaltfreier Aktion. 18. April 1971 Dr. Wellmer lehnt Berufungsverhandlungen ab Der von Wissenschaftssenator Stein anstelle von Dr. Holz berufene Dr. Wellmer lehnt es in einem Schreiben an Stein ab, in die Berufungsverhandlungen einzutreten, solange Dr. Holz übergangen werde. Er bittet Stein, dem er die Kompetenz abspricht, über die wissenschaftliche Qualifikation von Philosophen das letzte Wort zu sprechen, Dr. Holz zunächst den Ruf zu erteilen. FU-Präsident in der Bündnisfrage zwischen den Stühlen Der "Tagesspiegel" interviewt Präsident Kreibich über seine gegenwärtige Position an der FU. Bisher habe er den Bruch mit dem Wissenschaftssenator wie auch mit den Linken vermieden. Nach den letzten Ereignissen (Fall Holz, FU-Druckerei) sei jedoch ein Konflikt nach beiden Seiten hin zu beobachten, meint der "Tagespiegel". Präsident Kreibich dagegen beurteilt die Lage anders: Während er die Auseinandersetzungen mit Stein als "katastrophal" bezeichnet, sieht er den Konflikt mit den "Roten Zellen" als weniger schwerwiegend an. Das linke Spektrum sei immer noch sein Bündnispartner. Die verschiedenen Gruppen müßten sich solidarisieren, um die Universitätsreform weiterhin voranzutreiben. 19. April 1971 Beginn des Sommersemesters: Sieben Prozent mehr Studenten an der FU als im Wintersemester Zu Semesterbeginn teilt das Präsidialamt mit, daß im Sommersemester an der FU 7 Prozent mehr Studenten eingeschrieben seien als im Semester davor (d. h. 16.500 Studenten, davon 2.800 Neuimmatrikulierte). Die FU ist nun hinter München und Hamburg die drittgrößte Universität Deutschlands. 20. April 1971 Veränderungen im Direktorium des FU-Klinikums Der seit Dezember 1970 amtierende Direktor des Klinikums, Prof. Dr. Hans Georg Wolters, verläßt die FU, nachdem er vom Berliner Abgeordnetenhaus zum Gesundheitssenator gewählt wurde. Wolters hatte sich für die Mitbestimmung in den FU-Krankenhäusern, für die Schaffung eines Krankenhausgesetzes und die Förderung der Gesundheitserziehung eingesetzt. Als neuer Direktor des FU-Klinikums wird der 34jährige Prof. Dr. Michael Wiederholt gewählt, der der "Aktionsgruppe Hochschullehrer" angehört. Die "Notgemeinschaft" mißbilligt diese Wahl, weil Wiederholt ihrer Meinung nach keinerlei klinische Erfahrung als Arzt habe. Aktivitäten der "Roten Zellen" zu Semesterbeginn Zu Semesterbeginn setzen die "Roten Zellen" ihre Aktivitäten an der FU fort. Am Englischen Seminar werden wieder Eingänge zu Hörsälen verbarrikadiert, so daß sprachwissenschaftliche Vorlesungen (vor allem die der Professoren Scheler und Bähr) nicht stattfinden können (über die Hintergründe der "Blockade" des Unterrichts vgl. 5. Mai). Außerdem werden im Rahmen eines "Sozialistischen Studiums" in der Anglistik Schulungskurse über den Klassenkampf in Irland und über den britischen Imperialismus in Ghana angekündigt (und später auch durchgeführt). In der Germanistik treten als Veranstalter von Seminaren des "Rote Zellen"-Programms wieder die Dozenten der im Wintersemester verbotenen drei germanistischen Übungen auf, Domdey, Rothe und Lefèvre. Auch am OSI sind Lehrveranstaltungen geplant, deren Inhalte sich mit sozialistischen Fragestellungen auseinandersetzen. Eine davon ist betitelt: "Aktueller Stand der Klassenkämpfe, der Klassenorganisation und des Klassenbewußtseins in der BRD". Am OSI manifestieren sich die Aktivitäten außerdem durch frische Bemalung der Wände des Instituts mit Parolen der "Roten Zellen". 21. April 1971 36. Akademischer Senat tagt Der Akademische Senat tagt am 21. und 29. April, wobei er zum ersten Termin gegen die Entscheidung Senator Steins in der Angelegenheit Holz protestiert und zum zweiten Termin den Haushaltsplanentwurf für 1972 verabschiedet. Bei der Diskussion zum Haushaltsplan wird darauf hingewiesen, daß die Universitätsreform gefährdet sei, wenn das Land Berlin nicht die Folgelasten zu tragen bereit sei. Als Beispiel wird die katastrophale Raumsituation genannt. Den Fachbereichen wird vorgeworfen, die Entwicklungspläne noch nicht vorgelegt zu haben. Wird die Einführung der Kollegstufe an Gymnasien zum Abbau des NC beitragen? Die "Süddeutsche Zeitung" vom 21.April und der "Rheinische Merkur" vom 4. Juni fragen, ob die geplante Einführung der Kollegstufe in der Oberstufe der Gymnasien zur Lösung des Numerus-clausus-Problems beitragen werde. Es ist vorgesehen, nach dem 10. Schuljahr die Jahrgangsklassen in Grund- und Leistungskurse umzuwandeln (die mindestens zwei, höchstens vier Schuljahre dauern) und die Beurteilung der Schüler von der bisherigen Notenskala auf ein Punktesystem umzustellen. Der Unterricht soll in einen Pflicht- und einen Wahlbereich aufgegliedert werden, wobei als Wahlfächer Fächer wie Datenverarbeitung, Geologie, Technologie, Statistik, Psychologie oder Soziologie zugelassen werden. Der Begriff "Abitur" soll durch "Abschluß Sekundarstufe I bzw. II" ersetzt werden. Die Zeitungen meinen, eine Erweiterung des Katalogs der zu erwerbenden Berechtigungsausweise laufe auf einen noch strengeren Numerus Clausus durch die Hintertür hinaus. 22. April 1971 FU-Konzil tagt Das neue FU-Konzil diskutiert in seiner ersten Sitzung den Fall Holz und die Stellung der FU zum Wissenschaftszentrum. Die mehrstündige Debatte über den Fall Holz ist äußerst lebhaft. Kreibich bezeichnet es als Anmaßung, daß Stein sich in die wissenschaftliche Qualifikationsbewertung eingeschaltet habe. Ein Mitglied der "Notgemeinschaft" dagegen äußert, daß es ein Skandal sei, jemanden berufen zu wollen, der nachweislich aus Ideologieverhaftetheit Texte falsch interpretiere, der in seiner Dissertation zu einem abwegigen Urteil über Leibniz gekommen sei und der sich zwischen 1956 und 1958 fälschlich als Dr. phil. ausgegeben habe, obwohl er erst 1969 in Leipzig den Doktorgrad erhalten habe. Schließlich wird vom Konzil mit 83:13 Stimmen die Entscheidung Steins mißbilligt. Senator Stein kommentiert die Aufforderung des Konzils, seine Entscheidung rückgängig zu machen, mit der Feststellung, daß das Konzil keine Zuständigkeit in Berufungsfragen habe. Das Präsidialamt weist den Vorwurf zurück mit der Bemerkung, daß das Konzil als allgemeines Aussprachegremium der FU das Recht und die Pflicht habe, die Meinung der FU kundzutun, auch wenn eine rechtliche Zuständigkeit nicht gegeben sei. Wenige Stunden nach der Konzilsdebatte wird bekannt, daß Holz soeben einen Ruf aus Marburg bekommen hat und bereits mit dem hessischen Minister verhandelt. Die "Frankfurter Rundschau" kommentiert: "West-Berlin ist für Linke und gar für Marxisten keineswegs mehr attraktiv. Wer von ihnen die Inselstadt verlassen kann, schnürt sein Bündel." Die hessische CDU kritisiert die Berufung des ihrer Meinung nach nicht genügend qualifizierten Dr. Holz auf einen Lehrstuhl. Studenten-Ehepaare Auf die unhaltbare finanzielle Situation der rund 70.000 verheirateten Studierenden macht eine Untersuchung der "Deutschen Studenten Union" aufmerksam. Für Verheiratete gebe es nur sehr wenig Wohnheimplätze. Auch müsse an die ca. 35.000 Kinder aus Studentenehen gedacht werden. Für 1980 schätzt man, daß 24% aller männlichen Studierenden verheiratet sind (die der verheirateten weiblichen Studenten liegt niedriger). 24. April 1971 Die radikale Linke an den Universitäten wird als "Herrschaft der arroganten Dürftigkeit" bezeichnet Die "Welt" vertritt die Ansicht, daß das geistige Niveau vieler radikaler Linker an den Universitäten ihrem Anspruch oft nicht gerecht werde. Viele angenommene Habilitationen seien wissenschaftliche Nullität, und wenn ein Linker einmal Schiffbruch in seinen akademischen Ambitionen erleide, deute er das eigene Versagen nur allzu oft in ein Versagen der Gesellschaft und der Universitäten um. Anders als die Vorgänger der Bewegung, z.B. die Frankfurter Schule, würden sich jetzt die Revolutions-"parvenus" ohne Leistungslegitimation "an der Staatskrippe mästen". Das Pfründenbewußtsein der Rebellen, das sie bei ihren Feinden, den Ordinarien, so anprangerten, werde nun immer offensichtlicher und der dank der neuen Hochschulgesetze eingerichtete Protektionsapparat immer mächtiger. In der "FAZ" erscheint wenig später (am 29. Mai) eine Schilderung der Lebensgewohnheiten studentischer Linker durch eine Kommilitonin, die diese als "Mode-Marxisten" bezeichnet. 25. April 1971 Klinikum-Wohnheim bezugsfertig Das für 240 Mieter gebaute 17 Stockwerke hohe Wohnheim für Schwestern und Pfleger des FU-Klinikums ist bezugsfertig. Die ersten Mieter äußern sich zufrieden über die geringe Miete, die geschmackvolle Einrichtung und die Lage im Grünen (Karl-Fischer-Weg, Südende). Kritisiert wird nur die schlechte Busverbindung zum Klinikum. 28. April 1971 FU-Bauvorhaben für 1972 Finanzsenator Striek erklärt der Presse, daß bei den öffentlichen Bauten, für die die Aufwendungen für 1972 um 26% im Vergleich zum Vorjahr steigen sollen, für die FU folgende Bauten vorgesehen sind: ein neues Gebäude für die Chirurgische Klinik, ein Neubau für das Institut für Pharmakologie (15 Millionen DM) und ein Aufpolieren des Instituts für Biotechnologie. Golo Mann: "FU ist unfrei" Golo Mann erklärt in Passau, daß er die FU für "die unfreieste Universität Europas" halte. Studentenwohnheim besetzt Ein Teil der Bewohner des Studentenwohnheims der Kirchlichen Hochschule in Zehlendorf hat einen leerstehenden Flügel des Heims (der in ein Appartementhaus umgebaut werden sollte) besetzt, um auf die Schwierigkeiten vieler Studenten in Berlin aufmerksam zu machen, ein Zimmer zu finden. 29. April 1971 FU-Konzilsvorstand gewählt Die sieben Mitglieder des Konzilsvorstands, die im Wintersemester provisorisch ernannt worden waren, werden nun entgültig gewählt. Dabei zeigt sich, daß sich die Gemäßigten inzwischen noch mehr durchsetzen konnten. Vier Vertreter gehören den gemäßigt linken "Reformsozialisten" an. Bekenntnis der Regierung zur Fortsetzung der Universitätsreformen Vor dem Abgeordnetenhaus erklärt Senator Stein in Zusammenhang mit der Regierungserklärung von Klaus Schütz, daß er glaube, Berlin befinde sich mit seinen Hochschulreformen grundsätzlich auf dem rechten Weg. Er trete für einen pluralistischen Wissenschaftsbetrieb im Sinne eines breiten Spektrums wissenschaftlicher Ansichten ein. Etwaige Novellierungen müßten von ausreichender Erfahrung abhängig gemacht werden. Daß das Berliner Universitätsgesetz nicht ausschließlicher Grund für mißliche Entwicklungen sei, zeige sich daran, daß es auch an vielen westdeutschen Universitäten Konflikte gebe. Eine Änderung des Gesetzes könne nur nach der Beobachtung, ob sich das Berliner Gesetz in das kommende Hochschulrahmengesetz einfüge, entschieden werden. 30. April 1971 ÖTV will endlich KiTa für FU ÖTV-Mitglieder fordern zusammen mit Anderen Dienstkräften der FU das Präsidialamt auf, endlich eine Kindertagesstätte an der FU einzurichten. Dadurch würde die Voraussetzung für eine Weiterbildung der Mütter an der Universität geschaffen, und es könnten mehr Mütter als bisher als Andere Dienstkräfte (z.B. im Schreibdienst) eingestellt werden. 2. Mai 1971 Senator Wolters beschuldigt Ex-Direktoren des Klinikums Über die Unzulänglichkeiten am Klinikum entsteht eine Kontroverse zwischen dem ehemaligen ärztlichen Direktor und jetzigen Gesundheitsminister Prof. Dr. Wolters und dem vor dessen Amtszeit amtierenden ärztlichen Direktor Prof. Dr. Maßhoff (sowie mit dem Verwaltungsdirektor des Klinikums, Diplom-Kaufmann Müller). Wolters weist darauf hin, daß es bereits vor seiner Amtszeit als ärztlicher Direktor Mißstände gegeben habe, z.B. habe ein Organisationsstab zur Verwaltung gefehlt, man habe ohne ein EDV-System den Papierwust bewältigen müssen, und es habe keinen Überblick über die Raumnutzung gegeben. Zusammen mit der Gemeinsamen Kommission habe er dann in seiner halbjährigen Amtszeit dies zu ändern versucht. Maßhoff und Müller dagegen meinen, daß ein Pluralismus an Verwaltungszuständigkeiten nicht die richtige Form für die Leitung eines so großen Krankenhauses darstelle. Einen Organisationsstab habe man schon vor Amtsantritt Wolters einrichten wollen, aber Assistentenvertreter hätten dies verhindert. Fehlende Vollbelegung (von 1.300 Betten sind 500 nicht belegt) und eine gleich nach der Eröffnung des Klinikums geschaffene Formularlawine (es gibt mehr als 2.000 verschiedene Formulare und jede Akte wird auf Mikrofilm aufgenommen) seien wichtige Gründe für berechtigte Kritik an dieser Einrichtung der FU. Gleichzeitig wird vor einer Überorganisation des Klinikums gewarnt. Es bestehe die Gefahr, daß sich die Gemeinsame Kommission für ein System entscheide (Abteilungsräte, Kollegialorgane etc.), das in der Praxis Stoff für neue Konflikte gebe. Nicht Fort_schrittsdenken, sondern Naivität stecke dahinter, wenn man auf die direkte Demokratie im Klinik-Bereich hinarbeite, meint die "Morgenpost" (woraufhin der Vertreter der Anderen Dienstkräfte am Klinikum in einem Flugblatt dazu auffordert, die Informanten der "Morgenpost" bekanntzugeben). Im übrigen wird in der Medizin zunehmend der Rückstand in der Datenverarbeitung im Vergleich zu anderen Ländern beklagt. Österreich-Delegation in Deutschland lehnt Reform à la Berlin ab Österreichische Bildungspolitiker besuchen Hochschulen in Holland, in der Bundesrepublik und in Berlin, um von deren Erfahrungen mit der Hochschulreform zu profitieren. Als Fazit stellt der österreichische Unterrichtsminister Mock fest, daß eine Hochschul_reform à la Berlin für Österreich nicht in Frage komme, weil in Berlin offensichtlich die Mitbestimmung in einer Form geschehe, die nicht immer die Bedingungen der demokratischen Legitimation erfülle. Sosehr sich auch an den Universitäten gesellschaftliche Auseinandersetzungen vollziehen könnten, sowenig sei es tragbar, wenn die Universitäten zum Vehikel einer neomarxistischen Gesellschaftsordnung außerhalb der allgemeinen demokratischen Zustimmung würden. Außerdem äußert Mock in der "FAZ" seine Besorgnis über die Zulassungsbeschränkungen in der Bundesrepublik und in Westberlin, weil diese auf die Dauer zu einer Entliberali_sierung des europäischen Bildungsmarkts führen würden. Sorbonne ehrt Berliner Wissenschaftler Auf einer Feierstunde der Sorbonne wird der kürzlich verstorbene Nestor der deutschen Psychotherapie, der FU-Prof. Dr. I.H. Schultz, geehrt, der vor allem durch seine Methoden des autogenen Trainings und der Gruppentherapie bei der Betreuung Lebensmüder bekannt geworden war. Schultz habe der französischen Medizin viele Impulse gegeben. Zum Schluß der Würdigung wird eine noch engere wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Paris und Berlin beschlossen. 4. Mai 1971 Effizienzsteigerung statt Mitbestimmung an den Universitäten Die Zeitschrift "Input" erinnert an das Manifest Marburger Professoren, in dem im Mai 1968 vor der Demokratisierung einer so kostspieligen Einrichtung wie der Universität gewarnt wurde. Heute sei das Problem Mitbestimmung im Hochschulbereich vom Problem der Effizienzsteigerung verdrängt. In Wirtschaftskreisen würden in_zwischen Stiftungsuniversitäten gefordert, von denen man sich größere Effizienz als von den z.T. durch ehemalige Assistenten geleiteten staatlichen Universitäten (Berlin, Hamburg, Bremen, München) erhoffe. Der CDU-Vorsitzende Lummer spricht vor dem Berliner Abgeordnetenhaus über ähnliche Probleme. Die Leistungsfähigkeit der FU sei gesunken, die Frage der Novellierung des Berliner Hochschulgesetzes sei aktuell. Man müsse die Universitätsgremien reduzieren. Er verlangt die Abschaffung eines Teils der Semesterferien und die Einführung einer jährlichen Studienzeit von mindestens neun Monaten. 5. Mai 1971 Abteilung Alt-Anglistik der FU immer noch bestreikt Der seit Semestern andauernde Streik von Anglistik-Studenten gegen sprachhistorische Lehrveranstaltungen (Altenglisch, Mittelenglisch) dauert an (vgl. 20. April). Hintergrund ist die Unzufriedenheit mit der geltenden Zwischenprüfungsordnung, bei der bisher keine Alternative zur sprachhistorischen Richtung (z.B. aus dem Bereich der Linguistik) geboten wird. Vizepräsident Wesel bezeichnet die Forderung nach Aufhebung der verpflichtenden Teilnahme an sprachhistorischen Übungen als berechtigt, erklärt aber, daß die Aktionen (Verbarrikadieren von Seminarräumen) nicht hingenommen werden können. Als er am 14. Mai herbeigerufen wird, um ein Handgemenge zwischen den "Roten Zellen" und Prof. Dr. Bitterling zu schlichten, rät er dem Professor, seine Übungen bis Pfingsten auszusetzen, da er glaube, daß danach die Übungen ungestört stattfinden könnten. Am 17. Mai. wird auf einer Versammlung von Studenten der Anglistik einer Vertreterin der Studentengruppe "Liberale Alternative", die auch Mitglied des "Bundes Freiheit der Wissenschaften" ist, eine Niederschrift über den Verlauf der Versammlung von Mitgliedern der "Roten Zelle" gewaltsam entwendet. Diesen Vorfall bezeichnet die "FAZ" als neues alarmierendes Signal für die wachsende Intoleranz an der FU. Zwölf Mitglieder des Lehrkörpers schreiben einen offenen Brief an Senator Stein, in dem sie auf die eklatanten Rechtsbrüche durch Radikale aufmerksam machen und den Senator auffordern, alle Rechtsmittel auszuschöpfen, die zur Wiederherstellung geordneter Arbeitsverhältnisse notwendig seien. Der Politologe Dr. Narr folgt Ruf nach Berlin statt nach Bremen Der Politologe Dr. Wolf-Dieter Narr (bis 1968 zweiter Vorsitzender der Bundesassistentenkonferenz) lehnt einen Ruf nach Bremen ab und akzeptiert stattdessen einen Ruf an die FU Berlin. Er begründet den Schritt damit, daß in Bremen anhaltende Querelen über die Besetzung neuer Lehrstühle zwischen der Landesregierung und der Universität stattfänden. Bremens Universität kommentiert Narrs Entscheidung mit der Feststellung, daß wegen der Querelen das eingetreten sei, was man befürchtet habe, nämlich, daß nicht die linken, sondern die liberalen Hochschullehrer resignierten. (Vgl. 27. Juli 1971) Kontroverse um die Einstellung linker Berliner in Bremen An der Bremer Universität finden Auseinandersetzungen über die Einstellung linker Akademiker von der FU und der PH Berlins statt. Die FU-Romanisten Gerhard Schneider, Walter Kreipe und Irmgard Hartig werden wegen ihrer politischen Aktivitäten nicht eingestellt (letztere hatten bei den Auseinandersetzungen über die Schriften von Prof. Dr. Walter Pabst aus dem Jahre 1942 eine erhebliche Rolle gespielt; vgl. 8. Dez. 1969). Der für die Didaktik der politischen Bildung zuständige PH-Soziologe W. Gottschalch dagegen wird gegen den Protest des Bremer Senats berufen. Die Berufung Gottschalchs, der von der Bremer FDP als fanatischer "Rote-Zelle-Mann" bezeichnet wird und sich in Berlin wegen politischer Äußerungen in einem Disziplinarverfahren verantworten mußte (vgl. "Die Welt" und die "FAZ" vom 3.Juni), ist ein wesentlicher Grund für die Auflösung der 24 Jahre andauernden Regierungskoalition von SPD und FDP (vom 1. Juni bis zur Neuwahl am 10. Oktober wird die SPD allein regieren). Die FDP will nicht, daß die Bremer Universität eine "Kaderschule der Linken" wird. 37. Sitzung des Akademischen Senats Der Akademische Senat der FU fällt zwei wichtige Entscheidungen: das Kaiserin-Viktoria-Krankenhaus wird als Universitäts-Kinderklinik in die FU übernommen, und es wird eine Gemeinsame Kommission zur Besetzung der geplanten Hochschullehrerstellen im Zentralinstitut für Soziale Medizin eingerichtet. Neues Fachgebiet an der FU Andrologie-Professor Rudolf Kaden ist als Spezialist auf dem Gebiet der Andrologie (die Lehre von der Zeugungsfähigkeit des Mannes) an die FU berufen worden. Forschungsprojekt Spadens ist u.a. die Vervoll_kommnung der Methode der Konservierung menschlichen Spermas durch Tiefkühlung mit flüssigem Stickstoff. Neben Hamburg ist Berlin nun die einzige deutsche Universität, an der Andrologie unterrichtet wird. Störung der Tagung des "Vordirektoriums" des FB 17 der FU Als sich am Romanischen Seminar der FU (FB 17) zwecks Diskussion über vier zu besetzende Assistentenstellen ein Kreis trifft, der sich als Vordirektorium bezeichnet (weil dort die im Direktorium anfallenden Problemkreise vorgeklärt werden), dringen in den Sitzungsraum Vertreter der "Roten Zelle Romanistik" ein, die die Stellenvergabe an marxistische Kandidaten verlangen und auf eine öffentliche Anhörung drängen. Die Sitzung wird abgebrochen. Am 18. Mai findet eine Sitzung des Fachbereichsrats, auf der über die Stellen entschieden werden soll, aufgrund von Gerüchten über weitere Störungen außerhalb der FU im Amtsgebäude des Senators Stein statt. Das Präsidialamt protestiert gegen die Verlegung der Sitzung in Räume außerhalb der Universität. Ein ordnungsgemäßer Verlauf der Sitzung könne auch innerhalb der Universität garantiert werden. 6. Mai 1971 Wahlen bei der "Aktionsgruppe Hochschullehrer" und bei den "Reformsozialisten" Bei der Wahl des neuen Vorstands der "Aktionsgruppe Hochschullehrer" hat sich die personelle Zusammensetzung kaum geändert (Wiederwahl der Professoren Hartwich, Colpe, Urich und Kramer). Als Vorstand wird der auch den "Reformsozialisten" angehörende Soziologe Prof. Dr. Bütow gewählt. Inzwischen waren wegen der veränderten politischen Konzepte der Gruppe 13 konserva_tive Professoren aus der "Aktionsgruppe" ausgetreten, u.a. der Mathematiker Hanfried Lenz, so daß ihr insgesamt nur noch 94 Mitglieder angehören. - Bei der Wahl des Sprecherrats der "Reformsozialisten" werden die Professoren Bütow und Eder sowie die Studenten Breyer und Mietsch und die Andere Dienstkraft Becker gewählt. Weniger Geld durch mehr Lohn Die seit dem 1. Januar 1971 geltenden neuen Tarifverträge für Angestellte haben laut FU-INFO auch für einige FU-Angestellte kuriose Folgen. Die Anhebung ihrer Bezüge bedeutet nämlich, daß sie in Wirklich_keit über weniger Geld als vorher verfügen. Wenn das monatliche Bruttoeinkommen vorher 1.300 DM betrug und sie nun ein Gehalt von 1.495 DM gekommen sind, so geraten sie in eine Versicherungs_klasse, die ihnen soviele Abgaben auferlegt, daß sie konkret weniger ausgezahlt bekommen als vorher. Maßnahmen gegen Lehrermangel beabsichtigt Wegen des anhaltenden Lehrermangels entschließen sich Bund und Länder zu konkreten Maßnahmen. Die Studienzeiten für Lehrerstudenten sollen verkürzt, die Durchlässigkeit zwischen den Lehrämtern vergrößert, die administrativen Bereiche mit Schulassistenten besetzt werden. Für die nächsten zwei Jahre werden auch in einigen Bundesländern "Gastlehrer" aus den USA und Schweden eingestellt. Die Lehrer aus den USA werden aus dem Kontingent der 50.000 arbeitslosen amerikanischen Lehrer übernommen. FU-Sport Eine seit 1965 existierende Sportgruppe des Klinikums Westend ist inzwischen so angewachsen, daß sie Mitglieder des gesamten FU-Bereichs aufnimmt und Veranstaltungen in mehreren Disziplinen (Fußball, Handball, Gymnastik, Tischtennis und Bowling) anbietet. Allerdings müssen die Veranstaltungen in Räumlichkeiten statt_finden, die nicht der FU gehören. Eine eigene Sportanlage ist geplant. 7. Mai 1971 Weitere Kontroverse in Zusammenhang mit dem Fall Holz Der Fachbereichsrat des Fachbereichs Philosophie und Sozialwissenschaften spricht sich gegen den Eintritt der FU in Verhandlungen mit dem von Wissenschaftssenator Stein an Stelle von Dr. Holz berufenen Dr. Wellmer aus. Damit riskiert der Fachbereich die Streichung dieser Professorenstelle. Dr. Holz hat nämlich in_zwischen einen Ruf nach Marburg angenommen, und wenn Dr. Wellmer, der Nachfolger auf der Liste, die Berufung ablehnen würde, drohte die gesamte Stelle gestrichen zu werden. 10. Mai 1971 Gelder des Stifterverbandes für FU-Mediziner Der "Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft", dem jährlich ca. 75 private Stiftungen oder testamentarische Vermächtnisse übergeben werden, stellt der Berliner Forschungsgruppe für experimentelle und klinische Virologie 1,6 Millionen DM zur Verfügung, damit diese die Wechselwirkung zwischen Virusinfektionen und den Reaktionen der befallenen Zellen studieren könne. Die Gelder, die dem Stifterverband zur Verfügung stehen, sind in den letzten Jahren erheblich gestiegen (1969: 33 Millionen; 1970: 53 Millionen). Für 1970 ergeben sich die Gelder als Ausschüttungen aus einem Gesamtkapital von 3 Milliarden DM. Nach den großen Einzelstiftungen (VW und Thyssen) ist der Stifterverband eine der größten Organisationen dieser Art in Deutschland. Die Gelder des Verbandes werden außer an Universitäten auch an die DFG, die Max-Planck-Gesellschaften, die Humboldt-Gesellschaft, den DAAD und an die Studienstiftung des Deutschen Volkes vergeben. Auf dem Jahrestreffen des Verbandes präsentierte der Verband seine neueste Veröffentlichung, eine Untersuchung über die Stiftungen in Europa. Das stiftungsreichste Land ist Großbritannien mit 250.000 Stiftungen, es folgen Holland, die Schweiz und Schweden. Die Bundesrepublik steht mit 4.000 Stiftungen erst an sechster, Frankreich mit 250 Stiftungen an letzter Stelle. 11. Mai 1971 Hochschulen müssen Störungen melden Wissenschaftssenator Stein ordnet an, daß Störungen im Hochschulbereich von den Präsidenten der Berliner Hochschulen der Senatsverwaltung gemeldet werden müssen. Auch sollen die Präsiden_ten mitteilen, welche Maßnahmen sie zur Behebung der Schwierig_keiten ergreifen wollen. (Vgl. 29. Okt.1971) Senator möchte germanistische Übungen aufmerksam verfolgt wissen Seine besondere Aufmerksamkeit soll, laut Wissenschatssenator Stein, der FU-Präsident den beiden germanistischen Übungen widmen, die als Kernbestandteil des sozialistischen Studiums der "Roten Zelle Germanistik" anzusehen sind. Es handelt sich um die Proseminare "Literatur des CDU-Staates" (geleitet vom Akademischen Rat Dr. Domdey) und "Literatur der DDR von 1949 bis 1954" (geleitet von Dr. Rothe). Kreibich soll feststellen, ob allgemeinpolitische Propaganda und marxistisch-leninistische Schulung im Sinne von Parteischulung in diesen Seminaren stattfindet. Um die Übungen der beiden Mitarbeiter hatte es im Wintersemester bereits harte Auseinandersetzungen gegeben. 12. Mai 1971 Kontroversen am OSI wegen neuer Fachbereichsordnung Wegen der im Universitätsgesetz vorgesehenen neuen Fachbereichsordnung des Otto-Suhr-Instituts, dessen Entwurf nun feststeht und am 18. Mai vom Fachbereichsrat verabschiedet wird, kommt es zu Kontroversen zwischen den "Reformsozialisten" und linken sozialistischen Gruppen. Die linken Gruppen verlangen ein suspensives Veto der ehemaligen Abteilungs-Kommissionen (in denen sie die Mehrheit hatten) auch bei Entscheidungen des Fachbereichs (im neuen Fachbereich sind die Stimmen nicht drittelparitätisch verteilt, sondern 7:4:3:1 für Hochschullehrer, Assistenten, Studenten und Andere Dienstkräfte). Außerdem verlangen sie eine Gestaltung des Wahlrechts in der Form, daß die Politologen aus Zentralinstituten (wo gegenwärtig viele "Reformsozialisten" sitzen) nicht im Fachbereich mitstimmen können. Im Juni soll über die neue Ordnung eine Urabstimmung durch die Mitglieder des Fachbereichs stattfinden. Die Entscheidung wird beim Akademischen Senat liegen. (Vgl. 24. Juni 1971) Zwei Professoren im FB 11 der FU legen ihre Mandate im Fachbereichsrat nieder Im Fachbereich Philosophie und Sozialwissenschaften legen die beiden Professoren René Ahlberg und Wolfgang Hübener ihre Mandate im Fachbereichsrat nieder. Sie halten es für sinnlos, in Kommissionen und Räten weiter mitzuarbeiten, in denen Mehrheitsfraktionen unter dem Vorwand des Wissenschaftspluralismus und auf Kosten der Sachgerechtigkeit und des wissenschaftlichen Bedürfnisses des Fachbereichs einseitige politische Konzeptionen ohne Rücksicht auf Argumente anderer Art durchsetzen. Als Beispiele nennen die Professoren die Promotion Lefèvres, bei der zwei positive und vier negative Gutachten vorgelegen hätten und Lefèvre trotzdem promoviert worden war, außerdem die Haltung des Fachbereichsrats bei der Berufung Dr. Wellmers (vgl. 7. Mai). Nachdem Dr. Holz einen anderen Ruf bekommen habe, sei die Ablehnung der Berufung des Nächstplazierten auf der Liste eine bloß irrationale Aufrechterhaltung der Konfrontation mit Senator Stein. Diese Haltung könne sogar die Streichung der Stelle zur Folge haben. Senator Stein bedauert den Rücktritt der beiden Professoren aus dem Fachbereichsrat. Der als Nachrücker für die Mandate vorgesehene Professor Rudolph erklärt kurz darauf (am 27. Mai), daß es ihm nicht möglich erscheine, einen der freigeworde_nen Plätze zu besetzen, da er sich mit den von Ahlberg und Hübener für ihren Rücktritt angeführten Gründe identifiziert. Assistentenstelle für marxistischen Germanisten Der Fachbereichsrat Germanistik beschließt die Besetzung einer Assistentenstelle mit einem Kandidaten, der über "Neuere deutsche Literaturgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der marxistischen Literaturwissenschaft" lehren wird. Die Stelle erhält der Marxist Dr. Helmut Lethen. 13. Mai 1971 160. Kuratoriumssitzung Da einige Kuratoriumsmitglieder (Bürgermeister Schütz, die Senatoren Stein und Striek und der Präsident des Abgeordnetenhauses Sickert) nur von neun bis elf Uhr Zeit für die Kuratoriumssitzung haben, müssen zahlreiche Punkte des Tagesprogramms verschoben werden. FU-Präsident Kreibich protestiert gegen die Verzögerung in der Behandlung der Tagesordnungspunkte, die nun schon zum wiederholten Male vorkomme. Von 37 Punkten hätten nur drei behandelt werden können, u.a. die Billigung des zweiten Nachtragshaushalts der FU für 1971 (der Gesamthaushalt der FU beläuft sich inzwischen auf ca. 410 Millonen DM). Vier Mitglieder des Kuratoriums erwägen gerichtliche Schritte gegen den Abbruch dieser und vorheriger Kuratoriumssitzungen, denn durch die Verzögerung der Entscheidungen entstehe der FU erheblicher Schaden. 15. Mai 1971 Wissenschaftsrat tagt in Berlin: zwei Gesamthochschulen geplant Der Wissenschaftsrat tagt in Berlin, um die vorgesehenen Empfehlungen zum zweiten Rahmenplan nach dem Hochschulbau-Förderungsgesetz zu diskutieren. Der Rahmenplan des Wissenschaftsrats sieht im Falle der Umwandlung der Berliner Hochschulen in Gesamthochschulen vor, daß dort zwei Gesamthochschulen entstehen. Zum Gesamthochschulbereich I sollen die FU, die PH, die Fachhochschule für Sozialarbeit und die Berliner Bibliothekarakademie gehören, zum Gesamthochschulbereich II die TU, die HdK, die Fachhochschule für Wirtschaft, die technische Fachhochschule und die Akademie für Graphik. Für die FU wird bis zum Jahre 1975 mit einer Kapazitätserhöhung von 16.000 auf 21.000 Studenten gerechnet. Der Wissenschaftsrat beschließt den Besuch der FU durch einige seiner Mitglieder für den 9. Juni. Während dieses Besuches kommt es zu Auseinandersetzungen mit Studenten, die der SEW nahestehen. Das Präsidialamt hatte das Treffen ins Klinikum verlegt, um derartige Auseinandersetzungen zu vermeiden, aber die Studenten waren gefolgt und hatten sich gewaltsam Zugang zu den Sitzungsräumen verschafft. Ihr Vorwurf an den Wissenschaftsrat war, daß er "eine die Profitinteressen der westdeutschen Monopole vertretende Organisation" sei. 16. Mai 1971 Prof. Löwenthal zum Vorsitzenden des "Bundes Freiheit der Wissenschaften" gewählt Der FU-Professor Richard Löwenthal wird in Frankfurt zu einem der drei Vorsitzenden des "Bundes Freiheit der Wissenschaften" gewählt. 18. Mai 1971 Neue Publikation der FU-Pressestelle: "FU-Reform" Das erste Heft einer neuen Publikation der FU-Pressestelle erscheint. Es ist betitelt "FU-Reform" und behandelt wie der "FU-Pressedienst Wissenschaft" jeweils nur ein Thema. In dem Heft geht es um die integrierte Lehrerausbildung, ein Modell, das von Vertretern der FU und der PH erarbeitet wurde und das für eine einheitlich organisierte, wissenschaftlich gleichrangige Ausbildung aller Lehrer plädiert, wie sie nach der Verschmelzung der PH und der FU zu einer von einigen vorgeschlagenen Gesamthochschule vorgesehen ist. Das Modell wird von der "Notgemeinschaft" am 29. Juni kritisiert, weil "damit die Weichen für eine einheitliche sozialistische Lehrerausbildung gestellt sind". 20. Mai 1971 Prof. Dr. Holzkamp setzt sich für den Fortbestand des Sozialistischen Patientenkollektivs in Heidelberg ein Der FU-Psychologe Prof. Dr. Klaus Holzkamp setzt sich für den Fortbestand des seit Monaten kurz vor der Schließung stehenden "Sozialistischen Patientenkollektivs" (SPK) an der Universität Heidelberg ein. Das Kollektiv, so Holzkamp, trage wesentlich zur Humanisierung und Verwissenschaftlichung des deutschen Psychiatriebetriebes bei und brauche daher durch finanzielle Unterstützung und Ruhe eine Phase ohne Existenzbedrohung und permanenten Zwang zur Selbstverteidigung. Das SPK hatte sich vor zwei Jahren aus einer Gruppe von Studenten gebildet, die sich psychisch behandlungsbedürftig fühlten und Heilung durch Gruppentherapie suchten. Ihrer These nach waren sie durch die bestehende Gesellschaft erkrankt, die, damit sie wieder gesund würden, radikal geändert werden müsse. Am 22. Juli werden bei der Durchsuchung der Wohnungen mehrerer Patienten Waffen und Schriften beschlagnahmt, die auf kriminelle Tätigkeiten des Kollektivs und Beziehungen zur Baader-Meinhof-Gruppe hinweisen. Kurz vorher hatte das SPK 500 Waffenscheine beantragt mit der Begründung, die im Kreuzfeuer von Angriffen stehenden Mitglieder des SPK müßten sich verteidigen können. Am 22. Juli löst sich das SPK auf. 21. Mai 1971 Wohltätigkeitsveranstaltung der "Deutsch-Amerikanischen Studienhilfe" Die private Organisation der "Deutsch-Amerikanischen Studienhilfe", deren Ziel die Finanzierung von Universitätsstipendien ist, führt in der Akademie der Künste eine Wohltätigkeitsveranstaltung durch, aus deren Erlös (85.000 DM) am 26. Juni sieben Berliner Studenten und neun Amerikanern Stipendien verliehen werden. 24. Mai 1971 Rücktritt von sechs Mitgliedern aus dem Fachbereichsrat des FB 17 Aus Protest gegen die "totale und völlig einseitige Politisierung" im FB Neuere Fremdsprachliche Philologien treten fünf Hochschullehrer (die Professoren Loos, Pabst, Reinhold, Hecht und Bräuer) und eine Andere Dienstkraft (sowie zwei Vertreter) aus dem Fachbereichsrat zurück. Mißliebige Dozenten würden erbarmungslos und systematisch zermürbt, lernwillige Studenten mit Gewalt eingeschüchtert. 25 Lehrveranstaltungen seien allein seit Beginn des Sommersemesters gestört oder abgebrochen worden, eine Kontrollmöglichkeit des Fachbereichsrats über studentische Tutorien mit eindeutig radikaler Indoktrinierung gebe es nicht. Das Präsidialamt würde dies sogar unmittelbar legalisieren. Die Aufgaben von Lehre und Forschung seien nicht mehr ungestört zu erfüllen. Präsident Kreibich begrüßt die Rücktrittserklärung und hofft, daß dadurch der Weg eröffnet werde für wirklich durchgreifende Studienreformen, die bisher von diesen Mitgliedern verhindert worden seien. Fünfzehn Mitglieder des Akademischen Senats legen Mandate nieder Aus Protest gegen die durch das Universitätsgesetz dem FU-Präsidenten eingeräumte übermäßig große Macht legen vierzehn Hochschullehrer und ein wissenschaftlicher Mitarbeiter als Mitglieder oder Vertreter des Akademischen Senats ihre Ämter nieder. Bemängelt wird, daß der Präsident das Gesetz extensiv auslegt und politisch einseitige Maßnahmen fällt. Die Vorbereitungen der Entscheidungen treffe nur das Präsidialamt. Auch fehle dem Senat ein unabhängiger Vorsitzender, der kontrolliere, wie der Präsident die Senatsbeschlüsse ausführe. Schließlich habe der Akademische Senat praktisch keinen Zugang zum Presseamt der FU. Der Rücktritt soll ein Appell an den Gesetzgeber sein, das Universitätsgesetz zu ändern. Die Initiatoren der Erklärung gelten als liberale Vertreter der gemäßigten Reformpolitik. Präsident Kreibich ist von dem Rücktritt überrascht. Er erklärt ihn damit, daß die Professoren in letzter Zeit durch einige Neuwahlen im Senat gezwungen gewesen seien, Kompromisse mit linksgerichteten Vertretern zu schließen. Wegen der großen Zahl von Personen, die den Rücktritt erklärt haben (15 von 22 Hochschullehrern), spricht die Presse von der schwersten Krise seit Inkrafttreten des Universitätsgesetzes. Auch Senator Stein bezeichnet die kollektiven Rücktritte als bedenklich, meint aber, daß Rücktritte grundsätzlich nicht die richtigen Maßnahmen seien, um Sachfragen zu lösen. Prof. Dr. Schwan erklärt, daß die Resignation seiner Kollegen verständlich sei, da die FU von antidemokratischen marxistischen Gruppen unterwandert sei, die die alleinige Herrschaft ausüben. Am 28. Mai nimmt das Präsidialamt in einer Pressekonferenz zum Rücktritt der Mitglieder des Akademischen Senats und zahlreicher Hochschullehrer aus verschiedenen Fachbereichsgremien (am 13. und 24. Mai) Stellung. Kreibich erklärt, daß er sich nicht durch "Getöse" von den Reformvorhaben der Universität abbringen lassen wolle. Eine Novellierung des Gesetzes würde die Probleme nicht lösen. Auf den Vorwurf, daß die Machtfülle des Präsidenten die Universität in die Krise gebracht habe, sei zu erwidern, daß die Kompetenzen des Präsidenten klar abgegrenzt seien und er auch rechenschaftspflichtig sei. Eine kritische Bestandsaufnahme seiner Arbeit wolle er durchaus zulassen. Dok. 1064, 1065, 1066 und 1067 Professor Rüthers legt sein Mandat als Kuratoriumsmitglied nieder und kündigt seinen Weggang von der FU an Der FU-Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Bernd Rüthers, einer der sieben FU-Mitglieder des Kuratoriums, legt sein Mandat dort nieder. Er erklärt, das Universitäts-Gesetz sei gescheitert, es herrsche ein Zustand der Rechtlosigkeit an der FU. Seiner Meinung nach sind "die nach dem rätedemokratischen Gesetzesmodell zuständigen Entscheidungsgremien der Unterwanderungstaktik der vereinigten kommunistischen Gruppen nicht gewachsen". Der Präsident sei unfähig, Ordnung zu wahren. Feigheit und unverantwortliche Kompromißbereitschaft bei vielen linksliberalen Gruppen erkläre die Mehrheiten. Rüthers kritisiert vor allem die finanzielle Aufstockung des Tutorenprogramms, wodurch in wichtigen Fachbereichen die "Roten Zellen" mehr als je unterstützt würden sowie die Entscheidungen, das Psychologische Institut betreffend, wo zwar die nicht-marxistischen Wissenschaftler aus dem Fachbereich hätten ausziehen können, die freiwerdenden Planstellen aber ausdrücklich dem "roten" Institut zugeschrieben worden seien, und die Zusammensetzung des Gründungsausschusses für das Institut für Soziale Medizin, der überwiegend mit Sympathisanten der "Roten Zellen" besetzt sei. Das Kuratorium habe diese Entwicklung nicht verhindert, sondern eher begünstigt. Auch bemängelt er, daß zur Zeit Hochschullehrer in großer Zahl zu Beamten auf Lebenszeit gemacht würden, die früher z.T. nicht einmal hätten Assistenten werden können. Dadurch würde die Universität der Lächerlichkeit preisgegeben und die Personalstruktur der Hochschullehrer zerrüttet. Nach dem Sommersemester will Rüthers die Universität verlassen und nach Konstanz gehen. Dok. 1068 26. Mai 1971 Streik bei Zahnmedizinern Die Studenten der Zahnmedizin treten in einen unbefristeten Streik, da sie wegen mangelnder Vollinstrumentierung und unzureichender Räumlichkeiten eine ausreichende Versorgung der Patienten nicht für gewährleistet halten. Eine wesentliche Forderung ist, daß der Staat die Kosten für die bisher von den Studenten bezahlten Instrumente übernimmt. Streiken bedeutet in diesem Fall, daß die Patienten nicht mehr von den Studenten behandelt werden. Der Fachbereichssprecher meint allerdings, daß die Versorgung der Patienten trotzdem gewährleistet bleibe. In der Mathematik: Störung einer Sitzung des Fachbereichsrats Während einer Sitzung des Fachbereichsrats Mathematik kommt es zum zweiten Mal in diesem Monat zu Auseinandersetzungen zwischen linken Studenten und Fachbereichsratsmitgliedern. Etwa 150 Studenten wollen an der Sitzung teilnehmen, obwohl die Mehrheit des Rats beschlossen hat, keine Öffentlichkeit zuzulassen. Als Prof. Dr. Lenz die Studenten ausschließen will, verbarrikadieren sie eine Tür und behindern acht Professoren am Verlassen des Raums. Ziel der Studenten ist die Anerkennung einer alternativen Veranstaltung zu der Analysis-Vorlesung von Prof. Dr. Lenz. - Gleichzeitig erklären neun Professoren und drei Wissenschaftliche Mitarbeiter des Fachbereichs, daß sie ihre Lehrveranstaltungen bis zu den Pfingstferien ausfallen lassen wollen, weil die Vorlesung von Prof. Dr. Schäfke zum wiederholten Mal von linksradikalen Kräften gestört und umfunktioniert worden sei (vgl. 6. Juli 1971). Die nächste Sitzung des Fachbereichsrats am 9. Juli wird wieder durch studentische Mitglieder gestört, teils durch fortlaufende Geschäftsordnungsanträge und -debatten, teils indem einer der Studenten dem Vorsitzenden, wie die "Welt" (am 11. Juni) berichtet, "seine Füße vor die Nase legt und permanent aus einem Romanheft vorliest", so daß die Tagesordnungsthemen (der Entwicklungsplan und der Etat des Fachbereichs) verschoben werden müssen. Dok. 1069 27. Mai 1971 Heftige Hochschuldebatte im Berliner Abgeordnetenhaus Anläßlich der zahlreichen Rücktritte von FU-Angehörigen aus den Gremien kommt es zu einer heftigen Debatte im Abgeordnetenhaus über eine eventuelle Novellierung des Hochschulgesetzes, über die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses und über eine mögliche Absetzung Präsident Kreibichs (vgl. 10. Juni 1971). Senator Stein meint, daß das Universitätsgesetz erst nach der Verabschiedung des Hochschulrahmengesetzes novelliert werden solle. Er stimmt dem Vorschlag der CDU zu, durch einen Untersuchungsausschuß feststellen zu lassen, ob Präsident Kreibich seine Aufgaben gesetzestreu wahrgenommen hat, ob er das Universitätsgesetz richtig ausschöpft, oder ob es ihm keine Möglichkeit bietet, weil es nicht ausreicht in seinen Bestimmungen. Der CDU-Fraktionschef Lummer meint: "Entweder muß Kreibich weg oder das Gesetz geändert werden." Die SPD ist gegen einen Untersuchungsausschuß, da er nur viel Zeit koste und die Parlamentarier in ihrer Hochschulpolitik behindere. Bedenken gegen einen Ausschuß bringt auch die "BZ" vor: Da er nicht die allgemeine Lage an der FU prüfen solle, sondern nur, ob der Präsident die ihm übertragenen Aufgaben gesetzestreu wahrgenommen habe, seien keine umwerfenden Ergebnisse zu erwarten. Fälle, die einer gerichtlichen Prüfung nicht standgehalten hätten, habe es bisher noch nicht gegeben. "An der FU müßten Dummköpfe regieren, wenn deren Manipulationen so offenkundig gegen Gesetze verstoßen würden. (...) Das brennendste öffentliche Interesse, die Wahrheit über die FU zu erfahren, wird damit möglicherweise wieder verschüttet." (Zur Frage der Novellierung vgl. 7. Juli.1971) FAZ: Der Erfolg der Linken basiert auf ihrer Forderung nach Leistungsabbau Die FAZ reflektiert in einem Feuilletonartikel über mögliche Gründe des Erfolgs der linken Ideologien an den Universitäten. Sie meint, ein wesentlicher Grund sei die Propagierung der Einschränkung der Leistungs- und Prüfungsanforderungen. Dies seien wirksame Methoden zur Solidarisierung indifferenter Studenten. 31. Mai 1971 FU-Forschung: Rehabilitationsmodelle für Drogenabhängige Am Institut für Gerichtliche und Soziale Medizin der FU wird unter Leitung von Prof. Dr. Friedrich Bschor nach einem "Rezept" gegen den in den letzten Jahren beängstigend angestiegenen Drogenkonsum gesucht (Verzwölffachung des Konsums von 1965 bis 1970). Der "FU-Pressedienst Wissenschaft" berichtet, daß die Forscher dem "repressiven" Modell der konventionellen Entziehung durch autori-tären Zwang ein "emanzipatorisches" Modell entgegenstellen, das die Kreativität, den Entfaltungsprozeß und die Selbstbestimmung der Drogenabhängigen fördert. Um das Modell zu erarbeiten, wurden seit 1969 Feldstudien über junge Rauschmittelkonsumenten in Berlin durchgeführt. Dabei zeigte sich, daß von Geschäftemachern der Konsum von Rauschmitteln empfohlen worden war, weil er angeblich ein erster Schritt zur Befreiung von bürgerlich-kapitalistischen Zwängen ist. Als weitere Motive für die ersten Erfahrungen mit Drogen wurden angegeben: Neugier, Nachahmung und der Wunsch, von Altersgenossen anerkannt zu werden. Ein Lexikon über den "Kiffer-Slang", das die Kommunikationsschranken zwischen Süchtigen und den mit ihnen beschäftigten Ärzten, Sozialhelfern, Polizisten und Juristen überwinden helfen soll, wurde erstellt. Außerdem wurde praxisbezogen gearbeitet durch Gruppenarbeit mit Süchtigen und durch wissenschaftliche Beratung von Personen aus der Gesundheits- und Jugendpflege. Letzteres sollte der Auflockerung von rigiden Verhaltensmustern und Frustrationen auf beiden Seiten der Drogenszene dienen. Weitere Forschungsprojekte sind die Untersuchung juristischer Fragen im Zusammenhang mit Rauschmittelkonsum und die Beobachtung des sozialen, psychischen und körperlichen Zustands ehemaliger Süchtiger über einen längeren Zeitraum (vgl. "Die Welt vom 2. April und die "BZ" vom 7. und 9. Juni). Eine Untersuchung zum Rauschmittelmißbrauch an Schulen wird zunächst aus rechtlichen Gründen in Berlin nicht gestattet. Als dann aber bei einer Untersuchung in Hamburg alarmierende Ergebnisse zutage kommen, entschließt sich Senator Löffler, auch in Berlin ähnliche Aufklärungsarbeiten zu leisten. Die Forschungen über Drogenabhängige führen am 28. September zur Entscheidung, eine Klinik für Rauschmittelsüchtige an der FU einzurichten. "Spiegel"-Gespräch mit den Professoren Löwenthal und Wesel Der "Spiegel" veröffentlicht ein Interview mit den Professoren Löwenthal und Wesel, die zwar beide Reformabsichten an der Universität durchsetzen, aber dies mit unterschiedlichen Mitteln erreichen wollen. Titel des Interviews: "Rote Prüfer geben immer eine Eins." Beide Professoren werden gefragt, wie sie die Wissenschaftsfreiheit definieren. Prof. Dr. Löwenthal unterscheidet zwei entgegengesetzte Definitionen, zum einen die der "Roten Zellen" und ihrer Freunde, die unter Wissenschaftsfreiheit die Freiheit verstünden, den Lehrplan zu bestimmen, das Personal auszuwählen und dann auf propagandistischem Niveau zu lehren, was sie wollten, und zum anderen die Definition der liberalen Wissenschaftler, die glaubten, daß Lehrfreiheit auf wissenschaftlicher Qualifikation beruhe und daß Toleranz gegenüber methodisch und politisch verschiedenen Richtungen walten müsse. Professor Wesel dagegen meint, daß es nur eine Wissenschaftsfreiheit gebe, nämlich die institutionelle Freiheit gegenüber dem Staat und der Gesellschaft. Die Einschränkung dieser Freiheit würde bedeuten, die Reform der Universität in Frage zu stellen. Die "Ro-ten Zellen" würden zu diesem Zwecke nur vordergründig angegriffen. 1. Juni 1971 Prof. Dr. Schwan verläßt die "Aktionsgruppe" der FU Der Politologe Professor Alexander Schwan tritt aus Protest gegen die hochschulpolitische Haltung der linksgerichteten und mit Präsident Kreibich sympathisierenden "Aktionsgruppe Hochschullehrer" aus dieser Gruppe zurück. Auch der Mathematikprofessor Hanfried Lenz und 14 weitere Personen hatten die Gruppe, die von Alexander Schwan mit gegründet worden war, inzwischen verlassen. Letzter Anlaß für Schwans Rücktritt sind die Erklärungen der Gruppe zu den Rücktritten von Professoren aus dem Akademischen Senat, die er als "Augenwischerei" bezeichnet. Der einst reformerisch aktive Politologe warnt vor einer schleichenden Entwicklung der FU zur Kaderschmiede. Er erklärt die Zustände an der FU mit der politischen Mentalität der nachrückenden Erstsemester. Die früher radikaldemokratische Studentenschaft habe sich in weiten Teilen zu einer kommunistischen Gruppe entwickelt, der es nur um Machtpolitik gehe. Das Streben der Jungstudenten nach Ideologie sei mit einer Negativreaktion auf den mangelnden Unterricht in Sachen Demokratie in den Schulen zu erklären. Wie früher in der Theologie, so suche man jetzt in den Sozialwissenschaften nach einem festen Lebenshalt. Verbunden damit sei ein entsprechender Hang zu Doktrinen, zu einer dogmatischen Anleitung zum Handeln. Dies geschehe aber nicht wie früher in offener Auseinandersetzung. Vielmehr ziehe sich die neue Generation in einen roten Elfenbeinturm zurück und ernähre sich von ideologieträchtigen "Traktätchen". Selbst die marxistischen Klassiker würden, weil zu umfangreich, nicht mehr gelesen. Es gelte, der jungen Generation andere Möglichkeiten des persönlichen Einsatzes zu bieten. Aber dies könne die Universität nicht allein bewältigen. Politiker und tragende Figuren der Öffentlichkeit müßten dabei helfen. Dem Präsidenten der FU wirft Schwan vor, Strukturmängel im Universitätsgesetz ausgenutzt zu haben und so ein Erlahmen der Funktionsfähigkeit der Gremien herbeigeführt zu haben. Dok. 1070 2. Juni 1971 Deutsche Gesellschaft für Psychologie tadelt FU-Kinderladenprojekt Die "Deutsche Gesellschaft für Psychologie" bezeichnet das FU-Kinderladenprojekt als wissenschaftlich "sehr anfechtbar". Es habe sich zum großen Teil um den Versuch politischer Indoktrinierung der Kinder und radikaler Agitation durch die FU-Studenten gehandelt. Die Methoden des Projekts seien anfechtbar, weil Verhaltensbeobachtung und Verhaltensänderung nicht klar getrennt worden seien. Auch seien einige Beobachter nicht ausreichend ausgebildet gewesen. Der "Wuppertaler Anzeiger" vom 22. Juni meint zum Schülerladenprojekt: "Der Versuch der Ideologen des Klassenkampfes scheiterte so gründlich, daß sie nach etwa einem Jahr Arbeit (...) vor den Trümmern ihres zerstörten Schülerladens standen. (...) Theorie und Praxis standen für alle deutlich sichtbar in einer ungeheuren Diskrepanz zueinander (...) das mit DM 5.000 subventionierte Projekt war ein Chaos." 4. Juni 1971 Fernsehübertragung einer Herzoperation aus dem FU-Klinikum zum Ärztekongreß am Funkturm Auf dem 20. Deutschen Kongreß für Ärztliche Fortbildung am Funkturm wird per Fernsehen eine Herzoperation im FU-Klinikum Westend übertragen. Prof. Dr. Emil S. Bücherl erklärt die einzelnen Schritte der Operation. Auf diese Weise soll den Ärzten aus der Praxis vor Augen geführt werden, wie heute in der modernen Medizin herzkranken Menschen geholfen werden kann. Kunsthistoriker Prof. Dr. Simson wirft FU-Präsident Kreibich Fälschung von Dokumenten vor Der FU-Professor Otto von Simson erhebt schwere Vorwürfe gegen Präsident Kreibich, weil dieser einen Brief publik gemacht hatte, von dem er, wie von Simson meint, fälschlicherweise behauptet, er sei so verschickt worden. Das Schreiben, so von Simson, basiere auf dem gestohlenen Durchschlag eines Briefs, der von der Endversion erheblich abweiche. Kreibich hatte eine Kopie des Durchschlags auf einer Vollversammlung des Fachbereichs Philosophie und Sozialwissenschaften am 26. Mai eingebracht und behauptet, der Brief sei so abgeschickt worden. Es handelt sich um ein Schreiben an den israelischen Prof. Dr. Scholem, das sich gegen die Berufung von Dr. Holz richtet. Dort heißt es, daß die FU kurz vor der kommunistischen Machtübernahme stehe (einen Vergleich der Fälschung und des Originals bringt der "Spiegel" vom 28. Juni). Professor von Simson fordert den Präsidenten auf, Strafanzeige gegen die Diebe des Durchschlags zu erstatten. Als dieser Aufforderung nicht Folge geleistet wird, erwirkt Professor von Simson durch das Berliner Verwaltungsgericht eine Anordnung auf Unterlassung der Veröffentlichung und auf Herausgabe des Schriftstücks. Daraufhin fordert Präsident Kreibich am 29. Juni Professor von Simson auf, das Original des Briefes zu veröffentlichen. Die "FAZ" vom 7. Juni stellt das Ereignis in Zusammenhang mit den Diffamierungen des Präsidialamts gegen die "Notgemeinschaft für eine freie Universität", dessen Mitglied Professor von Simson ist und die, wie die "FAZ" meint, die "schönfärberischen Darstellungen" der FU in der Öffentlichkeit wiederholt aufgedeckt habe. Am 29. Juni erklären 22 Professoren der FU, daß sie die Lage-Beurteilung der FU, wie sie in dem Brief geschildert werde, teilen. Die Ausschreitungen in den letzten Wochen des Monats (14. und 24. Juni) hätten die Darstellung bestätigt. Am 1. Juli schaltet sich in den Streit zwischen von Simson und Kreibich der Fachbereichsrat des Fachbereichs Philosophie und Sozialwissenschaften ein. Er fordert den FU-Präsidenten auf, gegen von Simson ein Disziplinarverfahren zu eröffnen, in die nach Ansicht des Fachbereichsrats ungerechtfertigte Einflußnahme des Professors in der Berufungsangelegenheit von Dr. Holz untersucht werden soll. Rolf Kreibich reagiert darauf, indem er Prof. von Simson auffordert, gegen sich selbst ein Disziplinarverfahren einzuleiten. Am 28. August entscheidet das Gericht, daß Eigentum und Besitztum eines FU-Angehörigen geschützt werden müssen und entspricht damit dem Antrag von Simsons. Dok. 1071 5. Juni 1971 Präsident Kreibich nennt als Erfolg der FU langfristige Entwicklungspläne In einem Interview mit der "Neuen Rhein-Zeitung" nennt FU-Präsident Kreibich als einen der wichtigsten Erfolge der FU das erstmalige Erstellen langfristiger Entwicklungspläne, außerdem die intensive Arbeit an der Studienreform und die Vorbereitung der Gesamthochschule. Ein Leser der "Stuttgarter Zeitung" fragt, ob der Sinn einer Universität in der immer verwickelteren Ausweitung der akademischen Selbstverwaltung (und in ihren Erfolgen) liege oder im Streben nach Erkenntnis bei Lernenden, Lehrenden und Forschenden. Gründung des "Kommunistischen Studentenverbandes" in Berlin Die Studentenzeitung "Rote Pressekonferenz", die von FU-Studenten der "Roten Zellen Germanistik, Medizin und Jura" verfaßt wird, meldet die Gründung eines "Kommunistischen Studentenverbandes" (KSV), der sich an maoistischen Theorien orientiert. Aufgabe des Verbandes soll u. a. die Organisation des "Sozialistischen Studiums" sein. Der KSV grenzt sich scharf gegen die DKP/SEW und gegen "Linksopportunisten" ab. 6. Juni 1971 Staatssekretärin Hamm-Brücher warnt vor der Erziehung zur Revolution Auf einer Rede vor dem "Arbeitskreis Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen" warnt Staatssekretärin Hamm-Brücher vor einer Erziehung, die zum Klassenkampf und zur Revolution aufruft. Die "Revolution der Erziehung" dürfe nicht durch die "Erziehung zur Revolution" ersetzt werden. Mit denen, die konsequent alle Widersprüche der menschlichen Gesellschaft auf das Schuldkonto des kapitalistischen Systems brächten und die meinten, daß sich diese Widersprüche nur in einer heilen sozialistischen Welt reibungslos in humanitäres Wohlgefallen auflösen lassen, könne es keinen bildungspolitischen Konsens geben. Es sei ein Trennungsstrich zu ziehen zwischen den Verfechtern einer "Schule der Demokratie" und denen einer "Schule des Sozialismus". 7. Juni 1971 WRK-Präsident spricht sich gegen "vollständige" Politisierung der Hochschulen aus Auf einer Tagung der Westdeutschen Rektorenkonferenz äußert der Vorsitzende des Verbandes, Prof. Dr. Hans Rumpf, daß die "vollständige Politisierung" der Universitäten nur zu einem größeren Einschreiten des Staates in Universitätsangelegenheiten führe. Gesellschaftsrevolutionäre Gruppen hätten die Universität allzu extrem strapaziert. Die These von der Untrennbarkeit von Wissenschaft und Politik vertrage sich nicht mit der der Eigenständigkeit der Wissenschaften. Ideologien dürften Wissenschaft nicht bestimmen. Zur Frage der Autonomie der Hochschulen wird erklärt, daß Mißstände an den Universitäten zuallererst ein Akt der interkorporativen Selbstkontrolle der Hochschulen seien und Staatseingriffe nur "ultima ratio" sein dürften. FU-Präsident Kreibich begrüßt diese Erklärung. 8. Juni 1971 Forderung der FU-Assistenzärzte nur teilweise erfüllt Die bereits am 5. März gestellte Forderung einer Gruppe von Assistenzärzten des FU-Klinikums, den ärztlichen Bereitschaftsdienst anders zu gestalten, wird dem Innensenator vorgebracht: Der Bereitschaftsdienst soll durch regulären Schichtdienst ersetzt werden. Als Übergangslösung soll der Bereitschaftsdienst voll als Arbeitsleistung vergütet und ein Freizeitausgleich von 50% geschaffen werden. Schließlich sollen alle Ordinarien und Oberärzte ebenfalls Bereitschaftsdienst leisten. Die ÖTV und der Marburger Bund (Verband der angestellten und beamteten Ärzte) stehen hinter den Forderungen einer besseren Bezahlung und einer Verbesserung des Stellenplans zwecks Freizeitausgleich. Auf diese Forderungen hin beschließt der Senat die Einrichtung von 184 neuen Arztstellen. Die Gruppe "Ärztlicher Bereitschaftsdienst" hatte 500 Stellen gefordert, die Gewerkschaften 300 Stellen. Um den Forderungen Nachdruck zu verleihen soll im "Marburger Bund" in vier Wochen eine Urabstimmung über Kampfmaßnahmen stattfinden. Die Berliner Ärzteschaft ist zu Kampfmaßnahmen bereit. Gesundheitssenator Wolters erklärt spontan, er werde gegen streikende Ärzte wegen unterlassener Hilfeleistung juristisch vorgehen. Als aber der "Marburger Bund" beteuert, daß im Falle eines Streiks ärztliche Notdienste aufrechterhalten würden und Wolters Ausschluß aus dem Bund androht, versichert dieser, daß er gegen legale Kampfmaßnahmen nicht vorgehen werde. Ausgaben für die Forschung versus Ausgaben für die Bildungsreform Die CDU/CSU sowie der Hochschulverband befürchten eine weitgehende Ausrichtung der Universitäten im Zuge der angestrebten Reformen auf Lehre und Ausbildung unter Vernachlässigung der Forschung. Um dies zu widerlegen, veröffentlicht das Wissenschaftsministerium am 6. August eine Aufstellung über die Ausgaben bis Ende 1971. Danach werden für die Forschung 63,9% des Etats des Wissenschaftsministeriums ausgegeben, d.h. 2,6 Milliarden DM. Im Jahre 1970 waren es nur 1,9 Milliarden DM gewesen. - Ein Mitglied des Hochschulverbandes, Prof. Dr. Finkenstaedt aus Hannover, bezeichnet besondere Lehrstühle für Hochschuldidaktik als überflüssige Apparate. 9. Juni 1971 Sprachgeschichtskenntnisse von Anglistikstudenten möglicherweise nicht mehr gefragt Vizepräsident Wesel gibt seiner Hoffnung Ausdruck, daß in der gegenwärtig in Überarbeitung befindlichen Zwischenprüfungsordnung am Englischen Seminar die Sprachgeschichte nicht mehr obligatorisch berücksichtigt zu werden braucht (vgl. 5.Mai 1971). Ähnlich positiv wertet auch der "Weser-Kurier" vom 5. Juli die Bestrebungen in der Anglistik. Daran zeige sich, daß an der FU lautstarke Aktionen nicht nur politischen Zielen, sondern auch konkreten Reformen der Studienpläne und Prüfungsordnungen dienten. 10. Juni 1971 Weitere Hochschuldebatte im Berliner Abgeordnetenhaus: Wird Präsident Kreibich aus seinem Amt entlassen? Anläßlich des Rücktritts zahlreicher FU-Angehöriger aus Gremien der Universität diskutiert das Berliner Abgeordnetenhaus über Maßnahmen zur Verbesserung der Lage an der FU und beschließt festzustellen, ob Präsident Kreibich, wie die CDU behauptet, trotz mehrfacher Belehrungen und Mahnungen dem Universitätsgesetz zuwiderlaufende Handlungen und Maßnahmen nicht nur nicht verhindert, sondern wissentlich gefördert habe. Außerdem will die CDU einen Untersuchungsausschuß einsetzen, der die Lage an der FU objektiv überprüfen soll. Frau Dr. Besser von der CDU legt Material vor, das die Rechtsbrüche Präsident Kreibichs beweisen soll. Sie fragt, wann Kreibich zur Rechenschaft gezogen und gegebenenfalls aus dem Amt entfernt werde. Die warnenden Stimmen müßten endlich ernstgenommen werden. Das Präsidialamt habe seine Glaubwürdigkeit als Auskunftsstelle längst eingebüßt. In heftigen Debatten wird über die Notwendigkeit der Novellierung des Berliner Hochschulgesetzes gestritten. TU-Präsident Wittkowsky und PH-Rektor Heistermann machen der CDU den Vorwurf, daß sie die Reformleistungen der FU schmälern wolle. Auch Senator Stein verteidigt den Präsidenten. Er hält die Anfrage der CDU nicht für besonders wertvoll, da sie eine Prügelknabenpolitik betreibe. Es bestehe keine Veranlassung, Kreibich aus dem Amt zu entfernen, denn Verletzungen von Rechtsnormen könnten ihm nicht nachgewiesen werden. Allerdings billige er auch nicht alles, was der Präsident gegenüber radikalen Gruppen unternehme oder äußere. Wie in Bonn bei der Hochschuldebatte ist auch in Berlin das Abgeordnetenhaus bei diesem Thema nur wenig besucht. Am 24. Juni wird versucht, den von der CDU beantragten Untersuchungsausschuß einzusetzen. Dies scheitert jedoch daran, daß unklar ist, ob Frau Dr. Besser als Kuratoriumsmitglied Mitglied des Ausschusses werden kann. Erst am 8.7. kommt ein solcher Ausschuß - mit Frau Dr. Besser - zustande. Der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz begrüßt das Bestreben, einen Untersuchungsausschuß zu bilden. Er will darüberhinaus eine Expertenkommission einsetzen, die konkrete Probleme wie die Abteilungsgliederung in der Medizin, die Ausgestaltung des Haushaltswesens, Studienreformpläne oder das Verhältnis der zentralen Gremien prüfen soll. Den Vorsitzenden des Wissenschaftsrats, Prof. Dr. Lüst, bittet er um Hilfe für die Bildung einer solchen Kommission. Die Ergebnisse sollen gegebenenfalls in eine spätere Novellierung des Universitätsgesetzes einfließen. 11. Juni 1971 Adressenvergabe von Studienanfängern an "Rote Zelle" Der Senat mißbilligt die Vergabe von Adressen von Studienanfängern durch das Immatrikulationsbüro der FU an die "Rote Zelle Anglistik", sieht jedoch keine Möglichkeit, einem solchen Verfahren wirksam entgegenzutreten. Dies steht in der vom Regierenden Bürgermeister und Senator Stein unterzeichneten Antwort auf eine Kleine Anfrage der CDU-Abgeordneten Frau Dr. Besser. Die "Rote Zelle Anglistik" hatte aufgrund dieser Adressenlisten an die Studenten ein Schreiben verschickt, in dem sie die Professoren als "autoritär und reaktionär, alt, krank und wissenschaftlich schon lange tot" und das Gros der Assistenten als "naiv-dumm" bezeichneten. Staatsaufsichtsmaßnahme im Zusammenhang mit dem Institut für Soziale Medizin Senator Stein weist Präsident Kreibich an, drei vom Gründungsausschuß des Instituts für Soziale Medizin vorgeschlagene Assistenten nicht einzustellen und bei zwei anderen das Beamtenverhältnis auf Widerruf rückgängig zu machen. Nach Ansicht des Senators ist nicht der Gründungsausschuß für Personalfragen zuständig, sondern es sind die beteiligten Fachbereiche. Gegen diese Entscheidung will Präsident Kreibich vor dem Verwaltungsgericht klagen. Schlägerei unter Linksextremisten an der FU Auf einer studentischen Versammlung im FB Medizin der FU kommt es wegen einer Verfahrensdebatte zu Schlägereien zwischen Vertretern der "Roten Zelle Medizin", die dem neugegründeten KSV angehören, und Mitgliedern der beiden Organisationen "Aktionsgemeinschaft demokratischer und sozialistischer Mediziner" sowie dem "Kollektiv sozialistischer Mediziner". 12. Juni 1971 Lateinamerika-Institut beschlußunfähig Durch den Rücktritt des letzten Hochschullehrers aus dem Institutsrat des Lateinamerika-Instituts wird der Rat beschlußunfähig. Prof. Dr. Enrique Otte begründet seinen Schritt mit der Politisierung am Institut. Als "Nachrücker" stehen z.Z. keine Hochschullehrer zur Verfügung. 13. Juni 1971 Zweifel an der Verwirklichung von Demokratie an der FU Im Zusammenhang mit den Rücktritten zahlreicher Mitglieder des Akademischen Senats äußert der Vorsitzende des Fachbereichs Erziehungswissenschaften, Prof. Dr. Furck, Zweifel daran, daß die Universitätsreform zu einer Transparenz der Entscheidungen geführt hat. Den gesetzlichen Gremien werde oft durch vorbereitende Kommissionen die Kompetenz entzogen. Diese Kommissionen würden vom Präsidialamt eingesetzt und die Entscheidungen so vorbereiten, daß die Gremien zu reinen Akklamationsorganen umfunktioniert würden. Personalrat verlangt Aufstellung über Ausschreitung Radikaler an der FU Der Personalrat der FU wirft Präsident Kreibich ein Entgegenkommen gegenüber radikalen Kräften vor. Eine vom Personalrat verlangte Aufstellung über Vorkommnisse, bei denen Gewalt angewendet wurde, hat das Präsidialamt nicht geliefert. 14. Juni 1971 Friedrich-Meinecke-Institut besetzt Zum ersten Mal seit Monaten kommt es wieder zu einer studentischen Besetzung eines FU-Gebäudes. Bei Auseinandersetzungen zwischen Teilnehmern eines Seminars und dem Seminarleiter werden im Friedrich-Meinecke-Institut Türen aufgebrochen, Akten und Stempel entwendet, rote Fahnen gehißt, rote Sterne an die Fenster gemalt und die Aufgänge mit Schriften wie "Macht das Institut rot" versehen. Während Präsident Kreibich am Abend Schlichtungsversuche unternimmt, werden er und mehrere Hochschullehrer von ca. 200 Besetzern zur Unterzeichnung eines Kompromißprotokolls gezwungen (so "Der Abend" vom 15. Juni), wonach Scheine ohne Klausur ausgehändigt und zum Wintersemester vier den "Roten Zellen" genehme Tutoren eingestellt werden sollen. Eine Gruppe Passanten, die sich vor dem Institut versammelt hat, wird mit Farb- und Wurfgeschossen aus den Fenstern beworfen. Präsident Kreibich verzichtet "wegen der emotionalisierten Situation" auf den unmittelbaren Einsatz von Polizei. Anderntags wird er von allen Fraktionen im Abgeordnetenhaus scharf gerügt. Er betreibe eine falsche Koalitionspolitik und solle endlich Ordnungsmaßnahmen ergreifen. Auch Vizepräsident Wesel wird vorgeworfen, daß er die Besetzer nicht nachhaltig genug zum Verlassen der Räume aufgefordert und ein Aufbrechen der Diensträume nicht verhindert habe (weswegen der FB 13 gegen ihn eine Dienstaufsichtsbeschwerde vorbringen will). Vizepräsident Lax erklärt, daß neu an dem Vorfall das Vorgehen von Linksradikalen auch gegen jene gewesen sei, die vermittelnd eingreifen wollten. Auf einer Sondersitzung des Akademischen Senats am 21. Juni wird ein vierköpfiger Untersuchungsausschuß zur Klärung der Vorfälle am Institut eingesetzt, der insgesamt neunmal tagt. Auf der ersten Sitzung wird Prof. Dr. Neubauer angehört, der während der Vorfälle bei der Senatsverwaltung um Polizeischutz gebeten hatte. Die Anhörung linker Studenten am 28. Juni verläuft ergebnislos, weil diese ihre Aussage verweigern (woraufhin der Ausschuß erklärt, er sei nicht in der lage, die Vorfälle befriedigend aufzudecken). Am 28. Juni wendet der Präsident dann erstmals das Ordnungsrecht an, indem er gegen einen namentlich bekannten Studenten ein Ordnungsverfahren und weitere Verfahren einleitet. Über die am 2. Juli abgeschlossenen Anhörungen des Untersuchungsausschusses diskutiert der Akademische Senat am 10. Juli. (Vgl. 10. Juli 1971) 16. Juni 1971 Bauvorhaben für 143 Millionen DM im Hochschulbereich nachgemeldet Der Senat billigt die als Nachmeldung aufgeführten Bauvorhaben im Hochschulbereich in Höhe von 143 Millionen DM. 50 Prozent der Kosten muß der Bund übernehmen. Die "Berliner Stimme" berichtet am 19. Juli von der Planung des Studentenwohnheims Sigmundshof, von der Erweiterung des Studentendorfs Schlachtensee und von den neuen Wohnheimen Unter den Eichen und Halbauer Weg. Der "Tagesspiegel" vom 8.Juli veröffentlicht eine Statistik, die zeigt, daß nur etwa 12% der Studierenden in Berlin einen Wohnheimplatz bekommen (im Bundesgebiet 18%), d.h. es stehen bisher etwa 4.500 Wohnplätze zur Verfügung (40% der Studenten wohnen bei ihren Eltern oder bei Verwandten). Ziel der Westdeutschen Rektorenkonferenz ist es, 30% der Studenten in Wohnheimen unterzubringen. Erst dann werde ein "sozialer Numerus clausus" vermieden. Das Studentenwerk weist darauf hin, daß erschwerend die Aversion vieler Hausbesitzer hinzukomme, an Studenten zu vermieten. Grund seien die kurzen Mietzeiten, ein stärker als übliches "Verwohnen" der Räumlichkeiten und häufige unregelmäßige Mietzahlungen. Auf Wohnheimplätze müßten Berliner Studenten etwa zwei Jahre lang warten. (Vgl. 14. Aug.1971) Besuch von Vertretern des Präsidialamts an der Leningrader Universität Eine Delegation der FU (ihr Präsident, ihr Kanzler und der Leiter des Präsidialamts) besucht die Universität Leningrad, mit der die FU seit 1968 ein Partnerschaftsabkommen unterhält. Während des Aufenthalts wird vom Rektor der Leningrader Universität Interesse an einem Besuch des Wissenschaftssenators Stein in Leningrad bekundet. Auch wird über eine anzustrebende bessere Ausnutzung des Vertrags gesprochen. 19. Juni 1971 An den FU-Kliniken: Diskussion über eine Novellierung des Universitätsgesetzes In einem Brief an den Regierenden Bürgermeister fordern 117 Beamte und Angestellte des Klinikums Westend eine Novellierung des Universitätsgesetzes noch vor der Realisierung des Hochschul-rahmengesetzes. Am Klinikum Steglitz dagegen wird eine Resolution verabschiedet, daß das Gesetz nicht vor dem Hochschulrahmengesetz novelliert werden solle. Dok. 1072 21. Juni 1971 Verschiedene Konzepte der Parteien zur Schlichtung der Krise an der FU Um Lösungen für die Konflikte an der FU zu finden, haben die drei großen Parteien verschiedene Konzepte entwickelt. Die SPD will mehrere "Enquête-Kommissionen" einrichten, deren Fragen so eng gestellt sind, daß in kürzester Zeit eine Antwort möglich ist. Die CDU verlangt einen parlamentarischen Untersuchungsausschuß, der an Einzelbeispielen Strukturmängel des Uni-Gesetzes aufdecken soll (die Einzelbeispiele sind aufgeführt im "Landespressedienst" vom 16. September., der Ausschuß wird am 24. Juni. eingesetzt, vgl. 10. Juni 1971). Die FDP möchte, daß sich der bestehende Parlamentsausschuß mit allen an Konflikten Beteiligten auseinandersetzt. Einen Grund für die vielen Vorschläge für größere Öffentlichkeit nennt die "Berliner Rundschau" vom 17. Juni: Präsident Kreibich könne nach den letzten Vorfällen nicht mehr wie vorher der Öffentlichkeit eine heile Hochschule "vorgaukeln". Die "Story von den reaktionären Professoren", die um ihre Privilegien fürchteten, sei nicht mehr glaubwürdig. 22. Juni 1971 Nötigung Professor Löfflers am Berlin-Kolleg Am Berlin-Kolleg wird Senator Löffler bei einer Diskussion über die Schulordnung dazu aufgefordert, eine Erklärung zu unterzeichnen. Als er sich weigert, dieses zu tun, wird er - wie am 14. Juni Präsident Kreibich im Friedrich-Meinecke-Institut - von linksgerichteten Studenten eingesperrt. Erst nach Einsatz der Polizei wird der Weg freigegeben. 23. Juni 1971 161. Kuratoriumssitzung Das Kuratorium beschließt den Nachtragshaushalt für 1971 und den Haushaltsplan der FU für 1972 mit einem Gesamtvolumen von 482.290.740 DM (der Haushalt für 1971 hatte nur 384 Millionen DM ausgemacht; die Kosten werden zu 63% durch Personalkosten beansprucht). Außerdem wird beschlossen, das Institut für Vererbungs- und Züchtungsforschung von der TU in die FU umzulagern. Schließlich werden zur Finanzierung des für ein zahnmedizinisches Studium notwendigen Instrumentariums 250.000 DM freigegeben. 24. Juni 1971 Angriff auf Professor Schwan und Präsidialamtsvertreter am Otto-Suhr-Institut Am Otto-Suhr-Institut gehen etwa 60 radikale Studenten gewalttätig gegen Prof. Dr. Alexander Schwan vor. Laut "Morgenpost" wollen sie mit ihm abrechnen, weil er wiederholt Kritik an den zunehmenden Linkstendenzen am OSI geübt hatte (Professor Schwan hatte sich am 27. Mai in einem Interview mit der "Berliner Stimme" u.a. für eine Novellierung des Berliner Hochschulgesetzes eingesetzt; er hatte den Schritt der aus dem Akademischen Senat ausgetretenen Professoren gutgeheißen und in der Presse behauptet, die Anfangssemester würden nach Berlin strömen, weil sie "gierig" nach marxistischen Schulungskursen seien). Die Störer dringen in ein Seminar des Professors (über "Theorie und Praxis der Demokratisierung als Aufgabe einer emanzipatorischen Politik-Wissenschaft") ein, beschimpfen ihn als Anführer einer antikommunistischen Hetzbande, bewerfen ihn und Übungsteilnehmer mit Eiern und diskutieren laut, ob sie den Professor zum Fenster hinauswerfen sollen. In einem sich anschließenden Handgemenge wird der persönliche Referent des Präsidenten eine Treppe hinuntergestoßen, Kanzler Hildebrandt wird getreten, und Prof. Dr. Bütow wird die Brille von der Nase geschlagen. Später wird das Vorgehen der Radikalen, die durch ein Flugblatt der Grundsemesterorganisation der "Roten Zellen" zu der Aktion aufgerufen worden waren, durch andere prokommunistische Sprecher scharf kritisiert: Man habe taktisch falsch gehandelt und durch das Aufsehen, das die Gewalttaten in der Öffentlichkeit erregt habe, den linken "Freiraum OSI" der FU in Gefahr gebracht. Das Präsidialamt stellt wegen Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung, Körperverletzung und Beleidigung Strafantrag gegen Unbekannt, obwohl, wie die "FAZ" meint, die Täter zum größten Teil bekannt gewesen sein dürften. So hat beispielsweise der Student Götz Aly die Randalierer aufgefordert, gewaltsam in Schwans Büro einzudringen (vgl. 17. Aug. 1971). Einen Tag später stellen 18 Mitglieder des Lehrkörpers aus Protest gegen die Übergriffe gegen Professor Schwan bis Semesterende den Lehrbetrieb ein (zehn weitere tun dies für eine Woche und die Anderen Dienstkräfte erwägen aus Protest ein Fernbleiben vom Dienst). Der Präsident billigt diesen Entschluß. Es ist sogar die Rede von einer Spaltung des Otto-Suhr-Instituts. Diese kann aber abgewendet werden, nachdem die "Reformsozialisten", die die Mehrheit am OSI haben, am 6. Juli eine Fachbereichsordnung durchgesetzt haben, in der die marxistisch besetzten Fachkommissionen durch liberalere Abteilungskommissionen ersetzt werden. Die Fachkommissionen waren bisher ein wesentlicher Bestandteil des Reformmodells am OSI (vgl. 12. Mai 1971), in dem erstmals an einer deutschen Universität ein Institutsrat mit Drittelparität eingeführt wurde. Scharf verurteilt werden die Ausschreitungen auch von der "Aktionsgruppe Hochschullehrer", die alle Gruppen mit sozialistischem Selbstverständnis auffordert, sich von den kriminell gewordenen Praktiken zu trennen, welche die Reformer an der Universität moralisch kompromittierten und die bisher erreichte Demokratisierung "bewußt gefährden". Eine Verurteilung der Aktionen spricht auch der Fachbereichsrat aus: Für Gewalttäter, die unter dem Deckmantel politischer Scheinlegitimationen kriminelle Handlungen begingen, gebe es in einer demokratischen Universität keinen Platz. Das "Spandauer Volksblatt" meint zu den Terroraktionen: "Hier will man nicht die Reform, sondern die Ausschaltung des Andersdenkenden, um ungestört herrschen zu können. In diesem Fall muß sich die Demokratie wehren." Positiv, so die "FAZ", sei, daß ein paar Beteiligten (u.a. Prof. Dr. Flechtheim) die Augen durch die Vorfälle geöffnet worden seien. Präsident Kreibich erklärt am 29. Juni dem "Abend": Wenn es stimme, daß an den Ausschreitungen hauptsächlich Jungsemester beteiligt gewesen seien, dann liege das Problem weder in der Universität noch in der Reform, sondern mehr in den Schulen und Familien. Dok. 1073 und 1074 Vorlesungsstreik im Fachbereich Vorklinik Im Fachbereich Vorklinik der FU wird durch linke Studenten verschiedener Gruppen der Unterricht lahmgelegt. Der zweitägige Streik wird als "Abwehrkampf" gegen den Eingriff von Wissenschaftssenator Stein am neugegründeten Zentralinstitut für Soziale Medizin deklariert (Stein hatte die Einstellung von mehreren wissenschaftlichen Mitarbeitern an diesem Institut widerrufen). CDU befürchtet Vernachlässigung der Forschung Die CDU wirft im Bundestag der Regierung vor, sie vernachlässige die Entwicklung neuer Technologien zugunsten der Bildungsreform. Die über den Doktorgrad hinausgehende Forschung werde im Vergleich zum Ausbildungssektor zu wenig gefördert (diese Meinung äußert auch der Präsident der DFG, Prof. Julius Speer, mit Hinweis vor allem auf den Hochschulrahmengesetzentwurf, der allzu vorrangig auf die mit der Lehre zusammenhängenden gesellschaftspolitischen Reformvorstellungen abgestellt sei). Es gebe einen Rückstand der deutschen Industrie im Bereich der Anwendung von Forschungsergebnissen beispielsweise gegenüber den USA. Vor allem dem Aspekt der Innovationsförderung müsse stärkere Beachtung zukommen. Der "tägliche Clinch" an der FU ist eine große Belastung Die "Reformsozialisten" Prof. Dr. Naeve und Prof. Dr. Eder erklären in einem Interview mit dem "Abend", daß der "tägliche Clinch" in den Entscheidungsprozessen eine besondere Belastung an der FU bedeute. Die meiste Zeit werde durch unumgängliche "Mauscheleien" vor den Sitzungen aufgefressen. Diese Schwierigkeiten müßten erst gelöst werden, bevor man das Universitätsgesetz beurteilen könne. Rücktritt Kreibichs verlangt. Die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" macht als erste von mehreren Gruppen, die eine Novellierung des Universitätsgesetzes anstreben, Vorschläge zu dessen Realisierung. U.a. schlägt sie vor, daß im Konzil die absolute Mehrheit bei der Wahl des Universitätspräsidenten und der Vizepräsidenten erforderlich, und daß die Qualifikation der Kandidaten nur durch längere Tätigkeit in verantwortlicher Stellung in Hochschule, öffentlichem Dienst oder Wirtschaft gegeben sein soll. Wenn der Präsident trotz Abmahnung seine Pflicht verletzt, soll er auf Antrag von mindestens 100 Hochschullehrern, Assistenten oder anderen Dienstkräften oder 300 Studenten entlassen werden können. Wenn der Präsident seine Aufgaben, z.B. den Schutz von Lehrveranstaltungen, nicht ausübt, soll der Wissenschaftssenator im Rahmen einer Rechtsaufsicht die Befugnis erhalten, diesen Schutz zu garantieren. Bei den Wahlen für die Gremien soll ein Quorum eingeführt werden, so daß bei schwacher Wahlbeteiligung einer Gruppe diese auch weniger Mandate erhält. Berufungs- und Habilitationsangelegenheiten sollen nur noch von Hochschullehrern allein entschieden werden. Außerdem soll der Universitätsprä-sident die politischen Gruppen auffordern, auf Flugblättern Name und Anschrift der Verantwortlichen anzugeben. Die "Notgemeinschaft" betont ausdrücklich, daß sie Reformen weiterhin für notwendig hält und keineswegs zu den Strukturen der alten Universität zurückkehren will. Wegen der jüngsten Ausschreitungen am Friedrich-Meinecke-Institut und am OSI fordert die "Notgemeinschaft" am 28. Juni den für sieben Jahre gewählten Universitätspräsidenten Kreibich zum Rücktritt auf. Der Zustand der Rechtlosigkeit und der Verrohung habe in diesen Tagen einen Höhepunkt erreicht. Daraus müsse der Präsident Konsequenzen ziehen. Die Mitglieder der "Notgemeinschaft" würden im Falle der Fortsetzung der Gewalttaten den Lehrbetrieb an der FU einstellen. Senator Stein weist die Forderung nach dem Rücktritt Kreibichs entschieden zurück. Die derzeitigen Schwierigkeiten seien zum Teil ein Erbe der Vergangenheit und dürften nicht allein dem Universitätspräsidenten zur Last gelegt werden. Ein Rücktritt Kreibichs würde der Universität nicht helfen. 26. Juni 1971 "Universität am Scheideweg" Die "Berliner Stimme" veröffentlicht einen Beitrag, der anläßlich der jüngsten Auseinandersetzungen an der FU die Positionen bedeutender Hochschulpolitiker, Prof. Dr. Schwans, Rolf Kreibichs und Senator Steins resümiert. Titel: "Universität am Scheideweg". Aus den Erklärungen geht hervor, daß sowohl die linke als auch die rechte Seite anläßlich der Zwischenfälle ein Scheitern der Reformuniversität befürchtet. Der Versuch des Präsidenten, ein Gleichgewicht zu halten, wird als Balanceakt auf des Messers Schneide dargestellt. Da sich inzwischen die "Kräfte der Mitte" Terrorakte nicht länger gefallen ließen, sei das Universitätsgesetz in Gefahr, geändert zu werden, noch bevor es durch Installierung der Wissenschaftlichen Einheiten überhaupt die vorgesehene Ausformung gefunden habe. Dok. 1075 27. Juni 1971 Professor Löwenthal: "Die Gefährdung der Hochschule wird jetzt erkannt" Prof. Dr. Richard Löwenthal äußert vor dem "Bund Freiheit der Wissenschaften", daß bei den politisch Verantwortlichen jetzt die Hochschulsituation real eingeschätzt und die linksextreme Unterwanderung erkannt werde. Dies zeige sich an mehreren Indizien: Die Bundesregierung weigere sich weiterhin, den VDS zu subventionieren; der Rechtsausschuß des Bundestages fordere einen Bericht über die Tätigkeit linker Studentengruppen; die SPD distanziere sich vom SHB; die Bremer Koalition sei aufgrund der Berufungspraxis des Gründungssenats zerbrochen; Presseorgane, die früher jede Kritik an den Hochschulgesetzen abgetan hätten, würden heute von zielgerichteten Angriffen der Kommunisten auf die Grundlagen der freien Forschung und Lehre reden. Der Angriff vollziehe sich durch die stille Ausnutzung interuniversitärer Machtpositionen, in die Gesinnungsgenossen geschleust würden, durch die Umfunktionierung von Lehrplänen und, wenn nötig, durch offenen Terror. 28. Juni 1971 Nachwahlen für einige der aus Gremien ausgeschiedenen Hochschullehrer und Wahl der studentischen Fachbereichsvertreter Im Zusammenhang mit den Austritten von zehn Mandatsträgern aus dem Akademischen Senat finden für drei Vertreter Nachwahlen statt. Als Kandidaten stehen nur Mitglieder der "Aktionsgruppe Hochschullehrer" und der "Reformsozialisten" zur Verfügung. Die konservativen Gruppen haben aus Solidarität mit ihren zurückgetretenen Kollegen keine Kandidaten aufgestellt. Sieben Sitze waren sofort von den automatisch feststehenden "Nachrückern" aufgefüllt worden. Die Nachwahlen für fünf der im Fachbereich 17 aus dem Fachbereichsrat ausgeschiedenen Professoren hatten am 16. Juni stattgefunden. Die Studenten, die anders als die Assistenten und Professoren nicht nur alle zwei Jahre, sondern jährlich ihre Vertreter für die Fachbereichsräte wählen müssen, geben in diesen Tagen ebenfalls ihre Stimmen ab. Von den 82 Mandaten fallen dabei (bei einer hohen Wahlbeteiligung von 43,8%) 36 Sitze an linke Kandidaten (im Vorjahr nur 21), die restlichen an die "Reformsozialisten" und an liberale studentische Vertreter. In einigen Fachbereichen (Philosophie und Germanistik) entfallen alle Sitze an Linke, am OSI zwei der drei Mandate. Wie es in der "Stuttgarter Zeitung" vom 2. Juli heißt, hätten die Vertreter des "aktionistischen Kurses" deutlich an Boden verloren. Die im Vorjahr noch nicht existenten "Reformsozialisten" hätten allein 16 Stimmen bekommen. Erster Rechenschaftsbericht vom Präsidenten der FU vorgelegt Der von acht Mitgliedern des Präsidialamts erarbeitete erste Rechenschaftsbericht des Präsidenten über die FU in der Zeit vom November 1968 bis März 1971 wird jetzt auf 500 Seiten der Öffentlichkeit präsentiert. Darin wird die gegenwärtige Struktur der FU beleuchtet (z.B. über die Arbeit der einzelnen Gremien), es werden quantitative Zahlen über die Entwicklung genannt (z.B. über die starke Zuwachsrate im Personalbestand der FU: von ca. 7.000 Stellen im Jahre 1969 auf ca. 10.500 Stellen im Jahre 1971), und es werden Werturteile des Präsidenten abgedruckt (z.B. Kritik an konservativen Hochschulpolitikern oder Hoffnungen über erwartete Leistungssteigerungen in den nächsten Jahren). Präsident Kreibich kommentiert den Bericht mit der Feststellung, daß, wie zu sehen sei, die FU niemals wieder zu einer Universität des 19. Jahrhunderts zurückverwandelt werden könne. Die Schwierigkeiten in den letzten Jahren erklärt Präsident Kreibich damit, daß Erfahrungen anderer Hochschulen mit ähnlichen Reformmodellen nicht vorgelegen hätten und sich die FU bei seinem Amtsantritt in vieler Hinsicht (z.B. bezüglich der Bausituation) in einem desolaten Zustand befunden hätte. Senator Stein erklärt, daß der Bericht zeige, welche Arbeitsbelastung der Präsident, seine Mitarbeiter und jedes andere aktive Mitglied der Universität zu tragen gehabt, und welche Leistungen sie erbracht hätten. 30. Juni 1971 Politologie-Professor Winkler stellt Tätigkeit als Prüfer ein Der FU-Politologe Prof. Dr. Winkler teilt dem Wissenschaftssenator mit, daß er bis auf weiteres nicht mehr als Prüfer an der obligatorischen Vordiplomprüfung teilnehmen werde, da Studenten der Politologie aufgrund neuerer Prüfungsregelungen Kenntnisse über die Innenpolitik der Bundesrepublik praktisch nicht mehr nachzuweisen bräuchten. Eine Prüfungsordnung, die es erlaube, Examina ausschließlich mit dem Inhalt marxistisch-leninistischer Lehrveranstaltungen zu füllen, würde Politologen nicht auf eine demokratische Berufspraxis vorbereiten. 1. Juli 1971 Liberale Professorengruppe macht Vorschläge zur Änderung des Universitätsgesetzes Als zweite Gruppe nach der "Notgemeinschaft" macht die von neun liberalen Hochschullehrern getragene "Arbeitsgruppe kritische Reformpolitik" (Mitglieder sind u.a. die Professoren Schwan, Furck, Ahlberg und Baring) Vorschläge für eine Novellierung des Universitätsgesetzes. Diese zielen auf eine stärkere Berücksichtigung der Pluralität wissenschaftstheoretischer Ansätze, auf die Forderung der Wahrnehmung der Interessen von Hochschulangehörigen und auf die Verstärkung der öffentlichen Kontrolle über die Hochschulen (letzteres, weil "eine politische Oligarchie die Macht ergriffen hat"). Das Kuratorium soll entscheidendes Leitungsorgan werden. Die Wahl des Präsidenten soll künftig nicht vom Konzil (das abgeschafft werden soll), sondern vom Akademischen Senat vorgenommen werden. Der Senator soll Studienpläne und Prüfungsordnungen erlassen. Als Voraussetzung für die Bewerbung um das Amt des Präsidenten werden klare Qualifikationen verlangt. Die Möglichkeit der Einseitigkeit der Pressepolitik des Präsidialamts müsse verhindert werden. Das Vorschlagsrecht des Präsidenten für die Kandidaten der Ständigen Kommissionen soll beseitigt werden, so daß keine Abhängigkeiten entstehen. 103 neue Planstellen für das zweite Klinikum der FU (Westend) Im Hauptausschuß des Abgeordnetenhauses wird beschlossen, daß das seit Jahresbeginn der FU angehörende Krankenhaus Westend zwecks Gleichstand mit dem Klinikum Steglitz 103 neue Planstellen erhält. FU-Präsident Kreibich erinnert daran, daß bei der Übernahme des Krankenhauses in die FU eine solche Personalpolitik zugesagt worden war. Professor Alexander Schwan erneut bedroht In zwei anonymen Telefonanrufen wird Professor Alexander Schwan mit neuen Angriffen gedroht. Die Anrufer nehmen Bezug auf die Vorfälle in seinem Seminar am 24. Juni und stellen weitere Aktionen in Aussicht. Vier sozialistische Studentenorganisationen distanzieren sich von den Anrufen, die sie individuellen Provokateuren zuschreiben. FU-Präsident Kreibich bittet tags darauf die Polizei um Schutz für Prof. Dr. Schwan (den dieser jedoch ablehnt). Außerdem verurteilt der Präsident den Versuch, politische Gegner psychischen Pressionen auszusetzen. In der "Welt am Sonntag" vom 11. Juli heißt es zu derartigen Drohungen in Berlin, aber auch zu den Angriffen von Professoren in anderen deutschen Städten (z.B. in München: Angriff auf Rektor Lobkowicz), daß die Nonchalance, mit der Bonn darauf reagiere, ja das Schweigen der Regierung Brandt unverständlich sei. Auch aus dem Wissenschaftsministerium würde man nichts als verbale Beschwichtigung hören aus Furcht vor dem Gespött der "sogenannten linksprogressistischen Minderheit". 2. Juli 1971 Ordnungsausschuß der FU untersucht Vorfälle am Englischen Seminar Auf der ersten - und auch auf weiteren - Sitzungen des Ordnungsausschusses der FU können, weil die geladenen Mitglieder der "Roten Zelle Anglistik" die Aussage verweigern oder gar nicht erst erscheinen, die Vorfälle am Englischen Seminar seit dem Sommersemester 1970 nicht geklärt werden. Der Ausschuß weist allerdings die Meinung der geladenen Dozenten zurück, es habe sich bei den Aktionen der "Roten Zellen" um politischen Terror gehandelt. 4. Juli 1971 Senator Steins Vorstellungen zur Hochschulautononmie In einem Beitrag des "Tagesspiegels" mit dem Titel "Staat, Hochschule, Pluralismus" erläutert Wissenschaftssenator Stein seine Vorstellungen über die Grenzen der Hochschulautonomie und über das politische Mandat von Wissenschaftlern. Stein erklärt, daß die Hochschule ihren Auftrag verfehlen würde, wenn sie sich zum Sprecher bestimmter politischer Gruppierungen machen würde. Daß der Wissenschaftler als Bürger auch politisch tätig sein könne und solle, rechtfertige nicht, daß er die Hochschulen zur Bestätigung seiner politischen Ansichten mißbrauche. Ein Wissenschaftler als solcher dürfe weder "marxistisch" noch "nicht-marxistisch" sein, sondern er müsse die verschiedenen Denkansätze und Tatsachenbehauptungen an wissenschaftlichen Kriterien prüfen Dok. 1076 CDU-Vorsitzender Lummer: Die Mehrheit der Berliner Studenten lehnt die Reform ab Anläßlich der Wahlen zu den Fachbereichsräten an der FU behauptet der Vorsitzende der CDU-Fraktion des Berliner Abgeordnetenhauses, Heinrich Lummer, daß die Mehrheit der Studenten den vom Universitätsgesetz eingeleiteten Reformen ablehnend gegenüberstehe. Diese Ablehnung sei vor allem bei linken reformfeindlichen Gruppen zu beobachten. Zunehmende Pressionen, nachlassende Leistungsfähigkeit und wachsende Ideologisierung charakterisierten das Bild der FU. 5. Juli 1971 Die Schweiz verweigert dem Berliner Gastdozenten Mandel die Einreise Dem am FB 15 der Freien Universität als Gastdozent lehrenden marxistischen Wirtschaftstheoretiker Ernest Mandel wird die Einreise zu einem Vortrag in die Schweiz verweigert. Als Begründung werden die politischen Aktivitäten Mandels angegeben. Ordnungsverfahren gegen studentische Teilnehmer an Gewaltaktionen eingeleitet Der Fachbereichsrat des OSI der FU beschließt die Einleitung eines Ordnungsverfahrens gegen die Teilnehmer an der Gewaltaktion am 24. Juni gegen Prof. Dr. Schwan. Der Antrag wird "gegen Unbekannt" gestellt, da es, wie der Fachbereichssprecher mitteilt, unangemessen sei, nur die wenigen überhaupt namentlich bekannt gewordenen Aktionisten zu bestrafen. Um Doppelbestrafungen im Falle einer gerichtlichen Verurteilung auszuschließen, soll der Ordnungsausschuß erst die strafrechtlichen Entscheidungen abwarten. (Vgl. 17. Aug. 1971) Präsident Kreibichs Antrag auf ein Ordnungsverfahren wegen der Besetzung des Friedrich-Meinecke-Instituts wird vom "Mannheimer Morgen" und von der "Hannoverschen Allgemeine" als erster Schritt eines energischen Vorgehens gegen "Ultralinke" gewertet. Kreibich wolle nun eine scharfe Trennung zwischen den Reformkräften und den linken Gewalttätern durchführen. Viele Professoren verlieren die Kraft zum Widerstand gegen Agressivitäten Der "Spiegel" weist anläßlich der Angriffe auf Professor Schwan auf die wachsende Ratlosigkeit vor allem der progressiven Hochschullehrer gegenüber dem Aktionismus der Jugendlichen hin. Viele Professoren hätten nicht mehr die Kraft zum Mitmachen, auch nicht zum Widerstand, und würden die Angriffe als tiefes existentielles Erlebnis empfinden. Folgen seien politische Neuorientierung, Resignation, Krankheit "und vielleicht sogar Tod wie vermutlich im Fall Adornos". Ähnliche Äußerungen veröffentlicht die "Morgenpost" vom 8. Juli, in der Professor Büchl von der FU über die Angst vieler Professoren (und auch Studenten) vor Aggressionen spricht. Die "Roten Zellen" hätten neuerdings Privatadressen und Telefonnummern von Mitgliedern der "Notgemeinschaft" veröffentlicht und würden per Telefon einen Nervenkrieg mit Drohungen entfesseln. In einem weiteren "Spiegel"-Bericht vom 12. Juli geht es um die Enttäuschung vieler Professoren über die geringe Diskussionsbereitschaft der neuen Studentengeneration. In Seminaren habe Agitation den Disput ersetzt, und es gebe für Skeptiker kaum noch Raum an der Universität. Die Hochschulen seien in die Hände von politisch Unreifen gelangt, die nur darauf bedacht seien, Leute aus ihrer Gruppe mit Universitätsstellen zu versorgen. Viele Hochschullehrer bemängelten auch den Verwaltungswirrwarr und die Mammutsitzungen, durch die kostbare Zeit für die Forschung verloren gehe. Wieviele Aktivisten gibt es unter den FU-Studenten? Die "Kölnische Rundschau" publiziert eine Erklärung Präsident Kreibichs über die Zahl der politischen Aktivisten unter den FU-Studenten. Von den insgesamt 17 000 Immatrikulierten würden nur 100 bis 150 zu den Linksradikalen zählen, die gegebenenfalls auch Gewalt anzuwenden bereit seien. Von Fall zu Fall würden diese von ca. 150 bis 200 Mitläufern bei Institutsbesetzungen oder ähnlichen Aktionen unterstützt. Rund 500 bis 600 Studenten seien zur Mitarbeit in den Gremien oder bei Hochschulfragen bereit. Der gesamte Rest gehöre der schweigenden Mehrheit an, die zum Teil nicht einmal wähle. Besonders ziehe es Erstsemester nach Berlin, die sich von Schule und Elternhaus frustriert fühlten und nach antiautoritärer Freiheit strebten. Diese bildeten das willige Fußvolk für die Aktionen der "Roten Zellen" (vgl. 4. Aug. 1971). 6. Juli 1971 Acht Mathematik-Professoren der FU stellen ihre Vorlesungen ein Als Antwort auf die wiederholten Störungen des mathematischen Seminars von Prof. Dr. Schäfke durch Studenten verkünden acht Mathematikprofessoren der FU, daß sie bis zum Ende des Sommersemesters ihre Lehrveranstaltungen einstellen. Das Präsidialamt will eine Untersuchung einleiten, um festzustellen, ob disziplinar- oder ordnungsrechtliche Tatbestände vorliegen. Urteil gegen "Bummelstudenten" Das Berliner Verwaltungsgericht entscheidet, daß die Klage eines 43jährigen griechischen Studenten, der seit 13 Jahren, d.h. seit 1957, an der PH und TU eingeschrieben war und kürzlich nicht mehr zu den Vorlesungen zugelassen werden sollte, abgelehnt wird. "Uralte" Bummelstudenten hätten an den Hochschulen nichts zu suchen. Jeder Student sei verpflichtet, sein Studium so einzurichten, daß er die vorgeschriebenen Prüfungen in angemessener Zeit ablegen könne. Die akademische Freiheit enthalte nicht die Freiheit, sich am Studium nicht zu beteiligen. 7. Juli 1971 360 Professoren verlangen eine Novellierung des Berliner Universitätsgesetzes Eine Gruppe von 360 Hochschullehrern, die vorwiegend aus Unabhängigen besteht, verlangt in einer Unterschriftenaktion die sofortige Änderung des Universitätsgesetzes. Der Initiator der Unterschriftensammlung, der FU-Pharmakologe Prof. Dr. Helmut Kewitz, unterbreitet Vorschläge zur Novellierung. Diese gehen über die bisherigen Novellierungsvorschläge insofern hinaus, als das Abgeordnetenhaus einen Universitätsbeauftragten stellen soll, an den sich bedrängte Universitätsangehörige wenden können. Außerdem sollen beim Wissenschaftssenator Ausschüsse gebildet werden, die zusammen mit Bürgern und Personen aus der Berufspraxis Studien- und Prüfungsordungen beschließen. Die Zahl der Universitätsgremien dagegen soll reduziert werden (z.B. soll das Konzil abgeschafft werden). Für den medizinischen Bereich soll ein medizinischer Senat als übergreifende Organisation für alle medizinischen Fachbereiche gewählt werden, der den Haushaltsplan für Medizin aufstellt. - Den Forderungen der Hochschullehrer schließt sich die im April des Jahres gegründete studentische "Freiheitliche Hochschulgruppe Berlin" an, die durch eine Novellierung die Rechte der Studenten auf ein freies und ungehindertes Studium gesichert zu hoffen glauben. Die FDP-Fraktion des Berliner Abgeordnetenhauses verlangt am gleichen Tag eine Untersuchung der Frage, wie sich das Hochschulgesetz bisher in der Praxis bewährt hat. Der von FU-Ärzten initiierte Arbeitskampf zwecks Verbesserung des Bereitschaftsdienstes weitet sich aus Die ursprünglich von Ärzten der FU-Hautklinik geforderten Verbesserungen für den Bereitschaftsdienst der Ärzte (vgl. 5. März 1971 und 8. Juni 1971) führen zu bundesweiten Aktionen, die nicht mehr nur die Universitätsärzte betreffen. In einem Ultimatum der im Marburger Bund zusammengeschlossenen Krankenhausärzte wird unterbreitet, daß bei Nichterfüllung der Forderungen bis Ende Juli zunächst Demonstrationen veranstaltet und dann "Go-slow"-Dienste anlaufen werden. In Berlin finden letzte Verhandlungen mit dem Senat am 23. Juli statt. Dabei weist der Senat darauf hin, daß er allein gar keine Tarifverhandlungen führen könne, sondern an die Tarifgemeinschaft deutscher Länder und an die Vereinigung kommunaler Arbeitgeber gebunden sei. Außerdem hätten Berlins Ärzte bereits günstigere Bedingungen als die in der Bundesrepublik. Es seien 10,6% mehr Planstellen geschaffen worden, so daß Möglichkeiten zum Schichtdienst bestünden, und eine 42-Stunden-Woche gebe es bereits (in Westdeutschland haben Ärzte z.T. eine 45-Stunden-Woche). Die Ärztevertreter erklären jedoch, daß, falls sich die Arbeitgeber nicht zu Tarifgesprächen bereit erklärten, am 30. Juli in Berlin eine Demonstration stattfinden und am 2. August die "Aktion intensive Behandlung" beginnen werde. Die Demonstration "im weißen Kittel durch die Straßen Berlins" findet statt, andere Maßnahmen werden jedoch zunächst ausgesetzt (vgl. 23. Aug. 1971). 8. Juli 1971 FU-Protest gegen Etatkürzungen FU-Präsident Kreibich protestiert gegen die vom Senat beschlossene drastische Kürzung der Steigerungsbeträge des Universitätshaushaltes um etwa 50 Prozent (ca. 28,4 Millionen DM). Die Kürzungen waren am 7. Juli im Abgeordnetenhaus damit erklärt worden, daß mehrere Positionen in den Mehranforderungen nicht ausreichend begründet gewesen seien, so die Feststellung, daß eine Angleichung des Klinikums Westend an das von Steglitz notwendig sei oder die Zahlungen an Teilzeitassistenten verbessert werden müßten. Auch hätte eine Rolle gespielt, daß die FU zur Beratung in einer so wichtigen Angelegenheit nur Personen geschickt habe, die falsche oder keine Auskünfte über ausstehende Fragen hätten geben können. Präsident Kreibich weist darauf hin, daß die FU damit hinter die Steigerungsraten zurückfalle, die sie vor dem Erlaß des Universitätsgesetzes erhalten habe. Am 10. Juli zieht eine Delegation von rund 50 Professoren und Verwaltungsangestellten zum Rathaus Schöneberg (unter ihnen auch Präsident Kreibich), um dem Senat eine Protestresolution zu überbringen. Dort diskutieren sie mit Senator Stein, der die Kürzungen mit der konjunkturellen Lage in der Bundesrepublik begründet, wodurch alle Länder gezwungen gewesen seien, kurzfristig ihre Haushaltsansätze zu revidieren. In Berlin seien insgesamt 300 Millionen DM gestrichen worden und auch die FU müsse dies mittragen. Schließlich würde noch eine Summe von 21.500 DM pro Student für das Jahr 1972 ausgegeben. Stein findet jedoch kein Verständnis für seine Erklärungen. Die Weigerung des Senats, weiterhin über die Kürzungen zu diskutieren, wird als skandalös bezeichnet. Am 13. Juli drückt Senator Stein sein Bedauern über die Art des von der FU artikulierten Protestes aus. Der Senator wirft dem Präsidenten der FU vor, daß er nur seine eigenen Interessen sehe. Er fordert ihn auf, an der Universität um Verständnis für den Staat zu werben, ebenso wie er ja auch für die Sorgen der FU immer um Verständnis bei den Politikern geworben habe. Präsident Kreibich weist den Vorwurf des simplen Lobbyismus zurück. Die Universitätsmitglieder hätten ihre Aktivitäten gerade als einen Teil der Verantwortung für diese Universität verstanden. Der Protest habe sich nicht gegen die Etatkürzungen selbst, sondern gegen den Umfang der Kürzungen gewandt. Unterschiedliche Meinungen der Politologen Altvater und Schwan über Wissenschaftspluralismus In der Zeitung "Der Abend" (vom 7. und 8. Juli) werden die Aufsätze zweier Professoren des OSI der FU (Schwan und Altvater) publiziert, in denen es u.a. um Wissenschaftspluralismus geht. Während Prof. Dr. Altvater die Meinung der Marxisten widergibt, wonach Wissenschaftspluralismus theoretisch abzulehnen sei, weil es ja schließlich noch "das Kriterium der Wahrheit, nach dem die Wissenschaft zu beurteilen ist" gebe, vertritt Prof. Dr. Schwan die Ansicht, daß es in der Wissenschaft keine Wahrheiten gebe, sondern nur Hypothesen, die zur Erklärung bestimmter Tatbestände aufgestellt und durch Erfahrung, Experimente, Untersuchung und Kritik immer wieder geprüft und je nach Ergebnis bestätigt oder umformuliert werden müßten. Wie Altvater darstellt, ist Wissenschaftspluralismus ein "Ausdruck der Hilflosigkeit des unsicher gewordenen Bürgertums in bezug auf seine Wissenschaft". Pluralismus sei abzulehnen, weil marxistische und bürgerliche Ansätze nicht als unspezifiziert gleich von einem abstrakten Pluralismus vereinnahmt werden könnten (der Marxismus tritt als "höherwertige" Wissenschaft mit einem absoluten Wahrheitsanspruch gegenüber anderen wissenschaftlichen Ansätzen auf). Schwan dagegen verlangt Wissenschaftspluralismus, damit verschiedene theoretische Ansätze miteinander in Erkenntnis- und Erfahrungsaustausch treten könnten. Er meint, daß die marxistischen Kollegen Weltanschauung und Wissenschaft verwechselten. Dok. 1077 9. Juli 1971 Die Krise der Universität ist eine Krise der Wissenschaft In der "Zeit" reflektiert FU-Vizepräsident Uwe Wesel über die jüngste Krise an der FU: Nicht das Universitätsgesetz habe, wie einige meinten, die Krise verursacht, sondern die Universität sei in einer Krise, weil die Wissenschaft in einer Krise sei. Das Gesetz sei lediglich ein Versuch, schnell mit dieser Krise fertig zu werden. Ob dies gelungen sei, könne erst in zwei oder drei Jahren beurteilt werden. 10. Juli 1971 Erklärungen zur Besetzung des Meinecke-Instituts. Strafanzeigen gegen Präsident Kreibich und Vizepräsident Wesel gestellt Der Akademische Senat der FU äußert sich zu den Ergebnissen des Untersuchungsausschusses, dessen Aufgabe die Bewertung der Tumulte am Friedrich-Meinecke-Institut war. Aufgrund der Untersuchungen gelangt er zu der Überzeugung, daß dem Präsidialamt in dieser Angelegenheit keine Vorwürfe gemacht werden könnten. Der Nicht-Einsatz von Polizei sei "der Situation angemessen" gewesen und habe wahrscheinlich dazu beigetragen, die Besetzung noch am selben Abend zu beenden und weitere Beschädigungen zu verhindern. Vizepräsident Wesel hätte sich allerdings über das einzuschlagende Verhalten mit dem Lehrkörper verständigen müssen. Eine Bewertung des Verhaltens der Studenten durch den Ausschuß war nicht möglich, weil Aussagen von studentischer Seite verweigert worden waren. Auch das "Initiativkomitee der Roten Zellen" artikuliert seine Meinung über die Besetzung des Instituts. In einem Aufruf zu den Wahlen am FB Geschichtswissenschaften heißt es, die Besetzung habe gezeigt, daß "die Studenten die reaktionären Profs zusammen mit den Technokraten vom Präsidialamt einsperren mußten, sogar um Selbstverständlichkeiten (Scheine, Kollektivarbeit) durchzusetzen (...) die Politik der Sozialisten an der Hochschule steht und fällt mit der Fähigkeit, (...) die Kampfbereitschaft der Studenten zu wecken." Die Staatsanwaltschaft stellt auf Antrag von Privatpersonen, "die zum Teil der FU angehören", Strafanzeige gegen FU-Präsident Kreibich und Vizepräsident Wesel. Den beiden wird Begünstigung von Straftaten (durch zu spätes Eingreifen) im Zusammenhang mit der Besetzung des Friedrich-Meinecke-Institutes vorgeworfen. Gleichzeitig erklärt die Staatsanwaltschaft, daß sich die Dunkelziffer von Straftaten im Bereich der FU seit dem Amtsantritt Kreibichs erheblich vergrößert habe. Dies sei damit zu erklären, daß das Präsidialamt versuche, die Situation mit allen Mitteln zu beruhigen und daß Professoren vermutlich aus Angst vor Racheakten nichts gesehen haben wollen. Neue politische Studentengruppe an der FU (FHG) stellt ihr Programm vor Die kürzlich gegründete Studentenorganisation "Freiheitliche Hochschulgruppe Berlin" (FHG) stellt der Öffentlichkeit ihr Programm vor. Ziel ist eine sachbezogene Reformpolitik und ein "kompromißloser Kampf gegen die radikalen und verfassungsfeind-lichen Gruppen". Dem Berliner Hochschulgesetz und dem Entwurf des Hochschulrahmengesetzes steht die Gruppe skeptisch gegenüber. 11. Juli 1971 Rückblick auf das vergangene Sommersemester In einem Kommentar über das an diesem Wochendende endende Sommersemester bezeichnet die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" dieses als ein "Semester des schleichenden Niedergangs". Dies würde sich daran zeigen, daß selbst linksliberale Kräfte, die vor Jahren noch das neue Universitätsgesetz gefördert hätten, inzwischen eine Novellierung verlangen. Wo Fachbereichsräte noch Widerstand leisteten, würden sie vom Präsidialamt unter Druck gesetzt. Senator Stein erklärt daraufhin, daß die Stellungnahme der "Notgemeinschaft" einseitig und verzerrend sei. Er zeigt sich befremdet über das Urteil einer Gruppe, die er durchaus nicht auf eine Ebene mit der "Roten Zellen" stellen wolle. Kommentare zu Semesterschluß veröffentlichen auch mehrere Zeitungen, so "Die Zeit" (vom 16. Juli) und die "Welt am Sonntag" (vom 11. und 15. Juli) oder der "Münchener Merkur" (vom 20. Juli). Kritik an einer Personalentscheidung für das Studienkolleg der FU Eine Personalentscheidung des Kuratoriums der FU über die Neubesetzung der Stelle des Leiters des Studienkollegs für ausländische Studierende an der FU wird von 66 Studenten, Dozenten und Anderen Dienstkräften des Studienkollegs scharf kritisiert (das Studienkolleg bereitet ausländische Studenten auf ihr Studium an deutschen Hochschulen vor, indem dort eine dem Abitur entsprechende Prüfung abgelegt und deutsch gelernt werden kann). Von der Mehrheit am Studienkolleg war Dr. Schade als Leiter verlangt worden, das Präsidialamt und das Kuratorium hatten sich jedoch für den zweiten auf der Liste, für Dr. Stüdemann, entschieden mit der Begründung, die studentischen Vertreter hätten bei der Diskussion um den Posten unter Druck gestanden. Die CDU-Abgeordnete Frau Dr. Besser ist der Ansicht, daß Vizepräsident Wesel durch unzutreffende Angaben die Wahl Stüdemanns entscheidend beeinflußt habe (vgl. die "Morgenpost" vom 6. August). Kindertagesstätte für die FU Auf einem Gelände an der Königin-Luise-Str./Ecke Gelfertstraße wird der Bau einer Kindertagesstätte für die FU beschlossen, die 150 Kinder aufnehmen soll. 12. Juli 1971 Erneute Novellierungsvorschläge für das Universitätsgesetz Die Arbeitsgruppe "Sozialdemokratische Hochschulpolitik" (um den Politologen Prof. Dr. Richard Löwenthal) macht wie vorher andere Gruppen an der FU Novellierungsvorschläge für das Berliner Hochschulgesetz. Ihren Vorstellungen entsprechend soll der Akademische Senat mehr Rechte, der Präsident dafür weniger Rechte bekommen. Bei Habilitationen und Berufungsentscheidungen sollen nur noch Professoren beteiligt sein. Die Finanzen und die Einstellungspolitik sollen wirkungsvoller vom Kuratorium kontrolliert werden. Das "Handelsblatt" vom 6. Juli meint im Zusammenhang mit den vielen Novellierungsvorschlägen, daß die Demokratie gegenwärtig an der FU pervertiert sei, da diejenigen, die ursprünglich eine Modernisierung der Universität unterstützt hätten, nun als Feinde der Reformuniversität bekämpft würden. Der Ruf nach Novellierung aus diesen Kreisen geschehe in dem Bestreben, die Hochschulreform doch noch zu retten. Die "Hannoversche Allgemeine" vom 15. Juli schreibt, Berlin habe seinerzeit als erstes Land ein neues Universitätsgesetz erlassen und müsse nun auch aus den Erfahrungen Konsequenzen ziehen und zur Revision bereit sein. Keine Einigkeit über gemeinsamen Bildungsplan In einer Sitzung in Bonn zwecks Beratung des vierten Entwurfs eines gemeinsamen Bildungsplans bis 1985 kommt keine Einigkeit zustande. Die unionsregierten Länder beharren auf einem Sondervotum bei der Frage der Neuordnung der Lehrerbildung, der Einsetzung integrierter Gesamtschulen bzw. Gesamthochschulen und der Einführung der Sekundarstufe. Während SPD und FDP das Bildungswesen in seinen Strukturen verändern wollen, um den Bedürfnissen der Chancengleichheit gerecht zu werden, hält die CDU eine gründliche Renovierung des bisherigen Systems für ausreichend. Auch will sie mit der Entscheidung warten, bis im Herbst die Finanzierungsfrage gelöst ist. Die Sitzung endet einen Tag später mit einem Scheitern der gemeinsamen Bemühungen. Dies wird von vielen um so mehr bedauert, als mit dem Plan erstmals die Zersplitterung des deutschen Bildungswesens überwunden werden sollte. Die FDP meint jedoch, daß die "Verwässerung der Reformen" ein zu hoher Preis für die Gemeinsamkeit sei. Die Auseinandersetzungen können bald soweit beigelegt werden, daß zur Fortsetzung der Gespräche ein "Eilausschuß" gebildet wird, der die noch offenen Fragen diskutieren und einen Zwischenbericht für die Regierungschefs von Bund und Ländern als Vorbereitung auf die nächste Sitzung im Herbst erarbeiten soll. 13. Juli 1971 FU-Untersuchungsausschuß tritt zusammen Nachdem die Streitigkeiten über die Zusammensetzung des parlamentarischen Untersuchungsausschusses behoben sind und er sich aus vier SPD- und drei CDU-Abgeordneten (darunter Frau Dr. Besser, über deren Teilnahme die Streitigkeiten entstanden waren) konstituiert hat, tritt das von der CDU geforderte Kontrollgremium zur Klärung der Situation in verschiedenen Bereichen der FU (23 Vorgänge sollen geprüft werden) erstmals zusammen. (Vgl. 2. und 10. Juni 1971) Der Katalog der Untersuchungen soll u.a. umfassen: die Vorgänge an den Zentralinstituten Lateinamerikanistik und Soziale Medizin, am Fachbereich Neuere Fremdsprachliche Philologien, im Akademischen Senat und in den Ständigen Kommissionen, die Frage nach der Unterstützung bestimmter Gruppen durch die Leitung der FU, die Möglichkeit der Sicherung des Studienbetriebs, einige Angelegenheiten des Personalrechts sowie die Auseinandersetzungen über die Druckerei der "FU-Informationen". (Vgl. 8. Sept. 1971) Die Ferienjobs für Studenten sind rarer geworden Eine Statistik der Landesämter zum Thema Ferienjobs zeigt, daß das Angebot im Vergleich zum Vorjahr um 10% gesunken ist (es haben insgesamt 12 400 Interessenten Ferienjobs bekommen). Dies wird einerseits auf die konjunkturelle Entwicklung zurückgeführt, andererseits aber auch in Zusammenhang mit dem Hochschulklima gebracht. Vor allem in Städten, wo Hochschulereignisse Schlagzeilen machen, sind die Jobs knapper geworden, u.a. auch in Berlin, wo Betriebe angeben, Studenten hätten für Unruhe in ihrer Firma gesorgt. 14. Juli 1971 Sofortmaßnahmen zur Vollbelegung des Klinikums Eine Untersuchungskommission des FU-Kuratoriums legt Präsident Kreibich einen Bericht mit Vorschlägen zur bald möglichen Vollbelegung des Klinikums vor. Vor allem gelte es, schnellstens 200 Wohneinheiten für Schwestern und Pfleger zu beschaffen (es wird vorgeschlagen, ein dem Haupteingang gegenüberstehendes Haus dafür anzumieten). Der Bettenschlüssel von einer Fachkraft für zwei Betten (statt drei wie in einigen Krankenhäusern) wird für ein Krankenhaus dieser Kapazität für unaufgebbar erklärt. Nur so könne die Qualität gehalten werden. 16. Juli 1971 Professor Baring zur Krise an der FU In der "Zeit" vertritt der Politologe Prof. Dr. Arnulf Baring die Ansicht, daß die FU "allem Gerede von der Demokratisierung zum Trotz" von einer Oligarchie regiert werde. Faktisch sei die Macht auf das Präsidialamt und die von ihm favorisierten Gruppen übergegangen. Dok. 1078 Weniger Baukosten bei den Hochschulen Bundeswissenschaftsminister Leussink erklärt, daß im Hochschulbau durch industrielle Fertigungsmethoden die Kostenrichtwerte zum Teil erheblich unterschritten worden seien (zwischen 10 und 37%). Der Planungsausschuß in Bonn legt drei Tage später die Summe für den Hochschulbau für die Zeit von 1972-1975 auf 16 Milliarden DM fest. Durch ein Schnellbauprogramm soll die Zahl der Studienplätze um ca. 200 000 erhöht werden. Der größte Anteil davon soll den Sprach- und Kulturwissenschaften zufallen. Universitäre "Rotphase II". FU gespalten in sichtbare und unsichtbare Universität Der "Rheinische Merkur" veröffentlicht einen Beitrag über die linke Bewegung, die "jetzt in die zweite Phase eingetreten" sei. Es würde nun mit sublimeren Methoden gekämpft als vorher, so daß die Gefahren verkannt würden. Schlüsselpositionen seien inzwischen in den Händen von Linken (davon eine Reihe früherer SDS- oder SHB-Mitglieder), die inzwischen Diplom gemacht und zu Assistenten avanciert seien. Diese würden, "wo sie ausreichende Mehrheiten wittern", ihre Ziele unverblümt nennen, wo es aber noch nicht so weit sei, um Liberale werben mit dem Hinweis auf die Unterrepräsentanz der Marxisten. Wer dem Marxismus nicht anhänge, werde als nicht wissenschaftlich arbeitend abqualifiziert. Die Plakate und Mauerschriften würden fast nur linke Parolen zeigen. Marxistische Reformpläne seien an den Universitäten von Verschulung begleitet, die z.T. bereits von fünfsemestrigen und daher als Übungsleiter unerfahrenen Studenten durchgeführt würden. Durch unausgereifte Verträge mit Assistenten würden oft arbeits- und steuerrechtliche Verpflichtungen entstehen, die zu Gerichtsurteilen auf Weiterbeschäftigung führten. In Berlin, Bremen und Heidelberg liege die Verfügungsgewalt großenteils nicht mehr in den Händen derjenigen, die für die Erhaltung demokratisch-legitimer Formen eintreten würden, denn dort könnten Universitätsgremien häufig nicht mehr in der Universität tagen. - Tags drauf zitiert die "Rheinische Post" den Philosophen Wilhelm Weischedel, der von einer Spaltung der FU in einen sichtbaren und unsichtbaren Teil spricht. An der "unsichtbaren" FU werde trotz der Turbulenzen gelehrt und geforscht. Den sichtbaren Teil der FU betreffend hebt er hervor, daß diejenigen, die dort die Mitte repräsentierten, im politischen Alltag weit links stünden, z.B. Präsident Kreibich, der in der Charlottenburger SPD zum linken Flügel gehöre. 18. Juli 1971 Was bedeutet Reform für die FU-Mathematiker? Der Leiter des I. Mathematischen Instituts der FU, Prof. Dr. Alexander Dinghas, äußert sich in der "Morgenpost" über die von den Studenten im Fachbereich Mathematik angestrebten Reformen. Diese bestünden darin, daß erstens der Leitung des Instituts ein Rätedirektorium von Studenten zur Seite gestellt werden sollte, daß zweitens sämtliche Klausuren abgeschafft und Erfolgsübungsscheine bei bloßer Teilnahme an der Übung ausgestellt, und daß drittens Vorlesungen durch Arbeit in Übungsgruppen, in denen man sich an Skripten orientiere und sich gelegentlich durch den Professor kontrollieren lasse, ersetzt werden sollten. Kritisch bewertet Prof. Dinghas vor allem letzteren Versuch. Durch die gänzliche Abschaffung von Vorlesungen fürchtet er ein "Abrutschen" der Mathematik, so wie es in Rußland Anfang der 20er Jahre passiert wäre, wenn nicht Maßnahmen dagegen ergriffen worden seien. - Von den Studenten wird das "Tutoren"-Modell als wichtiger Beitrag zur Studienreform im Fach Mathematik verstanden. Es soll die bessere Kommunikation zwischen Lehrenden und Lernenden ermöglichen und dem Studenten zur Erreichung besserer Erfolge verhelfen. 20. Juli 1971 Sondersitzung des FU-Kuratoriums: Beratungen über Haushalts-kürzungen Einziger Tagesordnungspunkt einer Sondersitzung des FU-Kuratoriums ist die Beratung über die vom Senat beschlossene Kürzung der Landeszuschüsse um 28,4 Millionen DM. Bis zum 15. Oktober soll ein neuer Haushaltsplan erstellt werden. Verschiedene Fachbereiche haben inzwischen ihren Protest hinsichtlich der Streichungen angemeldet. Der Fachbereichsrat des Klinikums Westend läßt verlauten, daß die Streichungen zur Einstellung des Krankenhausbetriebes führen könnten, da auch Haushaltsmittel für Medikamente und ärztliches Verbrauchsmaterial davon betroffen worden seien. Drakonische Strenge ist nicht das richtige Mittel Bundespräsident Gustav Heinemann warnt vor der Anwendung drakonischer Maßnahmen zwecks Beruhigung der Situation an den Hochschulen. Zur Zeit erlebe man den plötzlichen Ausbruch aus veralteten Ausbildungsmethoden. Nur durch ein demokratisches vorbildhaftes Verhalten, nicht durch hartes Durchgreifen könne man den Jugendlichen glaubwürdig erscheinen. Die Bildung von Gesamthochschulen wird in Berlin immer konkreter Auf der Berliner Landesrektorenkonferenz wird beschlossen, zusammen mit dem Senat eine Kommission einzurichten, um konkrete Vorschläge zur Errichtung von Gesamthochschulen in Berlin zu erarbeiten. (Vgl. 15. Mai) 22. Juli 1971 Wissenschaftsrat tagt in Berlin FU-Präsident Kriebich begrüßt als Vorsitzender der Berliner Landesrektorenkonferenz die Mitglieder des in Berlin tagenden Wissenschaftsrates. Beraten werden soll über die Ergebnisse der Informationsbesuche an den Hochschulen, über die Planung neuer Hochschulen und über die Errichtung eines Instituts für deutsche Sprache und eines für Schiffahrtsmedizin. Auch werden Forschungsempfehlungen für die nächsten zwei Jahre und die Möglichkeiten des wissenschaftlichen Studiums von Offizieren diskutiert. 23. Juli 1971 Antwort der "Roten Zellen" auf Artikel von FU-Professoren zur Universitätskrise In der "Zeit" antwortet ein Komitee "Roter Zellen" aus verschiedenen Fachrichtungen der FU (es nennt sich das "Kampfbündnis gegen Notgemeinschaft und Hochschulrahmengesetz") auf mehrere Artikel von FU-Professoren in der "Zeit", die die Krise der FU zum Gegenstand hatten. Ihrer Meinung nach werden die wahren Ursachen der Krise nicht erkannt, nämlich daß die Grundkonzeption der Gesellschaft in der Bundesrepublik und West-Berlin noch nicht geändert worden sei. Ein sozialliberaler Reformismus sei nicht in der Lage, die gesellschaftlichen Ursachen der Krise zu beheben, denn immer noch trete Wissenschaft für die Interessen der Kapitalisten und nicht für die der lohnabhängigen Massen ein. Erst im revolutionären Sozialismus könnten auch die Interessen des Proletariats und der Intelligenz eingelöst werden. Beschwichtigungspolitiker seien nicht mehr gefragt, vielmehr heiße es mehr denn je: "Der Reaktion Daumen aufs Auge und Knie auf die Brust." Leser der "Zeit" antworten daraufhin mit der Feststellung, daß die Sprache des Autorenkollektivs der "Roten Zellen" sich nicht von den Sprüchen der national-sozialistischen Studenten in den Jahren 1932/33 unterscheide. In ihrer Überheblichkeit würden sie sich zur Zielsetzung des Umsturzes bekennen. Auch Weimar sei daran gescheitert, daß es den Totalitären demokratische Rechte gab und sie mißbrauchen ließ. Die Sonderstellung der Freien Universität im Vergleich zu anderen Hochschulen Die "Stuttgarter Zeitung" veröffentlicht einen Beitrag, der auf die Besonderheiten der FU im Vergleich zu anderen Universitäten hinweist. Darin wird insbesondere darauf hingewiesen, daß es an der FU eine "Riesenflut überflüssiger Tutoren" gebe, die "marxistische Bibelstunden" abhielten und wenig kontrolliert würden. Das Präsidalamt antwortet auf die Vorwürfe am 16. August. 24. Juli 1971 DDR-Agenten gewinnen an Universitäten an Boden Aus einem vertraulichen Bericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz, über den "Die Welt" schreibt, geht hervor, daß die Aktivität der DDR-Geheimagenten an westdeutschen Universitäten und Gymnasien zunimmt. Studenten würden unter Ausnutzung ideologischer Motive mit dem Versprechen angeworben, nach Abschluß der Ausbildung in eine gehobene Position im öffentlichen Dienst oder in der Wissenschaft, Wirtschaft oder Forschung zu gelangen und dort zu wichtigen Unterlagen Zugang zu erhalten. Gleichzeitig berichten mehrere Zeitungen darüber, daß in der DDR die Zulassungsbedingungen für die Hochschulen verschärft worden seien. Voraussetzung sei "die aktive Mitwirkung an der Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft und die Bereitschaft zur aktiven Verteidigung des Sozialismus" sowie "die Einreichung einer Verpflichtungserklärung zur Erfüllung des Studienauftrages". Dazu meint die "Stuttgarter Zeitung" vom 27. Juli, daß linke Studenten im Westen solche Voraussetzungen (z.B. Dienst in der Armee, Leistungsnachweise oder die Orientierung am volkswirtschaftlichen Bedarf) ablehnten. In der Bundesrepublik ließe es sich gut Sozialist sein, denn dort könne man Fächer studieren, für die es keinen Bedarf gebe, und zwar so lange, wie man wolle, und ohne zu einem Examen gezwungen zu sein. Wodurch fasziniert der Marxismus? Die "Süddeutsche Zeitung" analysiert, weshalb viele Studenten vom Marxismus fasziniert sind. Neben der Möglichkeit der Erkenntnis sozialer Zusammenhänge sei sein humanitärer Anspruch attraktiv: "Es ist die Doktrin von der Befreiung des Menschen durch Selbstbestimmung der eigenen Arbeit (...) die Überwindung des Sündenfalls." 27. Juli 1971 Berliner Professor lehnt Ruf nach Bremen ab Als sechster Lehrstuhlinhaber von westdeutschen und Berliner Universitäten, die an die Universität Bremen berufen werden, lehnt der Berliner Politologe Prof. Dr. Hans Hermann Hartwich einen Ruf an die Universität Bremen ab (vgl. 5. Mai 1971). Die Rechte der Anderen Dienstkräfte der FU sollen stärker zur Geltung kommen In einem Gespräch Präsident Kreibichs mit Vertretern der Deutschen Angestellten Gewerkschaft äußern diese den Wunsch, die Anderen Dienstkräfte der FU noch besser an der Selbstverwaltung zu beteiligen. Die Gruppe sei längerfristig mit den Problemen der Universität verbunden als die überwiegende Zahl der Mitglieder der anderen Gruppen, so daß eine stärkere Ausnutzung ihrer im Universitätsgesetz verankerten Rechte gefordert wird. 30. Juli 1971 RCDS fordert Novellierung des Universitätsgesetzes Die Studenten des RCDS legen als erste studentische Gruppe der FU einen Entwurf zur Novellierung des Berliner Universitäts-gesetzes vor. Danach sollen der Präsident und der Akademische Senat zusammen die Exekutive an der FU erhalten. Außerdem soll an der künftigen Gesamthochschule eine studentische Körperschaft (ähnlich dem früheren AStA) bestehen, die soziale und kulturelle Aufgaben wahrnimmt. Und schließlich wird für den Bereich der Krankenversorgung ein "Medizinischer Senat" vorgeschlagen, der ein Kompromiß zur Medizinischen Akademie darstellt, wie sie einige Hochschullehrer gefordert hatten. 1. August 1971 Mehr Verständnis für die FU. Zur Lage des Berliner Zeitungsmarkts FU-Präsident Kreibich bedauert, daß die Universität in der Presse mehr im Kreuzfeuer der Kritik denn im Mittelpunkt des Interesses steht. FU-Forscher hatten bei einem Vergleich der Berliner mit der Münchener Tagespresse vom April bis Juli 1967 festgestellt, daß das Meinungsbild in Berlin durch die Konzentration der Berliner Presse in einer verlegerischen Hand (Springer Verlag) einseitiger ist als in München. Kreibich appelliert an die Öffentlichkeit, Hilfe und Verständnis für die Schwierigkeiten der FU aufzubringen. Nur ein geringer Prozentsatz der Studenten sei militant. 4. August 1971 Das Bild der FU in einer großen kalifornischen Zeitung Die "Los Angeles Times" veröffentlicht einen Beitrag über die FU mit dem Titel "University Faces Red Troubles". Dort wird u.a. behauptet, daß die Konfrontation zwischen radikalen Studenten und dem Establishment an der FU durch Kreibichs Ernennung zum Präsidenten nicht geschlichtet worden sei. Er habe die Wunden der Universität nicht heilen können. Das Verhalten der linken Studenten sei mit dem von Studenten aus dem 19. Jahrhundert in Burschenschaften vergleichbar. "Die beste revolutionäre Burschenschaft in Deutschland ist die Freie Universität." Dok. 1079 5. August 1971 Für Verbot des "Spartakus" Die Bundesregierung erwägt die Möglichkeit des Verbots des "MSP-Spartakus", einer Studentenorganisation, bei der jedes zweite Mitglied auch DKP-Mitglied ist. Die Gruppe bestehe, so Staats_sekretärin Hamm-Brücher, zum Teil aus Personen, die keine eigent_lichen Studenten seien, sondern geschulte Ostblockagenten, die sich lediglich zum Zweck des politischen Agitierens immatrikulie_ren ließen. "Spartakus" befürworte den Schießbefehl an der Berliner Mauer, den Einmarsch Rußlands in die CSSR im Jahre 1968 und Schüsse auf polnische Arbeiter im Jahre 1970. Die "Welt" vom 23. August weist darauf hin, daß nicht die numerische, sondern die faktische Bedeutung der Organisation die Frage nach seinem Verbot rechtfertige (es gibt nur 1.500 Mitglieder in der im Mai gegründeten Organisation, aber viele Gremien und zehn von 60 westdeutschen Studentenparlamenten sind von der Gruppe bereits beherrscht; in 15 weiteren ASten hat sie Vertreter; Ende September wird "Spartakus" sogar Mitglied der studentischen Zentralstelle für den Bundesjugendplan, womit er Einfluß auf die Verteilung von Steuergeldern -1 Millionen DM- an studentische Organisationen bekommt). Der RCDS meint, daß die Forderung nach Abschaffung jeglicher "bürgerlicher" Wissenschaft durch den "Spartakus" elementaren Verfassungsgrundsätzen widerspreche. In der "Gitarrenromantik" der Spartakisten (so die "FAZ" vom 13. August) und ihrem Hang zum Autoritären (so die "Stuttgarter Zeitung" vom 3. September) seien Parallelen zu früheren Protestbewegung der Studenten zu sehen. Als Antwort auf die Diskussionen im Bundestag über das Verbot der Gruppe kündigt der "Spartakus" am 13. August an, daß im kommenden Wintersemester mit Massenbewegungen gegen die Verleumdungen der Gruppe demonstriert werde. 10. August 1971 Die Studierfreudigkeit steigt immer noch Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden teilt mit, daß die Studierfreudigkeit deutscher Abiturienten immer noch steigt, und zwar um 9,2% gegenüber dem Vorjahr. Insgesamt gibt es in der Bundesrepublik und West-Berlin 56 Hochschulen mit ca. 400 000 Studenten. Etwa 30% der Studenten wählen die geisteswissenschaftlichen Fächer. 46% der Finanzen im Jahre 1969 fielen auf die medizinischen Fächer. Gegenüber der Entwicklung der gesamten staatlichen Ausgaben (10% Zuwachs) lagen die Ausgaben im Hochschulbereich für 1970 bei einem überproportionalen Wachstum von 18,2%. 11. August 1971 43. Sitzung des Akademischen Senats der FU. Entscheidung über NC-Quoten Auf der 43. Sitzung des Akademischen Senats der FU wird neben der Besprechung von Institutsordnungen u.a. auch über das Verfahren zur Gesamthochschulbildung beraten. Außerdem wird entschieden, daß die Zulassungsquoten für die medizinischen Studienrichtungen für das Wintersemester 1971/72 konstant gehalten werden, d.h. es sollen 240 Humanmediziner, 42 Zahnmediziner, 90 Veterinärmediziner, 183 Psychologen, 20 Sozialpädagogen, 70 Pharmazeuten und 80 Biologen in den Numerus-clausus-Fächern akzeptiert werden. Die "Neue Rhein-Zeitung" hatte am 6. August berichtet, daß deutsche Abiturienten, die Numerus-clausus-Fächer studieren wollen und keine Zulassung bekommen, in Länder wie England, Belgien, Holland und sogar Südafrika auszuweichen versuchten. Frankreich, die skan_dinavischen Länder sowie Österreich und die Schweiz nähmen wegen Überfüllung praktisch keine ausländischen Medizinstudenten mehr auf. Um das Problem für Deutschland zu lösen, wo es z.T. vierjährige Wartezeiten (wie in Nord-Rhein-Westfalen) gibt, wird ein propädeutisches Jahr für Medizinstudenten vorgeschlagen, in dem die Auslese mit einer ersten Studien- und Berufsbewährung verbunden wäre. Dadurch hofft man, das Zulassungsverfahren objek_tiver zu gestalten und die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, daß die zum Studium Zugelassenen ihre späteren Aufgaben optimal erfüllen. Studenten, die die Prüfung nach dem propädeutischen Jahr nicht bestünden, könnten dann Studiengänge einschlagen, die in verwandte Fachrichtungen (Medizinphysik, -ingenieurswesen, -informatik oder -chemie) führten. Ein anderer Vorschlag ist ein bundesein_heitlicher Aufnahmetest, der zu 40% neben dem Abiturzeugnis (das dann zu 60% bewertet wird) stehen und über die Zulassung entschei_den soll. Dadurch werde die Schwierigkeit vermieden, daß durch das Abiturzeugnis allein nicht ersichtlich sei, in welchen Fächern die Qualifikationen des Bewerbers lägen. (Vgl. 10. Sept. 1971) 12. August 1971 Uneinigkeit in der Gemeinsamen Kommission am Klinikum der FU In der Gemeinsamen Kommission am Klinikum Steglitz der FU legen alle sechs dort wirkenden Hochschullehrer ihr Mandat nieder, weil sie die geplante Erweiterung des Planungsstabs am Klinikum nicht befürworten. Dadurch ist das oberste Leitungsorgan des Klinikums nur mit Assistenten, Studenten und einer Dienstkraft besetzt. Erst zwei Wochen später, am 2. September, gelingt es dem ärztlichen Direktor des Klinikums, die Professoren wieder zur Teilnahme an den Sitzungen zu bewegen. Eine weitere Debatte über die Aufgaben und Kompetenzen des Planungsstabs wird auf den 9. Oktober vertagt. 13. August 1971 Neue Promotionsordnung am FB 11 der FU Die von der Ausbildungskommission des Fachbereichs 11 vorgelegte neue Promotionsordnung sieht vor, daß die Dissertation bei "Summa cum laude" als Habilitationsleistung anerkannt werden kann. Als Grundlage für die Habilitation ist auch eine Zusammenstellung von einzelnen kürzeren Veröffentlichungen möglich. "Requiem für eine Reform" Dr. Heinrich August Winkler, Professor für neuere Geschichte an der FU, nimmt in einem Beitrag, betitelt "Requiem für eine Reform" in der "Süddeutschen Zeitung" Stellung zur Situation am OSI. 15. August 1971 Ist die Verwaltung der FU zu "kopflastig"? Die "Morgenpost" berichtet über die Forderung des Kuratoriums der FU an den Präsidenten der FU, eine Untersuchung über eine mögliche "Kopflastigkeit" der Verwaltung der FU durchzuführen. (Vgl. 23. Juni 1971). Firmen, die nicht von der Universität abhängig seien, sollten damit beauftragt werden, zu ermitteln, ob die vielen neugeschaffenen Instanzen nicht zu aufgebläht seien. An Ver_waltungspersonal gibt es im Präsidialamt etwa 400 Mitarbeiter, in den Fachbereichen 100 und in den Kliniken 1.800. Die Prüfer sollen auch einen Katalog für Einsparungsmaßnahmen erstellen. 17. August 1971 Diskussion über die Beteiligung eines Studenten an den Ausschreitungen am Otto-Suhr-Institut Während der gewalttätigen Aktion linksextremistischer Studenten am 24. Juni gegen Prof. Dr. Schwan hatte auch der Student Götz Aly an den Störungen teilgenommen. Dennoch war gegen ihn kein Strafantrag gestellt worden. Im Berliner Senat wird die Meinung vertreten, daß Alys Beteiligung so geringfügig gewesen sei, daß man sie nicht als Pflichtverletzung durch einen Universitätsangehörigen ansehen könne und deshalb auch keine Voraussetzungen für eine Bestrafung gegeben seien. (Vgl. 5. Juli) 20. August 1971 Appartementhaus für Studenten eröffnet In der Eichhornstraße im Tiergarten wird ein neues Appartementhaus für 360 Studenten eröffnet. Dies ist ein weiterer Schritt zum Abbau der Wohnmisere für Studenten, die vor allem verheiratete Studentenehepaare trifft, für die es kaum Wohnheime gibt (ein Viertel aller Studenten sind verheiratet, aber nur ein Prozent der Wohnheimplätze stehen ihnen zur Verfügung). Nach Ansicht der Deutschen Studentenunion gilt jedoch weiterhin, daß die Wohnungssuche für Studenten ein großes Problem darstellt. Die CDU kündigt an, daß auch das Weskamm-Haus demnächst als Studentenheim angemietet werden soll. In Freiburg werden leerstehende Häuser von Studenten besetzt. Andere Studenten treten in Mieterstreik, um gegen die Erhöhung der Mieten in den Wohnheimen zu protestieren. (Vgl. 16. Juni) 21. August 1971 "Aktionsgruppe Hochschullehrer" ist gegen eine Novellierung des Berliner Universitätsgesetzes Die "Aktionsgruppe Hochschullehrer", die zur Zeit etwa 90 Mitglieder hat, meint, daß nach jahrzehntelanger Enthaltsamkeit gegenüber Veränderungen an der Universität die Reformen nicht innerhalb eines Jahres geleistet werden könnten. Daher sei eine Novellierung noch vor Verabschiedung des Hochschulrahmengesetzes abzulehnen. Der Durchschnittsstudent Die "Rheinische Post" berichtet über die Ergebnisse einer Fragebogenaktion, die Auskunft über den Durchschnittsstudenten gibt. Der Durchschnittsstudent ist 22,6 Jahre alt, unverheiratet und lebt von Mitteln der Eltern (47,7%) (23% leben von einem Stipendium, 13,4% von eigener Erwerbstätigkeit, 4,6% durch Mittel des Ehegatten). Er hält sich 4,5 Tage in der Woche für ca. sechs Stunden im universitären Bereich auf, wobei die Pädagogen am seltensten, die katholischen Theologen die Bibliothek am häufigsten besuchen. Der Wunsch nach Festlegung des Lehrplans ist bei Mathematikern und Sportstudenten vorhanden, während die Sozialwissenschaftler den Lehrplan nicht reglementiert haben wollen. 72,3% der Studenten haben nichts gegen eine Bewertung ihrer Leistungen einzuwenden. 23. August 1971 Die Forderung von FU-Ärzten führt zu bundesweiten Streiks Die im Frühjahr erstmals von FU-Ärzten geforderten Verbesserungen der Arbeitsorganisation und -vergütung und der Kompetenzverteilung in Krankenhäusern führt zu einem bundesweiten Streik tausender von Ärzten und kostet Millionen (vgl. 7. Juli 1971). Berlin ist das erste Land, das den Streik beginnt (vom 23. August bis 3. September). Allerdings sind nur die städtischen Krankenhäuser und nicht die Universitätskliniken betroffen, da die Ärzte dort Beamte (oder Beamte auf Widerruf) sind und nicht streiken dürfen. Der Streik, ein erstmaliges Phänomen im medizinischen Bereich, wird mit verschiedener Intensität durchgeführt und erstreckt sich über den ganzen September. Erst am 30. September wird in den 27 Berliner städtischen Krankenhäusern der Arbeitskampf beendet, als erreicht worden ist, daß Vertreter der Ärztegewerkschaft an den Tarifverhandlungen am 14. Oktober teilnehmen dürfen. 24. August 1971 Demokratischen Parteien fehlt Basis an den Hochschulen In den "Hochschulpolitischen Informationen" wird darauf hingewiesen, daß es den demokratischen Parteien in der Bundesrepublik an repräsentativen Gesprächspartnern unter den Studenten fehle. Sowohl die SPD als auch die FDP würden im Dialog mit den Hochschulen kaum noch zur Geltung kommen, weil deren studentische Vertretungen Aktionsgemeinschaften mit den Marxisten (z.B. mit "Spartakus") eingegangen seien. 26. August 1971 163. Kuratoriumssitzung: Assistenten teilweise für die Forschung freigestellt Auf der 163. Sitzung des Kuratoriums wird beschlossen, daß jeder Assistent der FU, der für mehr als 100 Stunden monatlich angestellt ist, Anspruch auf Freistellung für die eigene Forschung zu einen Drittel der regelmäßigen Dienstzeit hat. Außerdem wird beschlossen, den Vorsitzenden von Fachbereichsräten und Kommissionen Aufwandsentschädigungen in Höhe von 150 DM im Monat zu zahlen. Auch wird die Einrichtung einer Psychotherapeutischen Beratungsstelle an der FU erwogen. 27. August 1971 Ist die jetzige linke Bewegung eine "Gegenaufklärung"? Der Philosoph Hermann Lübbe bezeichnet die politische Entwicklung an deutschen Universitäten als "neue Gegenaufklärung". Es herrsche ein Uniformitätsdruck durch führerhungrige linke Gruppen, der ganz das Gegenteil des Prozesses einer Aufklärung sei. Wie durch sektiererische Biblizisten würden jüngere Studenten durch ältere Kommilitonen darüber belehrt, welche Lehrveranstaltungen akzeptabel und welche zu vermeiden bzw. zu stören seien. Kultgegenstand neuer Heilsgläubigkeit sei "Das Kapital" von Marx, mit dem sich Studenten z.T. so intensiv auseinandersetzten wie sonst nur Spezialisten zu Forschungszwecken. Dies müsse bei Studenten zu einer Bewußtseinsverengung führen. Frage- und Kritikverbote würden sich ausbreiten und das geistige Leben in eine immer engere Orthodoxie drängen. 29. August 1971 Die FU ist durch ein Programm der Erwachsenenbildung für alle offen In einer Veröffentlichung über universitäre Erwachsenenbildung wird aufgezeigt, daß die FU Vorreiter bei der Einbeziehung von externen Hörern aller Berufssparten in ihr Lehrprogramm ist. Durch Abendvorträge und Ferienkurse für Arbeiter, Angestellte und Beamte sowie durch Universitätskurse in Berliner Betrieben ist die FU nach außen geöffnet, so daß es jedem Externen ermöglicht ist, Zugang zu den Problemen wissenschaftler Arbeit und zu deren Ergebnissen zu haben. Das Erwachsenenbildungsprogramm sei, so heißt es, wegweisend für die Hochschulen der Bundesrepublik. 31. August 1971 Ist die Frage nach dem politischen Standort von Hochschullehrern berechtigt? Die "FAZ" berichtet darüber, daß die Studentenschaft des FB Geographie an der FU durch Rundschreiben alle deutschen Universi_täten aufgefordert habe, Auskunft über politische Standorte von Hochschullehrern im Bereich physische und Anthro-Geographie zu geben. In den Ausschreibungen für Professoren und Assistentenstel_len würden oft Unterlagen über die Zugehörigkeit zu politischen Gruppen verlangt. Daher sei es gut, einen Überblick über den wissenschaftstheoretischen, hochschulpolitischen und allgemeinpolitischen Standort der akademischen Lehrer zu haben. 2. September 1971 Gleitende Arbeitszeit an der FU eingeführt Eine neue Dienstvorschrift an der FU sieht die gleitende Arbeitszeit für Dienstkräfte vor. Als Rahmenzeit gilt von Montag bis Freitag eine tägliche Anwesenheit zwischen 7 und 18 Uhr. Innerhalb dieser Zeit können die Dienstkräfte den Beginn und das Ende ihrer Arbeitszeit selbst festlegen, insofern sie eine Kernanwesenheitszeit von montags bis donnerstags von 9 bis 15 Uhr respektieren und freitags von 9 bis 14 Uhr. 3. September 1971 Die Angst vor der Bildung In Zusammenhang mit der viel diskutierten Bildungsreform reflektiert die "Welt" über die gegenwärtige Bedeutung von "Bildung". Sie stellt fest, daß es keinen Respekt vor Bildungsträgern mehr gebe, sondern nur noch Angst vor der überlegenen Bildung des anderen. Ziel der Bildungsreformer sei es, durch eine Demokratisierung der Bildung derartige Existenzängste abzubauen. Die Gefahr bei einer solchen Politik sei es, alle Bildungseliten zu unterdrücken und nur intellektuellen Durchschnitt zu produzieren. Das System lebe von der normativen Bildung, d.h. von der Fiktion eines "Seins" im Bildungsbereich, statt von der Realität des "Werdens" aller Bildung. Ein solches System strebe nach der Aufnahme aller Bildungswilligen, wodurch es a priori eine antihumanistische Bildungsgesinnung hervorbringe. "Vom geistigen Einstieg möglichst vieler Individuen in eine objektiv gegebene, in dauerndem Wandel begriffene Bildungswelt ist heutzutage nicht mehr die Rede, nur noch von der Zubereitung, Vereinfachung und Banalisierung dieses Stoffes für jene bildungswillige Masse, die Bildung als Fehler! Verweisquelle konnte nicht gefunden werden. für ökonomische und soziale Geltung, Gleichberechtigung oder Selbstdarstellung benötigt." Bildung bedeute heute beruflichen, sozialen oder politischen Vorteil. Nicht mehr gemeint sei Bildung um der Bildung und der Humanitas willen, d.h. Bildung als unplanbarer Wert, der zur Rangerhöhung des Menschen jenseits der ökonomischen, politischen oder sozialen Wertekala dienen könne. 6. September 1971 Streik der Ärzte an städtischen Krankenhäusern droht auf FU- Klinika überzugreifen Am FU Klinikum Westend weigern sich zwei Assistenten der Anästhesie, bei einer Kehlkopfoperation den Dienst zu übernehmen, weil die Operation angeblich zeitlich mit ihrem Bereitschaftsdienst kollidiert. Ihr Verhalten, das von Präsident Kreibich als schwere Dienstpflichtverletzung kritisiert wird, steht in Zusammenhang mit den Streiks der Ärzte an den städtischen Krankenhäusern Berlins und der dortigen Kampagne für bessere Bedingungen beim Bereitschaftsdienst (vgl. 23. Aug. 1971). Da Assistenten der FU jedoch im Unterschied zu städtischen Ärzten Beamte auf Zeit sind und nicht streiken dürfen, waren die FU- Kliniken bisher vom Streik nicht betroffen. Die Anästhesisten werden wegen ihres Verhaltens zunächst aus dem Dienst suspendiert, dann aber doch wieder zum Dienst zugelassen, nachdem sie dem Präsidenten der FU ihr Bedauern über den Zwischenfall mitgeteilt haben. Verharmlost der Senat die Situation an den Schulen und Hochschulen? Auf einer Veranstaltung der "Schulpolitischen Aktion 70" werfen deren Mitglieder Senator Löffler eine Verharmlosung des politischen Radikalismus an Berliner Schulen und Hochschulen vor. Die Schulen würden durch linksradikale Lehrer unterwandert, die sich z.T. als gute Demokraten tarnten; die Jugend werde ideologisiert von jungen Lehrern, die den Staat hassen und frisch von den Berliner Hochschulen kämen. Der Senator meint daraufhin, daß er die militanten Minderheiten an den Schulen ebenso wenig verbieten werde wie die "Roten Zellen" an den Universitäten. Seitdem das Universitätsgesetz in Kraft sei, habe sich das Potential der radikalen Linken nicht vergrößert. Allerdings sei die geringe Wahlbeteiligung der Studenten zu bedauern, wodurch der Einfluß von linken Gruppen größer sei als ihr eigentlicher Rückhalt. Er sei auch der Meinung, daß die Schule kein Ort der Indoktrinierung sein dürfe, aber es sei darüber zu diskutieren, wo Indoktrinierung beginne. 8. September 1971 Zweite Sitzung des FU-Untersuchungsausschusses Auf der zweiten Sitzung des FU-Untersuchungsausschusses (vgl. 13. Juli 1971) wird von der CDU zunächst bemängelt, da× vom Präsidialamt das Aktenmaterial verspätet geliefert worden sei, so daß eine umfangreiche Einarbeitung (allein für den ersten Untersuchungspunkt mehr als 1.000 Seiten) nicht möglich gewesen sei. Der erste Punkt betrifft die Vorgänge am ZI Lateinamerikanistik. Verschiedene Professoren (Dr. Wolfgang Hirsch-Weber, Dr. Lühr) werden zu den Vorgängen gehört. Dabei kommt es zwischen dem Vorsitzenden des Ausschusses, Dr. Rudolf Rass, und den CDU-Mitgliedern zu einer Kontroverse über Verfahrensfragen. Die CDU besteht auf der Erörterung von Hintergründen, die zur Situation am Lateinamerika-Institut geführt haben, während Dr. Rass nur die Vorgänge beschrieben haben will (vgl. 15. Febr. 1971). Die Untersuchungen zum ersten Punkt können nicht abgeschlossen werden, sondern werden am 16. und 23. September fortgesetzt. Es zeichnet sich bereits ab, daß die Ausschußarbeit viele Monate dauern wird, so daß mit einem abschließenden Urteil noch lange nicht zu rechnen ist. 9. September 1971 Einblick in Einkommensverhältnisse der Professoren und des Präsidenten der FU Aufgrund einer falschen Angabe über die Höhe der Gehälter von Professoren und vom Präsidenten der FU in der "Welt" veröffentlicht die Zeitung wenig später eine Gegendarstellung des Präsidialamts. Danach ist FU-Präsident Kreibich mit einem Bruttojahresverdienst von 83.685 DM eingestuft, was etwa 20.000 DM weniger als das Gehalt des Bürgermeisters und 4.000 DM weniger als das des Wissenschaftssenators sind. Das Gehalt eines ordentlichen Professors der FU liegt minimal bei ca. 39.000 DM. Professoren, die Einnahmen aus wissenschaftlichen Tätigkeiten haben, verdienen nach Kenntnis des Präsidialamtes maximal etwa soviel wie der Präsident. 15. September 1971 Universitätsbauten sollen Schwerpunkt bei Bauinvestitionen werden Der Senat gibt bekannt, daß bei der Finanzplanung bis 1975 der Schwerpunkt der Bauinvestitionen bei den Schul- und Hochschulbauten liegen soll. Bauten wie der Komplex für die geisteswissenschaftlichen Fächer auf dem Obstbaugelände ("Rostlaube") sollen Prototyp für den Standardisierungskatalog im Hochschulbau werden. Allerdings wird gerade dieser Bau wegen seiner Schwierigkeiten bereits in der Herstellungsphase von einigen Abgeordneten mit Skepsis betrachtet. Bundesweit waren seit 1970 durch ein Schnellbauprogramm 20000 neue Arbeitsplätze für Studierende geschaffen worden. 16. September 1971 Brand im Zoologischen Institut der FU Bei einem Brand des Zoologischen Instituts der FU entsteht ein Sachschaden von über 100 000 DM. Bei Schweißarbeiten hatte der Dachstuhl Feuer gefangen. Wertvolle Bücher und Unterlagen können jedoch gerettet werden. 18. September 1971 Senator Stein zur Diskussion um das Universitätsgesetz Wissenschaftssenator Stein äußert zur Diskussion um das Universitätsgesetz, daß Hinweise auf akute Schwierigkeiten kein ausreichendes Material für eine Gesetzesänderung seien. Diese müßte von genauen Analysen über die Ursachen der Schwierigkeiten abgängig gemacht werden. Eines der Probleme sei die Frage, wie man der Klage von Universitätsmitgliedern, durch die Mitwirkung in der Akademischen Selbstverwaltung in ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu sehr eingeschränkt zu werden, gezielt begegnen könne, ohne die erreichte Demokratisierung zu schwächen. Auch müsse das Kuratorium leistungsfähiger und der Universitätspräsident besser kontrolliert werden, ohne jedoch das Prinzip der Hochschulautonomie anzutasten. Dok. 1080 20. September 1971 Professor Walter Friedländer wird 80 Jahre alt Der 80. Geburtstag von Prof. Dr. Walter Friedländer, der in den Jahren 1956-57 und 1967 an der FU gelehrt hat, wird vom "Telegraf" in Erinnerung gerufen. Professor Friedländer hat neue Möglichkeiten der Jugendwohlfahrt initiiert. Er war Vorsitzender einer Reihe von internationalen Komitees und Kongressen. Zu seinen Schülern zählen Bundestagsabgeordnete und Berliner Senatoren. 22. September 1971 Positive Berufungsbilanz an der FU Das Präsidialamt der FU veröffentlicht eine Statistik über die Berufungs- und Bleibeverhandlungen seit Januar 1971, aus der hervorgeht, daß diese günstiger verlaufen ist als in vorangegangenen Jahren. Zehn Wissenschaftler hätten einen Ruf als ordentlicher Professor an die FU angenommen, vier hätten ihn abgelehnt, sieben hätten sich bei einem auswärtigen Ruf dafür entschieden, zu bleiben, neun seien dem Ruf gefolgt. In den in der "Zeit" veröffentlichten Stellenanzeigen der FU fallen vor allem die zahlreichen Angebote an Assistenzprofessuren und an Assistentenstellen auf. 23. September 1971 Wohnheim wieder für Studenten geöffnet Das ehemalige katholische Studentenwohnheim Wilhelm-Weskamm-Haus, das im Sommer 1969 von seinen Bewohnern nach ihrer Kündigung für besetzt erklärt und später von der Polizei geräumt worden war, wird jetzt auf Initiative des "Förderkreises junge Politik" renoviert, so daß es Studenten wieder zur Verfügung steht. Im Verlauf der Studentenrevolte waren an dem Haus Schäden in Höhe von zwei Millionen Mark entstanden. Berliner CDU lehnt Mitfinanzierung der Universität Bremen ab Die Berliner CDU erklärt im Abgeordnetenhaus, daß sie gegen eine Mitfinanzierung der Universität Bremen stimmen werde, weil sie den Personalentscheidungen und Strukturmerkmalen der neuen Universität nicht zustimmen könne. In Bonn war beschlossen worden, daß jedes Bundesland Gelder für die Finanzierung der Universität Bremen zur Verfügung stellt. 24. September 1971 Kultusministerkonferenz im Reichstag Die in Berlin tagende Kultusministerkonferenz erörtert Fragen des Lehrermangels, Studien- und Prüfungsordnungen im künftigen Hochschulrahmengesetz und den Stand des Bildungsgesamtplans. Zu letzterem meint der Staatssekretär im Bundeswissenschafts-ministerium Klaus von Dohnanyi, daß Verständnis dafür aufgebracht werden müsse, daß die Reformen des Bildungswesens nicht mehr einziger Schwerpunkt der gesellschaftlichen Reform-bestrebungen seien. "Alles gilt nur für Zeit: auch überproportionale Zuwachsraten des Bildungshaushaltes." Trendwende in der Bildungspolitik Gleichzeitig mit den Diskussionen in Berlin während der Kultusministerkonferenz findet im Bundestag eine Bildungsdebatte statt. Dabei zeigt sich deutlich, daß eine Trendwende eingetreten ist. Andere Projekte haben die Bildungsreform in den Hintergrund gedrängt (z.B. Umwelt-schutz, Energieversorgung, Friedens- und Konfliktforschung). Viele Abgeordnete vertreten die Ansicht, daß Wähler mit Hochschulfragen nicht mehr zu mobilisieren seien. Über dem Kleinkrieg um Detailfragen und Ideologien sei in den vergangenen Jahren vergessen worden, die erforderlichen Finanzmittel zu organisieren. Hinzu kommt die Meinung, daß eine allzu große "Verschulung der Gesellschaft" nicht gut sei. Zur Schule oder Hochschule zu gehen an sich sei noch keine Tugend, Reformen um ihrer selbst willen seien nicht wünschenswert. Die Öffentlichkeit sei überfüttert durch eine allzu große Vielfalt angestrebter Reformen und eine verwirrende Fülle von Begriffen. Aufgrund dieses Meinungsbildes entscheidet das Kabinett, daß keine Planungsreserve für die Hochschulforschung eingeführt wird (sie sollte 450 Millionen DM betragen). Konkret bedeutet dies, daß der Bund weniger Geld für die Hochschulen bewilligt und dadurch die Länder nicht entlastet. Die FDP ist darüber verbittert, da dadurch die Einwirkungsmöglichkeiten des Bundes auf die Länder in Sachen Bildung beträchtlich geschmälert werden. Bernd Nellessen behauptet: "An der FU wächst die Unfreiheit" In einem Artikel der "Welt" veröffentlicht Bernd Nellessen seine Meinung über die wachsende Unfreiheit an der FU. Umwandlung eines Teils der FU-Nervenklinik zu einem Spezialhaus für Rauschgiftsüchtige Auf einer Sitzung des Berliner Senats wird beschlossen, die bisherige FU-Rehabilitationsstätte für die Nachbehandlung und beruflich-soziale Wiedereinfindung von Nervenkranken aus dem Phönix-Haus in Charlottenburg an den Stadtrand auszulagern und dort eine Modellklinik für Rauschgiftkranke, für die aus Bonn kurzfristig Mittel zur Verfügung gestellt worden sind, einzurichten. Das Angebot aus Bonn steht in Zusammenhang mit den FU-Forschungen über Drogenabhängige. Die Auslagerung der 60 Patienten der Nervenklinik geschieht unter Protest ihrer Ärzte, die darauf hinweisen, daß Rehabilitation nur in belebten Stadtlagen sinnvoll sei. 30. September 1971 FU-Forschung: Meteorologie der Luftverunreinigungen Der "FU-Pressedienst Wissenschaft" berichtet von Forschungen der FU auf dem Gebiet des Umweltschutzes. Von dem Meteorologen Prof. Dr. Heinz Fortak und seiner Gruppe wurde ein mathematisches Modell entwickelt, das erstmals die Lösung von Planungsaufgaben zum Zwecke der Luftreinhaltung erlaubt. Das Diffusionsmodell berechnet die Luftqualität in industriellen Ballungsgebieten und ist daher geeignet für die Planung umweltgünstiger Ansiedlungen neuer Industrieanlagen, als Warndienst im Falle von Inversionslagen und für eine kurzfristige Prognose zur Erforschung der Ausbreitungsmetereologie. Das "Berliner Modell" wird bereits seit 1964 in Bremen erprobt und hat seither weltweit Anerkennung gefunden, so daß u.a. Städte wie Stockholm, Osaka und Ankara ihr Interesse für die Anwendung angemeldet haben. 1. Oktober 1971 Neues Ausbildungsförderungsgesetz Das "Honnefer" bzw. "Berliner Modell" wird bei der Ausbildungsförderung durch ein neues Gesetz abgelöst. Dieses verlangt bis zum fünften Semester keinen Nachweis besonderer Leistungen mehr und beinhaltet keine teilweise Rückzahlungsverpflichtung. Neu ist vor allem die familien-unabhängige Förderung, d.h. auch ein Student, dessen Eltern mehr als 800 DM monatlich verdienen, kann gefördert werden. Er muß allerdings nachweisen, daß seine Eltern ihn nicht fördern wollen und Klage gegen diese auf Unterhalt einreichen. Hält der Richter die Eltern für zahlungsfähig, dann kommen sie nicht darum herum, die Unterstützung zu zahlen. Bei einer Abweisung der Klage springt der Staat ein. Das Studentenwerk meint, daß Eltern nun Rechtsschutzversicherungen wegen möglicher Klagen ihrer Kinder abschließen werden. Wenn der Student solche Klagen von Seiten des Staates nicht will, kann er ein Stipendium bekommen. Die Höhe der Förderungssätze liegt zwischen 120 und 420 DM, d.h. die Sätze sind in den letzten Monaten um 30% gestiegen. Das Studentenwerk der TU hatte allerdings ausgerechnet, daß eine kostendeckende Unterstützung bei 627,70 DM pro Monat liegt. Elternlose oder verheiratete Studenten und Einzelkinder müssen in Zukunft Geldbußen hinnehmen, Kriegswaisen und Halbwaisen bekommen mehr als vorher. Auch werden Praktika im Zusammenhang mit dem Studium gefördert. Die ursprünglich geplante Vergabe der Gelder durch staatliche Stellen statt durch das Studentenwerk ist auf das Jahr 1974 verschoben worden. Man hatte gegen den Plan der Vergabe durch staatliche Stellen protestiert, weil es einen Schlag gegen die Selbstbestimmung der Hochschulen und gegen das Prinzip der studentischen Mitbestimmung in Sozialfragen bedeutet hätte. Einen der eigentlichen Gründe gegen eine andere Vergabestelle hatte der "Spiegel" vom 21. Juni genannt: Das Studentenwerk hatte jahrelang hohe Summen zu seinem Nutzen veruntreut. Im übrigen betrifft das neue Gesetz nicht nur Studenten, sondern auch Fachhochschüler und Schüler weiterführender Schulen, so daß die zahl der Geförderten insgesamt wesentlich steigt. Etwa 360 000 Studenten und Schüler erhalten derartige Leistungen, die den Staat für 1972 ca. 1,06 Milliarden DM kosten. Auch die Kinder ausländischer Arbeitnehmer werden in das Gesetz einbezogen. Wachsender Einfluß der SEW an der FU In zwei Dokumentationen der Serie "Die FU unter Hammer und Sichel" (Nr. IX und X), die von vielen Zeitungen kommentiert werden, warnt die "Notgemeinschaft" vor dem zunehmenden Einfluß neostalinistischer Gruppen an der FU. (Vgl. 16. Juni 1971) Die anderen Linksgruppen würden immer deutlicher in den Disziplinbereich der SEW geraten. Die kommunistische Gleichschaltung zeige u.a. ein von verschiedenen Gruppen unterzeichnetes Flugblatt vom 26. Juni. Der "Spiegel" vom 1. November zeigt auf, daß SEW-Studentengruppen auf Kosten der "Roten Zellen" Mitglieder gewönnen (etwa ein Viertel der Anhänger der "Roten Zellen" sei abgeworben worden, z.B. sei die "Rote Zelle Germanistik" in Berlin aufgelöst worden, vgl. 16. Okt.1971). Im Unterschied zum "Spartakus" würden die SEW-Hochschulgruppen auch die Mitgliedschaft in der SEW verlangen. Die SEW sei eindeutig Sieger der von vielen politischen Gruppen getragenen Protestbewegung der Studenten. Wenig später, am 10. November, stellt sich im Henry-Ford-Bau erstmals eine "Hochschulgruppe FU" der SEW vor. Ihr Vorsitzender, das ehemalige SDS-Mitglied Hans Gellhardt, artikuliert die bisher nur vereinzelt vorgetragene Kritik der SEW am Berliner Universitätsgesetz. Das Gesetz tarne sich lediglich als fortschrittlich, diene aber in seiner technokratischen Anlage der Anpassung der Studenten an die Bedürfnisse des Monopolkapitals. Gellhardt kritisiert auch scharf den maoistisch-kommunistischen Studentenverband wegen seines Anti-Sowjetismus. Er ruft alle Hochschulangehörigen zur kritischen Beurteilung des Gesetzes auf. Kritik am Lehrangebot der FU In einer Analyse des Vorlesungsverzeichnisses der FU für das Wintersemester 1971/72 stellt die "Welt am Sonntag" fest, daß auch außerhalb des Instituts für Politische Wissenschaften auffällig viele Lehrveranstaltungen mit politischen Themen angeboten würden. Vor allem in den geisteswissenschaftlichen Fächern sei dies zu beobachten (z.B. "Aufbau des Sozialismus in China"; "Literatur der Weltwirtschaftskrise"; "Grundlagen des Arbeiterselbstverwaltungs-systems in Jugoslawien"). Hinzu kämen die vielen Tutorien, die Nachhilfeunterricht im Marxismus gäben. 6.-8. Oktober 1971 Tagung des FU-Planungsstabes zur Frage der Bauplanung Der Planungsstab des FU-Präsidenten führt eine Seminartagung mit Vertretern verschiedener Hochschulen und Bauverwaltungen zur Planung im Hochschulbau durch. Dabei werden die Möglichkeiten einer präziseren Bedarfsplanung und die Verwendung von Fertigbauverfahren im Universitätsbau erörtert. 7. Oktober 1971 Corps Teutonia gewinnt Klage gegen FU Das Corps Teutonia gewinnt eine Klage gegen die FU, die seine Zulassung an der Universität als studentische Vereinigung abgelehnt hatte. 8. Oktober 1971 Tagung am Zoologischen Institut der FU Rund 40 Wissenschaftler aus der Bundesrepublik nehmen an einer Tagung am Zoologischen Institut der FU teil, auf der es um das "soziale" Verhalten von Insekten und die Wirkung einer Reihe von Insektiziden geht. Kultusminister beraten in Berlin über gemeinsamen Bildungsplan Hauptthema der in Berlin zusammengekommenen Konferenz der Kultusminister ist die Koordinierung im deutschen Bildungswesen durch einen gemeinsamen Bildungsgesamtplan. (vgl. 12. Juli 1971) Diesem liegt für 1972 ein Etat von 5,23 Milliarden DM zugrunde, das sind 25% mehr als 1971, aber eine halbe Milliarde weniger als gefordert. Damit steht der Sektor Bildung immer noch an der Spitze der Reformen. Finanzminister Schiller meint, daß die Prioritäten in Zukunft anderswo liegen würden. In Berlin sind einige Reformen schon realisiert, die im Bundesgebiet noch angestrebt werden. Beispielsweise hat hier das Schüler-Lehrer-Verhältnis bereits die Norm, die im übrigen Bundesgebiet erst 1980 erreicht wird. Auch werden hier schon 1977 alle Kinder Vorschulklassen besuchen können. Frankreichs Erziehungsminister nimmt an der Tagung teil. 9. Oktober 1971 Luftbrücken-Stipendien für Berliner Studenten Der Luftbrücken-Gedenkfonds, der im Jahre 1959 anläßlich des zehnten Jahrestages der Aufhebung der Berliner Blockade geschaffen worden war, vergibt mehrere Stipendien an Berliner Studenten, damit diese ein Akademisches Jahr in den USA, Frankreich oder England verbringen können. Bisher haben mehr als einhundert Berliner durch dieses Programm der Alliierten Schutzmächte im Ausland studieren können. Die letzte Vergabe der Stipendien fand am 12. Mai 1971 statt. 10. Oktober 1971 Bewerber für NC-Fächer werden erst wenige Tage vor Semesterbeginn über ihre Zukunft informiert Obwohl bei der Zentralen Registrierstelle für NC-Fächer in Hamburg die Anträge bereits bis zum 15. Juli hatten abgegeben werden müssen, erfahren die Berliner Studenten erst neun Tage vor Semesterbeginn, ob sie nun mit dem Studium beginnen können, oder ob sie mit einer Überbrückungsarbeit die Zeit bis zur nächsten Bewerbung füllen müssen. An der FU sind von 5.000 Bewerbern in der Humanmedizin nur 240 zugelassen worden, in der Zahnmedizin beträgt das Verhältnis 1.778:42, in der Pharmazie 1.592:70. Erstmals sind auch Zulassungsbeschränkungen für Biologie eingeführt. Chancen bei der an der Leistung und an einer Anciennitätsliste orientierten Bewerbung haben nur Zeugnisse, die mindestens einen Notendurchschnitt von 2,2 in den Noten haben. (Vgl. 11. Aug. 1971) 11. Oktober 1971 Antrag auf Test des Universitätsgesetzes abgelehnt Das Berliner Abgeordnetenhaus lehnt einen Antrag der FDP ab, der den Parlamentsausschuß für Wissenschaft und Kunst beauftragen sollte, die Auswirkungen des Berliner Universitätsgesetzes in der Praxis zu überprüfen. Ein solcher Auftrag sei zu global und übersteige die Leistungsfähigkeit der Ausschußmitglieder. Die meisten Mitglieder des Ausschusses würden gegenwärtig bereits im parlamentarischen Untersuchungsausschuß mitarbeiten, der sich mit Problemen der FU beschäftigt. 13. Oktober 1971 Westdeutsche wollen von den Erfahrungen an der FU profitieren Um von den Erfahrungen an der FU bei der Realisierung des Universitätsgesetzes zu profitieren, wird die FU immer wieder von westdeutschen Hochschulpolitikern besucht, so am 13. Oktober vom Rektor der Universität Frankfurt, wenig später von Vertretern des Bayerischen Landtags, dann vom Rektor der Technischen Hochschule Aachen und schließlich vom Haushaltsausschuß des Deutschen Bundestages. Berlin beteiligt sich an der Finanzierung der Bremer Universität Der Berliner Senat beschließt, sich so wie die anderen SPD-regierten Länder an der Finanzierung der Bremer Universität durch einen Zuschuß von 3,5 Millionen DM zu beteiligen (die CDU-regierten Länder lehnen eine Beteiligung ab, weil die berufenen Hochschullehrer zu weit nach links tendierten, vgl. 23. Sept. 1971). Die Eröffnungsfeierlichkeiten der Bremer Universität finden am 14. Oktober statt. Vorerst sind 420 Studenten eingeschrieben, die in drei Gebäuden studieren werden. Über die Berufung auch Berliner Wissenschaftler nach Bremen hatte es zwischen dem Bremer Senat und dem Planungsstab der Universität Auseinandersetzungen gegeben. (Vgl. 20. Mai 1971) 15. Oktober 1971 Billigung des veränderten FU-Haushalts Nachdem der Akademische Senat am 1. Oktober den gekürzten Haushaltsplan für 1972 verabschiedet hatte, stimmt das Kuratorium nun diesem Plan zu. Vorgesehen sind Ausgaben in Höhe von 468 340 DM, d.h. 28,5 Millionen DM weniger als ursprünglich geplant. FU-Kanzler Hildebrandt fordert für die kommenden Jahre schon jetzt eine verstärkte räumliche Erweiterung der Universität. Ansonsten würden die Entwicklungspläne illusorisch. Die CDU-Mitglieder des Kuratoriums bestreiten die Notwendigkeit der Stellenausweitung an der FU. In diesem Zusammenhang wird die Frage der Nebentätigkeit von Hochschullehrern diskutiert. Die hohe Zahl der FU-Lehrer, die anderweitig nebenberuflich tätig seien, kollidiere mit den ständigen Forderungen nach neuen Stellen. Vor allem aus dem Fachbereich Wirtschaftswissenschaften unterrichteten viele Hochschullehrer gleichzeitig an der Fachhochschule für Wirtschaft. Man werde in Zukunft nur bei echtem Personalbedarf und nicht nur wenn die Kapazitätsgrenze wegen der Nebentätigkeit der Angestellten erreicht sei, neue Stellen bewilligen. Der Präsident wird aufgefordert, eine Untersuchung über die Nebentätigkeit der FU-Mitglieder vorzulegen. Von den 422 für 1972 geplanten neuen Stellen werden 290 bis Juni mit einem Sperrvermerk versehen. 16. Oktober 1971 Neue Studentenausweise an Berliner Universitäten Die früheren papierenen Studentenausweise in Berlin werden durch Plastikkarten mit aufgedrucktem Namen und versiegelter Unterschrift ersetzt. "Rote Zelle Germanistik" löst sich auf Die "Rote Zelle Germanistik" (Rotzeg), die erste der an der FU gegründeten "Roten Zellen", wird von ihren Mitgliedern aufgelöst, weil sie künftig im KSV mitarbeiten wollen, wo die marxistisch-leninistische Politik ihrer Ansicht nach konsequenter durchgesetzt wird. 18. Oktober 1971 FU-Professor Szondi begeht Selbstmord Der 42 Jahre alte Prof. Dr. Peter Szondi, Direktor am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der FU sowie Vizepräsident der Akademie der Künste, begeht Selbstmord durch Ertränken im Halensee. Er war einer der großen Gelehrten der Literaturwissenschaft (vor allem durch seine Hölderlinstudien und durch seine Schriften über das Drama) und an der FU auch als Fürsprecher der Reformen bekannt (der "Tagesspiegel" vom 12. November nennt ihn den Vernünftigsten und gleichzeitig den Widerspenstigsten und Wortgenauesten beim Kampf gegen die eingefahrene Autorität). Sein Tod erregt viel Aufsehen, da er zunächst abschiedslos verschwunden ist und sein Leichnam erst drei Wochen später geborgen wird. Gerüchte über die Ursache des Selbstmordes wegen des vermeintlichen Bedrängtwerdens des Professors durch linke Gruppen werden durch die Erklärung von Szondis Vater, sein Sohn habe seit Jahren unter starken Depressionen gelitten und sei deshalb in Behandlung gewesen, entkräftet (Szondis Vater war Psychologie-Professor in Zürich). Beginn des Wintersemesters Anläßlich des Beginns des Wintersemesters prognostiziert Bernd Nellessen in der "Welt", daß nicht die gemessene Phonstärke bei Krawallen, Demonstrationen und Vorlesungsboykotts entscheidend sein würden, sondern die Vermehrung politisierter Aktivitäten in den Gremien und in den Seminaren. Auch befürchtet er eine Vergabe von Professuren nach politischem Kalkül. Die "Unabhängige Zeitung" und die "Hannoversche Allgemeine" behaupten, daß die kommenden Monate darüber entscheiden würden, ob das Berliner Universitätsgesetz novelliert werden müsse. Angesichts der Aktivitäten starker ideologischer Kräfte seien inzwischen Zweifel an der Brauchbarkeit des Gesetzes entstanden. Die Finanzkürzungen hätten die Reformillusionen platzen lassen. Der "Spiegel" und die "FAZ" berichten aus gleichem Anlaß über die Bemühungen DKP-höriger Tutoren und Kommilitonen, die Studienanfänger für ein sozialistisches Studium zu gewinnen. Neues Graduiertenförderungsgesetz Zu Beginn des Wintersemesters tritt das Graduierten-förderungsgesetz in Kraft, das 5.000 Bewerbern in der Bundes-republik ein Stipendium zwecks Vorbereitung auf die Promotion oder für ein Aufbaustudium gewährt. Die Stipendiaten erhalten 800 DM monatlich. Da das Gesetz relativ kurzfristig beschlossen worden war, drohen einige Stipendien wegen Verzögerungen bei der Vergabe zu verfallen. Als der Vorsitzende der BAK am 26. November trotz dieses Gesetzes behauptet, die Doktoranden säßen auf einem sozialen Schleudersitz, reagiert die "FAZ" mit Empörung darüber, daß der Fortschritt des Stipendiums schon nach kurzer Zeit nicht mehr anerkannt werde. Durch das Stipendium könne jeder siebte Jungakademiker zum Doktor promovieren. 19. Oktober 1971 FU-Professorinnen legen Mandat im Fachbereichsrat nieder Zwei Professorinnen der Germanistik, Dr. Ursula Hennig und Dr. Ingeborg Schröbler, legen ihr Mandat im Fachbereichsrat nieder. Sie begründen dies damit, daß in ihrem Fach der Methodenpluralismus in einen Wissenschaftsdualismus umgeschlagen sei. Es gelte der Dualismus von bürgerlicher und marxistischer Wissenschaft, wobei bürgerliche Lehrveranstaltungen von linken Studenten rückhaltlos gestört würden. Kenntnisse und Leistungsnachweise vor allem in der Altgermanistik würden diffamiert, und dagegen schreite der Fachbereichsrat nicht ein. Von nicht wenigen Beschlüssen im Fachbereichsrat hätten sie den Verdacht, daß sie die Grenzen gegen den Bereich des Gesetzwidrigen verschöben, ohne daß dies juristisch nachgewiesen werden könne. Sie seien nicht länger willens, durch ihr Mitwirken im Fachbereichsrat diese Beschlüsse zu legitimieren. Da die beiden Professorinnen durch linksstehende Nachrücker im Fachbereichsrat ersetzt werden, ist im Gespräch, ob es auch in der Germanistik wie in der Psychologie zu einer Institutsneugründung kommen könne. 20. Oktober 1971 Der FU-Theologe Prof. Dr. Gollwitzer über Gewaltanwendung In einem Artikel über den Ordinarius für Systematische Theologie an der FU Professor Helmut Gollwitzer in der Wiener Zeitschrift "Die Presse" wird über Gollwitzers Vortrag an der FU über "Gewalt als Problem christlichen Lebens"berichtet. Gollwitzer habe die Meinung geäußert, daß "Amtsverwaltung im Interesse der Schwachen und Unterdrückten manchmal Gewalt gegen die Staatsgewalt notwendig mache". Christen läge die Gewalt von unten zwecks Veränderung der Gesellschaft näher als die von oben. Professor Domdey weist Darstellung der Nofu zurück In einer Erklärung zu Vorwürfen, die die "Notgemeinschaft" in ihrer Dokumentation "FU unter Hammer und Sichel X" erhoben hat, weist Professor Domdey die Behauptung zurück, er habe Formulierungen wie "Kapitalistensau" in seinem Seminar zugelassen. Er berichtet über Versuche der CDU Informanten in seinem Seminar anzuwerben. Dok. 1081 21. Oktober 1971 Spaltung des Otto-Suhr-Instituts gebannt Auf einer Pressekonferenz, die der Vorsitzende des Fachbereichsrats des Otto-Suhr-Instituts, Prof. Dr. Hans-Hermann Hartwich, einberufen hat, zieht Hartwich Bilanz über die drei Reformjahre am Institut. Inzwischen seien die anfänglichen Schwierigkeiten, die durch die Umstrukturierung entstanden seien und zur Arbeitsüberlastung der Mitglieder des Instituts geführt hätten, überwunden. Die Arbeitslast sei durch bessere Stellenbesetzung gemindert, eine Intensivierung der Forschungstätigkeit zu erkennen. Auch sei das Lehrangebot durch die Aufteilung des Instituts in vier Facheinheiten beträchtlich gewachsen (es werden etwa 200 Lehrveranstaltungen angeboten), so daß das für eine Kapazität von 450 Studenten geplante Institut den 2.500 Studenten (Hartwich spricht von einem "überwältigenden Zulauf" von westdeutschen Studenten an das Institut) ein adäquates Programm biete. Von kommunistischer Unterwanderung am Institut könne nicht die Rede sein. vielmehr gebe es einen echten Wissenschaftspluralismus. Radikale Aktionen wie die gegen Prof. Dr. Schwan müßten in Zukunft verhindert werden. Die Wiederholung eines solchen Falls hätte die Schließung des Instituts zur Folge. 22. Oktober 1971 Gedanken zu den Folgen des Berliner Universitätsgesetzes Der "Abend" beschreibt, wie sich die Folgen des Berliner Universitätsgesetzes gegenwärtig manifestierten. Einen "neuen Menschen von Dahlem" habe das Gesetz nicht hervorzaubern können, denn alle Gruppen an der Universität seien durch das Gesetz überfordert. Eine andere Meinung vertritt FU-Professor Hellmuth Bütow am 23. Oktober in der "Frankfurter Rundschau". Er stellt fest, daß die Arbeit der Reformer vorangehe, auch wenn dies in der Öffentlichkeit nicht bemerkt werde. Dort errege nur die extreme Position der Verlierer und Gewinner Aufmerksamkeit. Der "Telegraf" vom 23. Oktober lobt als wichtigstes Ergebnis des Gesetzes, daß alle Gruppen an der Hochschule inzwischen zusammenarbeiten. Präsident Kreibich äußert am 27.10.71 im "Tagesspiegel" die Meinung, daß die grundsätzliche Funktionsfähigkeit des Reformsystems außer Frage stehe. Die Aussicht, daß die Substanz des Reformsystems erhalten bleibe, schätzt er sehr hoch ein. Ordnungsverfahren gegen FU-Mathematik-Studenten Der Ordnungsausschuß der FU weigert sich, gegen den FU-Studenten Uwe Stenzel, der am 21. Oktober auf einer Sitzung des Fachbereichsrats Mathematik den Verlauf der Sitzung durch lautes Vorlesen aus einem Roman erheblich gestört hatte, dem Antrag des Fachbereichs auf ein Verfahren gegen Stenzel nachzukommen. Der Ausschuß begründet diese Weigerung mit der Feststellung, daß Stenzels Beschwerden dem Fachbereichsrat gegenüber berechtigt seien und daher keine Pflichtverletzung vorliege. Zwei Mitglieder der "Notgemeinschaft", die Professoren Nipperdey und Lenz, legen beim Senat Rechtsaufsichtsbeschwerde ein, denn das Funktionieren eines durch Wahlen legitimierten Organs der Universität sei ebenso wie das Funktionieren der Universitätsverwaltung oder des Forschungsbetriebs unerläßlich. Senator Stein hebt den Beschluß des Ordnungsausschusses auf und weist an, das Verfahren am 10. Januar 1972 durchzuführen. Großrechenzentrum an der FU An der FU wird für 20 Millionen DM ein Großrechenzentrum installiert, das rund zwei Dutzend öffentlichen Forschungseinrichtungen (z.B. den Max-Planck-Gesellschaften) zur Verfügung steht. Die Wissenschaftler können auch über Fernschreiber oder Datensichtgeräte mit dem Computer "korrespondieren" und in gleichzeitigem Zugriff von 20 Eingabestellen aus ihre unterschiedlichen Probleme lösen lassen. 29. Oktober 1971 Polizei nur bei Lebensgefahr In einer Absprache zwischen dem Universitätspräsidenten und den Fachbereichsratsvorsitzenden sowie den Verwaltungsleitern der Fachbereiche werden die Verhaltensgrundsätze in Konfliktfällen im Universitätsbereich über die für andere Bereiche der öffentlichen Verwaltung geltenden Regeln hinaus fixiert. Kreibich fordert von den Verantwortlichen, bei Störungen an der FU angemessen zu reagieren, Eskalationen zu vermeiden und keine unrechtmäßigen Handlungen zu begehen. Polizei solle in "spektakulären Vorgängen" nur bei unmittelbarer Gefahr für Leib und Leben angefordert werden und dies ausschließlich unter Beratung mit dem Präsidialamt. Nur in "außergewöhnlichen Situationen, in denen das Leben oder die Gesundheit von Personen gefährdet sind", ist jedes Universitätsmitglied berechtigt, polizeiliche Hilfe herbeizuholen. Zwei Fachbereichsratsvorsitzende erklären sich mit diesen Richtlinien nicht einverstanden, vor allem nicht mit der Pflicht der Beratung mit dem Präsidialamt bei "spektakulären Vorgängen". Universität und Industrie Vertreter der Deutschen Industrie fordern in einem Memorandum die gleichberechtigte Mitwirkung von Sachverständigen aus Fach- und Berufsverbänden sowie von staatlichen Stellen an Entscheidungen im universitären Bereich. Besorgniserregend sei ein Abfall der Leistungen bei den Studenten und Dozenten auf ein mittleres oder sogar unteres Niveau, ein zu weites Entfernen der Studiengänge von der Berufspraxis und ein nicht am gesellschaftlichen und ökonomischen Bedarf ausgerichtetes Studienangebot. Es müsse verhindert werden, daß Minderheiten sich als Repräsentanten der gesamten Hochschulen bezeichneten. Die Gesetze müßten revidiert werden. Die Westdeutsche Rektorenkonferenz antwortet darauf mit der Feststellung, daß die Sachverständigen nur eine beratende Funktion haben sollten. Die Bundesassistentenkonferenz bezeichnet die Sorge der Industrie als Furcht vor einer den Interessen der Unternehmer kritisch gegenüberstehenden Wissenschaft. Der Leistungs- und Effizienzbegriff würde zu eng verstanden. 31. Oktober 1971 Die Professoren Nipperdey und Poelt verlassen aus Protest die FU Der Historiker Prof. Dr. Thomas Nipperdey und der Botaniker Prof. Dr. Josef Poelt verlassen die FU, weil sie die dortige Politisierung als eine übersteigerte und verfälschte Demokratisierung empfinden, die zum Abbau von Verantwortungsbewußtsein, Vertrauen und Leistung geführt habe. Professor Nipperdey, SPD-Mitglied und letzter Dekan der Philosophischen Fakultät, erklärt, daß ihm die Zustände an der FU wegen der pseudorevolutionären Indoktrination unerträglich geworden seien. Prüfungsordnungen würden manipuliert und Leistungen im Lehrbetrieb minimisiert. Es gebe an der FU ein "Bündnis der Radikalen mit den Faulen". An die Stelle der aufgelösten Autoritäten seien neue Autoritäten getreten, die in ihrer Intoleranz und ihrem Herrschaftsbedürfnis alles bisherige in den Schatten stellten. Wissenschaftssenator Stein bedauert die Angriffe Nipperdeys auf Präsident Kreibich (letzterer hatte Nipperdey bereits im Juni Obstruktion und Tatsachenverdrehung vorgeworfen / Kreibich antwortet am 22.11. im "Spiegel" auf die Vorwürfe von Professore Nipperdey). Die Lage an der FU spiegele nur eine allgemeine Entwicklung aller Hochschulen wider. Die Veränderungen eines so komplexen Gebildes wie einer Universität durch das Umsteigen von einer alten zu einer neuen Ordnung brächten unweigerlich Schwierigkeiten mit sich. Die Darstellungen Nipperdeys würden von der überwiegenden Mehrzahl der Universitätsmitglieder nicht geteilt. Dok. 1082 und 1083 Streik am theaterwissenschaftlichen Institut Wegen der eingeschränkten räumlichen Verhältnisse am theaterwissenschaftlichen Institut treten Studenten und Assistenten in einen Streik. Sie hatten dem Präsidenten am 23. Oktober bereits ein Ultimatum gestellt, damit er ausreichende Arbeitsräume zur Verfügung stellt. Präsident Kreibich erklärt, daß er um eine Verlängerung des Mietvertrags des Instituts ab 1. Januar 1972 bemüht sei. Falls dies nicht gelinge, könne der Lehrbetrieb nur unter Einschränkungen aufrecht erhalten werden. Auf einer Vollversammlung während des Streiks wird beschlossen, Arbeitsgruppen zu bilden, die sich mit den Perspektiven eines sozialistischen Studiums auch in diesem Fach beschäftigen sollen. Eindringlinge verteilen im Klinikum der FU linke Zeitungen In die Strahlenstation des Klinikums Westend der FU dringen zwei junge Männer ein, die an die Kranken Exemplare der KP-Zeitung "Die revolutionäre Stimme" verteilen. Die Schwestern können nur im letzten Augenblick verhindern, daß sogar in das Zimmer einer im Sterben liegenden Patientin eingedrungen wird. In der Zeitung werden Vorwürfe gegen die "bürgerliche Medizin" und gegen die Arbeit Prof. Dr. Karl zum Winkels erhoben (u.a. ist von "Menschenexperimenten" die Rede). Professor zum Winkel hatte einen der Eindringlinge vor einiger Zeit behandelt. "Die Darstellung enthält Verzerrungen und bösartige Diffamierungen (...), da im Ablauf der Krankheitsdiagnose und Behandlung weder Kunstfehler oder Versäumnisse noch eine Unterlassung der Information vorgekommen sind", erklärt Präsident Kreibich. 1. November 1971 Präsident Kreibichs Meinung zum Hochschulrahmen-gesetz Präsident Kreibich erklärt, daß das Hochschulrahmengesetz im Vergleich mit den in Berlin geltenden Bestimmungen Verschlechterungen bringen könne, die man verhindern müsse, beispielsweise eine Verstärkung der staatlichen Einflußnahmen auf die Universität. Andererseits seien jedoch auch Verbesserungen wie die Wiedereinführung der durch das Berliner Universitätsgesetz abgeschafften Studentenausschüsse möglich. Grundsätzlich habe sich das Mitbestimmungssystem als funktionsfähig erwiesen. Allerdings hätten die Selbstbestimmungsmöglichkeiten nicht überall eine Steigerung des Verantwortungsbewußtseins und der Selbstkontrolle bei der wissenschaftlichen Arbeit mit sich gebracht. In einigen Bereichen hätten sich Dogmatisierungstendenzen abgezeichnet, die eine neue Gefahr für ein pluralistisches Konzept darstellten. - Der Entwurf für das Hochschulrahmengesetz, der seit dem Frühjahr nicht mehr öffentlich beraten worden war, ist inzwischen geändert und den Bundestagsabgeordneten erneut vorgelegt worden. Neu ist, daß die von Studenten heftig kritisierte Vorschrift des Wahlquorums entfällt, neu ist auch die Einführung der Briefwahl für Hochschulkollegialorgane. Außerdem soll mit dem Gesetz festgelegt werden, wo die Freiheiten des einzelnen gegenüber der Wissenschaft und gegenüber der Gesellschaft begrenzt sind. Schließlich fordert die CDU die Einbringung eines Passus über eine funktionsgerechte und qualitativ differenzierte Mitbestimmung. 2. November 1971 FU-Professor Wilhelm Heim wird 65 Jahre alt Der Initiator der ersten Blutbank Deutschlands, der FU-Professor Dr. Wilhelm Heim, feiert seinen 65. Geburtstag und geht damit gleichzeitig in Pension. Heim war Mitglied der FU vom ersten Tag ihres Bestehens an. Er förderte die ärztliche Fortbildung, rief die Arbeitsgemeinschaft ärztlicher Direktoren ins Leben und war um die Modernisierung des Berliner Krankenhauswesens bemüht. Zuletzt war er Chefarzt und ärztlicher Direktor im Rudolf-Virchow-Krankenhaus. 3. November 1971 Eingliederung der Klinik für Perinatale Medizin in die FU Prof. Dr. Erich Saling, der privat eine Klinik für Perinatale Medizin aufgebaut hat (die Presse schreibt, daß dort erstmals "der Foetus als Patient" behandelt werden kann) soll im Rahmen der FU Arbeitsbedingungen für seine Forschungen erhalten. Zur Nutzung durch die bisher im Neuköllner Krankenhaus angesiedelte Forschergruppe wollte die FU zunächst das "Haus Dahlem" in der Lentzeallee kaufen (ein Vorvertrag über 2,86 Millionen DM war am 1. August 1971 abgeschlossen worden). Da der Umbau jedoch weitere Millionen gekostet hätte, entschließt man sich zwar zur Angliederung der Forschergruppe an die FU, aber zum Verbleib der Klinik in Neukölln. Auf einem internationalen Kongreß in Berlin, der vom 4.-7. November stattfindet und zu dem 1.500 Teilnehmer kommen, spricht Prof. Saling über seine Erfahrungen auf dem Gebiet der Perinatalen Medizin. 46. Sitzung des Akademischen Senats: Wissen-schaftliche Einrichtungen der Fachbereiche 8 und 11 Auf seiner 46. Sitzung beschäftigt sich der Akademische Senat der FU vor allem mit der Bildung der Wissenschaftlichen Einrichtungen im Fachbereich Veterinärmedizin und im Fachbereich Philosophie und Sozialwissenschaften. Insbesondere die Frage der Zukunft der Institut für Katholische und Evangelische Theologie und der Religionswissenschaftlichen Institute ist umstritten. Der Senat entscheidet sich in dieser Frage für die Bildung von zwei Wissenschaftlichen Einrichtungen. Das Kuratorium folgt dem Vorschlag später nicht. 4. November 1971 Bonner Politiker hinterfragen Verbleib der Bundeshilfe für Berlin Vom 4. bis 6. November besucht eine Delegation des Haushalts-ausschusses des Bundestages die FU, um an Ort und Stelle den Verbleib der Bonner Bundeshilfe für Berlin zu kontrollieren und Gerüchte über unsachgemäße Ausgaben (z.B. Tutorengelder, Aufwandsentschädigung für Studenten in der akademischen Selbstverwaltung) zu entkräften. Die Berliner Universitäten werden zu 50% vom Bund finanziert. In der Zeit von 1970 bis 1972 stiegen die Ausgaben an der FU von 270,3 auf 430,9 Millionen DM. Die Politiker fragen, weshalb Berlin 3,5 Millionen DM an Bremen abgeben könne, wenn es gleichzeitig selber immer neue Forderungen stelle. Da die Bundeshilfe als Globalansatz verbucht wird, liegt keine Nachweispflicht für einzelne Posten vor. Präsident Kreibich erklärt der Delegation, daß die Personalkosten den größten Teil der Gelder verschlingen würden. Für 1972 seien 422 neue Planstellen vorgesehen (290 davon waren durch das Kuratorium bereits wegen mangelnder Mittel vorsorglich bis zum 30. Juni 1972 gesperrt). Außerdem fielen die Neu- und Umbauten, die wegen der ständig steigenden Studentenzahlen notwendig seien, ins Gewicht. Der Präsident äußert sich auch zum Aufwand der Kosten pro Student (in Berlin kostet ein Student 20.000 DM im Jahr, in Nordrhein-Westfalen ganze 8.000 DM). - Während der nicht öffentlichen Sitzung im Henry-Ford-Bau passiert eine peinliche Panne. Die Mikrophonanlage des Sitzungssaals ist von unbekannt mit Lautsprechern im Flur des Gebäudes verbunden worden, so daß die Diskussionen nicht mehr geheim sind. Dies wird jedoch bald entdeckt und die Mikrophonanlage abgestellt. 5. November 1971 Gleicht die FU immer mehr der Humboldt-Universität? In drei Artikeln in der "Welt" (vom 5. und 9. November) und in der "Morgenpost" (vom 2. Dezember) wird behauptet, daß das Vorlesungsverzeichnis der FU immer mehr dem der Ostberliner Humboldt-Universität gleiche. Etwa 100 Veranstaltungen seien durch ein klares marxistisch-ideologisches Grundverständnis geprägt. Kommunistische Gruppen würden aus dem Hintergrund behutsam operieren und in Entscheidungszentren der Fachbereiche eindringen. Die Indoktrination gehe einher mit fanatischer Intoleranz, Leistungsabfall und der Unmöglichkeit ernsthafter wissenschaftlicher Arbeit, weshalb einige Professoren bereits in Resignation die FU verlassen hätten. Vor allem in den geisteswissenschaftlichen Fächern sei das Lehrangebot vom Marxismus beherrscht. Der Staat habe die Pflicht, bei einer solchen Situation von seinem Kontrollrecht Gebrauch zu machen, denn er finanziere ja auch die Universität. Senator Stein antwortet mit der Feststellung, daß man aus der Agitation kleiner kommunistischer Gruppen an der FU nicht ableiten könne, daß die FU kommunistisch unterwandert sei. Die überwiegende Mehrheit arbeite vielmehr auf der Grundlage geltender Gesetze an der Reform. Zum Vergleich mit der Humboldt-Universität meint er: "Es ist gerade der Unterschied, daß unser freiheitliches Grundgesetz auch den Hochschulen größere Freiheiten gibt." Im Gegensatz zur Humboldt-Universität habe jeder Student die eigene Wahl unter einem breiten Lehrangebot. Die Beschäftigung mit marxistischen Themen sei grundsätzlich gestattet. Grenzen bestünden nur, wo sich das Angebot nicht unter die Begriffe Forschung und Lehre unterordnen ließe. Bisher sei in keinem Fachbereich das Lehrangebot vom Marxismus beherrscht. Dok. 1084 Protest gegen Verleumdungen der FU in der "Zeit" Der Pressesprecher der FU, Peter Dehn, nimmt zu einem in der "Zeit" erschienenen Artikel Stellung, in dem die FU gleichgesetzt wird mit abgebrochenen Vorlesungen, Studentenprotesten, Auszug von Mitgliedern des Akademischen Senats aus diesem Gremium und Streit zwischen Präsidialamt und Berliner Senatsbehörde. Der Artikel desavouiere, so Dehn, die Arbeit der überwiegenden Mehrzahl der Mitglieder der Hochschule. "Notgemeinschaft": Psychologieprüfungen im FB 11 kein Ausweis zur Ausübung des Psychologenberufes Die "Notgemeinschaft" veröffentlicht einen Beitrag, in dem sie auf die Verstöße gegen die Diplomprüfungsordnung am Psychologischen Institut I im FB 11 aufmerksam macht. Einerseits seien dort zwei neu eingestellte Assistenten als Prüfer für Hauptdiplomprüfungen tätig, die im Sommersemester 1971 erst ihre eigene Dipomprüfung bestanden hätten (die Prüfungsordnung sieht vor, daß Prüfer drei Semester lang selbständig Lehrveranstaltungen abgehalten haben müssen). Andererseits sei es dort gestattet, Diplomarbeiten erst nach dem Eintritt in die mündliche Prüfung einzureichen, obgleich die Prüfungsordnung die Diplomarbeit ausdrücklich als Vorbedingung für die Zulassung zur mündlichen Prüfung vorsehe. Unter diesen Umständen könne das im FB 11 erworbene Psychologie-Diplom nicht mehr als ein akademischer Grad erachtet werden, der eine ausreichende Befähigung zur Ausübung des Psychologenberufes ausweise. - Die "Notgemeinschaft" bedauert außerdem, daß es der SEW in diesem Fachbereich gelinge, ihre Leute in großem Ausmaß auf freie Stellen des Instituts zu setzen. Der Assistent Peter Schmidt, einst selbst Sympathisant der SEW, habe Anklage gegen die "Beutepolitik der SEW" erhoben. 8.-10. November 1971 Neuwahlen des Institutsrats am ZI Lateinamerikanistik Bei Neuwahlen für den Institutsrat des ZI Lateinamerikanistik wird Prof. Dr. Kutscher zum Vorsitzenden und Prof. Dr. Gonzales de Mendoza zum stellvertretenden Vorsitzenden des Institutsrats gewählt. Die Zukunft des Instituts war in der Vergangenheit dadurch in Frage gestellt, daß die Hochschullehrer ihre Mitarbeit im Institut eingestellt hatten und später aus dem Institut ausgetreten waren. Mit der Wahl eines Hochschullehrers zum Institutsrats-Vorsitzenden sind die Übergangsschwierigkeiten, die sich dadurch ergaben, überwunden. 10. November 1971 Linke Studenten verbrennen "rechte" Zeitungen Laut "FAZ" entfernen kommunistische Studenten im Studentenwohnheim Sigmundhof aus den Leseräumen Zeitungen, die sie als "faschistisch" bezeichnen, und verbrennen diese im Hof des Heims. Es handelt sich um die "Frankfurter Allgemeine", den "Bayernkurier" und die "National- und Soldatenzeitung". Die Aktion basiert auf dem Beschluß einer Vollversammlung in der Wohnsiedlung. Den Antrag dazu stellte der Veranstaltungssenior der Wohnsiedlung, Norbert Steinborn. Neue SEW-Studentengruppe an der FU Im Henry-Ford-Bau stellt sich eine neue Studentengruppe der FU, die "Hochschulgruppe FU der SEW", der Öffentlichkeit vor. Sie war im März 71 gegründet worden und hat seitdem eine Zeitschrift des Otto-Suhr-Instituts mit dem Titel "Sozialisitsche Politik" herausgegeben. Für die, wie die "Neue Züricher Zeitung" schätzt, etwa 3000 linken Studenten an der FU, die "in machtlose sektiererische Grüppchen" verzettelt seien, biete sich die SEW-Hochschulgruppe als "organisatorischer Kristallisationspunkt" an. Die Gruppe rechne vor allem mit den jüngeren Semestern, "die mit einer rational nicht eindeutig zu erklärenden Neigung zum Vulgär-Marxismus von der Schule kommen, analytisch-kritische Untersuchungen ebenso wie historische Rückblicke ablehnen und sich in eine fast weltfremde, dogmatisierte Gläubigkeit flüchten". 11. November 1971 Neue Zahnklinik für die FU bewilligt Im Berliner Abgeordnetenhaus wird der Neubau einer zweiten Universitätszahnklinik im Norden Berlins bewilligt. Dadurch sollen 60 neue Behandlungsplätze geschaffen und der sinkenden Zahl an Zahnärzten entgegengewirkt werden. Bericht über Tutorenprogramm Die CDU-Fraktion des Abgeordnetenhauses verlangt von der FU einen Bericht über das Tutorenprogramm, da die Möglichkeit bestehe, daß gegen gesetzliche Bestimmungen verstoßen werde (man vermutet, daß bei Einstellungen andere Gründe als die einer fachlichen Qualifikation ausschlaggebend waren). Auch weist sie darauf hin, daß für jeden Tutor ein Hochschullehrer verantwortlich sein müsse, was nicht immer der Fall sei. Auffällig sei auch, daß viel mehr Tutoren bei den Gesellschafts- als bei den Naturwissenschaften beschäftigt seien. Der Antrag auf Streichung der Gelder für das Tutorenprogramm wird abgelehnt. 12. November 1971 Über die Tätigkeit des Ordnungsausschusses der FU Der "Tagesspiegel" veröffentlicht einen Bericht über die Tätigkeit des Ordnungsausschusses seit September 1970. 13 Fälle seien noch in Bearbeitung, zwölf jedoch schon erledigt. Bei letzteren habe der Ausschuß in zwei Fällen Ordnungsmaßnahmen ausgesprochen. In fünf Fällen seien die Anträge auf Einleitung des Verfahrens zurückgenommen worden. In zwei anderen Fällen hatten die Antragenden die Antragsfrist versäumt. In zwei Fällen gab es Freisprüche oder eine Einstellung des Verfahrens wegen unzureichendem Tatverdacht, und in einem Fall wurde das Verfahren eingestellt, weil der Betroffene inzwischen die Universität verlassen hatte. Einen Kommentar zur Arbeit des Ordnungsausschusses veröffentlicht wenig später die "Welt". Leistung im Studium als soziale Pflicht Der Leiter des Instituts für Bildungsforschung in Berlin weist darauf hin, daß Bildung im 20. Jahrhundert kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit sei. Wenn durch neue Bildungssysteme eine breitere Zahl von Begabten gefördert werde, dann hätten diese auch die soziale Pflicht zur Leistung. Am 3. Oktober hatte der Jurist Wilhelm Haegert geäußert, daß man die Studenten frühzeitig an verantwortliche Tätigkeiten gewöhnen müsse. Durch gelegentliche Einbeziehung der Studenten in das Berufsleben befreie man die akademische Jugend aus dem "Elfenbeinturm". FU-Institut für Pharmazie zu teuer angemietet Ohne Genehmigung des Kuratoriums hatte die FU-Verwaltung ein Haus zur Unterbringung des Instituts für Pharmazie angemietet. Die Kosten für die Miete sind die höchsten aller bisher angemieteten Häuser (420.000 DM pro Jahr), so daß das Kuratorium für sie keine nachträgliche Zustimmung gibt. Auch die für 1972 vorgesehenen Umbauten in Höhe von 500.000 DM in dem Haus in der Kelchstraße werden nicht bewilligt. Trotz des vorschriftswidrigen Handelns der Verwaltung ist der Mietvertrag gültig, so daß die Verpflichtung aus anderen Haushaltsposten erfüllt werden muß. Dietrich Stobbe meint dazu, daß die FU nun zusehen müsse, wie sie mit dem Kelch der Kelchstraße fertig werde. Bericht über die Prüfungssituation am Otto-Suhr-Institut Prof. Dr. Jäckel legt der Öffentlichkeit einen Bericht vor, der zur Prüfungssituation am Otto-Suhr-Institut Stellung nimmt. Der Bericht war verfaßt worden, weil eine Gruppe von Professoren sich geweigert hatte, weiterhin Diplom- und Vordiplomprüfungen abzunehmen. Aus dem Bericht geht hervor, daß keine objektiven Verletzungen der Prüfungsordnung vorgekommen sind und auch die thematischen Orientierungen durchaus der Tradition des Instituts entsprechen. Der Vorwurf durch einen Hochschullehrer (Prof. Dr. Winkler), daß die Studenten keine Kenntnis der Innenpolitik der Bundesrepublik mehr zu haben bräuchten, sei ungerechtfertigt, denn zur Zwischenprüfung werde nur zugelassen, wer in vier Übungs-scheinen solche Kenntnis vorweise. Auch stimme nicht, daß es praktisch unmöglich geworden sei, jemanden durchfallen zu lassen. Die Kritiker des Prüfungsverfahrens waren ausschließlich SPD-Mitglieder und anfängliche Befürworter des Hochschulgesetzes. Dok. 1085 Ungewöhnlicher Protest gegen die "rote" FU Als Protest gegen die "rote" FU stehlen zwei Alpinisten den Zeiger der Turmuhr an der Berliner Gedächtniskirche. Mit Hilfe der Presse wird der Zeiger wieder zurückgegeben. Pfarrer Pohl erklärt den Protest als unangebracht, da es keine Beziehung zwischen Gedächtniskirche und Universität gebe und da die Folgekosten (1900 DM für Wiederanbringung und Neuvergoldung des Zeigers) zu hoch seien, um als Scherz verstanden werden zu können. Störung von Lehrveranstaltungen im FB Erziehungswissenschaften Im FB Erziehungswissenschaften werden zum wiederholten Mal in den letzten zwei Wochen Lehrveranstaltungen von vier Hochschul-lehrern durch linke Studentengruppen gestört. Die Professoren hatten einen bulgarischen Tutor eingestellt, der die Schulverhältnisse in mehreren Ostblockländern genau kennt und sich zu Forschungs- und Studienzwecken in Berlin aufhält. Durch die Störungen soll die Entscheidung über die Einstellung des Tutors zurückgenommen und stattdessen ein marxistischer Tutor angestellt werden. 18. November 1971 Lehrerberuf am attraktivsten Aus einer Untersuchung des Statistischen Bundesamts geht hervor, daß von den 87% aller Abiturienten, die studieren wollen, ein Drittel den Lehrerberuf anstrebt. Die Statistik zeigt auch, daß innerhalb der letzten fünf Jahre durch verstärkte Bildungswerbung bereits eine Verdoppelung des Anteils von Arbeiterkindern unter den Abiturienten gegeben ist. Dok. 1086 und 1087 19. November 1971 FU-Studenten verhindern Habilitationen von qualifizierten Wissenschaftlern Die Habilitationen eines Geowissenschaftlers und eines Urologen scheitern am Votum von Studenten an der FU. Trotz guter Beurteilung der Habilitanden durch auswärtige Gutachter und durch die Fachbereichsräte votiert die Ausbildungskommission, in der die Studenten sechs Stimmen, die Hochschullehrer drei und die Wissenschaftlichen Assistenten zwei Stimmen haben, für eine negative Beurteilung der Habilitanden. Der CDU-Abgeordnete Thies spricht daraufhin seine Befürchtung aus, daß qualifizierte Habilitanden künftig an auswärtige Universitäten ausweichen müßten, wenn sie einigen Mitgliedern der Kommission politisch nicht genehm wären. Als "grotesk" hatte die "Welt" vom 4.6.71 die Situation im Habilitationsverfahren eines Mediziners der FU bezeichnet: eine Andere Dienstkraft hätte gegen die Habilitation des Mediziners gestimmt, nur weil ihr Hausarzt ein negatives Urteil über die Habilitationsschrift gefällt habe. - Insgesamt wurden in den letzten beiden Semestern an der FU 25 Habilitationen eingereicht, die meisten davon in den medizinischen und naturwissenschaftlichen Fächern. Die Freiheit der FU muß durch die gemäßigten, bisher nicht-organisierten Studenten wiedererlangt werden Als Sprecher der nicht organisierten Studenten an der FU fordert Dietrich Kablitz, daß die Universität sich von radikalen Tendenzen befreien möge. Die Initiative dafür müsse von den gemäßigten, bisher nicht organisierten Studenten ausgehen. Bisher sei es leider so, daß normal begabte Studenten nicht die Zeit aufgebracht hätten, politisch aktiv zu sein, während die linken Kommilitonen mehrere Stunden pro Woche Kurse über Marxismus-Leninismus besuchten, im Kollektiv Marx' "Kapital" läsen oder Flugblätter druckten und verteilten. Aufgrund der Aktivität dieser Kommilitonen sei die FU nicht mehr frei. 20. November 1971 Professoren können mutiger als Politiker sein In der "Welt" weist Bernd Nellessen auf die Abstumpfung der Politiker gegen radikale Terrorgruppen an den Universitäten hin. Viele Politiker hätten sich daran gewöhnt, über Terrorakte an den Universitäten hinwegzusehen und bisweilen aus taktischen Gründen strafrechtlich offenkundiges Unrecht zu übersehen. Dagegen kämpften viele Professoren - zum Teil durchaus keine "Reaktionäre", die um ihre Privilegien fürchteten, sondern reformwillige Mitglieder der SPD - zur Rettung von Ansehen und Effizienz der Universität mutig gegen solche Radikale an. 21. November 1971 FU-Professor Scheler: Die SPD überläßt die FU ihrem Schicksal In der "Morgenpost" erhebt der FU-Anglist Professor Manfred Scheler den Vorwurf an die SPD, die FU nicht vor dem kommunistischen Zugriff bewahrt zu haben. Mehrere Fachbereiche könne man als Propagandastätten der kommunistischen Ideologie bezeichnen. Die FU kehre Schritt für Schritt dorthin zurück, wovon sie sich vor zwei Jahrzehnten losgesagt habe: zum Kommunismus. 23. November 1971 Die "Freiheitliche Hochschulgruppe Berlin" spricht sich für eine Novellierung des Universitätsgesetzes aus Die "Freiheitliche Hochschulgruppe Berlin", die ihren Ursprung bei den Historikern hat und im Wintersemester 1970/71 gegründet worden war, legt Novellierungsvorschläge zum Universitätsgesetz vor. Sie fordert eine bessere Kontrolle des Präsidenten durch den Akademischen Senat, eine Entmachtung des Konzils und eine Absicherung der Gefährdung der Lernfreiheit. 24. November 1971 FU-Untersuchungsausschuß sieht seine Arbeit durch das Präsidialamt verzögert Da auf den Sitzungen am 12. und 24. November der Untersuchungsausschuß nur zögernd vorankommt, weil das Aktenmaterial, wie die CDU-Vertreterin des Ausschusses, Frau Dr. Besser, meint, unvollständig und teilweise ungeordnet vom Präsidialamt zur Verfügung gestellt worden sei, wird Präsident Kreibich der Vorwurf gemacht, er behindere die Arbeit des Ausschusses. (Vgl. 8. Sept.1971) Durch Formalien werde ein Vorankommen erschwert, und es käme nicht zur Beantwortung der Frage, ob es sich bei bestimmten Tatbeständen an der FU um eine Rechtsverletzung Kreibichs handle oder um Strukturmängel des Universitätsgesetzes. Trotz halbjähriger Tätigkeit des Ausschusses sei noch nicht einmal eine der 34 Fragen beantwortet, die der Ausschuß zu bearbeiten habe. Präsident Kreibich weist den Vorwurf zurück und beteuert, daß er nichts zu verbergen habe. Die Vorwürfe der CDU, daß er im Akademischen Senat auch Nicht-Stimmberechtigte habe votieren lassen und daß er die derzeit in Auflösung befindlichen "Roten Zellen" unterstütze, seien haltlos. Die CDU hatte ihm ebenfalls vorgeworfen, daß er mit dem Lob des Abschlusses des deutsch-sowjetischen Vertrages ein ihm nicht zustehendes Mandat wahrgenommen hatte. Die FDP hatte am 19. November die Einstellung der Arbeit des Ausschusses verlangt, weil die bisherigen Ergebnisse gezeigt hätten, daß keine befriedigenden Antworten auf die Fragen gefunden werden könnten. - Ausschüsse zwecks Untersuchung der Zustände an den Universitäten werden im übrigen auch in Hessen und Niedersachsen eingesetzt. 25. November 1971 Maßnahmen gegen den Numerus clausus Fachleute des Hochschulinformationssystems veröffentlichen Strategien, um mit geringem Mehraufwand an den Hochschulen Platz für Studenten zu schaffen, die sonst vom Numerus clausus betroffen wären. So lasse sich durch die geeignete Wahl von Hörsälen und durch die volle Ausnutzung vorgeschriebener Studentendeputate von Hochschullehrern die Zahl der vom NC betroffenen Studenten verringern. In der Tat verringert sich die Zahl bereits dadurch, daß auf zahlreiche Klagen von Studenten hin die Richter den Klägern durch einstweilige Verfügungen das Recht auf einen Studienplatz zugestehen. - Auf eine besondere Schwierigkeit für Berliner Abiturienten bei der Bewerbung um Zulassung für NC-Fächer macht der "Tagesspiegel" am 29.12.71 aufmerksam. Wer für das Sommersemester 1972 ein Studium in NC-Fächern beginnen wolle, müsse einerseits die Bewerbungsunterlagen bis zum 15. Januar bei der zentralen Registrierstelle in Hamburg einreichen. Andererseits seien aber die Reifeprüfungen zu diesem Termin noch nicht in allen Fällen abgeschlossen. Um dieses Problem zu lösen, erklärt sich die Zentrale Registrierstelle bereit, Berliner Unterlagen auch dann zu berücksichtigen, wenn die Abiturnoten noch nicht vorlägen, aber bis zum 5. Februar nachgereicht würden. Allgemeine Krankenversicherungspflicht für Studenten eingeführt Die bisherigen unterschiedlichen Regelungen bei der Krankenversicherung von Studenten werden durch eine allgemeine Krankenversicherungspflicht, die familienunabhängig ist, abgelöst. Der "Vorwärts" meldet, daß die von den Studenten bisher hauptsächlich in Anspruch genommene "Deutsche Studenten-Krankenversicherung" durch verschiedene Ersatzkassen vom Markt verdrängt wird. Diese bieten Studenten zu "dumping"-Tarifen eine Mitgliedschaft an. 26. November 1971 Professor Löwenthal: Das Mitbestimmungsmodell gibt den Radikalen Entfaltungsmöglichkeiten Die "Zeit" und später auch mehrere andere Zeitungen (die "FAZ" vom 29. November, die "Welt" vom 7. Dezember) weisen auf eine neue Veröffentlichung des FU-Professors Richard Löwenthal hin (Titel des Buches: "Hochschule für die Demokratie"), in der dieser behauptet, die demokratische Gruppenuniversität sei genauso unfähig zu echten Reformen wie die erstarrte Ordinarienuniversität. Das Mitbestimmungsmodell gebe den radikalen Aktivgruppen große Entfaltungsmöglichkeiten. Minderheiten könnten sich durchsetzen, sobald sie aktiv und zielbewußt seien. Dadurch seien sie an den Universitäten überrepräsentiert. 27. November 1971 Hochschulkonferenz der Berliner SPD Auf einer Hochschulkonferenz der Berliner SPD sind die Meinungen über die Erfolge der Universitätsreform geteilt. Präsident Kreibich und Senator Ristock sprechen positiv, Prof. Dr. Schwan negativ von der Hochschulreform. Kreibich beteuert, daß er eine Novellierung des Hochschulgesetzes nicht vor Ablauf der vierjährigen Bewährungsfrist zulassen werde. Außerdem könne sich die Reform weiterhin nur bewähren, wenn die Demokraten in den Gremien nicht das Feld räumten. Professor Schwan spricht von einer Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Nur durch eine Novellierung des Gesetzes könne die Substanz der Reform gerettet werden. Den pausen- und gnadenlos als reaktionär verleumdeten und psychisch wie physisch oft genug bedrohten Professoren könne man nicht zumuten, auf ein Abebben der demokratiefeindlichen Welle zu warten. Gemeinsam mit fünf anderen Hochschullehrern schreibt Prof. Dr. Schwan einen Brief an die SPD-Bundestagsfraktion, in der die Einbringung der bisherigen Fehlentwicklungen bei der Abfassung des Hochschulrahmengesetzes verlangt wird. Außerdem wird die Einengung des überlasteten Systems der akademischen Selbstverwaltung vorgeschlagen sowie wirksamere Maßstäbe bei Lehr- und Prüfungstätigkeiten. Die Hochschulautonomie müsse eingeschränkt und für eine bessere interuniversitäre Kontrolle der Hochschulleitung und der fachlichen Einheiten gesorgt werden. 27. November 1971 Hochschulkonferenz der Berliner SPD Auf einer Hochschulkonferenz der Berliner SPD sind die Meinungen über die Erfolge der Universitätsreform geteilt. Senator Ristock hatte nur für eine Rüge Wesels plädiert. Präsident Kreibich wird von linken Hochschulgruppen vorgeworfen, daß er sich nicht genügend für den Vizepräsidenten eingesetzt habe. Wesel kommentiert dies als einen Versuch, Zwietracht im Präsidialamt zu säen. Die "Hannoversche Allgemeine" vermerkt dazu, daß Wesel das letzte Opfer der turbulenten Frühjahrsaktion der "Roten Zellen" sei, die inzwischen in Berlin den Boden unter den Füßen fast völlig verloren hätten. Im Audimax der FU: Die Zersplitterung der linken Studentengruppen führt zu heftigem Streit Im Auditorium maximum der FU treffen sich linke Studentengruppen, vor allem die Anhänger des KSV (maoistisch), der ADS (SEW-orientiert) und der "Reformsozialisten" (linke SPD-Richtung), um über eine Kampagne gegen die Hochschulreform und die Haltung der Gruppen gegenüber Präsident Kreibich abzustimmen. Bei den Diskussionen im nur halb gefüllten Audimax kommt es zwischen den zersplitterten linken Gruppen zu einem heftigen Streit darüber, ob Kreibich von links unterstützt werden müsse oder nicht (die ADS meint, er sei bereits ein "toter Maikäfer"). Malte Buschbeck meint in der "Süddeutschen Zeitung", daß die politischen Blütenträume der linken Studentenbewegung ausgeträumt seien. Während die Bewegungen einst mit ihrem Aufruf zum umfassenden politischen Protest an der gesamten Gesellschaft Erfolg gehabt hätten, würden die Gruppen nun nur noch mit dem Hinweis auf studentische Angelegenheiten eine breitere Zuhörerschaft finden. Insgesamt sei ein Ende der Studentenrebellion abzusehen. Die jetzigen Gruppen seien weniger von Irrationalismen und spontanen Aktionen geprägt als die früheren. Dadurch würden sie kalkulierbarer. Andererseits setze die Abkehr von der Hoffnung auf Machtentfaltung außerhalb der Universität Kräfte für eine umso energischere Politik innerhalb der Universität frei. 29. November 1971 Ist Toleranz ein Maßstab für die Beschäftigten einer Hochschule? Der "Spiegel" beschreibt die Dissonanz zwischen Senator Stein und Vizepräsidentin von Brentano bezüglich des Problems, ob Toleranz zum Maßstab für die Einstellung von Hochschullehrern werden soll. Während Stein vom Hochschullehrer Pluralismus als praktische Toleranz gegenüber anderen verlangt, nennt von Brentano solchen Pluralismus einen Kampfbegriff, der vorzugsweise zur Ausschaltung von Sozialisten angewandt werde. Von Brentano hält ein Nebeneinander sich bekämpfender Konzepte von Wissenschaft und ihrer Ansprüche auf Wahrheit für richtig. Von einzelnen Wissenschaftlern fordert sie nicht unbedingt Toleranz. 30. November 1971 Abteilungsleiterregelung führt zu Rücktritt von neun Hochschullehrern aus dem Konzil der FU Wegen einer vorgesehenen Befristung der Abteilungsleiteramtszeit an den Kliniken treten neun Hochschullehrer aus dem Konzil der FU zurück. Das Konzil hatte - getragen von der linken Konzils-fraktion - am 28. Oktober eine auf sieben Jahre befristete Bestellung der Abteilungsleiter beschlossen, die in den Kliniken die ärztliche Verantwortung zu tragen haben. Einige Mitglieder des Konzils neigten zu der Ansicht, daß man, um Professoren von internationalem Rang für diese Stellen zu bekommen, die Leitung der Abteilungen, so wie es auch in Westdeutschland üblich, auf Lebenszeit vergeben müsse, wolle man nicht nur solche Kräfte anwerben, die sonst keinen Ruf erhielten. Auch stimmten sie dem Vorschlag nicht zu, nur mit Zustimmung des Direktoriums und nur bei ausführlicher sachlicher Begründung nach sieben Jahren eine Verlängerung der Amtszeit zu gestatten. Die neun Hochschullehrer gehören überwiegend zur jüngeren Generation. Das Kuratorium fügt dem Beschluß des Konzils wenig später hinzu, daß die Abteilungsleiter im Regelfall nach sieben Jahren wiederbestellt werden. In dieser Formulierung wird die Satzung dann am 1. Dezember 71 verabschiedet. Neue hochschulpolitische Gruppe gegründet: die "Liberale Aktion" Unter dem Kennwort "Liberale Aktion" entsteht eine neue hochschulpolitische Gruppe an der FU. Ihr Ziel ist eine "freiheitliche, kritische und leistungsorientierte Hochschulpolitik". Der Zusammenschluß wird damit begründet, daß "die Universitätsreform an der FU durch die gegenwärtige Praxis in ihrem demokratischen Anspruch und in ihrer Effizienz gefährdet" sei. Die Arbeits- und Leistungsfähigkeit sei beeinträchtigt. Elf Kandidaten dieser Gruppe stellen sich am 8. Dezember zur Neuwahl der Mitglieder des Akademischen Senats. Neun Sitze der Professoren gehen an diese Hochschulgruppe (u.a. an Alexander Schwan, Meta Alexander, Hanfried Lenz, René Ahlberg und Helmut Coper). Dadurch habe sie, so die "Neue Rhein-Zeitung" vom 10. Dezember, bewiesen, daß die überwiegende Mehrheit der Professoren hinter ihr stehe. Bei den Assistenten und den Anderen Dienstkräften gewinnt die Gruppe je einen Sitz. Demonstration gegen Hochschulrahmengesetzentwurf In Berlin findet eine Demonstration gegen das geplante Hochschulrahmengesetz statt, wobei vor allem gegen die vorgesehene Regelstudienzeit und gegen die Trennung von Kurz- und Langzeitstudium protestiert wird. Anderntags finden ähnliche Kundgebungen auch in mehreren Städten der Bundesrepublik statt, u.a. in Frankfurt, Bonn, Hamburg, Münster und München. Nach ca. drei Jahren der Ruhe ist dies die erste bundesweit geplante Großkundgebung von Studenten mit, laut VDS, insgesamt ca. 40.000 Demonstrierenden. Die "FAZ" vom 3. Dezember fragt anläßlich der Aktion, ob durch solche Demonstrationen überhaupt noch Denkanstöße gegeben werden könnten. - An der FU äußern sich zwei hochschulpolitische Gruppen zum Gesetzentwurf. Sowohl die "Arbeitsgruppe Kritische Reformpolitik" um den Politologen Prof. Dr. Schwan, als auch die "Arbeitsgruppe Sozialdemokratische Hochschulpolitik" (der auch Mitglieder der "Notgemeinschaft" angehören) stellen an das Gesetz folgende Forderungen: Sicherung eines einheitlichen Leistungsprinzips, Garantie des Wissenschaftspluralismus durch - wenn nötig - Eingreifen des Staates in die Selbstverwaltung der Universitäten, klar umgrenzte Kompetenzen, Mehrheiten von Professoren und Assistenten in Gremien, die über die Einstellung von Wissenschaftlern entscheiden. Für Berlin fordern sie die Zusammenlegung von Akademischem Senat und Konzil zu einem Kontrollorgan und die Besetzung des Kuratoriums durch Mitglieder, die je zur Hälfte aus dem Parlament und von der Hochschule kommen. Forschungen zum Umweltschutz an der FU Im "FU-Pressedienst Wissenschaft" werden Forschungsprojekte vorgestellt, die an verschiedenen Instituten der FU Themen des Umweltschutzes behandeln. Am Institut für Biologie, dem wichtigsten für derartige Forschungen, werden beispielsweise Untersuchungen über das Verhalten von Gewässern durch künstliche Erhöhung ihrer Temperatur (z.B. durch Kühlwasser von Kläranlagen) durchgeführt. Eine der konkreten Fragestellungen betrifft die Möglichkeiten des Schutzes der Ufervegetation an der Havel. Aber auch allgemeinere Modelle zum Landschaftsbau und zur Gentechnik werden anskizziert. Die Bonner Forschungsgemeinschaft fördert zunehmend derartige Themen. Statt neue Technologien voranzutreiben, will Bonn in Zukunft vor allem den Umweltschutz staatlich unterstützen. Kampagne von FU-Zahnärzten zwecks Aufklärung über Parodontose Zahnärzte der FU-Klinik stehen vom 30. November bis 2. Dezember in der Ausstellungshalle des Rathauses Schöneberg bereit, um vorbeugend die Zähne der Berliner kostenlos auf Parodontose zu kontrollieren. Die Kampagne wurde von der "Arbeitsgemeinschaft für Zahnbettgesundheit" organisiert. 1. Dezember 1971 165. Kuratioriumssitzung gesprengt Die 165. Kuratoriumssitzung muß frühzeitig abgebrochen werden, weil etwa 100 Studenten unter Führung eines Mitglieds der SEW-Hochschulgruppe in den Saal kommen und eine sofortige Diskussion der Tutorenfrage verlangen. Es geht ihnen darum, daß die Tutorenmittel nicht gesperrt werden. Präsident Kreibich verurteilt die Störungen und ruft zur Distanzierung von aktionistischen Gruppen auf, die keine legalen Methoden verwendeten. Auf einer Pressekonferenz am anderen Tag fügt er hinzu, daß dem Verlangen einiger Tutoren nicht nachgegeben werden könne, in jedem Fachbereich eine eigene Politökonomie aufzubauen. Die SEW brauche nicht zu glauben, sie könne ihre Kaderschule an die FU verlagern, weil die Arbeit dort wirkungsvoller und billiger sei. - Auf der Kuratoriumssitzung war auch die Entscheidung über die Bildung wissenschaftlicher Einrichtungen in den Fachbereichen 1 bis 3 gefallen. Damit, so Präsident Kreibich, sei ein Teil des Reformanliegens der Universität verwirklicht (die Entscheidungen darüber waren im Akademischen Senat am 11. Juni passiert; am 20. Dezember wird über die Wissenschaftlichen Einrichtungen für die restlichen Fachbereiche abgestimmt). Ein weiterer Beschluß war die Bestätigung der im Regelfall erfolgenden Wiederbestellung der Abteilungsleiter an den Kliniken nach Ablauf einer Frist von sieben Jahren. (Vgl. 11. November 1971) Stellenpolitik am Sozialmedizinischen Institut der FU In Diskussionen über die Besetzung von Assistenten- und Hochschullehrerstellen am Sozialmedizinischen Institut erhebt Prof. Dr. Hippius, Mitglied des Gründungsausschusses des Instituts, den Vorwurf, daß bei Personalentscheidungen politische Gesichtspunkte im Vordergrund stünden. Der Ausschreibungstext ließe nur für Marxisten die Möglichkeit einer Bewerbung zu. Über der Politisierung käme es zur Lösung der eigentlichen Fragen gar nicht. Dies sei umso bedauerlicher, als es sich um das erste Institut dieser Art handle, in dem Fragen nach dem gesellschaftlichen Einfluß auf die Entstehung, den Verlauf und die Behandlung von Krankheiten untersucht würden. Der "Tagesspiegel" vom 12. Dezember berichtet, daß die Berufungskommission für die ersten zwei Professorenstellen zwei linke Hochschullehrer vorgeschlagen habe, nämlich die Professoren Erich Wulff und Ulrich Deppe. Dies bedeute, daß bei Annahme des Vorschlags die Mehrheit des Instituts in den Händen von Marxisten liege, denn es gebe am Institut bereits fünf marxistische Assistenten. Nur ein Assistent und ein Angestellter seien keine Marxisten. Selbst wenn dann die beiden noch zu besetzenden Professorenstellen mit Nicht-Marxisten gefüllt würden, sei die Gruppe der Nicht-Marxisten in der Minderheit und es könnten weitere Personalentscheidungen präjudiziert werden. Prof. Dr. Coper äußert sein Bedauern über die einseitige weltanschauliche Orientierung des Instituts, die kaum noch Raum lasse für Fragen wie die Altertumsforschung, die Drogenabhängigkeit oder den Massenkonsum von Medikamenten. Demgegenüber meint die Gruppe der linken Gremiumsmitglieder, daß man gerade sozialistische Wissenschaftler brauche, um solche Fragen zu beantworten. Dok. 1088 2. Dezember 1971 Ehemaliger Rektor der FU verläßt diese ohne Bleibeverhandlungen Prof. Dr. Hans Joachim Lieber, Mitbegründer und ehemaliger Rektor der FU sowie Spezialist in Fragen des Marxismus, nimmt einen auswärtigen Ruf an, ohne Bleibeverhandlungen führen zu wollen. Sein Verhalten, so erklärt er, sei Ausdruck des Dissenses mit der Entwicklung an der FU. 4. Dezember 1971 FU präsentiert wichtiges Forschungsergebnis in der Medizin Während einer Tagung am Klinikum Steglitz wird ein neu entwickeltes Argon-Laser-Gerät zur Operation des Grünen Stars vorgestellt. Damit kann die häufigste Ursache aller Erblindungen schnell und relativ gefahrenfrei beseitigt werden. Die FU ist auf diesem Gebiet Pionier in der Forschung. Expertenkommission zur Prüfung der Berliner Universitäten eingesetzt Neben der zur Prüfung einzelner Fragen an der FU bestehenden Untersuchungskommission wird auf Wunsch des Regierenden Bürgermeisters Klaus Schütz eine Expertenkommission gegründet, die sich mit allgemeineren Fragestellungen befassen soll, nämlich mit Problemen der Studienreform, mit der Funktionsfähigkeit der zentralen Universitätsorgane, mit der Ausgestaltung des Haushaltswesens und mit Fragen der Klinischen Medizin. Die Kommission besteht aus sechs von verschiedenen deutschen Universitäten rekrutierten Experten. Sie soll eine Novellierung des Universitätsgesetzes vorbereiten. FU-Präsident Kreibich kritisiert an dem Gremium, daß es keine studentischen Vertreter und Anderen Dienstkräfte enthalte. Der Akademische Senat befürchtet eine mögliche hochschulpolitische Einseitigkeit der Kommission. Diese, so beteuert Senator Stein, liege nicht vor. Schütz geht davon aus, daß die Universitäten der Kommission alle erforderlichen Auskünfte geben. Andernfalls werde der Verdacht erweckt, daß die Hochschulen eine Offenlegung ihrer Verhältnisse zu scheuen hätten. (Vgl. 11. Okt. 1971) 6. Dezember 1971 Hochschultage an der FU An der FU wird auf Initiative des Akademischen Senats und linksgerichteter Kreise (u.a. des "Aktionsbündnisses von Demokraten und Sozialisten") der erste von zwei Hochschultagen durchgeführt. Wichtigste Themen sind die Gesamthochschulplanung und das Hochschulrahmengesetz. Um den Studenten eine Teilnahme an den Veranstaltungen zu gestatten, werden alle Vorlesungen abgesagt. Einige Hochschullehrer legen dagegen beim Senator Dienstaufsichtsbeschwerde ein, weil die Absage ohne Konsultation mit den zuständigen Gremien erfolgt und weil sie zu kurzfristig angeordnet war. An den Podiumsdiskussionen im Audimax nehmen Vertreter des Senats, die Rektoren der beiden Universitäten, Studentenvertreter und Vertreter von GEW, BAK, VDS und BDI teil. Von den Parteien sind Mitglieder der SEW und der "Aktionsgemeinschaft Unabhängige Deutsche" anwesend. Während der Diskussionen liefern sich linke Studentengruppen heftige Wortgefechte, ja es kommt sogar zu einer Schlägerei um das Mikrofon. Im Saal flattern Papierschwalben und von den Zuhörern wird eine Erweiterung des Themas auf die Fälle Kunzelmann und Rauch gefordert. Am zweiten Tag veranstalten die ADS, die GEW und die SEW ein Demonstration zum Sitz des Senators, weil sie mit dem Gesamthochschulplan nicht einverstanden sind. Der Plan baue, wie auch schon auf einer Versammlung von 500 Studenten des Fachbereichs Philosophie und Sozialwissenschaften am 25. November betont worden war, demokratische Rechte ab und bedeute eine Einschränkung der Autonomie der Universitäten. Senator Stein ist bei den Sitzungen nicht anwesend. 7. Dezember 1971 Die FU ist gegenüber anderen Universitäten finanziell bevorteilt Anläßlich der Bewilligung von elf verschiedenen Bauprojekten in Höhe von 18,5 Millionen DM für die FU weist ein CDU-Abgeordneter darauf hin, daß die FU mehr als das Doppelte als die Universität Köln koste, obwohl sie weniger Studenten habe. FU-Professor spricht von verfehlter Bildungsplanung Der Bildungsökonom Prof. Dr. Friedrich Edding prognostiziert, daß demnächst schwere Gleichgewichtsstörungen zwischen dem Bildungs- und Beschäftigungssystem drohen. Die Bundesregierung strebe für ein Viertel aller Jugendlichen eine akademische Ausbildung an, ohne zu überlegen, ob für soviele Akademiker auch Arbeitsplätze vorhanden seien. Bereits ab 1974 würden Schwierigkeiten bei der Einstellung von Lehramtsanwärtern vorausgesagt. Die Beseitigung aller Leistungsnachweise, die mit der Parole "Förderung statt Auslese" einhergehe, verschiebe das Problem des Ausleseprozesses lediglich zeitlich. Durch eine solche Politik würden falsche Hoffnungen geweckt und große Unzufriedenheit erzeugt. Aus dem westlichen Ausland berichte man bereits von einer "Akademikerschwemme" (in England sind schon 5,4% der Hochschul-absolventen arbeitslos, in den USA 2,6%). Die "Frankfurter Rund-schau" dagegen prophezeit für Deutschland, daß es in den nächsten Jahren kein Akademikerproletariat geben werde. Auch die GEW wendet sich gegen das "modische Gerede vom Lehrerüberschuß". Bundeswissenschaftsminister Leussink fordert in diesem Zusammenhang eine größere Transparenz des Arbeitsmarktes. 8. Dezember 1971 Neuwahl der Mitglieder des Akademischen Senats Da die erste Amtsperiode des Akademischen Senats ausläuft, steht eine Neuwahl der Mitglieder an. In der Gruppe der Hochschullehrer und Assistenten ist ein Sieg der gemäßigten Liberalen zu vermerken (von elf Sitzen gingen neun an die "Liberale Aktion", zwei Sitze erhält die "Aktionsgruppe Hochschullehrer"). Die Gruppe der Studenten muß ihre Wahl wiederholen, weil Wahlmaterial unerlaubt in Umschlägen des Präsidialamts versandt worden war. Zum Ergebnis meint die "Neue Rheinzeitung", daß Präsident Kreibich jetzt mehr als vorher mit einer starken Opposition im Akademischen Senat rechnen müsse. Beratungen über das Hochschulrahmengesetz in der Endphase Am 8., 13. und 17. Dezember berät der Wissenschaftsausschuß erneut über das Hochschulrahmengesetz, das bald dem Plenum des Bundestags vorgelegt werden soll. Neben dem Entwurf der Regierungspartei wird der von der CDU diskutiert, in dem ein Passus über das Verhalten der Mitglieder der Universitäten vorgesehen ist. Ordnungsvorschriften seien notwendig, um zu garantieren, daß Personen nicht am Lehrbetrieb gehindert würden (die SPD-Hochschulexperten Leussink und Dohnanyi sprechen sich zeitweilig für diesen Passus aus). Außerdem müsse die Leistungsfähigkeit Vorrang vor der Mitbestimmung haben. Auch sollen nach Meinung der CDU Vertreter der Fachverbände in die Studienreformkommissionen einbezogen werden. In Fragen der Forschung sowie der Einstellung von Professoren auf Lebenszeit sollen nur Hochschullehrer entscheiden. Zahlreiche Zeitungen bringen gegen Jahresende Diskussionbeiträge zum Hochschulrahmengesetz. 9. Dezember 1971 Stellenpolitik am Otto-Suhr-Institut der FU In einem Flugblatt der "Reformsozialisten" werden präzise Angaben über die Besetzung von Assistentenstellen am Otto-Suhr-Institut gemacht. Auf die neun im vergangenen Semester zu besetzenden Stellen wurden allein sieben marxistische Wissenschaftler berufen. 10. Dezember 1971 Zwischenfall am Romanischen Seminar Am Romanischen Seminar der FU wird im Treppenhaus ein von der "Roten Zelle Romanistik" angebrachtes überdimensionales Plakat, auf dem die Seiten eines Exemplars der "Roten Fahne. Zentralorgan der KPD" abgedruckt sind, von Assistenzprofessor Gillessen mit dem Hinweis entfernt, studentischen Gruppen stünden besondere Anschlagbretter zur Verfügung. Daraufhin dringen 70 Personen in die nicht-öffentliche Sitzung eines Berufungsausschusses ein, zu dem auch Dr. Gillessen gehört. Sie fordern die sofortige Diskussion des Vorgangs und die Wiederanbringung des Plakats. Als dem stattgegeben wird, drängen die Studenten auf Erfüllung einer weiteren Forderung: Gillessen solle öffentlich erklären, er werde derartige Übergriffe "auf die demokratischen Rechte der Studenten" in Zukunft unterlassen. Auch erklären die Studenten, die Diskussion über den "Abbau demokratischer Rechte" in den Lehrveranstaltungen von Herrn Gillessen fortsetzen zu wollen, was bedeute, daß die Abhaltung dieser Lehrveranstaltungen erheblich gestört würden. Dohnanyi: Extrasteuer für Akademiker zwecks Finanzierung der Bildungsreform Da es, wie nun abzusehen ist, zur Verwirklichung der in Angriff genommenen Bildungsreformen unumgänglich sein wird, neben einer Umverteilung des Gesamtsteueraufkommens auch die Steuerlastquote erheblich zu erhöhen, schlägt Bundeswissenschaftsminister Klaus von Dohnanyi vor, die Bildungsreform durch eine Extrasteuer für Akademiker zu finanzieren. Schließlich würden Akademiker während ihres Studiums gefördert und später höhere Verdienste erzielen. Mehrere Berufsverbände von Akademikern protestieren mit folgenden Argumenten: Akademiker seien ohnehin schon benachteiligt, denn sie gelangten verspätet zu Einkommen, müßten vielfach eine ihrem Lebensstandarad entsprechende Altersversorgung selbst aufbauen und hätten mit dem Studium auch keinen Garant für einen höheren Verdienst. Außerdem sei es widersprüchlich, junge Menschen einerseits der Hochschule zuzuführen, ihnen aber andererseits eine steuerliche Bestrafung anzudrohen, wenn sie die subventionierten Studienplätze in Anspruch nähmen. Bildung, so die "FAZ" vom 20. November, sei ein Gewinn für das gesamte Volk, so daß staatliche Investitionen auf diesem Gebiet gerechtfertigt seien. Die Gesellschaft müsse sich ein bestimmtes bildungsbürgerliches Niveau leisten, so wie sie sich auch Sporthallen und andere Freizeiteinrichtungen leiste. Für Industrienationen sei es wichtig, ein hohes Niveau an Berufsbildungen zu haben. FU-Klinikum strebt bessere Zusammenarbeit mit freien Ärzten an Der Direktor des FU-Klinikums Steglitz, Prof. Dr. Wiederholt, will eine bessere Zusammenarbeit zwischen freien Ärzten und Klinikum erreichen. Durch Rundschreiben an Privatärzte, rechtzeitige Rücküberweisung der Patienten, eine Rationalisierung der Schreibarbeiten auf beiden Seiten und ein größeres Einbeziehen der in den Privatpraxen erarbeiteten Befunde will er bei den freien Ärzten die Scheu vor der Zusammenarbeit mit dem "grauen Riesen von Steglitz" abbauen. 11. Dezember 1971 Meinungsdifferenzen zwischen FU-Präsident Kreibich und Präsidenten französischer Universitäten über Herkunft des Nationalsozialismus Auf einem Arbeitsessen für eine Gruppe französischer Universitätspräsidenten äußert FU-Präsident Kreibich seine Meinung, daß die deutschen Universitäten einen großen Teil der Schuld an der Herkunft des Nationalsozialismus trügen. Der 11. Dezember sei ein historisches Datum, da die Paraphierung des Berlin-Abkommens vollzogen würde. Es sei zu hoffen, daß nun allmählich der spezifische und emotionale Antikommunismus der Westberliner abgebaut und eine Zusammenarbeit mit den Universitäten der DDR begünstigt werde. Die neuen Impulse, die das Universitätsgesetz gebracht hätten, seien geeignet, die Entwicklung der deutschen Universitäten in positiver Weise zu beeinflussen. Der Präsident der Universität Paris I, Prof. Luchaire, wendet sich in höflicher, aber bestimmter Antwort gegen das Pauschalurteil und versichert, daß weder er noch seine Kollegen die Auffassung über die Rolle der deutschen Universitäten im Nationalsozialismus teilten. Eine zu große Zahl von emigrierten und verfolgten Kollegen, die er kennengelernt habe, zwänge ihn zu der Feststellung, daß man in Frankreich nicht bereit sei, der deutschen Universität die Schuld für das Entstehen des Nazismus aufzubürden. Katholische Studenten-Einigung nicht mehr finanziell unterstützt Auf einer Konferenz der katholischen Bischöfe wird beschlossen, die "Katholische Deutsche Studenten-Einigung" (KDSE) pauschal für ein Haushaltsjahr finanziell nicht mehr zu unterstützen (bisher hatte es Zuschüsse in Höhe von 360 000 DM gegeben) und nur noch einzelne geprüfte Projekte zu fördern. Als Begründung wird angegeben, daß die Ziele der KDSE im Widerspruch zum kirchlichen Auftrag stünden. An die Stelle der Freiheit, die Christus gebracht habe, trete bei der Gruppe ein marxistisch beeinflußter, sozio-ökonomischer Begriff der Befreiung. Wo allein noch Politisierung als Praxis des christlichen Glaubens erkannt, d.h. eine innerweltliche Heilslehre verkündet werde, liege eine Verkürzung des christlichen Glaubens vor. Auch wird das aggressive Engagement und die Kritik am kirchlichen Establishment als autoritäre Institution bedauert. Die "Operation Synode" in Rom verurteilt die Reaktion der Bischöfe, da sie mehr an der Systemerhaltung als an einem evangeliumsgemäßen Dienst am Menschen interessiert sei. 14. Dezember 1971 Ordnungsausschuß der FU kann nicht ungestört entscheiden Auf einer öffentlichen Sitzung des Ordnungsausschusses der FU, deren Thema das Ordnungsverfahren gegen sechs Studenten ist, die am 14. Juni zu den Besetzern des Friedrich-Meinecke-Instituts gehörten, werden die Verhandlungen durch zahlreich erschienene Zuhörer gestört. Durch Zwischenrufe versuchen sie den Sachverhalt zu bagatellisieren und zu verhindern, daß die sechs Studenten für die Vorfälle zur Verantwortung gezogen werden. Als ein Journalist der "Morgenpost" tätlich angegriffen wird, wird die Sitzung vertagt. Präsident Kreibich entschuldigt sich im Namen der Studenten für die Auseinandersetzungen und beteuert, daß die Teilnahme von Reportern eine wichtige Voraussetzung für eine objektive Berichterstattung sei. Am 17. Dezember tritt das studentische Mitglied des Ordnungsausschusses von seinem Amt zurück, u.a. weil es ihm nicht gelungen sei, der politischen Disziplinierung der sechs Studenten entgegenzuwirken. Damit ist der Ordnungsausschuß vorerst funktionsunfähig. 15. Dezember 1971 Sitzungen des FB Mathematik werden gesprengt Nachdem am 24. November bereits eine Sitzung des Fachbereichsrat Mathematik gesprengt worden war, weil Studenten gegen eine Entscheidung durch lautstarken Protest angegangen waren, muß auch jetzt wieder wegen Intervention randalierender Studenten die Sitzung abgebrochen werden. Im November war Anlaß der studentischen Unmutsäußerungen ein Beschluß gewesen, nach dem es einem Studenten untersagt wurde, ein bestimmtes Nebenfach als Prüfungsgegenstand zu wählen. Nun ist der Grund für Zwischenrufe, Ein-und-Ausschalten des Lichtes und rhythmisches Klopfen die Weigerung des Fachbereichsrats, ein Thema zu diskutieren, das nicht auf der Tagesordnung stand. Es geht um die Diskussion eines Vorschlags für eine Ausbildungsreform, die die "ADS Math" ("Arbeitsgemeinschaft demokratischer und sozialistischer Mathematiker" - eine der SEW nahestehende Gruppe) vorgeschlagen hatte (vgl. 27. Okt. 1971). Prof. Lenz, Vorsitzender des Fachbereichsrats und Mitglied der "Liberalen Aktion" veröffentlicht in einem Artikel der "Morgenpost" vom 25./26. Dezember seine Meinung über die Situation am Fachbereich und über die Möglichkeiten, die FU "insgesamt zu retten". FDP: Vorerst keine Novellierung des Universitätsgesetzes gewünscht Die Berliner FDP lehnt eine Novellierung des Berliner Universitätsgesetzes, die einen Abbau der bisherigen Reformen beinhaltet, zum gegenwärtigen Zeitpunkt ab. Sie stützt damit die Ansicht Präsident Kreibichs, der meint, daß sich erst in einigen Jahren herausstellen werde, ob eine Novellierung notwendig sei. Abgeordnetenhaus verabschiedet FU-Haushalt Im Berliner Abgeordnetenhaus wird der FU-Haushalt für 1972 verabschiedet (700 Millionen DM). Die Steigerungsrate für die Universität liegt um 5% höher als die Steigerungsrate des Gesamtetats in Berlin, weshalb die "FAZ" das Expansionstempo als "inflationär" bezeichnet. Dies gelte vor allem auch im Hinblick auf langfristige Ziele, denn bis 1974 sollen die Ausgaben um 40% steigen, wobei Berlin dann um 1,2% über der Steigerungsrate in der Bundesrepublik liege. 16. Dezember 1971 FU-Studenten als Sozialhelfer tätig 2.500 Kindern pro Jahr wird durch die Tätigkeit von FU-Studenten in den Ferien ein Aufenthalt außerhalb Berlins ermöglicht. Die Studenten sind als Sozialhelfer in der Gruppe "Student für Europa" organisiert und betreuen erholungsbedürftige Berliner Kinder. Können Universitätspräsidenten entlassen werden? Im Abgeordnetenhaus stellt die CDU die Frage, ob Universitätspräsidenten wie alle anderen Beamten der üblichen Disziplinarhoheit des Senators für Wissenschaft und Kunst unterliegen oder ob sie einen Sonderstatus haben, der eine Entlassung aufgrund ordentlicher Kündigung nicht zulasse, eine Versetzung nicht möglich mache und Abmahnungen nur über das Kuratorium erlaube. Senator Stein bestätigt letzteres. Allerdings sei eine Entlassung aufgrund außerordentlicher Kündigung möglich. Diese könne nur bei schwerwiegenden Vergehen ausgesprochen werden. Die Dienstverträge der Präsidenten waren bisher nicht unterzeichnet worden, weil es verschiedene Meinungen über die dienstrechtliche Aufsicht des Senators gibt. Homosexuelle gründen Organisation an Berliner Universitäten Die "Homosexuelle Befreiungsfront Berlin" gründet für Mitglieder der Berliner Universitäten einen Verein, der sich in einem Hörsaal der TU konstitutiert. In Flugblättern und Anschlägen in den Berliner Universitäten war dazu aufgefordert worden, dieser Gruppe beizutreten. "Revolution auf leisen Sohlen" Die "FAZ" und die "Welt" veröffentlichen Beiträge, in denen sie die schleichende Unterwanderung der Universitäten durch extremistische Kader bedauern. In der Verbindung von der Möglichkeit fast strafloser Gewalt und den neuen administrativen Vollmachten aus der Mitbestimmung in den Universitätsorganen habe sich die Aussicht für radikale Linke eröffnet, die Ausbildungseinrichtung der Universität in die Hand zu bekommen. Dies gelte vor allem für die Bereiche der Lehrerbildung, für den theologischen Nachwuchs und das öffentliche Informationswesen - lauter sogenannte "Multiplikatoren". Ziel der Radikalen sei es nicht mehr, die Vorlesungen zu sprengen, sondern sie mit anderen Inhalten zu füllen und Studenten, die indoktriniert worden seien, durch ein Examen zu bringen, das als Passierschein durch die Sperren der Laufbahnvorschriften angesehen werde. Auch die "Zeit" (vom 17. Dezember) spricht von einer "Krise" der Universität, die durch die interne Struktur der Hochschulen, durch die veränderte Moral und die veränderte Einstellung zur Wissenschaft herbeigeführt sei. 18. Dezember 1971 Neuer Direktor am Klinikum Steglitz Zum dritten Mal im Jahre 1971 wird ein neuer Direktor für das Klinikum Steglitz gewählt. Nachdem der erste Direktor, Prof. Dr. Wolters, Gesundheitssenator geworden war und sein Nachfolger, Prof. Dr. Wiederholt, sein Amt niedergelegt hatte, weil ihm eine Hochschulgruppe das Mißtrauen ausgesprochen hatte, wird der Röntgendiagnostiker Prof. Dr. Eckhard Gerstenberg zum neuen Direktor gewählt. Sein Ziel ist es, die Atmosphäre der Blockbildung und der Verbitterung am Klinikum abzubauen. 21. Dezember 1971 Vorschläge zur Novellierung des Hochschulgesetzes Der em. FU-Professor Rudolf Lennert, der keiner politischen Gruppe angehört, beschreibt im "Tagesspiegel" seine Erfahrungen mit dem Universitätsgesetz. 22. Dezember 1971 Präsident Kreibich verliert Klage gegen Senator Stein Das Berliner Verwaltungsgericht gibt Senator Stein Recht, als er die Entscheidung des Präsidenten der FU aufhob, am Lateinamerika-Institut einen Assistenzprofessor als kommissarischen Institutsratsvorsitzenden einzusetzen. Kreibich hatte sich am 18. Januar ohne Zustimmung Steins zu diesem Schritt entschlossen, nachdem alle Hochschullehrer aus dem Institutsrat ausgetreten waren. Am 24. April war es in Zusammenhang mit der Besetzung einer Tutorenstelle zu Pro- blemen gekommen, die der kommissarische Institutsratsvorsitzende nicht hatte lösen können. Als Senator Stein dem Assistenzprofessor daraufhin die Leitung entziehen wollte, hatte Präsident Kreibich Klage gegen ihn erhoben. 25. Dezember 1971 Weihnachtsbotschaft der Frau des FU-Präsidenten Die Frau des FU-Präsidenten Kreibich, die 30jährige Malerin Renate Kreibich-Fischer, erinnert im "Tagesspiegel" an die Möglichkeit, sich an einem Fest wie Weihnachten auf soziales Engagement hin zu besinnen. Die Künstlerin war durch drei Ausstellungen ihrer Gemälde und Plastiken in diesem Jahr an die Öffentlichkeit getreten. Sie hat auch zwei meterhohe Emaillebilder für den U-Bahnhof "Bayerischer Platz" geschaffen. 26. Dezember 1971 Berliner Studentenzeitschrift stellt Erscheinen ein Die von Studenten der Humboldt-Universität im Mai 1947 gegründete Zeitschrift "Colloquium" stellt wegen Streichung der Zuschüsse mit der Dezemberausgabe 1971 ihr Erscheinen ein. Weder das Bundesministerium noch die Universität noch der Senat hatten ein Fortbestehen befürwortet. 28. Dezember 1971 Pflegesätze am Klinikum erhöht Der Pflegesatz in der Dreibettklasse am Klinikum Steglitz überschreitet erstmals die 80 DM-Grenze. Dies bedeutet eine Erhöhung gegenüber dem Vorjahr um neun Prozent. 30. Dezember 1971 Domdey vorerst als Prüfer nicht zugelassen Als "Akt politischer Bevormundung" bezeichnet die "Frankfurter Rundschau" die Entscheidung Senator Steins, den Germanisten Dr. Horst Domdey als Prüfer beim Landesprüfungsamt nicht zuzulassen. Domdey hatte im Wintersemester 1970/71 eine der drei verbotenen Lehrveranstaltungen abgehalten und war im April 1971 mit 13 Akademischen Räten am Germanischen Seminar zum Professor ernannt worden. Die Prüfungserlaubnis erhielt er nicht, da seine Unparteilichkeit als Prüfer in Zweifel stehe. Der Fachbereich sieht in der Entscheidung des Senators eine illegale Fachaufsicht der Universität.